Profilbild von Viv29

Viv29

Lesejury Star
offline

Viv29 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Viv29 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.01.2019

Facettenreiche Familiengeschichte der Nachkriegszeit

Die Schwestern vom Ku'damm: Jahre des Aufbaus
0

Die Schwestern vom Ku’damm ist der erste Teil einer Trilogie, in der die Familie Thalheim durch die Nachkriegsjahre und die 50er begleitet wird. In jedem Buch wird eine andere Schwester der Familie im ...

Die Schwestern vom Ku’damm ist der erste Teil einer Trilogie, in der die Familie Thalheim durch die Nachkriegsjahre und die 50er begleitet wird. In jedem Buch wird eine andere Schwester der Familie im Mittelpunkt stehen, in diesem Buch ist es die Älteste, Rike, die eine entscheidende Rolle bei dem Weg hat, den die Familie direkt nach dem Krieg einschlägt.

Von 1945 bis 1951 sind wir hier bei den Thalheims, die sich Schritt für Schritt aus den Schrecken der letzten Kriegstage auf den zaghaften Beginn des Wirtschaftswunders zu bewegen. Eine Vielzahl von Charakteren tauchen auf, vorwiegend Familienangehörige, aber auch Freunde, ehemalige Weggefährten, neue Bekanntschaften. Manchmal konnte ich einen Namen nicht gleich zuordnen, bei den nicht so häufig vorkommenden Charakteren wird aber auf angenehm unaufdringliche Art meistens noch eine kurze Erinnerung oder Erklärung eingefügt, was hilfreich war. Durch die vielen Personen bekommen wir auch einen guten Überblick über die verschiedenen Lebenswege während und nach dem Krieg. Während manche die Einschränkungen durch die Besatzung als Zumutung empfinden, andere einfach froh sind, wieder ohne Angst leben zu können, sind wieder andere vom vermeintlich besseren System in der SBZ/DDR angezogen. Es gibt hier ein schönes facettenreiches Panorama verschiedener Schicksale, welches die Situation im Nachkriegsdeutschland gut wiederspiegelt.

Überhaupt sind die geschichtlichen Fakten hervorragend recherchiert und meistens sehr gut ins Geschehen eingeflochten. Im letzten Drittel des Buches gibt es mehrere längere Passagen mit Hintergrundinformationen, die zwar interessant sind, die aber die Handlung manchmal etwas überlagerten. Sehr schön untergebracht wurden viele Alltagsdetails dieser Zeit und auch über die besondere Situation Berlins gerade während der Blockade habe ich viel Neues gelernt. Diese Situation wurde gekonnt mit dem Geschehen in der Familie und ihrem Kaufhausaufbau verbunden.

Der Schreibstil liest sich leicht, es gibt keine unnötigen Längen, was ich immer sehr begrüße. An manchen Stellen hätte ich mir sogar etwas mehr Detailfreude gewünscht, so ist der harte Hungerwinter 46/47 für meinen Geschmack etwas knapp behandelt - ich hätte gerne mehr darüber erfahren, wie die Familie zurechtkam.
Einige der Situationen in diesen Jahren wurden mir zu einfach und problemlos aufgelöst - auch wenn man bedenkt, daß die Thalheims sich aufgrund von Status, Vermögen und Beziehungen in einer privilegierteren Situation befinden, als die meisten anderen. Oft (für mich zu oft) kamen glückliche Zufälle zur Hilfe, ob nun im Kleineren (jemand taucht genau im richtigen Moment auf, oder verläßt genau im richtigen Moment ein Gebäude) oder auch bei recht monumentalen Dingen, bei denen mir der jeweilige Zufall einfach zu unwahrscheinlich war. Ich hätte weniger Zufälle und auch manchmal schwierigere Lösungen vorgezogen.

Die Atmosphäre wird gut geschaffen, insbesondere wenn es um das Kaufhaus geht, sieht man alles bildlich vor sich, aber auch die bedrückende Kelleratmosphäre am Anfang, die Tristesse des Trümmerräumens und vieles andere sind richtig gut beschrieben.

