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Veröffentlicht am 18.08.2019

Alles Gute hat sein Ende

Letzte Rettung: Paris
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In Patrick deWitts neuem Roman “Letzte Rettung: Paris“ geht es um eine sehr ungewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung. Frances Price, seit etwa 20 Jahren verwitwet und mit 65 noch immer eine sehr attraktive ...

In Patrick deWitts neuem Roman “Letzte Rettung: Paris“ geht es um eine sehr ungewöhnliche Mutter-Sohn-Beziehung. Frances Price, seit etwa 20 Jahren verwitwet und mit 65 noch immer eine sehr attraktive Frau, hat lange gebraucht, bis sie ihrem Sohn Malcolm, Anfang 30, eine Mutter sein konnte. Jetzt bindet sie ihn an sich, lässt ihn nicht erwachsen werden und duldet keine andere Frau in seiner Nähe. So hat sie auch seine reizende Verlobte Susan vertrieben. Nach seiner Vorgeschichte ist Malcolm ohnehin zu keiner normalen Beziehung zu seinen Mitmenschen fähig. Frances hat ihr gesellschaftliches Ansehen seit langem verspielt, seit sie ihren toten Mann in der Wohnung liegen ließ, ohne Ärzte oder Behörden zu verständigen und zu einem Skiwochenende aufbrach. Inzwischen hat sie auch das geerbte Vermögen verschleudert und alles verloren. Mit dem Geld aus Verkäufen von Wertgegenständen aus der letzten Wohnung ziehen Mutter und Sohn in das Apartment von Frances´ Freundin Joan in Paris. Sie nehmen den Kater Kleiner Frank mit, die Inkarnation des verstorbenen Gatten.
In Paris sammelt Frances allerhand Exzentriker um sich: einen Privatdetektiv, der das Medium Madeleine wiederfindet, mit dem Malcolm auf der Überfahrt eine kurze Affaire hatte, einen Weinhändler, einen Arzt. Das Medium stellt den Kontakt zu dem Toten her.
Der Roman ist teilweise Gesellschaftskomödie, Satire auf das inhaltsleere Leben der Superreichen, aber zum Teil auch eine Reihung von absurden Begebenheiten und skurrilen Figuren. Nicht immer ist das witzig, weil der Tod als Thema eine wichtige Rolle spielt und immer präsent bleibt. Der deutsche Titel suggeriert, dass es eine Rettung gibt. Tatsächlich bedeutet der Originaltitel "French Exit“ jedoch, dass jemand abrupt Kontakt und Kommunikation abbricht und wie ein Geist aus dem Leben anderer Menschen verschwindet. Mir hat das Buch in der zweiten Hälfte nicht mehr so gut gefallen. Die Frage, was uns der Autor mit dieser Geschichte sagen will, wüsste ich nicht zu beantworten.

Veröffentlicht am 18.08.2019

Eine ganz besondere Familiengeschichte

Otto
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Otto ist ein pensionierter Ingenieur, inzwischen sehr krank und pflegebedürftig. Er muss mehrfach ins Krankenhaus. Als er überlebt und nach Hause entlassen wird, stellen seine Töchter Timna und Babi eine ...

