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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.05.2019

Erzählt mit einer enormen Sprachgewalt

Hundeherz
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Versehentlich wird ein Hundewelpe in der Wildnis zurückgelassen. Getrennt von seiner Mutter und den Menschen hat er kaum eine Chance, den harten Winter zu überstehen. Er schafft es allen Widrigkeiten zum ...

Versehentlich wird ein Hundewelpe in der Wildnis zurückgelassen. Getrennt von seiner Mutter und den Menschen hat er kaum eine Chance, den harten Winter zu überstehen. Er schafft es allen Widrigkeiten zum Trotz, übersteht Kälte, Schmerz, Einsamkeit und Hunger und wird stärker und stärker, bis ein neuer Frühling kommt, der mit seinen warmen Sonnenstrahlen Hoffnung weckt. Der Welpe wächst zum Hund heran, muss einige bittere Erfahrungen machen, aus denen er das Jagen und Töten lernt und schon bald kommt er auch wieder in Kontakt mit einem Menschen.
Mit ans Herz gehenden Worten beschreibt Kerstin Ekman die Natur, das Rascheln von Ästen und Laub, das Flattern von Vogelflügeln und das Pochen kleiner Herzen, die auf dem Waldboden entlanghuschen. Jedes Leben, jede Bewegung wird mit wundervoll passenden Worten beschrieben und so entsteht nach und nach ein grosses Ganzes, in das sich unser kleine Hund einfügt und in dem er bestehen und überleben lernt.

Meine Meinung:
Der erste Satz, der erste Abschnitt, die erste Seite...ich war von Anfang an verliebt in dieses wunderbare Buch, das so direkt - manchmal brutal, manchmal poetisch - vom Leben und Überleben, vom Jagen, vom Töten, von Blut und Kälte erzählt. Beim Lesen der Schilderungen der rauen Natur fühlte ich mich ab und an ein wenig an den "Regenroman" von Karen Duve erinnert, wenn auch "Hundeherz" sogar noch ein wenig mystischer ist.
Auf sehr wenigen Seiten ist mit einer enormen Wucht und sehr berührend die Geschichte eines harten Winters, der in einen warmen Frühling übergeht und dem Gefühl von Einsamkeit, Hunger und der Zugehörigkeit zu anderen Lebewesen erzählt. Innerhalb von kürzester Zeit bin ich durch die Seiten dieses dünnen Büchleins geflogen und habe dabei mitgelitten, gefroren und einfach nur diese bewegende Sprache genossen.

Meine Empfehlung:
Ich empfehle euch dieses kleine Büchlein aufgrund der poetischen Sprache und der vielen authentischen Naturschilderungen von Herzen weiter. Ausserdem wird die Beziehung zwischen Mensch und Hund liebevoll und einfühlsam und vor allem sehr respektvoll beschrieben, was mich tief beeindruckt hat.

Veröffentlicht am 26.04.2019

Poetisch, einfühlsam und wunderschön

Die hellen Tage
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Inhalt:
Drei sehr verschiedene Kinder wachsen ganz nahe beieinander auf und werden zu einer Schicksalsgemeinschaft, aus der eine grosse Freundschaft entsteht. Seri und Aja sind beste Freundinnen und wohnen ...