Es haben mich nicht alle Charaktere wirklich erreicht, aber einige haben mich neugierig gemacht oder waren mir sehr angenehm. Der Abschluß des Buches ist gut gelungen, das Ende gefiel mir richtig gut. Die Mischung zwischen noch offenen Punkten (wie bei einer Trilogie zu erwarten) und geklärten Fragen ist gut. Man merkt, es gibt in den beiden folgenden Büchern noch viel zu erzählen, bleibt aber nicht ohne inneren Abschluß wichtiger Fragen, die einen durch das erste Buch begleitet haben. Die weiteren Bände werde ich aber wohl eher nicht lesen, dafür haben mich die Charaktere nicht genug gepackt und aufgrund der zu leichten Lösungen fehlte mir der Realismus zu sehr.

Veröffentlicht am 22.01.2019

Oberflächlicher Blick auf die Familie von Hessen

Die Hessens
0

Das Buch über die Familie von Hessen, die jahrhundertelang großte Teile des heutigen Bundeslands Hessen regierte, ist ausgesprochen schön gestaltet. Es ist gebunden, das Papier des Buchblocks von guter ...

Das Buch über die Familie von Hessen, die jahrhundertelang großte Teile des heutigen Bundeslands Hessen regierte, ist ausgesprochen schön gestaltet. Es ist gebunden, das Papier des Buchblocks von guter Qualität, und mit zahlreichen farbigen Abbildungen versehen. Gemälde und Fotografien der Familienangehörigen, Bilder von Schlössern, Anlagen und anderen wichtigen Persönlichkeiten illustrieren das Buch hervorragend und sind ebenfalls von hoher Qualität. Eine Stammtafel bietet Orientierung. Für die Ausstattung hat das Buch glatte fünf Sterne verdient.

Leider kann der Inhalt nicht mithalten. Verfasst ist der Text von Rainer von Hessen, der hier nicht unbedingt schriftstellerisches Talent beweist, was aber auch für eine Familienchronik nicht zwingend notwendig ist. Man kann den Text recht leicht weglesen und über manche etwas holprigen Formulierungen hinwegsehen. Im Vorwort wird erwähnt, daß es sich bei dem Buch um ein "konzentriertes Vorhaben" handelt, das "die Geschichte der Hessens auf wenigen Textseiten und mit vielen Bildern" erzählt, was meines Erachtens leider auch die Hauptschwäche des Buches ist. Rund 800 Jahre Familiengeschichte kann man auf 130 reich illustrierten Seiten eben nur mit Einbußen erzählen. Warum es so "konzentriert" sein mußte, wird leider nicht erwähnt.

So reisen wir recht schnell durch die Jahrhunderte. Vieles wird in wenigen Sätzen abgehandelt und dadurch unzureichend erklärt. Wenn es Sophie von Brabant im 13. Jahrhundert "nach zwanzigjährigem Kampf gegen die Übermacht von Main und Thüringen" gelang, " an der Spitze einer ritterlichen Streitmacht ihrem Sohn die Herrschaft in Hessen zu sichern", so bleibt unerwähnt, welcher Art dieser 20jährige Kampf war. 20 Jahre offener Krieg? Eher diplomatische Verwicklungen mit Scharmützeln? Ritt Sophie wirklich an der Spitze der Streitmacht oder ist dies figurativ zu verstehen? - Wir erfahren, daß die aus Darmstadt stammende Großfürstin Elisabeth 1918 im Zuge der russischen Revoution "auf besonders grausame Weise ums Leben" kam - welche grausame Weise dies war, wird aber nicht einmal in einer Fußnote erklärt. Die sind nur zwei Beispiel von vielen, in denen Fakten kurz erwähnt, aber nicht hinreichend erläutert werden.

Meine Hoffnung war, durch das Buch mehr über die Geschichte Hessens zu erfahren. Dies geschah leider auch eher unzureichend. Viele wichtige Themen werden angerissen, aber kaum erklärt, gerade Zusammenhänge und Hintergründe fehlen. Die Regierungspolitik der Hessens als Landesherren wird über Jahrhunderte hinweg kaum angerissen, so lesen wir zwar von neuen Bauten in Kassel und Darmstadt, aber kein Wort darüber, welche Art Herrscher der Erwähnte war. Dafür ist aber der Jagd, ihrem Ablauf und Beiwerk - was nun wirklich nicht spezifisch für die Familie ist - recht ausgiebig Platz inkl. vieler Abbildungen gewidmet. Den Platz hätte man für historische Informationen wesentlich besser nutzen können. Das soll nicht heißen, daß es immer an historischen Informationen fehlt - einige Themen sind gut und ausführlicher behandelt, aber viele ebenso wichtige Themen leider nicht.

