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Veröffentlicht am 03.02.2019

Facettenreiches und berührendes Panorama

Suite française
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Suite Francaise umfaßt die ersten zwei von fünf Teilen, die Irène Némirovsky als auf 1000 Seiten angelegtes Werk über Frankreich im Zweiten Weltkrieg schreiben wollte. Sie wußte während des Schreibens, ...

Suite Francaise umfaßt die ersten zwei von fünf Teilen, die Irène Némirovsky als auf 1000 Seiten angelegtes Werk über Frankreich im Zweiten Weltkrieg schreiben wollte. Sie wußte während des Schreibens, daß sie als konvertierte Jüdin im besetzten Frankreich in großer Lebensgefahr war und so erlitt sie 1942 auch das grausame Schicksal von Deportation und Tod. Ihr Manuskript überstand die Kriegswirren und so blieb ihr wundervolles Panorama für heutige Leser zum Glück erhalten. Diese ersten zwei Teile sind in sich abgeschlossen genug, um nicht wie ein Fragment, sondern wie ein vollendetes Werk zu wirken.

Im ersten Teil wird die Panik beim Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich im Sommer 1940 beschrieben. In kurzen lebhaften Kapiteln wird berichtet, wie verschiedene Einwohner von Paris auf die Gefahr reagieren, wie sie flüchten und was ihnen widerfährt. Die Charaktere sind unterschiedlich und bieten somit einen interessanten Überblick über verschiedene Menschen und Situationen - die wohlhabende elitäre Familie, der alternde hedonistische Schriftsteller, der weltfremde Porzellansammler, der opportunistische Bankdirektor und seine Geliebte, das anständige und oft übervorteilte Paar der Mittelschicht. All diese Menschen werden hervorragend dargestellt und es ist faszinierend, wie sie im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten das gleiche Ziel - die Flucht aus Paris - völlig verschieden angehen. Irène Némirovsky berichtet über diese Menschen in einem wunderschön zu lesenden Stil, mit herrlichen Details, die so viel über die Charaktere aussagen. Sie mischt leisen Humor mit tiefer Melancholie, stellt deutlich dar, wie der Überlebensinstinkt oft die Menschlichkeit vertreibt. Ich habe es genossen, von einem Charakter zum nächsten zu reisen, die Wechsel zwischen den Schicksalen waren gut gestaltet, hielten die Geschichte abwechslungsreich und lebendig.

Ein Charakter schlägt die Brücke zu Teil 2, der währen der deutschen Besetzung in einem kleinen französischen Dorf spielt. Die Charaktere des ersten Teils kommen hier nur noch in vereinzelten Randbemerkungen vor - geplant war, sie im dritten Teil wieder zusammenzuführen. So lernt man also hier ganz neue Charaktere kennen und wieder schafft es Irène Némirovsky, die Atmosphäre wundervoll zu gestalten. Man sieht die einfachen Bauernhöfe genau so deutlich vor sich, wie das elegantere Haus einer der reichsten Familien des Dorfes, spürt die Natur, die Stimmung in den kleinen Läden. Es ist ganz meisterhaft geschrieben (um so beeindruckender, da dies ein erster Entwurf war, den Irène Némirovsky noch überarbeiten wollte). Auch hier sind die Charaktere echt und lebendig. Mit wenigen Worten werden ihre Gedanken, Sorgen, Wünsche bemerkenswert dargestellt. Ausgesprochen interessant ist auch die Entwicklung zwischen Dorfbewohnern und den deutschen Besatzungssoldaten über drei Monate hinweg. Die anfängliche Feindseligkeit gegenüber den "Boches" läßt bei vielen Dorfbewohnern recht schnell nach, als sie sehen, daß diese deutschen Soldaten sich angemessen, durchaus höflich verhalten, daß sie ebenso Individuen mit eigenen Wünschen und Sorgen sind. Häufig wird erwähnt, wie jung diese Männer sind, gerade mal um die Anfang 20, daß sie Heimat, Eltern, Ehefrau, Kinder vermissen. Dieser seltsame Zwiespalt zwischen dem Menschen, der einem gar nicht unsympathisch ist und dem Feind, der Teil der Besatzungstruppen und einer grausamen Macht ist, wird hier feinfühlig und vielfältig aufgezeigt. Es ist fazinierend zu sehen, daß die Deutschen manchmal gar nicht verstehen, warum ihnen keine echte Freundschaft entgegengebracht wird, also ob sie selbst vergessen, in welcher Rolle sie in diesem Dorf, diesem Land sind. Manchen ist es wohl bewußt und so wird von einem Deutschen darauf hingewiesen, daß es nach dem ersten Weltkrieg genau umgekehrt war und die Franzosen da nicht verstehen konnten, daß das besiegte Deutschland Groll gegen die Sieger hegte. So wird gut gezeigt, daß es meistens nicht die Menschen sind, die Feindschaft hegen, sondern es ihnen von ihren jeweiligen Ländern aufdiktiert wird. Berührend hier auch der Abzug der Besatzungssoldaten, die nach Russland abkommandiert werden - man weiß, was ihnen dort widerfahren wird, und sie ahnen es auch schon. Die einzelnen Schicksale zeigen auch gut, wie der Krieg Leute zusammenbringen kann, sie in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen aber dennoch oft an Krieg und Politik scheitern müssen.

