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Gisel

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.05.2019

Die Apokalypse und der Wal

Der Wal und das Ende der Welt
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„Manchmal war das Leben so: Es zog einen Strich. Hinter dieser Linie, sagte das Leben, würde nichts mehr so sein wie zuvor. Die Sonne würde morgen aufgehen, aber sie würde über einer anderen Welt aufgehen.“ ...

„Manchmal war das Leben so: Es zog einen Strich. Hinter dieser Linie, sagte das Leben, würde nichts mehr so sein wie zuvor. Die Sonne würde morgen aufgehen, aber sie würde über einer anderen Welt aufgehen.“ (Kapitel 33)

Als ein nackter Mann an den Strand gespült wird und gleichzeitig ein Wal erscheint, ahnen die Bewohner des Fischerdorfes St. Piran, dass da was sonderbar ist an der Sache. Doch was da wirklich auf sie zukommt, ahnt keiner – auch nicht Joe, den es aus dem Meer zurück ins Leben spült und der sich doch bereits eindringlich mit den kommenden Ereignissen befasst hat…

Nach und nach nur erschließt sich dem Leser, weshalb es den Bankangestellten Joe aus London an diesen abgelegenen Ort verschlagen hat und was sein Leben völlig auf den Kopf stellt. Es ist nichts anderes als die Apokalypse, die ihn in dieses Dorf führt, wo die Zeit einen ganz anderen Rhythmus hat. Auch der Grund für sein besonderes Verhältnis zum Wal wird erst im Verlauf der Erzählung klar. Anfangs scheint die Geschichte nur langsam voranzugehen. Dann aber schlägt sie mit Wucht zu, das hätte ich überhaupt nicht erwartet. Es ist nicht nur die Dramatik der Ereignisse, die diese Geschichte so plötzlich verändert, sondern die Tiefsinnigkeit, die hinter dem Geschehen steckt. Der Leser findet sich unversehens mit der Frage nach der (eigenen) Menschlichkeit konfrontiert: Was würde ich in dieser Notsituation tun?

Völlig realistisch erscheint das Szenario einer solchen Apokalypse, aber auch die Charaktere in St. Pirnan sind gut eingefangen. Der Autor hat ein gutes Auge für die Menschen mit all ihren Eigenheiten und Macken, aber auch mit der Kraft, die aus den einzelnen Individuen ein großes Ganzes macht.

„Ein kleiner Ort in Cornwall und eine große Geschichte über die Menschlichkeit.“ - Nicht mehr, aber auch nicht weniger hat der Autor zu dieser Geschichte versprochen. Und genau das hat er auch eingehalten. Dieses Buch, das anfangs so harmlos und verspielt daherkommt, wie eine Welle am Strand von St. Pirnan, entfaltet die Wucht der Brandung während eines Sturms. Unbedingt empfehlenswert!

Veröffentlicht am 09.05.2019

Auf Leben und Tod

Cainstorm Island – Der Gejagte
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Der Jugendliche Emilio lebt in einer geteilten Welt: Er wohnt auf der völlig übervölkerten Insel Cainstorm Island, die von Armut und Gewalt geprägt ist. Unerreichbar für ihn wie für alle anderen Bewohner ...

Der Jugendliche Emilio lebt in einer geteilten Welt: Er wohnt auf der völlig übervölkerten Insel Cainstorm Island, die von Armut und Gewalt geprägt ist. Unerreichbar für ihn wie für alle anderen Bewohner dieser Insel ist das reiche Asaria. Emilio arbeitet für Eyevision, eine asarianische Firma: Über einen Chip in seinem Kopf wird jeden Tag eine halbe Stunde übertragen, was Emilio sieht – er soll für den nötigen Nervenkitzel sorgen. Als er dabei in Notwehr den Anführer einer Gang tötet, beginnt die Jagd auf ihn: Die Gangmitglieder wollen ihn dafür töten, während Eyevision mit dieser Geschichte auf Quote geht. Nicht nur Emilio, sondern auch seine Familie und seine Freunde geraten in Lebensgefahr…

