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Veröffentlicht am 17.02.2019

Ein Buch mit Nachhall

Loyalitäten
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Es gibt Bücher, die man, durchaus mit großem Unterhaltungswert, einfach so ‚wegliest‘, und es gibt Bücher, die noch lange, nachdem man sie zugeschlagen hat, in einem nachwirken. Delphine de Vigans „Loyalitäten“ ...

Es gibt Bücher, die man, durchaus mit großem Unterhaltungswert, einfach so ‚wegliest‘, und es gibt Bücher, die noch lange, nachdem man sie zugeschlagen hat, in einem nachwirken. Delphine de Vigans „Loyalitäten“ zählt für mich eindeutig zu letzteren: ein Roman, dessen Nachhall ich noch lange spüren werde.

Théo ist 12 Jahre alt, still und in sich gekehrt, Scheidungskind – und Trinker. Sein einziger Freund Mathis macht anfangs mit, hält ihre heimlichen Ausflüge in ihr Geheimversteck für ein Abenteuer, eine Mutprobe, einen Streich. Doch schon bald bemerkt Mathis, dass das Trinken für Théo weit mehr ist. Ohne Halt, zerrissen zwischen seiner verbitterten Mutter und seinem vereinsamten, zunehmend alltagsunfähigen Vater, ist der Alkohol Théos einziger Weg, seiner Lebenswirklichkeit zu entfliehen: „Es ist eine Wärmewelle, die er nicht zu schreiben weiß, brennend, versengend und schmerzlich und tröstlich zugleich (…)“, denn „nach einigen Minuten explodiert etwas in seinem Hirn“. Théo hat nur ein Ziel: „Eines Tages möchte er gern das Bewusstsein verlieren, völlig. Sich für ein paar Stunden oder für immer in das dicke Gewebe der Trunkenheit fallen, sich davon bedecken, begraben lassen, er weiß, dass so etwas vorkommt.“

Den beiden Jungen stellt die Erzählerin zwei erwachsene Frauen gegenüber: Hélène, Théos und Mathis‘ Lehrerin, und Cécile, Mathis‘ Mutter. Die eine möchte dem in sich gekehrten Jungen helfen, doch sie kommt nicht recht an ihn heran. Die andere sieht in Théo eine Bedrohung für ihren eigenen Sohn, einen schlechten Einfluss, vor dem sie Mathis beschützen will. Gleichzeitig haben beide Frauen ihre eigenen, tiefgreifenden Probleme. Hélène fühlt sich durch Théo an ihr eigenes, bis heute nachwirkendes Kindheitstrauma erinnert, Cécile macht eine Entdeckung, die ihr Weltbild ins Wanken bringt.

Trotz des relativ geringen Umfangs – der Roman umfasst gerade einmal gut 170 Seiten – ist Delphine de Vigan ein wirklich großes Werk gelungen. Es mag hauptsächlich und vordergründig um Loyalitäten bzw. deren Bruch gehen, wie der Titel und die der Handlung vorangestellten Definitionen suggerieren. Doch daneben handelt der Roman von Verantwortung und ihren Grenzen, vom Hin- und Wegsehen, von der Frage nach Angriff oder Flucht. Er wirft die Frage auf, wie ‚erwachsen‘ Kinder sein müssen oder überhaupt können und in wie vielen Erwachsenen ein verletztes, unsicheres, trauriges Kind weiterlebt.

Der besondere Reiz dieses Buches lag für mich nicht zuletzt in Delphine de Vigans Art zu erzählen. Ihre Sprache ist nüchtern, beobachtend, beschreibend, und ebendiese Schnörkellosigkeit traf mich – ich muss zu dieser abgedroschenen Metapher greifen – mitten ins Herz. Überdies wechselt sie entsprechend der jeweiligen Figur, die im Fokus steht, die Perspektive zwischen auktorialem und personalem Erzähler. Die Théo und Mathis betreffenden Kapitel sind in der dritten Person geschrieben, die auf Hélène und Cécile bezogenen in der ersten Person: die einen sind Subjekt und Agens, die anderen Objekt und Patiens – doch dankenswerterweise ist de Vigan eine zu talentierte Erzählerin und ihr Roman zu vielschichtig und feinsinnig, als dass die Figuren in plumper Schwarzweißmalerei oder einem allzu offensichtlichem Täter-Opfer-Schema versumpfen. Ein bemerkens- und lesenswertes Buch!

Veröffentlicht am 30.03.2026

Die Neuerfindung des Tagebuchromans

Abglanz
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Halte dein Handy bereit – und vergiss spätestens beim letzten Drittel nicht, zu atmen.
Diese beiden Ratschläge hätte ich mir gern selbst gegeben, bevor ich mit der Lektüre von Niko Stoifbergs „Abglanz“ ...