Es hat Spaß gemacht, die verschiedenen Schicksale zu verfolgen, mit einigen Leuten mitzufiebern, die Situationen auf beiden Seiten zu sehen, dies in einer wundervollen, leichten Sprache, die gerade dadurch oft sehr eindringlich wirkt. Ein bemerkenswertes Buch, daß mich tief berührt hat.

Veröffentlicht am 03.02.2019

Informativ und gut geschrieben

Ostpreussen
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Es gelingt Andreas Kossert auch in dieser abgespeckten Version seines Buches, das Wesentliche über die ostpreussische Geschichte sehr gut zu vermitteln. Er hat einen angenehmen Schreibstil, zurückhaltend ...

Es gelingt Andreas Kossert auch in dieser abgespeckten Version seines Buches, das Wesentliche über die ostpreussische Geschichte sehr gut zu vermitteln. Er hat einen angenehmen Schreibstil, zurückhaltend und doch packend. Das Buch läßt sich leicht lesen und vermittelt Geschichte auf lebendige Weise.

Die Ursprünge und frühe Geschichte Ostpreussens sind hier sehr knapp gehalten, da hätte ich tatsächlich gerne etwas mehr gelesen, aber die Beck-Reihe ist ja bewußt als kurze Einführung in Themen gedacht. Mehr als die Hälfte des Buches widmet sich der Zeit des Dritten Reiches und der Nachkriegszeit. Im ganzen Buch gelingt Andreas Kossert eine gute Verbindung von großer Politik und dem alltäglichen Leben. Die geistigen Strömungen innerhalb des Landes, das von der bemerkenswerten geistigen Offenheit des 18. und 19. Jahrhunderts im 20. Jahrhundert in dumpfen Nationalismus verfiel und den Nazis begeistert den Weg freiräumte, sind gut geschildert, auch die Gründe hinter diesen Strömungen werden erläutert.

Die letzten Kriegsjahre und die Nachkriegszeit haben Ostpreussen und seiner Einwohner auf unglaubliche Weise gebeutelt. Nüchtern berichtet Kossert über ein grauenvolles Massaker an jüdischen Gefangenen noch im Januar 1945, den Grausamkeiten der sowjetischen Armee gegen die Zivilbevölkerung, den Ausgrenzugen, Vertreibungen, und "rassischen" Einstufungen im polnischen und russischen Teil Ostpreussens. Er nennt Zahlen und Vergleiche, die das Ausmaß des Grauens sehr verdeutlichen.

Im letzten Kapitel des Buches geht es um die Ostpreussen, denen ihre Heimat genommen wurden und die oft gar nicht einmal um sie trauern durften. Er läßt hier auch ehemalige Ostpreussen zu Wort kommen, zitiert Dönhoff, Lenz und andere. Dadurch wird auch die menschliche Seite beleuchtet, was mE zu einem umfassenden Geschichtswerk immer dazugehört.

All dies, die guten Informationen über Jahrhunderte ostpreussischer Geschichte, wichtige Hintergrundinformationen zum Verständnis, die Stimmen der Menschen, die dort lebten und vertrieben wurden, einen Überblick über Kultur, Kunst, Philosophie, immer neuer Kriegswirren, Krankheiten, Vertreibungen und noch mehr findet sich auf 121 Seiten. Es ist beeindruckend, wie gut so viele Informationen hier auf kleinem Raum verpackt wurden. Ein rundum informatives und angenehm zu lesendes Buch.

Veröffentlicht am 28.01.2019

Der tiefe Süden, in bezaubernder Sprache erzählt

Die Grasharfe
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Die Geschichte, die Capote in "Die Grasharfe" erzählt, ist ein wenig skurril. Collin wächst bei seinen Tanten auf, die in ihrem Wesen grundverschieden sind - die rationale, fast schon kalt wirkende, Verena, ...

Die Geschichte, die Capote in "Die Grasharfe" erzählt, ist ein wenig skurril. Collin wächst bei seinen Tanten auf, die in ihrem Wesen grundverschieden sind - die rationale, fast schon kalt wirkende, Verena, die ein gutes Auge für das Geldverdienen hat, und die weltfremde Dolly. Dolly verdient ein wenig Geld mit einer Kräutermedizin, Verena erkennt das Potential dieser Medizin und möchte sie im großen Stil vermarkten. Hier prallen die verschiedenen Lebensansichten der Schwestern aufeinander und Dolly verläßt mit Collin und ihrer Freundin Catherine das schwesterliche Haus und zieht in ein Baumhaus. Hier spielt sich nun allerlei ab, es kommt zu Begegnungen mit ihnen Wohlgesinnten aus dem Ort, leider aber auch immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den sogenannten respektablen Bürgern, die in Verenas Auftrag Dolly wieder zurückholen möchten.

Es sind gar nicht so sehr diese äußeren Geschehnisse, die das Buch so besonders machen, sondern die Charaktere, die sich hier entfalten. Capote erweckt sie alle ganz hervorragend zum Leben, flechtet Hintergrundinformationen über sie ein, ebenso wie kleine Details über Aussehen und Charakter - humorvoll, hintergründig, gelungen. So merkt man gerade bei den Hauptpersonen, wie vielschichtig sie sind. Da ist zum Beispiel Riley Henderson, der uns zuerst auf der Jagd begegnet, eine Kette blutiger Eichhörnchen um sich herum geschlungen, und so bei mir schon mal einen denkbar ungünstigen ersten Eindruck hinterläßt. Er wird von Collin mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung beschrieben und wirkt auf den Leser zuerst wie ein rauhbeiniger Egoist, aber schon schnell bemerkt man, daß hinter Riley viel mehr steckt und gerade er ist mir dann richtig ans Herz gewachsen. Der vom Leben enttäuschte Richter ist auch hervorragend gezeichnet, der alte Südstaatengentleman, unkonventioneller, als man denken würde, auf bezaubernd unschuldige Weise in Dolly verliebt. Dolly selbst, die zu Beginn arg beschränkt wirkt, sich aber auf eine entrückte Weise als durchaus lebensklug entpuppt.

Auch das kleine Südstaatenstädtchen wird bildhaft geschildert, man sieht sowohl die liebenswerten Leute mit den Werten des Alten Südens, wie auch die bigotten Rassisten, die jede Abweichungen von der Norm verteufeln und verfolgen. Schließlich entdecken wir sogar bei der fast im ganzen Buch recht vage gebliebenen kühlen Verena noch andere Seiten. Es macht Spaß, all diese Charaktere kennenzulernen und dazu schreibt Capote in einer wundervollen Sprache - elegant und humorvoll, scharfsinnig und poetisch. Es ist ein Genuß, eine solche Sprache zu lesen.

Veröffentlicht am 24.01.2019

Sprachgewaltiges Portrait von Gesellschaft und Freundschaft

Die Glut
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Der ungarische Titel dieses Buches, A gyertyák csonkig égnek, bedeutet übersetzt "Die Kerzen brennen bis zum Ende". Dies ist eigentlich der bessere Titel für dieses Buch, denn der Großteil der Handlung ...

Der ungarische Titel dieses Buches, A gyertyák csonkig égnek, bedeutet übersetzt "Die Kerzen brennen bis zum Ende". Dies ist eigentlich der bessere Titel für dieses Buch, denn der Großteil der Handlung (mehr ein Gespräch als Handlung) findet in einer Nacht statt, in der die Kerzen allmählich herunterbrennen.

Das Buch beschreibt eine Rückschau. Eine Rückschau auf eine untergegangene Zeit, die k.u.k. Monarchie, die Welt der Adligen, der Offiziere, der Ehre, des Verschweigens. Aber auch eine Rückschau auf eine Freundschaft und einen Betrug. All dies geschieht vor dem Ersten Weltkrieg und wird im Jahre 1942 in einer kammerspielähnlichen Situation betrachtet.

Der 75jährige ungarische General Henrik lebt alleine und zurückgezogen in seinem Schloß, erhält dann die Nachricht über den Besuch eines Freundes, den er seit über 40 Jahren nicht mehr gesehen hat. Man merkt, er hat seit über 40 Jahren auf diesen Besuch gewartet. Es gibt etwas zu klären, etwas Unangenehmes. Nach und nach blickt Henrik zurück auf die gemeinsame Jugend mit seinem guten Freund Konrád. In einer wunderbaren Sprache entfaltet sich vor uns die k.u.k.-Welt, die Ehe zwischen Henriks sehr verschiedenen Eltern, die Freundschaft zwischen dem privilegierten Henrik und dem aus verarmtem Adel stammenden Konrád. Beide jungen Männer werden Offiziere, Konrád paßt aus verschiedenen Gründen nicht in diese Welt und nach und nach merken wir auch, daß diese so gut erscheinende Freundschaft zwischen Henrik und Konrád viel komplizierter, tiefgründiger und teils ablehnender ist, als man denkt.

Allmählich, als werden Blätter von einer Blüte gepflückt, wird aufgedeckt, was damals alles geschah, was Konrád dazu veranlaßte, fast fluchtartig ins Ausland zu gehen, was Henrik zu seiner Zurückgezogenheit veranlaßte. Als Konrád zu seinem Besuch ankommt, verbringen die beiden jetzt alten Männer die Nacht mit den brennenden Kerzen damit, zu reden. Oder vielmehr, Henrik redet. Es ist ein langer Monolog, oft sehr weitschweifig, manchmal wiederholend. Die Sprache bleibt wundervoll, elegant, berührend.

Am Morgen sind die Kerzen heruntergebrannt, ist alles gesagt. Es bleibt einiges ungeklärt zwischen den beiden Männern, und doch ist es genau dadurch auch geklärt. Ein interessanter vielschichtiger Blick auf die verschiedenen Facetten von Freundschaft, Rache, Verzeihen, Sehnsucht. Sándor Márai konnte in seiner wundervollen Sprache eine untergegangene Welt auferstehen lassen, das Gefühl des Sterbens dieser Welt fast schmerzlich verdeutlichen. Ein wahres Lesevergnügen.

Veröffentlicht am 24.01.2019

Bemerkenswerte Recherche über ein deutsch-jüdisches Schicksal und die Macht der Versöhnung

Ein Akt der Vergebung
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In Düsseldorf-Oberkassel befindet sich der angenehme, recht unauffällige Werner-Pfingst-Platz. Ich habe bei meinem Besuch in Oberkassel den Namen des Platzes nicht bemerkt und hätte auch gar nicht gewußt, ...

In Düsseldorf-Oberkassel befindet sich der angenehme, recht unauffällige Werner-Pfingst-Platz. Ich habe bei meinem Besuch in Oberkassel den Namen des Platzes nicht bemerkt und hätte auch gar nicht gewußt, welch interessante Geschichte dahinter steckt. Zum Glück hat mir eine liebe Bekannte die Geschichte erzählt und mir dann dieses bemerkenswerte Buch geliehen. Werner Pfingst ist ein ehemaliger Einwohner Oberkassels, dem es zum Glück gelang, der Nazidiktatur rechtzeitig in die USA zu entfliehen. Leider war dieses Glück nicht all seinen Familienangehörigen vergönnt und so berichtet dieses Buch über viele deutsch-jüdische Schicksale, einige davon sehr tragisch, einige mit glücklichem Ende. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie die menschenverachtende Diktatur in eine deutsche Familie eingriff, sie auf ihr Jüdischsein reduzierte und sie dafür brutal verfolgte. Besonders beeindruckend ist es, daß dieses so sorgfältig recherchierte Buch die Arbeit dreier Gymnasialschülerinnen (der ehemaligen Schule Werner Pfingsts), eines Lehrers und eines Polizeibeamten ist. Unglaublich, was diese ungewöhnliche Kooperation an interessanten Fakten entdeckt und so gelungen in Buchform gebracht hat.

Das Buch beginnt mit der Lebensgeschichte des Vaters von Werner Pfingst, berichtet über dessen beruflichen Aufstieg und das Familienleben, welches bereits vom 1. Weltkrieg durcheinandergewirbelt wurde. Man lernt nach und nach die sechs Kinder der Familie kennen, Werner und seine fünf Schwestern. Auch interessante Fakten über historische Hintergründe, das Stadtleben (damals noch in einer Stadt in Ostpreußen, später in Düsseldorf), die Lebensumstände einer gutbürgerlichen, finanziell gut dastehenden Familie werden anschaulich dargestellt. Jeder Fakt ist mit einer Fußnote belegt und zeigt, wie sorgfältig recherchiert wurde, wie viele Dokumente gesichtet wurde. Es muß eine unglaubliche Arbeit gewesen sein und es hat mich tief beeindruckt, daß Schülerinnen soviel Zeit und Enthusiasmus in diese interessante Projekt gesteckt haben.

Der allmählich immer engere Griff der Nazidikatur und die wachsenden Einschränkungen der Familie werden eindrücklich beschrieben. Auch wenn man die historischen Fakten kennt, ist es beklemmend, sie an konkreten Personen dargestellt zu sehen. Die vielfältigen Wege der Pfingst-Kinder (zu dem Zeitpunkt junge Erwachsene), mit den Einschränkungen umzugehen und Emigrationsmöglichkeiten zu finden, sind interessant zu verfolgen. Es gibt viele Zitate aus damaligen Schriftstücken, wie zB Werner Pfingsts Zulassungsgesuch zum Abitur oder auch aus Emails seiner Tochter, die für dieses Buch befragt wurde. Dadurch wird gerade Werner Pfingst sehr lebendig, man lernt ihn gut kennen. Er macht 1933 Abitur und es ist auch sehr interessant, über das damalige Schulsystem zu lesen, allgemeine Hintergründe zu erfahren.

Das Kapitel über die Familienmitglieder, die dem Holocaust zum Opfer fallen, ist beklemmend. Auch hier wird die Angst, die immer größer werdende Gefahr, aber auch die gelegentliche Hilfsbereitschaft gut geschildert, ebenfalls wieder in einer gelungenen Kombination mit allgemeinen historischen Hintergründen und Zeitzeugenberichten.

So verfolgt man die Schicksale der Familie Pfingst, einer ganz normalen deutschen Familie, deren Leben durch die abscheuliche Diktatur gänzlich aus dem Normalen herausgerissen wurde. Obwohl Werner Pfingst unter der Diktatur selbst gelitten und zudem noch mehrere Familienmitglieder verloren hat, tritt er bei einem Besuch in Düsseldorf in den 60er Jahren seinen ehemaligen Schulkameraden offen und freundlich gegenüber - es werden alte Freundschaften gefestigt und neue begründet. Dies wird im Buch mit einem sehr schönen Satz beschrieben: "Aus einer alten Schulfreundschaft zweier Jungen ist eine Verbindung der Völkerfreundschaft geworden."

So ist dieses in zugänglichem angenehmem Stil geschriebene Buch, mit reichhaltigem Unterlagen- und Fotomaterial eine sehr lesenswerte Lektüre, die zeigt wie sich Geschichte auf Menschen auswirkt, wie sie damit umgehen, leider manchmal auch daran zerbrechen. Es ist auch ein Beispiel für die bemerkenswerte Größe von Werner Pfingst und der Macht der Vergebung. Zum Abschluß ein Zitat aus dem Buch: "Denn seine jüdische Familie hatte im Krieg einen schrecklichen Blutzoll unter dem verbrecherischen Regime zahlen müssen. Pfingst hätte Gründe genug gehabt, sich ganz anders zu verhalten. Er hat sich aber für Milde entschieden."