Profilbild von TochterAlice

TochterAlice

Lesejury Star
offline

TochterAlice ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TochterAlice über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.06.2019

Ghana im ausgehenden 19. Jahrhundert

Die Frauen von Salaga
0

Das heutige Ghana steht im Mittelpunkt des Romans der Autorin Ayesha Harruna Attah; damit setzt sie dem Land ihrer Vorfahren sozusagen ein Denkmal.

Und zwar mit einer bunten Geschichte aus den 1890er ...

Das heutige Ghana steht im Mittelpunkt des Romans der Autorin Ayesha Harruna Attah; damit setzt sie dem Land ihrer Vorfahren sozusagen ein Denkmal.

Und zwar mit einer bunten Geschichte aus den 1890er Jahren, in denen vor allem die dortigen Frauen im Vordergrund stehen. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass ihr Los - egal in welche der sozialen Schichten sie hineingeboren wurden - kein einfaches war und am Los von Aminah und Wurche bestätigt sich dies. Aminah, ein junges Mädchen, lebt mit ihrer Familie ein eher bescheidenes, jedoch erfülltes Leben und steht gerade vor der Entscheidung, eine ungewollte Ehe zum Wohle ihrer Familie einzugehen, als ihr Dorf niedergebrannt und sie und ihre Geschwister als Sklaven verschleppt und verkauft werden. Auf einem langen und steinigen Weg landet sie schließlich im Haushalt von Wurche, einer Königstochter, die bereits eine Ehe zum Wohle ihrer Familie abgeschlossen hat, in der sie alles andere als glücklich ist. Wurche erkennt in Aminah eine feinfühlige junge Frau und macht sie zur Amme ihres Sohnes. Aminahs Leben ändert sich das erste Mal seit der Verschleppung zum Guten, auhc wenn sie weiterhin auf eine Rückkehr zu ihrer Familie hofft. Auch werden die Frauen bald zu Konkurrentinnen.

Ein Roman, dessen Lektüre nicht allzu anspruchsvoll, dafür aber unterhaltsam ist. Zudem erhält man einen Einblick in das Leben im kolonialen Ghana und damit Anstöße, sich darüber weiter zu informieren. Literarisch ist das Werk nicht allzu ambitioniert, jedoch vermittelt es auf leichte, unanstrengende Art Eindrücke vom Leben der Frauen im Ghana vergangener Zeiten. Auch wenn der Stil eher luftig-leicht ist - die Inhalte sind es nicht. Sie künden vielmehr von einem schweren Los der Frauen, wobei es auch Männer nicht gerade leicht hatten. Doch die Frauen waren ihnen in vielerlei Hinsicht ausgeliefert, wobei es in einigen Bereichen durchaus auch Parallelen zu der Behandlung der Frauen in Europa und anderen damals als fortschrittlich angesehenen Ländern gab. Doch war die gesamte Situation Westafrikas damals durch die Kolonialisierung eine gänzlich andere und ungleich schwerere für die indigene Bevölkerung. Diese bildet hier lediglich den Rahmen für einen süffigen Roman im Stil von Barbara Wood. Die Handlung wird mir sicher nicht allzulange im Gedächtnis bleiben, doch hat dieser Roman mein Interesse an der Geschichte Westafrikas und auch der dortigen Literatur definitiv gesteigert!

Veröffentlicht am 15.05.2019

Island im Herzen

Das Versprechen der Islandschwestern
0

Das hat Pias Großmutter Greta bereits seit vielen Jahrzehnten, denn als ganz junge Frau hatte sie dort 1949/50 ein Jahr verbracht, sozusagen als Gastarbeiterin. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ...

Das hat Pias Großmutter Greta bereits seit vielen Jahrzehnten, denn als ganz junge Frau hatte sie dort 1949/50 ein Jahr verbracht, sozusagen als Gastarbeiterin. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nämlich dort auf den Höfen Arbeitskräfte gesucht - eine der wenigen Möglichkeiten für deutsche Frauen für einen Neubeginn im Ausland.

Doch Greta war nicht dort geblieben, im Gegensatz zu ihrer Schwester Helga, die auf Island eine Familie gegründet und nie mehr ihren Fuß auf deutschen Boden gesetzt hat. Auch der Kontakt zwischen den beiden Schwestern war seit langem abgebrochen.

Doch dann - wir schreiben das Jahr 2017 - kommt eine Einladung zu Helgas 90stem Geburtstag. Greta ist bereit, diese anzunehmen, doch nur wenn sie Verstärkung bekommt: Enkelin Pia und deren Tochter Leonie sollen sie begleiten. Trotz ihres sehr engen Verhältnisses zu Greta hat Pia keine Ahnung, was damals vorgefallen ist - die Großmutter weigert sich schlicht, darüber zu sprechen.

Pia und vor allem Leonie können sich schnell begeistern - sowohl für die Umgebung als auch für die Bewohner. Wobei letztere durchaus ein wenig sperrig sein können, vor allem der männliche Teil.

Island in seiner vollen Pracht - das bekommt der Leser - bzw. vielmehr die Leserin, es ist nämlich ein typischer Frauenroman - hier intensiv vermittelt, vor allem das Wesen der Isländer wird den Rezipientinnen nähergebracht. Auch die Informationen zu den historischen Ereignissen - zur Übersiedlung deutscher Arbeitskräfte, vor allem Frauen, nach Island, sind durchaus fundiert und ausgesprochen interessant.

Doch so sehr ich Romane liebe, die auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen spielen - hier hat mir gerade bei dem Erzählstrang in der Gegenwart so einiges an handlungsfüllendem Leben, an Emotionen und Hintergründen gefehlt. Im Nachkriegsstrang war davon mehr vorhanden, doch auf beiden Ebenen war schnell abzusehen, worauf alles hinausläuft. Dadurch verliert sich aus meiner Sicht ein wenig die Bedeutsamkeit - ich merke bereits jetzt, wenige Tage nach dem Lesen, dass ich die Namen nochmal nachblättern muss, auch viele Teile der Handlung werden schnell aus meinem Gedächtnis entschwinden - ein Buch so leicht und luftig wie ein isländischer Sommertraum. Also sehr kurzlebig, wenn überhaupt vorhanden.

Dennoch eine Leseempfehlung von mir - für einen unterhaltsamen Familienroman. Passt gut als Urlaubslektüre - nicht nur für Island-Reisende!

Veröffentlicht am 11.05.2019

Bullerbü für Erwachsene

Bell und Harry
0

Oder auch Lönneberga - allerdings nicht in Schweden, sondern in Nordengland, nämlich in Yorkshire. Dort lebt Bell mit seiner Familie auf einem Bauernhof. Ein anderes Wohnhaus wird nach dem Tod ...

Oder auch Lönneberga - allerdings nicht in Schweden, sondern in Nordengland, nämlich in Yorkshire. Dort lebt Bell mit seiner Familie auf einem Bauernhof. Ein anderes Wohnhaus wird nach dem Tod der Großmutter nicht mehr benötigt und wird für Jahrzehnte an die Londoner Familie Bateman vermietet, deren kleiner Sohn Harry aus Bells Sicht der einzige Vernünftige in der Familie ist, also das Landleben und seine Akteure versteht. Doch alsbald kommen sich die Familien näher und bleiben einander über Jahre hinweg verbunden.

Im Stil von locker - und vor allem zeitlich - aufeinander aufbauenden Histörchen erzählt Jane Gardam von den Erlebnissen von Bell und Harry. Manchmal steht auch einer der anderen Akteure im Mittelpunkt.

Ihr warmherziger und humorvoller Stil ist unübertroffen, dennoch hat mich dieser Roman nicht ganz so begeistert wie andere ihrer Werke: irgendwie gab es zu viele weiße Flecken zwischen und auch in den Geschichten. Zudem stammt das Original aus dem Jahr 1981, die letzte und längste Erzählung spielt jedoch im Sommer 1999. Wie das? Hat sich die Autorin einen Blick in die Zukunft gestattet? Das kann natürlich sein und dann hat sie es auch gut hinbekommen, dennoch empfinde ich es als ein bisschen störend.

Dennoch hat es mir Spaß bereitet, dieses Buch zu lesen - wie alles von Jane Gardam!

Veröffentlicht am 06.05.2019

Hinaus in die weite Welt

Weitwinkel
0

strebt der Protagonist dieses Romans bereits früh, doch scheint sie versperrt zu sein für ihn.

Ezra, den wir als Jugendlichen kennenlernen, führt ein aus mitteleuropäischer Sicht überaus ungewöhnliches ...

strebt der Protagonist dieses Romans bereits früh, doch scheint sie versperrt zu sein für ihn.

Ezra, den wir als Jugendlichen kennenlernen, führt ein aus mitteleuropäischer Sicht überaus ungewöhnliches Leben, denn er wächst in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde auf, der sich seine Eltern, die aus wesentlich liberaleren Familien stammen, aus vollster Überzeugung angeschlossen haben. Auch nach vielen Jahren sind sie, die als "Dazugekommene" gelten, noch immer ängstlich darauf bedacht, bei der Erziehung ihres einzigen Sohnes nichts falsch zu machen.

Da machen ihnen Ezras Liebe zur Fotografie wie auch sein Nonkonformismus bald einen Strich durch die Rechnung: er wird dabei erwischt, wie er auf der Toilette Fotos von seiner Mitschülerin - übrigens mit ihrem vollsten Einverständnis, es ist eine Art Shooting und fliegt von der ebenfalls ultraorthodoxen Schule, um danach an einer wesentlich liberaleren, allerdings ebenfalls jüdischen Einrichtung weiteren aus Sicht seiner Eltern und deren Gemeinde verheerenden Einflüssen ausgesetzt zu sein.

Zu Hause gibt es eine Veränderung, indem ein Pflegekind aufgenommen wird - Carmi ist nur wenige Jahre jünger als Ezra und bald schon hat sich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut - Ezra versteht, dass er mitnichten derjenige mit den größten Problemen ist.

Zum zweiten Teil, in dem sich Ezra alleine in New York durchschlägt und versucht, als Fotograf Fuß zu fassen, gibt es aus meiner Sicht einen großen Bruch - dieser ist weitaus oberflächlicher als der erste, wobei das möglicherweise Absicht des Autors Simone Sobekh ist, um den vollkommen anderen Lebensstil zu verdeutlichen, der hier herrscht. Für mich werden jedoch gewisse Gedankengänge des Protagonisten, die er zweifellos gehabt haben muss, dadurch zu wenig verdeutlicht und das Buch verliert für mich an Qualität. Zudem erscheinen mir einige Abläufe und Handlungen ausgesprochen unlogisch.

Dennoch habe ich den Roman wirklich gerne gelesen: er fällt definitiv aus dem Rahmen des Bekannten bzw. Üblichen. Dem jungen Autor ist ein mutiges und stellenweise eindringliches Werk zu einem ausgesprochen ungewöhnlichen Thema gelungen, dem ich zahlreiche Leser wünsche

Veröffentlicht am 03.05.2019

Wo rohe Kräfte sinnlos walten

Milchzähne
0

Wo rohe Kräfte sinnlos walten: dieser Spruch ging mir bei der Lektüre dieses Buches öfter durch den Kopf, denn Skalde und ihre Mutter Edith sind dort, wo sie leben, unerwünscht. Dabei ist Skalde dort ...

Wo rohe Kräfte sinnlos walten: dieser Spruch ging mir bei der Lektüre dieses Buches öfter durch den Kopf, denn Skalde und ihre Mutter Edith sind dort, wo sie leben, unerwünscht. Dabei ist Skalde dort geboren und ihr Vater war ein Einheimischer, dessen Tod aber in Zusammenhang mit ihrer Mutter gebracht wird.

Man lebt für sich und ist mehr oder weniger gezwungen, als Selbstversorger zu agieren. Geld gibt es offenbar nicht mehr, denn zusätzliche Produkte erhält man durch Tauschgeschäfte mit den anderen. Die Anderen - ich würde sie nicht als Nachbarn bezeichnen, da sie sich kaum wie solche verhalten. Kurt ist jemand, der Mutter und Tochter wohlgesonnen ist, ebenso die beiden Frauen Gösta und Len, aber selbst mit diesen ist der Umgang überaus reduziert.

Es scheint, als hätte eine ungeheure Erderwärmung stattgefunden, die bereits große Regionen unbewohnbar gemacht hat und auch hier ist die Hitze kaum noch zu ertragen. Das, was existiert, wollen die Menschen für sich bewahren, Neue werden mit Argwohn betrachtet. Und das ist noch das Wenigste. Oft genug kommunizieren die Menschen hier nicht im Guten, sondern über Drohungen. Die Gemeinschaft ist keine, da es fast kein Mit-, sondern ein Gegeneinander gibt.

Eines Tages trifft Skalde das Kind Meisis und nimmt es mit nach Hause - es gelingt ihr nur für kurze Zeit, das kleine Mädchen zu verstecken, dann entdecken die anderen sie und betrachten sie vor allem aufgrund ihrer roten Haare mit Argwohn und halten sie für unnormal. Am liebsten würden sie sie ausradieren - und das ist wörtlich zu nehmen.

Skalde geht auf einen Handel ein - wenn Meisis innerhalb von zwei Monaten die Milchzähne ausfallen, ist sie ein normales Kind und kann bleiben, ansonsten wird sie beseitigt.

Etwas Ursprüngliches, Archaisches liegt in dieser Geschichte, die geheimnisvoll bleibt, denn vieles wird lediglich angedeutet. Die Symbolik und die Verbindung zu Themen unserer Gesellschaft wie Ausgrenzung, Angst vor Neuem, Fremdenhass ist dennoch mehr als deutlich.

Helene Bukowski hat mit ihrem Debüt eine ganz besondere Art von Endzeitroman geschaffen. Ein beängstigendes Szenario mit einer Vision, die leider alles andere als unrealistisch ist. Ein Roman, dessen Lektüre Kraft und Mut erfordert. Wenn man sich heranwagt, kann es sich durchaus als Gewinn mit wegweisendem Inhalt entpuppen.