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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.03.2019

Außergewöhnlich

Eine Frau bei 1000°
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Eine außergewöhnliche Geschichte: Herbjörg - körperlich verfallen, aber geistig top-fit - nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise durch ihr Leben. Sie ist eine sehr ungewöhnliche Protagonistin, was ...

Eine außergewöhnliche Geschichte: Herbjörg - körperlich verfallen, aber geistig top-fit - nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise durch ihr Leben. Sie ist eine sehr ungewöhnliche Protagonistin, was sie für mich aber besonders sympathisch gemacht hat. Den Schreibstil finde ich toll, er ist sehr direkt und frech. Die sarkastische Darstellung hat aber auch dazu geführt, dass ich erst ein bisschen mit Herbjörg warm werden musste, da Sarkasmus immer eine gewisse Distanz zu den Ereignissen erzeugt. Ich habe mich zwar von Anfang bis Ende wirklich sehr gut unterhalten gefühlt, jedoch konnte ich erst nach circa einem Fünftel des Buches wirklich mit Herbjörg mitfiebern und eine gewissen "emotionale Bindung" zu der Figur aufbauen.

Generell ließ sich das Buch sehr gut lesen. Wenn mal nicht so viel Zeit war, konnte ich schnell zwischendurch ein paar der kurzen Kapitel lesen. Die Geschichte ist in "mundgerechte Happen" aufgeteilt. Herbjörg wechselt mühelos zwischen Erlebnissen aus ihrer Vergangenheit und ihrer aktuellen Sitauation in der Garage. Diese Erzählweise gefiel mir sehr gut, weil dadurch kein langweiliger chronologischer Abriss ihres Lebens entstand. Die Länge der einzelnen Geschichten fand ich zum Großteil gelungen, nur über ein paar Episoden aus ihrem Leben hätte ich gerne mehr erfahren, weil ich sie besonders interessant fand. Im Großen und Ganzen ist "Eine Frau bei 1000°" jedoch sehr gelungen.

Veröffentlicht am 18.03.2019

Anspruchsvoll

Das Haus der Rajanis
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Alon Hilus "Das Haus der Rajanis" ist einer der ungewöhnlichsten Romane, die ich seit langem gelesen habe. Der Autor lässt den Leser ins Palästina des ausgehenden 19. Jahrhunderts eintauchen. Dabei verwendet ...

Alon Hilus "Das Haus der Rajanis" ist einer der ungewöhnlichsten Romane, die ich seit langem gelesen habe. Der Autor lässt den Leser ins Palästina des ausgehenden 19. Jahrhunderts eintauchen. Dabei verwendet er eine sehr pompöse Sprache, die heutzutage (genauso wie die abweichende Satzstellung) eher ungebräuchlich ist. So hat es ein bisschen gedauert, bis ich mich eingelesen habe. Doch dann haben sich Sprache und Geschichte wunderbar zu einem Gesamtwerk ergänzt, zumal - nach Angaben im Vorwort - die Ausdrucksweise aus der handelnden Zeit wohl ziemlich authentisch ist.

Der Leser trifft zunächst auf zwei unterschiedliche Protagonisten. Da ist zum einen der jüdische Auswanderer Isaac, der eine unerfüllte Ehe mit seiner Frau Ester führt. Zum anderen ist da Salach, ein arabischer Junge mit blühender Fantasie, der Geschichten schreibt und depressiv zu sein scheint. Beide Ich-Erzähler treffen zufällig aufeinander und nach dem ursprünglichen Sichtkontakt läd Salachs Mutter Afifa Issak zu sich nach Hause ein - eben in das titelgebende Haus der Rajanis. Isaac wird eine Art Vaterfigur für Salach und beginnt mit Afifa eine heimliche Affaire. Doch in beiden Beziehungen treten bald Komplikationen auf, die sich zu handfesten Dramen entwickeln...

Auch wenn nicht extra gekennzeichnet wird, welcher Abschnitt von dem Jungen und welcher von dem Mann erzählt wird, kommt keine Verwirrung auf. Es ist immer eindeutig, wer gerade spricht. Interessant ist es, ein und dasselbe Ereignis aus beiden Perspektiven zu sehen - die Erzählungen sind da mitunter sehr anders. Da fragt man sich, ob Isaac seine Erzählungen in seinem Tagebuch beschönigt, um besser vor sich selbst dazustehen, oder ob Salachs Fantasie mit ihm durchgeht und er die Dinge drastischer schildert, als sie sind. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Besonders spannend ist es auch, wenn einer die Welt des anderen durch seine Augen betrachtet und beschreibt, beispielsweise wenn Salach das jüdische Viertel besucht. So bekommt man einen interessanten Einblick, was ruhig noch öfter hätte passieren können. Die immer wieder eingesträuten arabischen Begriffe geben dem Ganzen noch eine weitere Dimension.