Auch die Personen bleiben überwiegend relativ blaß. Die Generationen von Wilhelms und Friedrichs in Kassel und Ludwigs in Darmstadt ziehen relativ einförmig an uns vorbei. Ich konnte sie kaum auseinanderhalten, weil ihnen oft nur jeweils ein paar Sätze gewidmet sind und sie keine Konturen erhalten. Manche Gegebenheiten und Personen werden in einem Satz recht unzusammenhängend in ein Kapitel geworfen und dann nie wieder erwähnt. An vielen Stellen hatte ich das Gefühl, daß aus Platzgründen der Text erheblich gekürzt wurde, so bruckstückhaft wirkt manches.

Als persönliche Familienchronik für die von Hessens oder als ausgesprochen oberflächliche Einführung ist das Buch sicher gut geeignet, aber weitergehende Informationen darf man sich hier nicht erwarten. Dabei hätte es an Material für eine packende Geschichte dieser Familie wirklich nicht gemangelt.

Veröffentlicht am 01.02.2026

Originelle Idee mit starkem Anfang, aber dann ...

Tödliches Angebot
0

„Tödliches Angebot“ gefiel mir gleich zu Beginn insbesondere durch die originelle Idee, den frischen Schreibstil und das flotte Erzähltempo. Manche dieser Punkte blieben bis zum Ende erhalten, andere ließen ...

„Tödliches Angebot“ gefiel mir gleich zu Beginn insbesondere durch die originelle Idee, den frischen Schreibstil und das flotte Erzähltempo. Manche dieser Punkte blieben bis zum Ende erhalten, andere ließen leider nach. Insgesamt haben die Einstufung als Psychothriller und der Anfang des Buches Erwartungen bei mir geweckt, die nicht gehalten wurden.
Das erste Drittel ist hervorragend. Margo begegnet uns als Ich-Erzählerin und das gibt dem Buch eine besondere Note, denn Margo hat ganz gehörig einen an der Waffel, findet sich selbst aber offensichtlich völlig normal. Und so erfahren wir das Geschehen aus ihrer reichlich verqueren Sicht. Im lockeren Plauderton, mit ein wenig trockenem Humor, berichtet sie uns ihre Gedanken und Handlungen, als ob sie von einem netten Einkaufsbummel erzählt. Alles locker-flockig, sie sieht sich völlig im Recht und das liest sich auf eine seltsame Art vergnüglich, obwohl Margo eine grauenvolle Person ist. Ein guter Kniff, die Ich-Erzähler-Perspektive zu wählen.
Der auf positive Art leichte Schreibstil trägt dazu bei. Die überwiegend ausgezeichnete Übersetzung transportiert diesen Stil gelungen ins Deutsche und war ebenfalls fast immer angenehm zu lesen. Nur mit Redensarten/Begriffen aus der Populärkultur scheint die Übersetzerin nicht vertraut zu sein, denn diese ergeben in der von ihr gemachten wörtlichen Übersetzung keinen Sinn und sorgen für Momente des Stirnrunzelns. Dies waren aber nur einzelne Sätze; wesentlich mehr wurde mein Lesevergnügen durch den albernen, artifiziellen Begriff „Studierende“ beeinträchtigt.
Wir sind gleich mitten in der Geschichte drin, sehr erfreulich, und ich habe es genossen, wie Margo sich an die Hauseigentümer heranarbeitet. Hier – im o.e. ersten Drittel – las ich gebannt, genoss die Begegnungen und Unterhaltungen, und war gespannt, wie sich dieser Umgang psychologisch zuspitzen wird. Alle Weichen für ein tolles Psychoduell waren gestellt. Ich war sicher, endlich mal wieder einen guten Psychothriller gefunden zu haben – es gibt leider so wenige, die den Namen verdienen. Aber nach dem ersten Drittel stellte sich heraus: „Tödliches Angebot“ ist leider doch keiner von diesen.
Nach diesem flotten, unterhaltsamen und spannenden ersten Drittel wird es sehr lange sehr zäh. Wir erfahren viele Nebensächlichkeiten, darunter Rückblicke in Margos Vergangenheit, die wahrscheinlich erklären sollen, warum sie so geworden ist, die aber ziemlich dröge und einfach gestrickt sind, außerdem den Erzählfluss eher unterbrechen. Auch die Einblicke in ihren Arbeitsalltag tragen nur ganz am Rande zur Geschichte bei und wären in dieser Ausführlichkeit nicht nötig gewesen. Dann beginnt sie mit Recherchen, die ihr bei der Erreichung ihres Zieles helfen sollen, und die sind nun wirklich außerordentlich zäh. Die Geschichte verliert sich darin und damit verliert sie leider auch ihren eigentlichen Fokus. Das hätte man alles so viel kürzer fassen können. Von Psychothriller kann hier auch schon längst keine Rede mehr sein.
Zum Ende hin schwenkt die Geschichte dann noch mal um. Die Ehe zwischen Margo und ihrem farblosen Mann Ian fand ich von Anfang an nicht sonderlich gut erzählt. Sie wirkte konstruiert, nicht glaubhaft. Das war anfänglich noch verschmerzbar, weil das Thema keine sonderlich große Rolle spielte, dann aber wird es abrupt relevant und leider noch konstruierter. Alles, was mit Margos Ehe zu tun hat, fand ich von der Autorin nicht gut umgesetzt.
Auch das Ende hat mir leider nicht gefallen. Es bringt eine überraschende Wendung mit sich, das muß man der Autorin lassen. Diese Wendung ist, wie vieles in dem Buch, durchaus originell. Aber abgesehen davon, daß sie ebenfalls konstruiert und ziemlich unglaubwürdig ist, hat sie auch etwas Plattes. Dieser letzte Teil ist überzogen und hat keinerlei Raffinesse. Das erwartete Psychoduell ist einfach verpufft. Aus dieser Grundidee hätte man sehr viel mehr machen können.
Und so bleibt „Tödliches Angebot“ eine originelle Idee, bei deren Umsetzung es leider hapert, die aber immerhin einen durchweg frisch-leichten Schreibstil, einige psychologisch interessante Elemente und eine ungewöhnliche Protagonistin bietet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.03.2025

