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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.02.2019

Wer ist der Wanderer?

Tannenstein
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Der Thriller ist nichts für schwache Nerven, denn schon zu Beginn begegnen wir dem "Wanderer", der ohne die geringste Gefühlsregung elf Menschen erschießt. Aufgeklärt wird dieses Verbrechen aber nicht, ...

Der Thriller ist nichts für schwache Nerven, denn schon zu Beginn begegnen wir dem "Wanderer", der ohne die geringste Gefühlsregung elf Menschen erschießt. Aufgeklärt wird dieses Verbrechen aber nicht, der Wanderer bleibt ein Phantom.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht allerdings Alexander Born, der damals in diesem Fall ermittelt, aber mittlerweile die Seiten gewechselt hat und gerade aus dem Gefängnis entlassen wird. Sein einziger Antrieb ist jetzt Rache - denn der Wanderer hat seine Freundin getötet.

Spannung ist hier wirklich vorprogrammiert, vor allem weil die Story aus unterschiedlichen Perspektiven geschrieben ist, Mal schaut man dem Wanderer über die Schulter, mal driftet man ins Milieu der Russenmafia ab und dann ist da natürlich noch Alexander Born, der nun auf eigene Faust auf die Jagd geht.

Am Anfang ist alles etwas verwirrend, da sehr viele Orte und Personen auftauchen, doch durch die gute Strukturierung der Kapitel findet man sich schnell hinein.

Was mich aber am meisten begeistert, ist, dass es in diesem Buch nicht nur schwarz oder weiß gibt. Man kann seine Sympathien nicht wirklich verteilen, denn kaum eine Figur ist entweder gut oder schlecht. Ich war beim Lesen permanent hin- und hergerissen. Auch mein Vertrauen konnte keine der Personen schnell gewinnen, weil immer auch ein bisschen Skepsis mitgeschwungen ist. Wer also auf das klassische Gut oder Böse verzichtet kann, liegt mit diesem Buch richtig.

Allerdings ist es auch wirklich brutal. An einigen Stellen hätte ich am liebsten die Augen zu gemacht und eine Verfilmung wäre mir wahrscheinlich zu hart, denn die Russenmafia und ihre Killer haben Spaß am Foltern und Töten - und das wird eben auch beschrieben. Dass es solche Netzwerke wahrscheinlich wirklich gibt, ist wirklich gruselig.

Überzeugen konnte mich auch das Ende: Es ist total schlüssig, realistisch und weicht vom gern verwendeten Happy End ab. Trotzdem - oder gerade deswegen - fand ich es äußert passend.

Alexander Born habe ich während des Lesens wirklich schätzen gelernt, auch wenn ich es am Anfang nicht gedacht hätte. Deswegen würde ich mich sehr über einen neuen Fall freuen, in dem er seine unkonventionellen Ermittlungsmethoden zeigen kann.

Von mir gibt es für diesen Lesespaß 5 Sterne!

Veröffentlicht am 15.01.2019

Lesen!

Ihr Scheinheiligen!
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Das Buch ist eine Abrechnung. Eine Abrechnung der Autorin an die in Deutschland lebenden Türken, die sich nicht als Teil der Gesellschaft sehen. Das ist natürlich sehr provokativ und ich denke, wenn es ...

Das Buch ist eine Abrechnung. Eine Abrechnung der Autorin an die in Deutschland lebenden Türken, die sich nicht als Teil der Gesellschaft sehen. Das ist natürlich sehr provokativ und ich denke, wenn es nicht von einer "Betroffenen" geschrieben worden wäre, hätte ich es wahrscheinlich nicht angefasst. Denn schließlich will ich niemanden diskriminieren oder mir meine Meinung bilden, wenn ich nicht direkt dabei bin.