Halte dein Handy bereit – und vergiss spätestens beim letzten Drittel nicht, zu atmen.
Diese beiden Ratschläge hätte ich mir gern selbst gegeben, bevor ich mit der Lektüre von Niko Stoifbergs „Abglanz“ begann: das Handy, um die zahlreichen tibetischen Thangkas in ihrer tradierten Ausführung sofort zu googeln; das Atmen, weil es zum Ende hin so aufregend wird. – Doch worum geht es überhaupt?

Im Mittelpunkt des Romans steht die Ich-Erzählerin Selin. Und für sie läuft es zu Beginn überhaupt nicht gut: Sie fristet ihre Tage als frustrierte Grafikerin für mäßig spannende Projekte, obwohl sie sich als Künstlerin versteht. Ihr Lebensgefährte interessiert sich mehr für die Herausgabe seines Lifestyle-Magazins als ihre Bedürfnisse, der Kinderwunsch will sich nicht erfüllen, und jetzt ist sie auch noch seelisch so angeschlagen, dass einzig eine Kombination aus Gesprächstherapie und Psychopharmaka sie die depressive Düsternis, die ihr Leben bestimmt, ertragen lässt. Doch dann erscheint ein unvermuteter Hoffnungsschimmer am bleichen Horizont ihres Daseins: Ihr Freund plant, die Bilder einer bislang unbekannten tibetischen Künstlerin namens Nima zu publizieren. Und Selin, die ebenso talentierte wie unentdeckte Malerin, beschließt kurzerhand, in deren Rolle zu schlüpfen – mit einer schier überwältigenden Resonanz. Mit einem Mal wendet Selins Schicksal sich ins Helle, Lichte, Glänzende. Doch dann meldet sich die echte Nima …

Mit „Abglanz“ ist Niko Stoifberg nichts Weniger als die Neuerfindung des Tagebuchromans gelungen (die Details möchte ich an dieser Stelle nicht spoilern), und das mit einer überzeugenden Protagonistin, einem tragfähigen Plot und einem bemerkenswerten Erzählstil, der uns die Befindlichkeit und Entwicklung seiner Ich-Erzählerin mit jeder Zeile nachfühlen lässt: teilweise herrlich rotzig, gleichzeitig verletzlich und sensibel; bisweilen überfordert und überwältigt, dann wieder optimistisch und glücklich. Mein einziger Kritikpunkt, der allerdings meinem persönlichen Leseempfinden geschuldet ist: Für mich hätte der Roman gerade am Anfang gern ein wenig straffer erzählt werden dürfen, doch das ist mein persönlicher Geschmack und tut dem Leseerlebnis insgesamt keinen Abbruch. Deshalb: große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 16.12.2025

Ein sensibler, kluger Roman

Wovon wir leben
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„… alles, was uns nicht umbringt, ist nicht der Rede wert.“ (58)

Was ist es, wovon wir tatsächlich leben – Luft und Liebe? Wasser und Nahrung? Ein warmes Bett und ein Dach über dem Kopf? Freunde und Familie? ...

„… alles, was uns nicht umbringt, ist nicht der Rede wert.“ (58)

Was ist es, wovon wir tatsächlich leben – Luft und Liebe? Wasser und Nahrung? Ein warmes Bett und ein Dach über dem Kopf? Freunde und Familie? Oder vielleicht müsste man die Frage anders stellen: Was macht das Leben, das wirkliche, echte Leben eigentlich aus? Diese Fragen und noch viele mehr begleiteten mich nach der Lektüre von Birgit Birnbachers klugem, sensiblem Roman „Wovon wir leben“.

Der Inhalt ist rasch erzählt: Julia verliert wegen eines aus Unachtsamkeit begangenen Fehlers ihren Job, um ihre Gesundheit steht es nicht zum Besten, und ihre Liebesbeziehung ist von Vornherein zum Scheitern verurteilt. In dieser desolaten Lage kehrt sie zurück in ihr Heimatdorf (ausgerechnet!), zurück ins Elternhaus, zum wortkargen Vater und zu grau getünchten Erinnerungen. Von der Mutter ist keine Unterstützung zu erwarten, sie hat sich kürzlich emanzipiert und ist auf und davon. Einzig Oskar, der Kurgast, der ebenso versehrt zu sein scheint wie Julia, vermag ihr ein wenig Trost zu spenden. Und vielleicht auch mehr?

Zugegeben: Es könnte der Plot einer jener pastelligen, zuckerverkrusteten Romane sein, in denen die Protagonistin sich aus den Unbilden herauskämpft, um mit strahlenden Augen und erhobenen Hauptes einem goldglänzenden Neuanfang entgegenzuschreiten – wenn die Geschichte nicht von einer so überragenden Autorin wie Birgit Birnbacher erzählt würde. Unaufgeregt und mit großer Klarheit zeigt sie ebenso subtil wie eindringlich, was das Leben als solches ausmacht. Es sind die vielstimmigen Zwischentöne, die die Melodie der Erzählung tragen. Es geht um Freiheit und Verantwortung, um Würde und Selbstbestimmung – kurz: Es geht um nicht weniger als das Leben und was es ausmacht.

„Wovon wir leben“ ist ein Roman, der gerade durch seine Stille lange nachklingt. Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Ein literarisches Denkmal

Ruhrgemüse, polnisch
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Es sind große Hoffnungen und genügsame Träume, die Zuzanna und Adam Koszyński Ende des 19. Jahrhunderts aus ihrer Heimat Westpreußen ins ferne Ruhrgebiet treiben. Hier, im Industrie-strotzenden Dortmund, ...

Es sind große Hoffnungen und genügsame Träume, die Zuzanna und Adam Koszyński Ende des 19. Jahrhunderts aus ihrer Heimat Westpreußen ins ferne Ruhrgebiet treiben. Hier, im Industrie-strotzenden Dortmund, wollen sie wie so viele ihrer Landsleute den Schritt in ein neues, ein besseres Leben wagen.

Adam findet rasch Arbeit in der Maschinenfabrik, Zuzanna kümmert sich um das Häuschen und die kleine Tochter Ania, die man flugs in Anja umbenennt – so klingt’s doch gleich deutscher! –, desgleichen wird verräterische Nachname Koszyński alsbald in Kosshofer geändert. Denn: „Mit -ski ist’s schon aus! Ja, mit -ski bist du der dumme, dreckige Pole, der noch in Erdhütten lebt.“ (S. 34)

Es könnte alles in allem ein vielversprechender Neuanfang werden, wenn – ja, wenn Adam nicht einen schweren Arbeitsunfall erlitte und das bescheidene Auskommen der kleinen Familie auf dem Spiel stünde. Wenn den „Ruhrpolen“, so begehrt und benötigt ihre Arbeitskraft auch sein mochte, nicht allenthalben mit Vorurteilen, Herablassung, Ressentiments begegnet würde. Und wenn da nicht diese innere, seelische, inkurable Zerrissenheit wäre, die ein Abschließen mit der einen Identität und ein Ankommen in der Neuen so furchtbar schwierig machte … Doch Adam und Zuzanna lassen sich nicht unterkriegen. Mit einer ebenso bewunderns- wie liebenswerten Mischung aus Beharrlichkeit und Stoizismus trotzen sie den Widrigkeiten und Unbilden, erfreuen sich an der stetig wachsenden Nachkommenschaft und ergreifen beherzt Gelegenheiten beim Schopfe. Sie bahnen sich unbeirrt ihren Weg – und ebnen ihn für ihre Kinder und Enkel.

Mit „Ruhrgemüse, polnisch“ spürt Birgitta M. Schulte den Wurzeln ihrer eigenen Familie nach und nimmt ihre Leserschaft mit in eine Zeit, die im Grunde genommen gar nicht so lange her ist – und doch in einer vollkommen anderen Welt zu spielen scheint. Über einen Zeitraum von knapp vierzig Jahren begleiten wir Zuzanna, Adam und ihre Nachkommen bei ihren alltäglichen Sorgen und Freuden, Herausforderungen und Chancen, die scheinbar so klein und privat, tatsächlich aber kultur- und epochenumspannend sind. Denn diese vier Jahrzehnte von 1893 bis 1931 sind eine Zeit größter Umwälzungen, sodass die Familiengeschichte der Koszyński/Kosshofers gleichzeitig ein Stück Industrie- und Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte widerspiegelt.

„Ruhrgemüse, polnisch“ ist ein besonderer Roman, den ich ganz besonders all jenen ans Herz legen möchte, die (wie ich) polnische Wurzeln haben und in der Erzählung ein kleines – oder auch größeres – bisschen ihre eigene Familie wiederfinden.

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Veröffentlicht am 06.02.2025

Eine gelungene Hommage an die Queen of Crime und ihre entzückendste Ermittlerin

Miss Marple
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Agatha Christies Miss Marple – hat man von der ebenso reizenden wie scharfsinnigen alten Dame nicht schon alles gelesen? Mitnichten! Die zwölf Kriminalgeschichten dieser wunderbaren „Miss Marple“-Anthologie ...

Agatha Christies Miss Marple – hat man von der ebenso reizenden wie scharfsinnigen alten Dame nicht schon alles gelesen? Mitnichten! Die zwölf Kriminalgeschichten dieser wunderbaren „Miss Marple“-Anthologie sind, wie der Untertitel verkündet, tatsächlich neu. Denn sie stammen nicht von Agatha Christie selbst, sondern von zwölf Bestsellerautorinnen – darunter Ruth Ware, Lucy Foley und Val McDermit –, die die reizende Hobbydetektivin fünfzig Jahre nach ihrem letzten Fall wieder aufleben lassen. Zugegeben, an einigen (allerdings sehr wenigen) Stellen hört man heraus, dass sie nicht aus der Feder der unangefochtenen Queen of Crime selbst stammen. Doch bei mir überwog bei Weitem die Verblüffung und Begeisterung darüber, wie gut die meisten von ihnen Agatha Christies unverwechselbaren Erzählton treffen. Eine gelungene Hommage!

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