Millenial-Bridget Jones

No Hard Feelings
1

Bei „No Hard Feelings“ fühlte ich mich gleich an Bridget Jones erinnert und war neugierig darauf, wie diese Art Geschichte fast dreißig Jahre später erzählt werden würde. Auch war ich gespannt darauf, ...

Bei „No Hard Feelings“ fühlte ich mich gleich an Bridget Jones erinnert und war neugierig darauf, wie diese Art Geschichte fast dreißig Jahre später erzählt werden würde. Auch war ich gespannt darauf, wie bzw. ob Penny ihr Leben in den Griff bekommt.
Man kommt erfreulich gut in das Buch rein, der Schreibstil liest sich gut weg. Er passt zu diesem Genre, ist leicht lesbar, nicht sonderlich anspruchsvoll. Als abendliche leichte Unterhaltung perfekt. Er ist etwas flapsig und von einigem Denglisch durchsetzt – nicht mein Geschmack, passt aber zum Thema und zur Zielgruppe und ist insofern stimmig. Sehr unangenehm fand ich allerdings, dass leseunfreundliche Genderdoppelpunkte verwendet werden. Wenn man schon glaubt, unbedingt gendern zu müssen (was der Großteil der Bevölkerung ablehnt), dann könnte man doch wenigstens eine der lesefreundlicheren Varianten wählen, gerade in einem Roman, in dem auch der Lesefluss zählt. Die grammatikalische Absurdität dieser Methode zeigt sich im Buch u.a. an der seltsamen Wortschöpfung „eine:n Praktikanten:in“.
Auch störte mich die teils mangelnde Sorgfalt. So wird „o nein“ manchmal korrekt, manchmal aber fälschlich „oh nein“ geschrieben. Die englische Serie „The Great British Bake Off“ wird an einer Stelle übersetzt, die anderen Male beim englischen Namen genannt, obwohl so etwas einheitlich gehandhabt werden sollte. Das englische „when“ ist an einer Stelle falsch als „wenn“ übersetzt worden – ein ziemlich plumper Anfängerfehler, dort gehörte ein „als“ hin und der Satz ergibt mit „wenn“ keinen Sinn. Auch einige englische Redewendungen werden wörtlich übersetzt und verlieren dadurch ihren Sinn oder klingen ungeschickt, weil sie zu sehr an der englischen Vorlage kleben.
Die Geschichte entwickelt sich wie erwartet sehr in einem Rahmen, den Vertraute des Genres schon aus den 1990ern und frühen 2000ern kennen. Penny ist eine Millennial/Gen Z Bridget Jones oder Becky Bloomwood: in einem politisch korrekteren und von sozialen Medien geprägten Umfeld, aber ebenso gefangen in einem Job, den sie nicht mag und halbherzig erledigt, mit dem üblichen Freundeskreis, mit dem üblichen unzuverlässigen Kerl und dem üblichen guten Kerl, den sie zunächst nicht als solchen erkennt. Das liest sich überwiegend also nicht innovativ, aber lange durchaus unterhaltsam. Insbesondere die Szenen bei der Arbeit fand ich interessant, da wir die Geschichte aus Pennys Sicht erfahren, während sich allmählich herausschält, daß diese Sicht nicht unbedingt der Realität entspricht.
Auch hat „No Hard Feelings“ etwas mehr Tiefe, da Penny durchaus erhebliche psychische Probleme hat. Das war eine gelungene Abwechslung von den üblichen „Job blöd, vergebliche Partnersuche“-Themen, wenn ich auch die Umsetzung nicht ganz gelungen fand. So ist z.B. ihr ganz erheblicher Alkoholkonsum und das gelegentliche Kombinieren dessen mit Valium irgendwie kein wirkliches Thema und liest sich, als ob das völlig normal dazugehöre. Auch stellte Penny meine Geduld beim Lesen auf manche Probe, denn ihre Handlungen sind oft absolut nicht nachvollziehbar (sollen sie aber auch nicht sein, insofern ist dies stimmig), und sie nervt mit endlosen gedanklichen Selbstmitleidsmonologen. Auch die sich oft sehr ähnlichen Szenen und mehrere Wiederholungen nahmen mir ein wenig die Lust am Lesen. Wirklich enttäuscht hat mich die absolute Vorhersehbarkeit des Buches. Wie es partnerschaftlich ausgeht, ist ziemlich schnell klar, weil die üblichen Versatzstücke des Genres verwendet werden, und wie es beruflich ausgeht, wurde nach etwa der Hälfe des Buches deutlich und erinnerte mich einmal mehr sehr an einige der früheren Bücher des Genres. Ich hatte bis zum Ende hin gehofft, daß die Autorin mich vielleicht doch noch überrascht, aber leider war dem nicht so, alles traf haargenau so ein, wie ich es die ganze Zeit vorhergesehen hatte. Es wäre schön, wenn hier einige neue Wege gegangen worden wären.
Insgesamt bot „No Hard Feelings“ leicht erzählte nette Unterhaltung und einen aufschlussreichen Blick in die Welt der Mitt-/Endzwanziger, mit ein wenig Lokalkolorit. Die Geschichte geht ein wenig tiefer als manch andere des Genres und hat in dieser Hinsicht interessante Ansätze.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.12.2024