Inhalt:
Drei sehr verschiedene Kinder wachsen ganz nahe beieinander auf und werden zu einer Schicksalsgemeinschaft, aus der eine grosse Freundschaft entsteht. Seri und Aja sind beste Freundinnen und wohnen fast bei Aja zu Hause. Deren Mutter Évi ist im ganzen Ort für ihre bunten Kleider, ihr frohes Gemüt und das schiefe Haus bekannt, in dem sie mit Aja lebt. Und für Seri, welche die ganze Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt, is Évi wie eine zweite Mutter, die sich um sie kümmert, wenn ihre Mutter gerade wieder mit sich selbst und dem Verlust ihres Mannes beschäftigt ist. Eines Tages stösst auch Karl, dessen Bruder verschwunden ist, zu den zwei Mädchen. Die drei Kinder verbringen jede freie Minuten zusammen und ihre Mütter finden durch sie zueinander. Sie unterstützen sich gegenseitig dabei, ihren Kindern Freiraum und Halt zu geben und helfen sich auch finanziell über die Runden. Die Kinder werden erwachsen und reisen schliesslich nach Rom, um dort zu studieren und die Welt zu entdecken. Doch was sie finden ist nicht nur die grosse Freiheit, sondern viele Fragen zum Thema Leben und Tod, Liebe, Schuld und Freundschaft.
Diese Geschichte, welche drei so unterschiedliche Kinder durch ihr Leben begleitet, ist wohl nicht in erster Linie eine Geschichte der Kinder, sondern eine Geschichte ihrer Mütter, welche alles dafür geben, Karl und die Mädchen zu reifen und denkenden Menschen zu erziehen und ihnen trotzdem so viel Liebe und Unterstützug mitzugeben, wie sie nur können. Eine Geschichte der Mütter, welche für ihre Kinder ein Leben schaffen wollen, welches aus mehrheitlich hellen Tagen und der Hoffnung auf neue helle Tag besteht.

Meine Meinung:
"Die hellen Tage" hat mich vom ersten Wort an gefesselt. Diese wunderschönen Adjektive, die liebevollen Beschreibungen und die rührenden Geschichten, welche man Aja, Seri und Karl in langen Winternächten erzählt hat, schaffen eine eigene Welt voller Schicksale und Tragödien, welche überstanden und überlebt werden wollen. Da ist Évi, welche mich besoders fasziniert hat, die ein ganzes Jahr lang auf ihren Zigi wartet, dann aufblüht und lebt und die restlichen Monate des Jahres mit Überleben verbringt und deren Träume so unerreichbar und gross scheinen, dass sie sich fast auf das Wesentliche konzentrieren muss. Und Ellen, Karls Mutter, welche ihren Sohn verloren hat und dann plötzlich realisiert, dass es da ja noch einen zweiten Sohn gibt, den sie in ihrem Kummer und ihrer Sorge fast vergessen hat. Oder Seris Mutter, welche ihrem Mann nachtrauert und jahrelang seinen noch vollen Koffer auf ihrem Beifahrersitz spazieren fährt, weil sie es nicht übers Herz bringt, ihn zu öffnen. Dieses Buch ist so schön geschrieben, so real und so traurig und trotzdem von einer grossen Hoffnung auf helle Tage durchzogen und es hat in mir eine unendliche Sehnsucht geweckt nach langen Abenden am Lagerfeuer, Zugreisen nach Rom und durchwachten Nächten.

Veröffentlicht am 19.04.2019

Ein weiterer Abstecher in ein ganz neues und grandioses Universum

Drei
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Meine Angaben und Leseerfahrungen beziehen sich auf die Metallic-Ausgabe, die ebenfalls im Heyne-Verlag erschienen ist, aber einzelne Abweichungen enthalten kann. Dieser Band ist ausserdem der zweite Band ...

Meine Angaben und Leseerfahrungen beziehen sich auf die Metallic-Ausgabe, die ebenfalls im Heyne-Verlag erschienen ist, aber einzelne Abweichungen enthalten kann. Dieser Band ist ausserdem der zweite Band der Reihe um den Dunklen Turm, weshalb ich hiermit vor SPOILER ZUM ERSTEN BAND warnen möchte.