Anfangs noch wie im leichten Geplänkel, zieht die Geschichte schnell an Tempo an, so dass der Leser unversehens in der rasanten Jagd auf Emilio drinsteckt, der um sein Leben (und das seiner Familie) befürchten muss. Mich hat vor allem die Detailgenauigkeit dieser Welt erstaunt, in der die Autorin Marie Golien ihre Geschichte spielen lässt, aber auch der zugespitzte Verlauf der Erzählung mit immer wieder überraschenden Wendungen. So gerät das Buch schnell zu einem Pageturner, bei dem man mit Emilio mitfiebert. Während der Fokus vor allem auf die gnadenlose und fast aussichtslose Hetzjagd auf Emilio bleibt, gelingt es der Autorin dennoch im Auge zu behalten, wie die Medienfirma Emilios Leben ohne Skrupel verheizt zu Gunsten der Quote. Dieser Seitenhieb ist einfach nur gelungen!

Mit diesem Buch ist der Autorin ein guter Einstieg in eine Dystopie gelungen, die den Leser von Anfang bis Ende fesselt und mitreißt. Dafür vergebe ich alle fünf möglichen Sterne und empfehle das Buch unbedingt weiter. Klar bin ich bei der Fortsetzung unbedingt mit dabei!

Veröffentlicht am 09.05.2019

Vielschichtig und atmosphärisch dicht

Sadie
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Für die neunzehnjährige Sadie ist ihre kleine Schwester Mattie alles auf der Welt. Als diese ermordet aufgefunden wird, verschwindet Sadie. In einem Podcast folgt West McCray Sadies Spuren, sie will die ...

Für die neunzehnjährige Sadie ist ihre kleine Schwester Mattie alles auf der Welt. Als diese ermordet aufgefunden wird, verschwindet Sadie. In einem Podcast folgt West McCray Sadies Spuren, sie will die junge Frau finden und dabei auch den Grund für ihr Verschwinden herausfinden. Währenddessen erzählt die Geschichte, wie Sadie sich aufmacht, Matties Mörder zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen.

Einerseits als Podcast, andererseits als Rückblick erzählt die Autorin Courtney Summers Sadies Geschichte, die eng verflochten ist mit der ihrer kleineren Schwester. Schichtweise wird dabei die Familiengeschichte der beiden Mädchen freigelegt, immer wieder neue Aspekte lassen eine Erzählung entstehen, die letztendlich vor allem Sadie im Blick hat. Diese originelle Erzählweise ergänzt sich wunderbar in sich selbst. Immer mehr spitzt sich die Aussage des Buches zu, bis hin zum Ende, das passend gewählt ist. Mit Sadie einerseits, aber auch mit den Hörern des Podcasts und mit dem Journalisten, der diesen betreibt, fiebert der Leser mit, in welche Richtung die Geschichte ihren Verlauf nimmt. Dabei schafft es die Autorin, mit wenigen, dafür aber präzisen Worten die Atmosphäre der Verzweiflung heraufzubeschwören, in denen alle Beteiligten sich bewegen, allen voran aber die Hauptfigur. Quasi nebenbei werden andere wichtige Themen gestreift, deren Eindringlichkeit gleichzeitig gesellschaftskritisch werden, z.B. Drogensucht, Familien am Abgrund, sexueller Missbrauch. Um nicht zu spoilern, belasse ich die Aufzählung unvollständig. Die Protagonisten sind sehr liebevoll entworfen, der Autorin gelingt es, jede Schuldzuweisung zu unterlassen und jede Figur für sich wirken zu lassen. Vor allem dadurch entsteht eine so vielschichtige und atmosphärisch dichte Geschichte, die den Leser schnell in seinen Bann zieht und noch lange nachwirkt.

Als Jugendbuch bestens geeignet, ist dieses Buch unbedingt empfehlenswert auch für Erwachsene. Ich vergebe sehr überzeugte fünf von fünf Sternen.