Insgesamt eine fesselnd erzählte Geschichte, die den beginnenden Konflikt zwischen Juden und Arabern in Palästina, dem heutigen Israel, aufgreift und über die Einzelschicksale von Isaac und Salach betrachtet. Da das ganze sehr aus der persönlichen Sicht der beiden erzählt wird, ist natürlich die Frage, wie allgemeingültig alles ist. Auch wenn die Geschichte über 100 Jahre in der Vergangenheit liegt, ist sie nach wie vor brandaktuell.

Veröffentlicht am 18.03.2019

Seifenoper in Buchform

Die Woll-Lust der Maria Dolors
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Dolors hat nicht nur selbst eine wilde Vergangenheit, auch ihre Familie ist alles andere als gewöhnlich. Hier kommt alles gleichzeitig: Homosexualität, Magersucht, Mord und Affairen. Mehr als genug Potential ...

Dolors hat nicht nur selbst eine wilde Vergangenheit, auch ihre Familie ist alles andere als gewöhnlich. Hier kommt alles gleichzeitig: Homosexualität, Magersucht, Mord und Affairen. Mehr als genug Potential für Herzschmerz, Konflikte und Unglück. So sieht das Familienleben auch sehr bewegt aus - an manchen Stellen ein bisschen zu bewegt, um noch glaubhaft zu sein. Da rutscht die ein oder andere Episode doch sehr ins klischee- und seifenopernhafte ab. Vor allem die Enthüllung von Dolors großem Geheimnis war mir ein bisschen zu weit her geholt.

Bis auf diese kleinen Ausnahmen haben mir aber vor allem die Charaktere gut gefallen. Auch wenn nicht alle sympathisch sind, werden sie detaillreich gezeichnet. Die meisten machen auch eine Entwicklung durch, was natürlich immer spannender ist als statische Figuren.

Blanca Busquets springt beim Erzählen mühelos von der Zukunft in die Vergangenheit und wieder zurück, ohne dass es den Leser verwirrt. Den Schreibstil habe ich als angenehm und kurzweilig empfunden, das Buch lies sich leicht lesen. Durch diese Darstellungsweise hatte ich beinahe das Gefühl, selbst in Dolors' Kopf zu sein und ihren Gedankenstrom zu verfolgen - tolle Idee und sehr schön umgesetzt. Rührend fand ich auch den Epilog. Nachdem wir das ganze Buch über alle Charaktere nur aus Dolors Sicht betrachtet haben, kommen die nach ihrem Tod erstmals selbst zu Wort und können ihre innersten Gedanken selbst ausdrücken - da ist auch die ein oder andere Überraschung dabei...

Gelungen finde ich auch die Umsetzung des "Woll-Themas". So wie sich Dolors beim Stricken von Masche zu Masche hangelt, mal gut vorwärts kommt und mal Fehler macht, genauso so wird auch die Geschichte erzählt - stückchenweise und mit all den persönlichen Macken und Eigenarten der Handelnden. Konsequent passen auch die Kapitelüberschriften und die Gestaltung zum Thema Stricken und Wolle.

Veröffentlicht am 11.02.2019

12 fesselnde Kurzgeschichten rund um die Herausforderungen zwischenmenschlicher Beziehungen

Cat Person
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Die Titelgeschichte "Cat Person" habe auch ich mit Begeisterung gelesen, als sie auf der Website des New Yorker erschien. In dieser Kurzgeschichten-Sammlung ist sie für mich immer noch der Höhepunkt. Kristen ...

Die Titelgeschichte "Cat Person" habe auch ich mit Begeisterung gelesen, als sie auf der Website des New Yorker erschien. In dieser Kurzgeschichten-Sammlung ist sie für mich immer noch der Höhepunkt. Kristen Roupenian fasst hier einige der Herausforderungen des modernen Datings äußerst treffend zusammen: In der Geschichte um Margot und Robert, die ein gemeinsames Date auf ganz unterschiedliche Weise erleben, drückt sie Unsicherheiten, die unbegründeten Annahmen, die man über gerade kennengelernte Menschen trifft, und Ängste sehr lebensnah und nachvollziehbar aus.

Weitere Storys gehen ähnlich wie die Titelgeschichte kritisch mit der Dynamik zwischen den Geschlechtern um. "Look at Your Game, Girl" erzählt beispielsweise auf wirklich gruslige, aber nachvollziehbare Weise, wie sich ein älterer Mann an eine Jugendliche heranmacht und mit welchen inneren Gefühlen sie dabei kämpft. In "Ein netter Typ" beschreibt Roupenian hingegen den klassischen selbsternannten "nice guy", der alles andere als nett ist, sondern sich selbst in eine Opferrolle drängt und damit sein schlechtes Verhalten sich selbst gegenüber rechtfertigt. Diese Persönlichkeitstypen beschreibt die Autorin unglaublich genau und lebensecht.

Einige der weiteren Kurzgeschichten dieser Sammlung sind für mein Empfinden zum Teil etwas abgehobener. Da geht es unter anderem um eine Frau mit Beißfetisch und es gibt eine Allegorie über eine extrem selbstverliebte Prinzessin, die im Märchen-Stil verfasst wurde.

Alle Erzählungen drehen sich im weitesten Sinne um zwischenmenschliche Beziehungen und ihre besonderen Herausforderungen. Dieses Thema beleuchtet die Autorin auf unglaublich vielfältige und tiefsinnige Weise. Manchmal konnte ich die Gedankengänge und Handlungen der Protagonisten nachvollziehen, manchmal nicht. Zum Nachdenken angeregt hat das Buch aber allemal. Ein kurzweiliges, aber sehr intensives Leseerlebnis!

Veröffentlicht am 16.01.2019

Wenig Handlung, viel Gefühl

Der Wald
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Fasziniert hat mich an diesem Roman vor allem der Stil. Besonders der kleine Pawel, dessen Gedanken ziemlich authentisch wirken, hat eine lebendige Fantasie. Er fühlt alles Erlebte äußerst intensiv, was ...

Fasziniert hat mich an diesem Roman vor allem der Stil. Besonders der kleine Pawel, dessen Gedanken ziemlich authentisch wirken, hat eine lebendige Fantasie. Er fühlt alles Erlebte äußerst intensiv, was sich hervorragend in der poetischen Sprache widerspiegelt. Hier hat die Autorin wirklich Schönes geschrieben.

Die Geschichte gliedert sich in drei ziemlich unterschiedliche Phasen:
Zunächst erzählt die Autorin von dem Leben von Pawels Familie in Polen während des Zweiten Weltkriegs. Die Angst des Jungen, der Verlust der Angestellten, die ständig ins Haus eindringenden Kriegsgeräusche oder die Nahrungsmittelknappheit: Das wirkt oftmals eindringlich und äußerst packend. Viele Details lassen die Szenen lebendig werden. Gleichzeitig hätte dieser Teil von mir aus ruhig etwas gekürzt werden können. Die Handlung bewegt sich nur schleppend vorwärts, da vor allem Pawel das Haus natürlich selten verlassen darf. So lässt sich für den Jungen (und damit auch für den Leser) nur erahnen, was draußen gerade passiert.

Im zweiten Teil haben sich Pawel und seine Mutter Zofia vor den Nazis in einer Scheune im Wald versteckt. Sie bestechen die Besitzerin Baba, um hier mehr schlecht als recht versteckt leben zu können. Der Abstieg von der wohlsituierten Familie mit Angestellten zu einem Leben mit dem absolut Nötigsten beeinflusst auch die Mutter-Sohn-Beziehung sehr. Einerseits sind sich beide durch das fehlende Kindermädchen näher. Gleichzeitig weiß gerade die Mutter oft nicht richtig mit der Nähe umzugehen. Pawel wendet sich daher verstärkt Baba zu, die ihm vom Farbenmischen bis zum Gemüseanbau viel beibringt.

Im dritten Teil begegnen wir nun dem erwachsenen Pawel, der sich in seiner neuen Heimat England Paul nennt. Hierher ist er mit seiner Mutter geflohen. Durch den riesigen Zeitsprung wirkt der letzte Teil beinahe wie ein neues Buch. Nach und nach wird jedoch klar, wie die Kriegserlebnisse die beiden Protagonisten auch Jahrzehnte später noch beeinflussen. Vor allem Babas Einfluss merkt man Pauls Lebensgeschichte an.

Da die Handlung eher dünn ist, spielt sich vieles in den Köpfen der Charaktere ab. Die Autorin gibt vor allem Pawel/Paul ein reiches Innenleben. Manchmal hätte ich mir trotzdem ein bisschen mehr Handlung gewünscht, aber im Großen und Ganzen hat mich der Roman sehr bewegt.