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Veröffentlicht am 10.02.2019

Unter Menschen

Die Rabenringe - Fäulnis (2)
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Achtung, Rezension zu Teil 2 der Rabenringe, Spoiler möglich.

Hirka hat es gewagt - den Schritt durch die Steine und ist in der Welt der Odinskinder, der Menschen, gelandet. Alles ist neu und fremd; unser ...

Achtung, Rezension zu Teil 2 der Rabenringe, Spoiler möglich.

Hirka hat es gewagt - den Schritt durch die Steine und ist in der Welt der Odinskinder, der Menschen, gelandet. Alles ist neu und fremd; unser Alltag mit Auto, Industrie, Technik ist für jemanden wie sie unfassbar. Ihr Rabe, Kuro, ist krank und dann passiert alles Schlag auf Schlag. Jemand versucht, sie zu entführen, die Kirche, in der sie lebt, wird angezündet, Menschen sterben. Aus Kuro entsteht jemand. Der, den sie als Lüge entlarvt hat, als Märchen, ist plötzlich existent. Für Hirka beginnt eine Odyssey durch eine unbekannte Welt, verfolgt und begleitet von Fremden. Sie muss sich durchfinden und ihren eigenen Weg gehen. In der Zwischenzeit ist auch Rime nicht untätig und für Hirka und die Ymlinge opfert er alles.

Was für ein Ritt! Es hat mich überrascht, dass Hirka in der modernen Welt gelandet ist, ich dachte, wenn sie durch die Steine geht, gelangt sie in der mittelalterlichen Entsprechung von Ymland. Aber so waren die Entwicklungen natürlich noch viel krasser, die Differenzen größter, die Probleme scheinbar unüberwindlich. Hirka, so jung wie sie ist, beweist Weisheit, schafft es, sich in dieser fremden Welt und unter seltsamen Leuten, die alle ihr eigenes Süppchen kochen, zu behaupten. Ich habe selten so eine originelle, sich entwickelnde, gut geschriebene und fesselnde Geschichte gelesen, besonders wenn man bedenkt, dass es sich hier um den zweiten Teil handelt, der bei Trilogien ja gern mal ein bisschen lahm ist, weil das Verbindungsstück zwischen Auftakt und Finale. Aber hier hat er wirklich eine Berechtigung, er beantwortet alte Fragen, nur um neue aufzuwerfen und heiß auf den dritten und letzten Band zu machen. Großes Kino!

Veröffentlicht am 24.01.2019

Zum Greifen nah

Davor und Danach
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In der nahen Zukunft gibt es nur noch im Norden der Erde ausreichend Wasser. Mhairi, eine vierzehnjährige Schottin, hat die letzten Jahre im Sudan verbracht, bis ...
... bis die Grenzen dichtgemacht wurden. ...

In der nahen Zukunft gibt es nur noch im Norden der Erde ausreichend Wasser. Mhairi, eine vierzehnjährige Schottin, hat die letzten Jahre im Sudan verbracht, bis ...
... bis die Grenzen dichtgemacht wurden. Überall.
Und ihre Eltern ermordet wurden.
Und sie sich allein nach Schottland durchschlagen musste.
Als sie England erreicht, hat sie nur noch die Sachen, die sie am Leib trägt, eine Wasserflasche mit Verschraubschluss, Papiere, die kaum das Papier wert sind und einen Revolver ohne Patronen.
Hier begegnet sie einem kleinen, schwarzen Jungen. Einer, der allein keine Chance aufs Überleben hat und Mhairi weiß, dass sie ihn nicht mitnehmen kann, weil er illegal ist. Und auf das Einschmuggeln von Illegalen steht in manchen Gegenden der Tod.