Veröffentlicht am 06.05.2019

Bestes Kopfkino

Schoofseggl
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Der ehemalige Anwalt Franz Walser hat sich auf Geldwäsche spezialisiert. Als das Land Baden-Württemberg eine CD mit Daten von Steuersündern aufkauft, hat er erst mal alle Hände voll zu tun mit seinen Auftraggebern. ...

Der ehemalige Anwalt Franz Walser hat sich auf Geldwäsche spezialisiert. Als das Land Baden-Württemberg eine CD mit Daten von Steuersündern aufkauft, hat er erst mal alle Hände voll zu tun mit seinen Auftraggebern. Bald wird klar, dass es noch eine zweite CD gibt. Datendieb Olli wird daraufhin von Bordellbesitzer Kneller gezwungen, die Steuersünder zu erpressen. Ob es wohl eine Möglichkeit für ihn gibt, aus dieser Geschichte wieder rauszukommen?

Der Autor Axel Ulrich verbindet die Themen Schwarzgeld, Zwangsprostitution und Erpressung zu einem kunterbunten, mal dramatischen, mal eher witzigen Strauß zusammen und serviert eine Geschichte, wie sie im Schwäbischen tatsächlich vorkommen könnte. Die Charaktere sind sehr authentisch entworfen, man kann sie sich so richtig vorstellen. Da wimmelt es von Cleverle, Käpsele und vor allem vor Schoofseggl. Man liest sich schnell fest an dieser Geschichte, der feine, hintersinnige, ja teilweise bissige Humor packt einen von der ersten Zeile an. Die schwäbischen Wörter und Wendungen sind gut in den Text gestreut und erklären sich entweder gleich von selbst oder werden vom Autor gut in der Geschichte aufgegriffen, das Buch dürfte sich auch gut für Nicht-Schwaben lesen lassen.

Diesen fesselnden Krimi mit viel Regionalkolorit und seinen hintersinnig aufgearbeiteten Themen möchte ich sehr gerne weiter empfehlen und vergebe alle fünf möglichen Sterne.

Veröffentlicht am 06.05.2019

Chaos um den Pinguin mit Kuschelfaktor

Papanini (Band 1)
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Emma ist überrascht, als der Postbote ein großes Paket abgibt – und noch größer ist die Überraschung, als daraus ein kleiner sprechender Pinguin herauskommt! Papanini heißt er und liebt Fischstäbchen – ...

Emma ist überrascht, als der Postbote ein großes Paket abgibt – und noch größer ist die Überraschung, als daraus ein kleiner sprechender Pinguin herauskommt! Papanini heißt er und liebt Fischstäbchen – nur leider schafft er stets ein Riesenchaos um sich herum. Emma versucht das vor den Eltern geheim zu halten. Doch da gibt es noch zwei Ganoven, die auf der Suche nach Emmas Liebling sind. Und schon stecken die beiden in einem großen Abenteuer!

Zum Knuddeln ist dieser kleine sprechende Pinguin mit seiner roten Mütze und seinem originellen Sprachfehler, der in Nullkommanix das Bad unter Wasser setzen kann, Tischstäbchen einfordert und es liebt, vorgelesen zu bekommen. Die Autorin Ute Krause hat mit ihm einen einzigartigen Charakter mit viel Kuschelfaktor hinbekommen. Mit viel Situationskomik entsteht eine witzige Abenteuergeschichte, die aber auch genügend Raum hat für Themen, die Kinder beschäftigen, z.B. wenn Emma sich allein fühlt, weil ihre Familie erst vor kurzem umziehen musste, oder wenn Emma gehänselt wird von ihren Mitschülerinnen. Sehr schön ist, dass gerade hier auch aufgezeigt wird, wie eine gute Lösung aussehen kann. Der Schreibstil ist kindgerecht. Die lustigen Illustrationen lockern den Text auf und ergänzen die Geschichte aufs Beste.

Auch wenn man als Erwachsener manche Teile der Geschichte nicht so sieht wie mit Kinderaugen, ist der Autorin ein wunderschönes Abenteuerbuch für Kinder gelungen, das ich sehr gerne weiter empfehle.