Reiheninfos:
1. Schwarz
2. Drei
3. tot.
4. Glas
5. Wolfsmond
6. Susannah
7. Der Turm
8. Wind (zusätzlicher, nachträglich geschriebener Teil, zwischen Band vier und fünf einzuordnen)


Inhalt:
Roland weiss nach seiner Begegnung mit dem Mann in Schwarz eigentlich schon, dass ihn einige Veränderungen ereilen werden. Die Tarotkarten haben am Ende des ersten Bandes der Reihe gesprochen und nun erwarten wir mit Roland gemeinsam, welche drei Figuren, Wesen oder Menschen und somit auch, welche drei Aufgaben ihm begegnen werden auf seiner weiteren Reise. Wird er die Hilfe bekommen, die er braucht? Wird er wieder zu Kräften kommen und sich dem dunklen Turm nähern können? Es öffnen sich drei Türen in drei Welten und diese werden einige Fragen beantworten können, Roland aber auch vor neue Aufgaben stellen.

Leseerlebnis:
Diese Verstrickung der Ereignisse und vor allem auch die Darstellung des Strandes, an dem Roland aufwacht und dann von riesigen, hummerähnlichen Krabbelwesen angegriffen wird, haben mich sofort in seine Welt katapultiert und die treffsicher beschreibende Sprache, die auch vor detaillierteren Gewaltdarstellungen (die aber immer im Sinne der Handlung sind) nicht zurückschreckt, trägt ausserdem viel zum Lesevergnügen bei. Somit hat sich bei mir eine Sogwirkung eingestellt, die permanent angedauert hat und ich möchte nicht zu viel verraten, aber die grandiose Idee, wie genau Roland durch die Türen "gehen" und sich seine Mitreisenden auswählen und zu sich holen kann und vor allem auch die intelligente und ausgetüftelte Umsetzung dieser Ereignisse, ist wahrlich eine schriftstellerische Meisterleistung.

Meine Meinung:
Es hat mich sehr gefreut, dass auch der zweite Band der Reihe um den dunklen Turm von der ersten bis zur letzten Seite packend, überzeugend, klug und kurzweilig war. Auf knapp 600 Seiten schafft es King, die Ereignisse einiger weniger Tage im Leben des letzten Revolvermannes zu erzählen und macht dabei Zeitsprünge, schmückt mit Rückblenden aus und kreiert eine Welt, die in ihrer Dunkelheit und Unberechenbarkeit einzigartig ist und mich fasziniert, einmal sogar bis in meine Träume verfolgt und vor allem überhaupt nicht mehr losgelassen hat. Obwohl ich aus Zeitgründen immer mal wieder grössere Lesepausen hatte, fand ich jeweils sofort in die Geschichte hinein und kann es kaum erwarten, bald zum nächsten Band zu greifen.

Meine Empfehlung:
Mir hat Stephen King mit seiner Reihe um den letzten Revolvermann Roland und dessen Suche nach dem dunklen Turm ein neues Universum eröffnet und eine Erzählweise aufgezeigt, die fesselnder, direkter und ungeschönter ist, als alles, was ich kenne. Deshalb gibt es von mir auch für diesen zweiten Band der Reihe eine deutliche Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 01.04.2019

Eine bewegende Lektüre über eine Gruppe von Freunden, die Geschichte Algeriens und die ganz grosse Liebe

Die Schuld des Tages an die Nacht
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Schreibstil und Handlung:
In diesem bewegenden Buch wird die tragische Geschichte eines Landes, einer grossen Liebe, vieler Freundschaften und Familien in einer wunderschönen, eindringlichen und sehr poetischen ...

Schreibstil und Handlung:
In diesem bewegenden Buch wird die tragische Geschichte eines Landes, einer grossen Liebe, vieler Freundschaften und Familien in einer wunderschönen, eindringlichen und sehr poetischen Sprache erzählt. Es geht darin unter anderem um Schuld, Verlust, Krieg und gemeinsame Erinnerungen. Die brutalen Schilderungen eines tragischen und alles einnehmenden Krieges, die parallel zur Lebensgeschichte von Jonas erzählt wird, hat mich berührt und lange nicht losgelassen. Fast jeder Satz ist ein Zitat wert, die vielen Dialoge und vor allem auch die klugen Aussagen des Onkels von Jonas, der Jonas stets mit Rat und Tat zur Verfügung steht, haben mein Herz gewärmt und mich immer wieder kurz innehalten und nachdenken lassen, was ich bei Büchern immer sehr schätze.

Meine Meinung:
Obwohl ich in der Mitte des Buches ein wenig feststeckte, weil ich beim Lesen plötzlich nicht mehr wirklich vorankam, hat mich dieses Buch gefesselt, berührt und mit seiner sehr poetischen und zarten Sprache für sich eingenommen. Diese Länge in der Mitte hatte aber wohl mehr mit meiner persönlichen (Lese-)Stimmung, als mit dem Buch an sich zu tun, gerade als am Ende nämlich wieder alle Fäden zusammenführten, konnte ich das Buch kaum mehr aus der Hand legen und musste mir sogar ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln wischen.
Der Klappentext ist übrigens ein wenig irreführend, weil das Treffen zwischen Jonas (Younes) und seinen Freunden eigentlich erst zum Ende des Buches eine Rolle spielt. Auf den ersten 370 Seiten wird erzählt, wie Younes in bitterer Armut aufwächst und schliesslich zum wohlhabenden Bruder seines Vaters, einem angesehenen und politisch aktiven Apotheker, ziehen darf und so ein ganz neues Leben, ein Leben als "Jonas" kennenlernt. Kaum vorstellbare Armut, brutale Hinterhalte und Hunger sind für ihn bald Geschichte. Weil er aber sehr bald beide Welten und beide Extreme sehr gut kennt, steht er immer ein wenig zwischen Tür und Angel und muss für sich und seine Gefühle zuerst einen neuen Platz in der Gesellschaft finden. Diese Zerrissenheit, sowie die im Teenageralter schon bald anklingenden ersten Herzensangelegenheiten, wurden meiner Meinung nach sehr realistisch und einfühlsam dargestellt und während Jonas sich selber immer wieder neu erfindet, zerfällt das Land, das er Heimat nennt, in einem gnadenlosen Konflikt.


Meine Empfehlung:
Ich empfehle dieses berührende und zart erzählte Buch sehr gerne weiter und bin mir sicher, dass es auch in euren Herzen einen Platz finden wird.

Veröffentlicht am 31.03.2019

Ein grandioses Buch

HERKUNFT
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Herkunft - Saša Stanišić


Mein Bezug zu Bosnien:
Wie kann ich sagen, was Saša Stanišić mit seinem neuen Roman bei mir ausgelöst hat? Wie kann ich es sagen, ohne meinen Bezug zu Bosnien zu ausufernd zu ...

Herkunft - Saša Stanišić


Mein Bezug zu Bosnien:
Wie kann ich sagen, was Saša Stanišić mit seinem neuen Roman bei mir ausgelöst hat? Wie kann ich es sagen, ohne meinen Bezug zu Bosnien zu ausufernd zu erwähnen? Vielleicht gar nicht, deshalb zuerst einmal: Bosnien ist seit wenig mehr als acht Jahren das Land, aus dem die Liebe meines Lebens in die Schweiz gefunden hat. Bosnien sind Geschichtenerzähler, Gastarbeiter auf Dächern, Schwein am Spiess und die Frage "aber was isst du denn, wenn du kein Fleisch isst?". Bosnien sind unendlich schöne, weite, hügelige Landschaften, Dörfer, in denen Kirchen neben Moscheen stehen, in denen man Strafzettel umgeht, indem man dem Polizisten sagt, mit wem man verwandt ist. Bosnien, das ist eine nicht enden wollende Gastfreundschaft, eine Herzlichkeit, die meistens ehrlich ist, eine Melancholie, die nie vergeht, das sind gemeinsam gesungene Lieder und ganz viele Hochzeiten, das ist eine Grossmutter mit einer Harley in der Garage und einem Hund im Gitterkäfig, das sind viele Gebete, viele zerstörte und wenige wieder aufgebaute Häuser. Bosnien ist Andrić, es ist ein immer wieder gespaltenes und immer wieder (scheinbar) vereintes Land, ein Land, in dem die Menschen müde sind von denen, die etwas zu sagen haben, ein Land, das so viele Religionen, Lieder und Gerichte zu bieten hat, ein Land, in dem verstorbene Grossväter noch regelmässig ihren Stimmzettel ausfüllen, aber keine Steuern mehr bezahlen.

"Herkunft":
Die emotionale Verwirrung um die Herkunft eines Menschen, die Frage "Wessen bist du?", und die krampfhaft versuchte Zuordnungen zu irgendwelchen Stammbäumen kenne ich wohl genau deshalb (und eigentlich indirekt) sehr gut aus Bosnien, das mittlerweile ein wenig eine zweite Heimat für mich geworden ist. Aber "Heimat" ist nicht "Herkunft". "Heimat" ist da, wo die Menschen sind, die man liebt. "Herkunft" ist - vielleicht und unter anderem - wo Menschen, von denen man irgendwie abstammt, auf Friedhöfen liegen. Das sind Gräber, die man besucht und pflegt, an denen man einen Schnaps trinkt.
https://samtpfotenmitkrallen.blogspot.com/2013/06/dieses-buch-empfehle-ich-von-herzen.html
Und schon sind wir mitten in einer Rezension zu einem Buch angelangt, das mich tief berührt und immer wieder dazu gebracht hat, mich zu erinnern. Einem Buch des grossartigsten zeitgenössischen Erzählers aus dem Land, in dem das Erzählen erfunden wurde. Wie ich auf Saša Stanišić aufmerksam geworden bin? Ich denke, dass es der Bruder des Liebsten war (der mich auch mit der Liebe zu Andrić infiziert hat), der mich auf "Wie der Soldat das Grammofon reapariert" aufmerksam gemacht hat. Und auch wenn ich "Vor dem Fest" und "Fallensteller" (noch) nicht gelesen habe, wollte ich "Herkunft", ein weiteres Buch, das Bosnien thematisiert und vor allem das bisher persönlichste Buch Stanišićs ist, unbedingt lesen. Ein Buch, in dem sich Erinnerungen an eine Kindheit als Geflüchteter, an hart arbeitende Eltern, die ersten Geh- und Schreibversuche in einer neuen Sprache und die erste Liebe zu einer Frau aber vor allem auch ganz viele Ausflüge in die Vergangenheit, die Suche nach Antworten und viel bosnische Erzählkunst und Melancholie zu einem grossartigen Ganzen vereinen.

Meine Meinung:
Von den ersten Seiten an war ich mitten in der Geschichte, mitten in meinen und mitten in Stanišićs Erinnerungen und Erlebnissen und fühlte mich sofort verstanden. Ich bin immer noch begeistert und zwar nicht nur von dieser grossartigen Sprache, die niemanden kalt lässt, mit viel Liebe zu einem Land und dessen Leuten erzählt aber auch die Ernüchterung über die Machtlosigkeit gegenüber gewaltsamen Systemen durchscheinen lässt. Sondern auch von der Form dieses Buches, Tagebuch, Briefroman, Fantasy-Abenteuer (das zum Drachenhort führt) und Familienchronik zugleich, die mich den Hut ziehen lässt. Und Stanišić darf getrost ein Meister seines Fachs genannt werden, weil er es schafft, all diese Elemente zu verknüpfen und trotzdem authentisch zu bleiben. Nichts wirkt aufgesetzt oder konstruiert, vielmehr werden einfach alle Möglichkeiten, die "Sprache" zu bieten hat, ausgereizt. Und was dabei resultiert ist "Herkunft", ein Roman, der von Herkunft, aber auch von Heimat erzählt, eine Familienchronik, die sich über einige Generationen und Orte erstreckt, eine Liebesgeschichte an ein Land, das vieles durchmachen musste und noch nicht ganz über dem Berg ist (und wie es mit Liebesgeschichten so ist, sind sie nicht immer nur glücklich und unbeschwert) und eine Sprache, die einem den Boden unter den Füssen entzieht, die nach Luft schnappen lässt, zum Weinen und Lachen bringt, zum Nachdenken anregt und ganz viel Zartheit und Kraft vereint und von der ich nie genug bekommen werde.