Diese lakonische Sprache, dieser ewige Strom an Gedanken, die Mhairi durch den Kopf gehen, eigentlich hätte das langweilig und nervig sein müssen. War es aber nicht. In einer sachlichen, teilweise fast nüchternen Beschreibung, immer wieder unterbrochen durch Erinnerungen, die Mhairi nicht zulässt und hinter einer dicken FESTUNG versteckt, erzählt uns die Autorin von einer Welt, in der es normal ist, ab dem 74. Lebensjahr eine Todesspritze zu nehmen, um Ressourcen zu sparen. In der Strafen in Lebenszeit berechnet werden, in welcher sich die noch über Wasser und Nahrung verfügenden Länder abschotten. Das Beängstigende an der ganzen Sache ist nicht die Geschichte an sich; man weiß, dass es kein gutes Ende nehmen wird und kann, aber das ist kein Problem. Das Problem ist, dass es viel zu nah an dem ist, was wir schon heute jeden Tag sehen. Und genau wie bei dieser Geschichte sehen wir zu in dem Bewusstsein, dass es kein gutes Ende nehmen kann und wird.

Veröffentlicht am 03.01.2019

Der tut dich totmachen!

Tausend Teufel
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Einen Winter wie den von 1947 haben die Leute noch nicht erlebt. Als wollte sich selbst die Natur an den Dresdnern für das rächen, was sie im Krieg getan oder auch nicht getan haben, stecken die Temperaturen ...

Einen Winter wie den von 1947 haben die Leute noch nicht erlebt. Als wollte sich selbst die Natur an den Dresdnern für das rächen, was sie im Krieg getan oder auch nicht getan haben, stecken die Temperaturen Tag für Tag im zweistelligen Minusbereich. Und das fast zwei Jahre nach Kriegsende, wo es an allen Ecken und Enden an Wärme und Essen fehlt und die Leute schon für Kleinigkeiten töten oder stehlen. Im Februar wird dann erst eine Leiche (mit Kopf) und dann ein Kopf (ohne Leiche) gefunden und Max Heller steht nicht nur vor einem Problem: Wie es scheint, haben die Russen ein Bordell mit Minderjährigen betrieben, doch da das im Großen Sozialistischen Vaterland nicht sein kann, werden ihm ständig Steine in den Weg gelegt.

Obwohl es sich wie auch in Band 1 und 3, die ich bereits kenne, um spannende Verbrechen mit interessant entwickelten Fällen handelt, liegt die Faszination von Goldammers Büchern trotzdem eher weniger in ihnen begründet. Was dieser Autor wirklich mit erschreckender Realität beherrscht, ist, seine Leser mit in die jüngere Vergangenheit zu nehmen. Schreibt er über diesen entsetzlichen Winter in Dresden, friert man. Erzählt er von dem, was die Leute haben oder nicht haben, empfindet man denselben Hunger, denselben Husten, dieselbe Hoffnungslosigkeit. Es schmerzt beinahe körperlich zu lesen, wie sich kleine Kinder in einem Wäldchen durchschlagen und die Ältesten unter ihnen nur Naziparolen kennen oder so abgebrüht sind, dass es ihnen nichts ausmacht, andere zu töten. Die scheinbare Übermacht der Russen, die tun und lassen können, was sie wollen und doch gerade zum Schluss Menschlichkeit beweisen, ist gut dargestellt, ebenso die verschiedenen Positionen, die Heller und sein zurückgekehrter Sohn Klaus ihnen gegenüber einnehmen.
Ein Buch, das sofort abholt und in eine der schlimmsten Zeiten mit zurücknimmt.

Veröffentlicht am 10.12.2018

Dialog mit Tieren

Die Sprache der Tiere
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Vorausschickend sollte ich erwähnen, dass ich mir immer eingebildet hatte, recht gut über Tiere Bescheid zu wissen, falls jedoch die in dem Buch vorgestellten Informationen stimmen, ich ziemlich viel neu ...

Vorausschickend sollte ich erwähnen, dass ich mir immer eingebildet hatte, recht gut über Tiere Bescheid zu wissen, falls jedoch die in dem Buch vorgestellten Informationen stimmen, ich ziemlich viel neu überdenken muss. Brensing erläutert in seinem Buch auf leicht verständliche Art und Weise, wie Kommunikation bei und zwischen Tieren läuft, und daraus ableitend zieht er einige Schlüsse. Es ist mittlerweile bekannt, dass manche Tierarten nicht nur Worte verwenden, sondern sich auch Gegebenheiten anpassen und diese Worte dann auch grammatikalisch sinn ergebend umstellen.
Es gibt Tiere, die in ganzen Sätzen kommunizieren.
Es gibt Tiere, die Sprachen lernen.
Es gibt Tiere, die weiterdenken und anhand gelernter Sprachen eigene Sätze oder Worte entwickeln.

Können das wirklich Lebewesen sein, von denen wir immer annahmen, dass sie nicht denken können, sondern immer rein instinktiv handeln?
Und wenn wir davon ausgehen, dass Tiere doch denken, ist der Schritt, ihnen eine Persönlichkeit zuzugestehen, nicht mehr weit. (Davon abgesehen, jeder Katzenbesitzer wird mich mitleidig ansehen und sagen, dass er schon immer wusste, dass sein Haustier eine Persönlichkeit besitzt.)
Doch wie ist es jetzt mit der Kommunikation untereinander? Zwischen Mensch und Tier? Überraschenderweise hat uns die Natur so ausgestattet, dass wir - die Menschen - tatsächlich rein instinktiv erfassen können, was uns nicht nur unsere Haustiere erzählen. Die wenigsten Tiere können menschliche Laute formen, aber Menschen könnten - rein theoretisch - die Laute von Hunden und Katzen bilden.
Tatsächlich ist es kaum nötig. Brensing fordert einen Dialog zwischen dem Mensch und (seinem) Tier und je mehr dieser Dialog gefordert und gefördert wird, desto größere Erfolge wird man erzielen.
Ob er recht hat? Die Zeit wird's zeigen.

Veröffentlicht am 09.10.2018

Märchenhaft

Die Sprache der Dornen
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Vorneweg: Ich bin eigentlich kein Freund von Märchen. Eigentlich. Denn uneigentlich bin ich ein großer Fan der Krähendilogie und auch Grischa fand ich zum Großteil ganz gut. Deshalb ist es wohl auch nicht ...

Vorneweg: Ich bin eigentlich kein Freund von Märchen. Eigentlich. Denn uneigentlich bin ich ein großer Fan der Krähendilogie und auch Grischa fand ich zum Großteil ganz gut. Deshalb ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass ich dieses Buch besitzen wollte, und ich bereue es nicht.
Eigentlich gehe ich auch nie auf die Aufmachung oder das Cover ein. Eigentlich.
Aber uneigentlich muss ich dazu doch mal ein paar Worte dalassen: Es ist genial. Nicht nur äußerlich schön gestaltet, auch im Inneren finden sich auf jeder Seite Zeichnungen, welche die Geschichte "untermalen" - vor allem, indem sie mit dem Fortlauf der Handlung auch immer neue Details hinzufügen.

Und hier also was zu den Märchen selbst. Hätte ich es nicht besser gewusst, ich hätte Stein und Bein geschworen, dass es sich niemals um neue handeln konnte. Sie sind so perfekt in der Sprache alter Märchen verfasst, ohne dabei zu sehr ins Schwülstige zu geraten, dabei auch mit sehr coolen Messages versehen. Nicht im Sinne von Walt Disney, dass alles gut wird. Und schon gar nicht im Sinne Chestertons, der behauptete, dass Märchen den Kindern beibringt, dass Drachen nicht nur existieren, sondern dass sie auch getötet werden können. (Fand das Zitat sowieso schon immer furchtbar arrogant - warum sollte man die armen Drachen töten?)

Nein, Bardugo erzählt uns davon, dass die wahren Drachen oder Monster nicht unbedingt wie welche aussehen, sondern im Gegenteil mit Schönheit und Samtzunge, und dass es oft genug die Drachen oder Monster sind, welche uns als einzige retten können. Und das ist eine viel, viel bessere Message, welche man mitgeben kann. Richtig schön auch, dass man die verschiedenen "länderspezifischen" Unterschiede bei den Märchen mitbekommt, die aus Rawka, Kerch, Semeni und Fjerda stammen und man zwar die Einflüsse bereits existierender Geschichten spürt, aber auch ganz genau merkt, wie viel Eigenleistung in sie gesteckt wurde. Rundum eine dicke, fette Empfehlung - für Kinder, Kindgebliebene, Junge, Alte und alle dazwischen.