Flüssiger Schreibstil, aber die guten Ansätze gehen in Logiklöchern und Überzeichnung unter

Nachtwald
0

"Nachtwald" ist vom Einband her ein echter Hingucker - kräftige Farben, ein passendes, stimmungsvolles Motiv. Die zahlreichen Regentropfen auf dem Einband sind nicht nur bildlich dargestellt, sondern auch ...

"Nachtwald" ist vom Einband her ein echter Hingucker - kräftige Farben, ein passendes, stimmungsvolles Motiv. Die zahlreichen Regentropfen auf dem Einband sind nicht nur bildlich dargestellt, sondern auch leicht erhoben, man spürt also jeden einzelnen Regentropfen auf dem Einband. Tolle Kombination von visuellem und haptischen Erleben. Das Einbandmotiv ist gelungen genretypisch und dennoch innovativ - eine erholsame Abwechslung von den ganzen einfallslosen "Frau-rennt-weg"-Einbänden, auf welche in diesem Genre sonst viel zu oft zurückgegriffen wird. Rundum gelungen!

Auch der Klappentext macht neugierig und verspricht eine spannende Geschichte. Der Einstieg ins Buch ist erfreulich - wenn ich auch auf das abgenutzte Stilmittel des Prologs verzichten könnte, der sich liest wie unzählige andere Prologe solcher Bücher. Die Autorin schreibt einen leichten, angenehm lesbaren Stil und kann das alte Herrenhaus inmitten des Walds herrlich beschreiben. Die Beschreibungen sind durchweg farbig und rufen die Szenerie lebhaft vor Augen. Das hat mir ausgezeichnet gefallen. Auch die Charaktere machen zunächst neugierig. Wir erfahren die Geschehnisse durch die Augen Lizzies, die gerade einen sechsmonatigen Alkoholentzug beendet hat und die Beziehung zu ihrer Mutter und ihrem Bruder vorsichtig wieder aufbauen muß. Aus dieser Konstellation ergeben sich die besten Szenen des Buches; Walsh hat die innere Verfassung Lizzies, das Misstrauen, das ihr Mutter und Bruder aufgrund früherer Ereignisse entgegenbringen, und das vorsichtige neue Herantasten untereinander ganz ausgezeichnet dargestellt - glaubhaft, einfühlsam und gekonnt.