Umso interessanter war es, Tuba Saricas Eindrücke zu lesen. Sie schreibt sehr offen und ehrlich darüber, wie sie sich fühlt, zwischen den Kulturen zu stecken. Sie wächst in Deutschland auf, aber die Türkei ist immer präsent. Sie spricht von einer Parallelgesellschaft, die gern unter sich bleibt - und bestätigt damit natürlich auch Vorurteile, die man hat.

Deswegen habe ich das Buch etwas mit Magengrummeln gelesen. Trotzdem klingt vieles, was sie sagt, schlüssig: Warum dürfen junge deutsche Mädchen andere Sachen als türkische? Sie beschreibt den Einfluss, den die Community auf sie hatte: Nichts tun, was andere missbilligen könnten, auch wenn man dadurch selbst eingeschränkt wird. Sie untermauert das mit sehr vielen persönlichen Beispielen, die es sehr überzeugend wirken lassen. Ich kann mir vorstellen, dass sie damit manch einem auf die Füße getreten ist.

Die Autorin schreibt aber nicht nur das auf, was sie selbst erlebt hat, sondern gibt auch Fakten wieder. Etwas erschreckend war das für mich schon. Denn dadurch wird die "Doppelmoral" doch sehr greifbar.

Etwas zu kurz kommt mir aber die andere Seite, nämlich die ich auch aus der Familie meines Freundes kenne. Man darf trotz allem nicht vergessen, dass es auch anders geht.

Alles in allem hat mich das Buch sehr zum Nachdenken gebracht, vor allem darüber, was ich persönlich unternehmen kann, um das zu ändern. Die Erkenntnis: Nichts. Am Ende bin ich zwar schlauer, aber eine Lösung habe ich nicht gefunden. Die gibt auch die Autorin nicht - denn sie sagt, es muss von den Deutschtürken selbst kommen. Ob, wann und in welchem Maße das geschieht, steht in den Sternen.

Insgesamt ist es ein sehr interessantes Buch, das man lesen sollte - egal welcher Nationalität man angehört oder welcher Kultur man sich mehr zugehörig fühlt. Eine Bewertung in Sternen fällt trotzdem schwer. Da es aber eine Leseempfehlung ist: 5 Sterne!

Veröffentlicht am 15.01.2019

Realität oder Fiktion?!

Codename Eisvogel – »The Kingfisher Secret«
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Ich wollte das Buch unbedingt lesen, weil ich Politthriller nicht nur an sich spannend finde, sondern weil der Klappentext auch ein paar Andeutungen zu Donald Trump macht - und das macht es für mich nur ...

Ich wollte das Buch unbedingt lesen, weil ich Politthriller nicht nur an sich spannend finde, sondern weil der Klappentext auch ein paar Andeutungen zu Donald Trump macht - und das macht es für mich nur noch interessanter.

Allerdings steht der zukünftige Präsident nicht im Mittelpunkt des Buches, was mich anfangs etwas irritiert, aber dann auch nicht weiter gestört hat. Die Story dreht sich nämlich vor allem um zwei Personen: Die Journalistin Grace und die Ex-Frau des US-Präsidentschaftskandidaten, die ihre Vergangenheit geschickt verbirgt.

Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart verfolgen wir Grace, die eher zufällig über die Story ihres Lebens stolpert und langsam aber sich hinter die Machenschaften Moskaus im Kalten Krieg aufdeckt. Von den sogenannten "Schwalben" hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nämlich noch nichts gewusst. Es gibt aber immer wieder Rückblicke in die Vergangenheit und dort begleitet man die jetzige Ex-Frau des Präsidentschaftskandidaten auf ihrer Entwicklung von der unbedarften Leistungsturnerin zur Spionin.

Die unterschiedlichen Zeitebenen und Perspektiven haben dafür gesorgt, dass das Buch richtig fesselnd war. Ich konnte es kaum aus der Hand legen. Das Ganze wird natürlich auch dadurch verstärkt, dass man die ganze Zeit grübelt, ob es wirklich so passiert ist bzw. es ähnliche Fälle gab. Der Name Donald und Melania Trump wird natürlich nicht erwähnt - aber trotzdem hatte ich beim Lesen ihre Gesichter vor Augen.

Richtig gefallen hat mir auch das Ende. Warum kann ich leider nicht verraten, ohne zu spoilern.

Nachgedacht habe ich auch darüber, dass kein Autor angegeben ist. Ist das ein reiner Werbegag oder steckt doch mehr dahinter? Man weiß es nicht, aber das macht es nur noch reizvoller.

Ich wurde beim Lesen nicht nur gut unterhalten, habe mitgefiebert und gehofft, sondern habe auch einiges gelernt. Von mir ist es deswegen eines meiner Jahreshighlights 2018 - und das verdient 5 Sterne.

Veröffentlicht am 01.12.2018

Schöne digitale Welt

White Maze
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Das Buch entführt den Leser in eine Zukunft, die gar nicht mal so weit weg erscheint. Alles ist digitalisiert, statt auf das Handy angewiesen zu sein, setzt man sich einfach spezielle Kontaktlinsen ein ...

Das Buch entführt den Leser in eine Zukunft, die gar nicht mal so weit weg erscheint. Alles ist digitalisiert, statt auf das Handy angewiesen zu sein, setzt man sich einfach spezielle Kontaktlinsen ein und schon kann man Nachrichten abrufen, im Netz surfen oder eben Computerspiele spielen, bei denen über die reale Welt ein digitaler Filter gelegt wird. Das klingt zwar irgendwie abgefahren, aber scheint gar nicht mal mehr soooo weit weg von heute zu sein.

Gleich zu Beginn lernt man die Protagonistin Vivian kennen, die dank ihrer Mutter, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Spieleentwicklung, immer die neusten Linsen zur Verfügung hat und deren Nutzen liebt. Ihr Leben ändert sich allerdings mit dem Tod ihrer Mutter schlagartig.

Und ab hier nimmt das Buch dann auch schon richtig Fahrt auf. Nach und nach erfährt der Leser immer mehr, dass das Zusammenführen der realen und digitalen Welt auch Nachteile haben kann, denn nicht nur gibt man alles über sich preis - man kann sich auch verlieren.

Die Geschichte hat mich richtig gefesselt, auch wenn es manchmal etwas technisch zu ging. Trotzdem wurde alles so heruntergebrochen, dass es auch jugendliche Leser sehr gut verstehen - vielleicht sogar besser als Erwachsene. Der Aufbau einer digitalen Welt und was darin alles möglich ist, ist richtig spannend. Ich bin beim Lesen richtig abgetaucht.

Auch Vivian konnte mich als Protagonistin überzeugen. Zwar fand ich sie anfangs etwas merkwürdig und konnte den ein oder anderen Schritt, den sie geht, nicht nachvollziehen, aber je länger ich sie auf der Suche nach der Wahrheit begleitet habe, desto mehr ist sie mir ans Herz gewachsen.

Die Sprache ist sehr jugendlich, gerade am Anfang war es deswegen für mich etwas gewöhnungsbedürftig. Allerdings habe ich mich auch daran schnell gewöhnt und für die Zielgruppe ist es äußert passend.

Insgesamt wurde ich von Anfang bis Ende sehr gut unterhalten. Von mir gibt es 5 Sterne!

Veröffentlicht am 27.11.2018

Eine Familie, viel Unausgesprochenes...

Der Gesang des Nordlichts
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Das Buch zu beschreiben fällt mir nicht leicht, aber ich versuche es in passende Adjektive zu packen: berührend, traurig, ermutigend, echt, normal... Dabei soll "normal" auf keinen Fall Kritik ausdrücken, ...

Das Buch zu beschreiben fällt mir nicht leicht, aber ich versuche es in passende Adjektive zu packen: berührend, traurig, ermutigend, echt, normal... Dabei soll "normal" auf keinen Fall Kritik ausdrücken, im Gegenteil: Was mir an diesem Buch wirklich gefallen hat ist, dass es ganz ohne große aufgebauschte Dramen auskommt. Man hat das Gefühl, es könnte genau so jeden Tag passieren und ich bin mir sicher, dass der ein oder andere auch einen Teil seiner Familie beim Lesen wiedererkennt.

Zu Beginn ist man noch in Deutschland und lernt die Protagonistin Claudia kennen. Sie hat bereits mit ihrem Mann zwei pubertierende Kinder, hat Erfolg im Job und ist auf einmal ungeplant schwanger. Das wirft ihre Pläne über den Haufen, weswegen sie es erstmal für sich behält. Dann lädt ihr Vater nach Schweden in ein Ferienhaus ein, um Weihnachten zu feiern - und irgendwie ergibt sich nicht die Gelegenheit, es irgendjemanden zu sagen...

Das Setting ist dann einfach nur wunderbar: Ein Ferienhaus am See, viel Schnee und absolute Ruhe. Beim Lesen wurde ich von dem Land einfach nur gefangengenommen und wollte sofort auch hinfahren. In Schweden selbst lernt man dann auch den Rest der Familie kennen - und irgendwie scheint jeder etwas auf dem Herzen zu haben, was er aber nicht sagen kann oder will.

Am meisten beeindruckt haben mich aber die Rückblenden in die Vergangenheit, denn Claudias Vater beginnt zu erzählen, wieso genau dieses Ferienhaus so eine wichtige Bedeutung für ihn hat, dass er immer mit seinen Kindern hingefahren ist. Er erzählt vom Zweiten Weltkrieg, in dem er als Jugendlicher gekämpft hat, schließlich Fahnenflucht beging und genau an diesem Ort Unterschlupf gefunden hat.

Diese Rückblenden haben mich emotional sehr berührt, weil es eben die Geschichte eines "normalen" Soldaten ist, der die Schrecken miterleben muss, obwohl er dafür eigentlich noch viel zu jung ist. Ich hatte das Gefühl, es könnte meinem Opa genauso ergangen sein, auch wenn er damals an der Französischen Front gekämpft hat. Gesprochen wurde darüber in meiner Familie aber nie - ähnlich wie in Claudias. Denn auch sie sind überrascht, was ihr Vater alles durchgemacht hat. Denn auch wenn er nach der Flucht ein Heim in genau diesem Haus gefunden hat, lebte er doch mit der ständigen Angst, entdeckt zu werden oder fortgehen zu müssen. Beim Lesen war ich richtig dankbar, dass wir in Frieden leben und so etwas hoffentlich nie fühlen müssen.

Insgesamt ist das Buch sehr ruhig, man hat viel Raum, seinen eigenen Gedanken nachzugehen. Es ist nicht alles Gold was glänzt, auch nicht in Claudias Familie. Da gibt es die pubertierenden Kinder, die sich unverstanden fühlen. Der Großvater, der damit rechnet, das nächste Weihnachten nicht mehr zu erleben, aber es auch niemanden sagen will. Und natürlich die schwangere Claudia, die das Gefühl hat, immer an ihrem Mann vorbeizureden. Herrlich normal und unaufgeregt, aber trotzdem - oder gerade deswegen - unglaublich berührend.

Ich habe das Buch wirklich in kürzester Zeit verschlungen, weil ich es nicht mehr weglegen konnte. Das Setting, die Familie, die Erlebnisse - einfach alles hat gepasst und mir das Gefühl gegeben, dabei zu sein. Trotzdem war die Geschichte nie langweilig, sondern sehr glaubhaft. Und das, obwohl ich eigentlich mehr Thriller lese und bei Romanen schnell gelangweilt bin.

In meinen Augen ist "Der Gesang des Nordlichts" das beste Buch von Heike Frühling - deswegen gibt es 5 Sterne, ohne Diskussion!