Inhalt und Sprache:
"Herkunft" ist geschrieben in einer Sprache, die mit Liebe erzählt, reich an Bildern und Metaphern ist und nichts mehr von den Anstrengungen beinhaltet, die nötig waren, sie zu erlernen. Vielmehr sind da nun Dankbarkeit und das Wissen um das Geschenk der Sprache und somit der Kommunikation und eine fahle Erinnerung an das Gefühl, sich nicht ausdrücken zu können, nicht verstanden zu werden. In "Herkunft" erzählt Stanišić von seiner Familie, seiner dementen Grossmutter, die ihn stets zärtlich "mein Esel" oder "meine Sonne" nennt, seinen Eltern, die alles aufgeben mussten und ein neues Leben gefunden haben, seinen Mitschülern und einer Gruppe Jugendlicher an einer Tankstelle, die zu einer zweiten Familie geworden sind. Besonders berührt haben mich übrigens neben den Erzählungen von liebevollen und kostbaren Erinnerungen und Begegnungen mit seiner Grossmutter die kurzen Sequenzen, in denen Stanišić von seiner Flucht erzählt. Gemeinsam mit seiner Mutter ist er nach Deutschland geflüchtet, während der Vater noch in der Heimat bleiben und sich um seine Mutter kümmern wollte. "Herkunft" lebt aber nicht nur von Erinnerungen, sondern auch von Leerstellen, welche diese Dinge nicht sagen, die man nicht sagen kann, die von einem Minenfeld, einer Narbe am Oberschenkel und vielen Soldaten erzählen würden, wenn sie könnten.
Und immer wieder geht es in Gedanken zurück zur Grossmutter, der einzigen Verwandten, die in Višegrad geblieben ist und so zugleich für die Vergangenheit steht und für ein Land, das nun ein neues Land, ein Dorf, das nun ein anderes Dorf ist. Was in "Wie der Soldat das Grammofon repariert" die Drina ist, die von alten Märchen erzählt, den Krieg überdauert hat (und viele Kriege zuvor) und nach dem Krieg alles reinwäscht und wie eine Festung, ein Mahnmal in der Landschaft fliesst, ist nun die Grossmutter, welche die Fäden der Familienchronik zusammenhält und doch langsam und unaufhaltsam vergisst und die von Stanišić, dem ewigen Erzähler, 2018 besucht wird. "Herkunft" ist ein Festhalten an Erinnerungen, an Menschen, an Vergangenem, eine Suche nach Wurzeln und Antworten und ein sehr persönliches, bewegendes, kluges und faszinierendes Buch.

Meine Empfehlung:
Saša Stanišić hat sich selber übertroffen und mit "Herkunft" ein Buch geschrieben, das auf den Punkt bringt, wie schwer es sein kann, sich und seine eigene Geschichte und die vielen Facetten der eigenen Herkunft zu ergründen, sich zwischen den Welten zu fühlen, stets auf der Suche, nie angekommen und doch glücklich zu sein und weil sich dies so berührend und spannend und charmant und so wundervoll melancholisch liest, empfehle ich euch dieses Buch von Herzen weiter.


Weiterführende Literatur aus und über Bosnien:
Wesire und Konsuln - Ivo Andrić
Die Brücke über die Drina - Ivo Andrić
Das Fräulein - Ivo Andrić
Der verdammte Hof - Ivo Andrić
Die verschlossene Tür - Ivo Andrić
Lyrik und lyrische Prosa/Ex Ponto - Ivo Andrić
Wie der Soldat das Grammofon repariert - Saša Stanišić
Der Derwisch und der Tod - Meša Selimović
Lazarus - Aleksandar Hemon
Lodgers - Nenad Veličković (Englisch)