Leider erstreckt sich diese sorgfältige Charakterzeichnung nicht auf alle Charaktere. Wie im Klappentext erwähnt gibt es einen unerwarteten Gast, der am nächsten Tag verschwunden ist. Ab diesem Moment wird das Verhalten fast aller Charaktere unglaubwürdig, geradezu absurd. Ab da dachte ich beim Lesen ständig: "Kein Mensch würde sich so verhalten", und das ist eine schlechte Prämisse für ein Buch. Es wird leider im Laufe des Buches eher schlimmer als besser, teilweise fühlte ich mich wie in einer skurrilen schwarzen Komödie. Die Geschehnisse werden immer absurder und unglaubwürdiger, bis hin zum absolut überzeichneten Ende. Auch die mangelnde Logik zeigt sich früh und nimmt stetig zu, so daß dieses Handlungsgeflecht wie ein fehlerhaft gewebter Stoff zu viele Löcher aufweist. Wenn die Plausibilität aufgegeben wird, um die Geschichte voranzubringen, ist das faules Schreiben und ich als Leser fühle mich nicht ernst genommen.
Enervierend waren auch die zunehmenden überraschenden Wendungen. Das ist etwas, das leider in weniger guten Thrillern als Element angewandt wird, um die Spannung künstlich hochzuhalten - oft mit kontraproduktiver Wirkung. Hand in Hand einher geht damit die ebenfalls überbenutzte Technik kurzer Kapitel mit unzähligen Cliffhängern und falschen Alarmmomenten ("Oh, es raschelt!" - "Oh, eine Stimme erklingt" - "Oh, es ist jemand im Raum!"). Das ist wie ein fades Stück Fleisch, das man mit lauter künstlichen Geschmackverstärkern zugeballert hat, um Geschmack vorzugaukeln und zu überspielen, dass man billiges Fleisch verwendet hat. Spannung kann man wesentlich raffinierter erzeugen - so führten die ganzen künstlichen Schockmomente bei mir zu einer Übersättigung und senkten für mich die allgemeine Spannung.

Während ich das erste Drittel des Buches noch herrlich farbig und spannend fand, mich auf die weiteren Entwicklungen freute, mußte ich im zweiten Drittel häufig die Augen verdrehen und ärgerte mich über die ganzen Logiklöcher. Im letzten Drittel hat mir das Übertreiben mit ständig neuen Wendungen, überzeichneten Ereignissen und dem hanebüchenen Schluss das Buch leider verleidet. Bedauerlicherweise greift die Autorin hier auch auf ein Stilmittel zurück, das auf meiner Anti-Liste sehr weit oben steht: den "Täter leiert mit Waffe in der Hand in aller Ruhe sämtliche Pläne und Taten herunter"-Monolog. Absolut unrealistisch und schon seit Jahrzehnten unerträglich überbenutzt.

Während die Autorin also oft die ausgetretenen Pfade der - leider - kommerziell erfolgreichen Versatzstücke geht, ist sie andererseits durchaus originell und kann durch vieles Lesefreude wecken. Kleine Momente, die später von großer Bedeutung sind, werden gelungen früh und plausibel eingeflochten. Auch weiß sie, falsche Fährten zu legen und kann mehrfach überraschen. Nur aus Lizzies Perspektive zu erzählen ist zudem ein guter Kniff, der es erlaubt, auch glaubhafte Spannung und Unsicherheit zu erzeugen. Eine Prise historisches Lokalkolorit und ein gutes Gefühl für die menschliche Psyche sind erfreuliche Zugaben. Sie läßt sich auch durchaus viel einfallen, hat manche gut gemachte Auflösung und Wendung eingefügt. Der Schreibstil ist durchweg flüssig. Ich dachte beim Lesen oft, daß das Buch ganz hervorragend gewesen wäre, wenn es sich an das "weniger ist mehr"-Prinzip gehalten und sich auf diese Stärken konzentriert hätte, anstatt mit aller Macht viel zu viel aufzufahren. So ist es aber für mich leider ein Buch, das ungemein vielversprechend beginnt, dann aber zu viel will und genau daran scheitert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere