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Veröffentlicht am 28.04.2019

Mäxchen und seine Oma

Der Zopf meiner Großmutter
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Das sind nur zwei Akteure innerhalb dieses sonderbaren, dabei ausgesprochen intensiven Familiengefüges - aber die beiden wichtigsten. Denn Max, zunächst Kind, dann Teenager, erzählt diese absolut ...

Das sind nur zwei Akteure innerhalb dieses sonderbaren, dabei ausgesprochen intensiven Familiengefüges - aber die beiden wichtigsten. Denn Max, zunächst Kind, dann Teenager, erzählt diese absolut wahnwitzige Geschichte aus seiner Perspektive und seine Grossmutter ist diejenige, um die sich alles dreht und wendet. Und auch die, die alles bewegt. Da sorgt sie schon selbst für.

Wenn sie tatsächlich exisiteren würde und ich mich in ihrem Dunstkreis befände, würde ich sie möglicherweise manchmal hassen, aber ich lese wahnsinnig gern über sie: Max' Großmutter sprengt alle Dimensionen des Vorstellbaren. Und zwar in jeder Hinsicht! Denn so taktlos und übergriffig ihr Verhalten auch fast immer ist, sie verfügt ohne Zweifel über ein riesengroßes Herz. Auch wenn man das nicht immer merkt, nicht zuletzt, weil sie es nicht für jeden öffnet. Denn wo käme man dann wohl hin!

Doch in dem Moment, als ihre Familie zusammenzubrechen droht, vor allem, weil ihr Mann sich einer anderen zuwendet, geht sie ganz besondere Wege, um das Gefüge zusammenzuhalten und neu zu justieren. Gerade sie, die in anderen Situationen nicht alle in ihrer Familie halten konnte. Oder wollte.

Einmal mehr hat Alina Bronsky - nach dem wunderbaren "Baba Dunjas letzte Liebe" - einen kleinen Roman mit großem Inhalt geschaffen: wieder schreibt sie spritzig, tragikomisch, rührend, absurd, bewegend, liebevoll und stellenweise auch erschrecken und abstoßend - vor allem aber unglaublich originell. Und wenn es ein Museum für Romanhelden gäbe - jede einzelne ihrer Figuren wäre es wert, darin ausgestellt zu werden. Sie ist die einzige mir bekannte Autorin, die es vermag, mit wenigen Worten einen blumigen, ja wilden Stil zu kreieren und das ist eine Kunst, die man nicht lernen kann - sie ist tief in einem drin verwurzelt - so wie Max und seine Familie es in ihrer neuen Heimat Deutschland nie sein werden. Oder doch?

Man muss ein bisschen nachdenken, um im Handlungsverlauf die Fäden zusammenziehen zu können, denn man ist als Leser immer an Max' Seite, der längst nicht alles sofort begreift und dem noch viel weniger erzählt wird - und der auf der anderen Seite schon früh eine erschreckend wache Auffassungsgabe vorweisen kann, aber ohne wäre er in dieser Familie nicht weit gekommen!

Wenn in "Baba Dunja" Verwurzelung das zentrale Thema war, dann ist es hier Entwurzelung, Neubeginn, Selbstfindung - wählen sie eines davon oder auch alle zusammen. Ja, auch bei Alina Bronsky ist es nicht immer so eindeutig wie bei Baba Dunja, hier muss sich nicht nur Max nach der Auswanderung aus Russland neu orientieren, nein, auch der Leser muss für sich selbst zunächst einmal jeden Akteur und jedes Ereignis richtig platzieren und einordnen: Dann wird auf einmal alles sonnenklar und die Tragik wie auch der Humor können in ihrer Gesamtheit erst voll erfasst werden. Und man bekommt eine Ahnung davon, was der Begriff "russische Seele" so alles beinhalten kann.

Mal wieder ein ganz besonderer Roman von Alina Bronsky - wenn es ein Lied wäre, würde ich sagen, es hätte Folk-Elemente - oder kann man diesen Begriff auch auf Literatur verwenden? Auf Alina Bronsky passt er auf jeden Fall genau!

Wenn also - bspw. für eine Bahnfahrt - eine nicht allzu ausführliche, dabei aber genussintensive Lektüre gewünscht wird, dann ist dieses Büchlein aus meiner Sicht genau das Richtige - wie auch in Phasen leichter Trübsinnigkeit, in die kein platter Humor passen würde. Da ist die diesen Roman durchdringende Tragikomik genau das Richtige! Ein Roman, den ich nicht so schnell vergessen werde und der mich besonders berührt hat!

Veröffentlicht am 19.04.2019

Liebe Kinder, weniger liebe Eltern

Liebes Kind
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Lena hat jahrelang mit ihrem Mann und ihren Kindern Hannah und Jonathan in einer fensterlosen Hütte im Wald gelebt - bis sie ihn umbringt und zusammen mit beiden Kinder fliehen kann. Und dann ...

Lena hat jahrelang mit ihrem Mann und ihren Kindern Hannah und Jonathan in einer fensterlosen Hütte im Wald gelebt - bis sie ihn umbringt und zusammen mit beiden Kinder fliehen kann. Und dann gibt es einen Unfall: Lenas Eltern, die sie seit 14 Jahren vemisst haben, kommen ins Krankenhaus und sehen, dass die Verletzte, die sich Lena nennt, gar nicht ihre Tochter ist. Doch dann kommt Hannah und ist Lena wie aus dem Gesicht geschnitten.

Was ist geschehen? Wie passen alle diese Puzzlesteine zusammen? Berichtet wird aus mehreren Perspektiven: aus der von Lena, von Hannah und Matthias, Lenas Vater.

Und bald wird deutlich, dass dies eine Geschichte ist, die uns sehr nahe geht, einfach, weil sie einerseits zwar weit hergeholt wirkt, andererseits jedoch uns alle treffen kann. Denn: das Unheil ist hier nicht abstrakt, nein, es schleicht sich mitten hinein in das Familienleben, nistet sich ein und ist latent noch immer vorhanden, auch wenn Frau und Kinder offenbar in Sicherheit sind. Wird Matthias seine Tochter wiedersehen? Werden Lena, Hannah und Jonathan jemals normal leben können? Was ist in diesem Zusammenhang überhaupt normal?

Heftig und erschütternd, dabei meisterhaft konstruiert ist der Thriller der jungen Autorin Romy Hausmann. Es geht nicht übermäßig blutig darin zu, nein, es ist ein Psychoterror der subtilen Art, der das gesamte Geschehen durchdringt und mir beim Lesen permant eine Gänsehaut bescherte. Faszinierend und absolut meisterhaft!

Veröffentlicht am 13.04.2019

Englische Beziehungen

Das Leuchten jenes Sommers
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Und zwar nicht nur solche zwischen Paaren: Geschwister spielen eine große und wichtige Rolle in diesem auf zwei Ebenen verlaufenden Roman. Die Protagonistinnen der jeweiligen Erzählstränge, die sechzehnjährige ...

Und zwar nicht nur solche zwischen Paaren: Geschwister spielen eine große und wichtige Rolle in diesem auf zwei Ebenen verlaufenden Roman. Die Protagonistinnen der jeweiligen Erzählstränge, die sechzehnjährige Madeleine, genannt Maddy im Jahre 1939, Fotografin Chloe in der Gegenwart, haben jeweils eine sehr enge Bindung zu den ihrigen: Maddy zu ihrer älteren Schwester Georgina, die nach dem Tode der Mutter quasi deren Stelle eingenommen hat, Chloe zu ihrem jüngeren Bruder Danny, der vollkommen abhängig von ihr ist. Wie gut, dass sie seit einiger Zeit mit der Liebe ihres Lebens, dem fürsorglichen Adrian, verheiratet ist. Oder etwa nicht?

Chloe gerät in Maddys Geschichte hinein, als sie eines Tages den Auftrag für ein Fotoshooting in Summerhill, dem Anwesen von Maddys Familie erhält. Ihr Besuch dort bringt ihr so manche Erkenntnis.

Ich bin eher zufällig an diesen Roman geraten, aber ausgesprochen glücklich über diese Fügung: sagte mir die Autorin Nikola Scott bisher nichts, bin ich jetzt drauf und dran, jedes von ihr bisher verfasste Fitzelchen zu erlesen, so spannend und mitreißend schreibt sie! Falls man mich für allzu ambitioniert hält, sei gesagt, dass "Das Leuchten jenes Sommers" nach "Zeit der Schwalben" erst der zweite Roman der Autorin ist. Hoffentlich aber nicht der letzte, denn für alle Freunde historischer Romane wird dies hier eine ganz besondere Nahrung, eine Delikatesse sozusagen. Nikola Scott ist eine Königin der Eloquenz und des eindringlichen Stils, der auch in der Übersetzung sehr gut rüberkommt, was möglicherweise daran liegt, dass die Autorin ihre Romane zwar in englischer Sprache verfasst, allerdings in Deutschland aufgewachsen ist. Schwer, sich vorzustellen, dass diese ausgezeichnete Übersetzung von Nicole Seifert nicht von ihr abgesegnet wurde!

Wer also ganz, ganz tief abtauchen will in eine unglaublich spannende, gut geschriebene, vielschichtige und berührende Geschichte, ist hier genau richtig! Man sollte sich aber unbedingt den richtigen Moment aussuchen, in dem man sich so richtig einlassen kann auf die atmosphärisch und stellenweise überraschend verlaufende Handlung, auf eindringliche Charaktere und nicht zuletzt auf den Überschwang der Empfindungen, der den Leser während oder nach der Lektüre durchaus auch mal für längere Zeit überkommen kann. Etwas für Freunde des Gefesselt-Werdens, wenn auch nur im literarischen Sinne!

Veröffentlicht am 13.04.2019

Mutig, nicht schamlos!

Schamlos
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So ist dieses Buch, so ist die Welt der Autorinnen, junger muslimischer Blogerinnen aus Norwegen, die versuchen, im Hier und Jetzt zu leben, ohne ihre Herkunft zu vernachlässigen.

Ein Buch wie ein Blog ...

So ist dieses Buch, so ist die Welt der Autorinnen, junger muslimischer Blogerinnen aus Norwegen, die versuchen, im Hier und Jetzt zu leben, ohne ihre Herkunft zu vernachlässigen.

Ein Buch wie ein Blog - und wie eine Offenbarung! Jedenfalls sollte es so sein und zwar vor allem für Frauen - Musliminnen und auch westliche Frauen, die neugierig sind auf die Belange und das Leben ihrer Mitbürgerinnen, es verstehen und teilen wollen.

Ja, das Buch liest sich nicht einfach so runter, es lebt, finde ich. Es beinhaltet Berichte, Diskussionen, Stellungnahmen und vor allem Ratschläge. Besonders für jüngere Schwestern im Glauben, die dasselbe durchleben, was die Autorinnen in ihrer Kindheit und Jugend durchgemacht haben.

Am Ende Versprechungen und Forderungen. Diese Frauen bekennen Farbe bzw. Farben, denn sie wollen die Welt bunt und offen sehen, egal , welchen Glauben sie leben und in welche Familie sie geboren sind.

Amina Bile, Sofia Nesrine Srour und Nancy Herz sind Musliminnen mit unterschiedlichen nationalen Wurzeln, die es mit ihren Familien auf unterschiedliche Weise nach Norwegen verschlagen hat, wo sie auch Wurzeln geschlagen haben, ohne jedoch die ihrer ursprünglichen Heimat zu verlieren.

Das Buch ist in Kapitel geteilt, die heißen: Schwimmunterricht, Hidschab, die Psyche, Doppelmoral etc. Außer dem letzten verraten diese Titel längst nicht, welch Zündstoff sich hinter diesen Punkten verbirgt, welchem Hickhack, um es mal salopp auszudrücken, die Mädchen, inzwischen junge Frauen, von Geburt an ausgesetzt waren.

Doch es gibt auch andere Eltern, bzw. Mütter, die ihren Töchtern viel Kraft mit auf den Weg geben: "Mama sagte, ich soll stolz auf mich sein und ihnen sagen, sie sollen die Klappe halten: Du bist von überall, dein Pass ist der Regenbogen und wer dich eindimensional sieht, hat den falschen Vogel gewählt." (S.77) Ein Ratschlag, der zu jeder Herkunft, jeder Religion passt und den ich auch gern mit auf den Weg bekommen hätte.

Ein mutiges Buch von mutigen Frauen für eine freie und offene Welt! Absolut lesenswert!

Veröffentlicht am 28.03.2019

"Grandpa hielt Bienen, weil er verstand, was wirklich wichtig war. " (S. 237)

Der Honigbus
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Und das hat Meredith durchs Leben geholfen, denn sie hatte wahrlich eine Sch....Kindheit: Nach der Scheidung zog die Mutter mit den beiden Kindern Meredith und Matthew zu den Großeltern - von New Jersey ...

Und das hat Meredith durchs Leben geholfen, denn sie hatte wahrlich eine Sch....Kindheit: Nach der Scheidung zog die Mutter mit den beiden Kindern Meredith und Matthew zu den Großeltern - von New Jersey nach Kalifornien.

Es war längst nicht nur der Ortswechsel, der den Kindern zu schaffen machte: mit ihrer Rückkehr ins Elternhaus gab die Mutter sämtliche Verantwortung an ihre eigene Mutter ab und wurde somit wieder zum Kind.

Ihre eigenen Kinder hatten keinen Zugang mehr zu ihr. Meredith, die Autorin dieses Buches, schildert ihre Verlorenheit: denn wenn es Probleme gab, hielt die Großmutter stets zu ihrer Tochter. Sie kümmerte sich zwar um die Kinder, doch in einer lieblosen, kalten Art, die ihnen klar machte, dass sie nur ihre Pflicht erfüllte.

Aber es gab noch Grandpa, der sich aus alldem raushielt. Er war nicht der leibliche Vater ihrer Mutter, doch das erfuhren die Kinder erst sehr viel später - und dann spielte es überhaupt keine Rolle mehr. Denn Grandpa war es, der den Kindern eine neue Welt eröffnete - die Welt der Bienen.

Vor allem für Meredith war diese Parallelwelt der rettende Anker - eine Parallelwelt ohne jeglichen Hauch des Fantastischen. Eine Welt, die von anderen Wesen, eben von Bienen bewohnt wird, in der es eine klare Struktur und viele Funktionen gibt. Jede Biene hat ihre Aufgaben zu erfüllen, die sich durchaus unterscheiden.

Meredith tauchte tief ein sowohl in den Prozess der manuellen Honigherstellung und mehr noch in die Welt der Bienen: eine Welt, die sie verstand und die sie in ihrem Zusammenhalt beruhigte.

Wie auch Grandpa, der schnell zum rettenden Anker in ihrem Leben wurde: der sie in die Schule begleitete, als die Väter von ihren Berufen berichten sollten und der ihr in ihren dunkelsten Momenten beistand. Da ihr eigener Vater weit weg war, verdankte sie Grandpa ein großes Stück Hoffnung im Hinblick auf die Zukunft.

Aber um all diese Zusammenhänge in Gänze nachvollziehen zu können, sollte man dieses Buch gelesen haben. Ein Buch voller Grausamkeiten und voller Liebe. Voller Hass und voller Zuneigung. Voll von Missachtung ebenso wie von Vertrauen. Von Geringschätzung und von Wertschätzung.

Ein schockierendes Buch, das zugleich voller Wärme ist. Ich fühlte mich nach dem Lesen einerseits richtig ausgehöhlt. andererseits aber auch sehr erfüllt. Und das ist - hoffentlich - das Gefühl das auf Dauer bleibt. Die Nachwirkung eines Buches, das viele Leser verdient!