Otto ist ein pensionierter Ingenieur, inzwischen sehr krank und pflegebedürftig. Er muss mehrfach ins Krankenhaus. Als er überlebt und nach Hause entlassen wird, stellen seine Töchter Timna und Babi eine ungarische Haushaltshilfe ein, die – wenn sie vorübergehend in ihre Heimat zurückfährt von Ottla aus Siebenbürgen vertreten wird. Ansonsten sind seine Töchter für den alten Mann zuständig, und zwar Tag und Nacht. So gehört sich das in einer jüdischen Familie. Otto stammt aus Kronstadt in Siebenbürgen und spricht ein sehr gewöhnungsbedürftiges Deutsch. Er war ein reicher Mann, bis er im Krieg alles verlor und vom rumänischen Staat nie entschädigt wurde. Später ging er nach Haifa und in den 70er Jahren nach Deutschland. Inzwischen lebt er seit langem in München. Da seine Mutter – Omama – in Haifa lebte, fuhr die Familie dort jedes Jahr hin.
Otto ist eine sehr dominante Persönlichkeit und fordert ein, was ihm – wie er meint – zusteht. Allerdings finde ich nicht, dass er ein so unsympathisches Ekel ist, wie im Klappentext beschrieben. Auch wenn er noch so schwierig ist, wird er von Timna und Babi geliebt, nicht gehasst. Der größte Teil des Romans besteht nicht aus dem täglichen Umgang mit den Töchtern und dem Personal, sondern aus Geschichten über die Familie, die nicht chronologisch berichtet werden. Otto hat nämlich an Timna, seine Lieblingstochter mit einer „schönen Bitte“ den Wunsch herangetragen, ein Buch über die Familie zu schreiben. Ottos schönen Bitten widersetzt man sich tunlichst nicht, und so sammelt die Tochter Anekdoten, die sie zum Teil schon oft gehört hat, teilweise aber noch nicht kennt. Es geht um Ottos Eltern und Großeltern, sein Überleben des Holocaust, seine Ehe mit Elisabeth und Ursula – Mutter von Timna und Babi –, Kontakte zu alten Freunden aus Siebenbürgen. Das wird zum Teil sehr witzig erzählt, einmal wegen Ottos sehr eigenwilliger Handhabung der deutschen Sprache, teils weil die typischen Klischees bedient werden, z.B. Ottos extreme Sparsamkeit und Fixierung auf Geld. Zu den witzigen Begebenheiten gehört auch die Tatsache, dass er an seinen Arbeitsplatz technische Geräte und sogar Vorhänge stiehlt und sich bei seiner Pensionierung noch einmal richtig eindeckt.
Nachdem ich mich an Sprache und Romanstruktur gewöhnt hatte, hat mir der Roman über Ottos ereignisreiches Leben gut gefallen. Dana von Suffrins Buch entführt den Leser in eine andere Welt.

Veröffentlicht am 07.07.2019

Was der Krieg aus den Menschen macht

Die Frau aus Oslo
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Kjell Ola Dahls Roman “Die Frau aus Oslo“ erzählt eine komplizierte Geschichte auf drei Zeitebenen. Die Handlung setzt 2015 ein, als eine Frau namens Turid ein Armband, das sie 45 Jahre zuvor als gestohlen ...

Kjell Ola Dahls Roman “Die Frau aus Oslo“ erzählt eine komplizierte Geschichte auf drei Zeitebenen. Die Handlung setzt 2015 ein, als eine Frau namens Turid ein Armband, das sie 45 Jahre zuvor als gestohlen gemeldet hatte, im Angebot eines Auktionshauses entdeckt. Um dieses Armband wird es erst gegen Ende des Romans wieder gehen. Zuvor geht die Geschichte in das von den Nazis besetzte Norwegen des Jahres 1942 zurück. Die junge Jüdin Ester lebt mit ihrer Familie in Oslo und hat sich dem Widerstand angeschlossen. Sie leitet eine verbotene Zeitung weiter - bis zu dem Tag, an dem sie verraten wird und noch der Verhaftung ihres Vaters zusehen muss. Ester gelingt in letzter Minute die Flucht, während ihre Familie umkommt. Kurz nach ihrer Flucht nach Schweden wird ihre beste Freundin Ase ermordet. Freunde adoptieren ihr Baby, denn Ases zwielichtiger Partner Gerhard - ebenfalls im Widerstand aktiv - flieht nach Schweden, weil ihn die Nazis des Mordes an Ase beschuldigen. 1967 sind die Überlebenden der Gruppe wieder in Oslo. Ester, die zwischenzeitlich in Israel gelebt hatte, will noch immer herausfinden, wer sie damals verraten hat und für den Tod ihrer Eltern verantwortlich ist. Es kommt zu konfliktreichen, gefährlichen Begegnungen, bis die meistern wichtigen Fragen beantwortet sind. Aber es bleiben auch eine Reihe von losen Enden.
Der recht umfangreiche Roman ist interessant, aber nicht besonders spannend. Teilweise sind weder die Abläufe noch die Motivation der handelnden Figuren völlig klar. Es erschließt sich dem Leser nicht ohne Weiteres, warum dieser Roman so hohe Auszeichnungen bekommen hat. Meine Vermutung ist, dass er besondere Beachtung fand, weil Vergangenheitsbewältigung in Form eines Kriminalromans schon ungewöhnlich ist. Einerseits werden die Leiden des norwegischen Volkes unter der Naziherrschaft gezeigt, andrerseits die Tatsache, dass nicht alle Kollaborateure waren, sondern trotz Mord und Folter im Untergrund für ihr Land gekämpft haben. Insgesamt bin ich ein bisschen enttäuscht von dem Buch, das eine interessante, aber teilweise etwas wirre Geschichte vor historischem Hintergrund erzählt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Spannung
  • Geschichte
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 23.06.2019

Hap und Leonard auf Schatzsuche

Wilder Winter
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Joe R. Lansdales 1990 unter dem Titel “Savage Season“ veröffentlichter Kriminalroman um die ungleichen Freunde Hap und Leonard ist der Auftakt einer Serie. Hap Collins ist Kriegsdienstverweigerer und hat ...

Joe R. Lansdales 1990 unter dem Titel “Savage Season“ veröffentlichter Kriminalroman um die ungleichen Freunde Hap und Leonard ist der Auftakt einer Serie. Hap Collins ist Kriegsdienstverweigerer und hat für seine Überzeugungen im Gefängnis gesessen. Leonard Pine ist ein farbiger homosexueller Vietnamveteran. Die beiden Freunde schlagen sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs durch - zuletzt auf den Rosenfeldern von Texas.
Eines Tages taucht Haps Ex-Frau Trudy auf, und Leonard warnt seinen Freund, denn Trudy bedeutet stets Ärger. Sie ist immer noch eine sehr schöne Frau, und es ist für sie leicht, Hap zu verführen und für ihre Zwecke einzuspannen. Sie verspricht ihm 200.ooo Dollar, wenn er erfolgreich bei der Suche nach der verschwundenen Millionenbeute aus einem Bankraub hilft. Trudys derzeitiger Partner Howard hat ebenfalls gesessen und von dem einzigen überlebenden Bankräuber von damals gehört, dass dieses Geld in einem gekenterten Boot auf dem Grund des Sabine River in Texas liegt. Es gibt nur wenige Anhaltspunkte, wo das sein könnte, aber Hap begibt sich mit dem widerstrebenden Leonard auf die Suche. Zu dem Team gehört noch der durch Brandnarben verunstaltete Paco und der dicke psychisch labile Chub. Die Auftraggeber der Aktion wollen mit dem Geld – entsprechend ihren Idealen aus den späten 60er Jahren – den revolutionären Kampf für eine bessere Welt finanzieren.
Hap und Leonard finden Boot und Geld, aber dann kommt alles anders als geplant. So viel Geld weckt ganz andere Begehrlichkeiten, und Verrat und Mord sind dabei nur ein Mittel zum Zweck. Der Roman liest sich gut und besticht vor allem durch die witzigen Dialoge der Freunde, aber auf die Gewaltorgie am Schluss hätte ich gern verzichtet. “Ein feiner dunkler Riss“ und “Dunkle Gewässer haben mir vor Jahren wesentlich besser gefallen. Positiv ist jedoch anzumerken, dass der Autor sich nicht auf eine simple Krimihandlung beschränkt, sondern viel vom Zeitgeist und den Idealen der 60er Jahre einfließen lässt und die wilde Schönheit seiner texanischen Heimat zum Ausdruck bringt.

Veröffentlicht am 20.05.2019

Leben durch Facebook und Instagram

So schöne Lügen
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Im Mittelpunkt von Tara Isabella Burtons Roman “So schöne Lügen“ (“Social Creature“) stehen die ungleichen Freundinnen Louise Wilson, 29 und Lavinia Williams, 23. Louise lebt anfangs illegal zur Untermiete ...

Im Mittelpunkt von Tara Isabella Burtons Roman “So schöne Lügen“ (“Social Creature“) stehen die ungleichen Freundinnen Louise Wilson, 29 und Lavinia Williams, 23. Louise lebt anfangs illegal zur Untermiete in einer schäbigen kleinen Wohnung und schlägt sich mit drei Jobs mehr schlecht als recht durch. Ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, muss sie wohl aufgaben. Sie ist fast 30 und hat es nicht geschafft. Lavinia ist reich und schön und lebt auf Kosten ihrer Eltern ein Luxusleben. Ihr Studium hat sie schon seit langem unterbrochen. Eines Tages lernen sich die Beiden kennen. Louise zieht bei Lavinia ein und teilt ihr Leben. Lavinia macht ihr allerdings von Anfang an klar, wo ihr Platz ist und gibt ihr nicht einmal einen eigenen Hausschlüssel. Sie nimmt sie mit zu den Partys der Reichen und Schönen, lässt sie ihre Kleider tragen und gibt mit vollen Händen Geld aus. Sie nötigt aber auch Louise zu teuren Ausgaben, so dass diese trotz der eingesparten Miete schon bald pleite ist. Immer und überall wird exzessiv getrunken und gekokst, vor allem aber müssen täglich und überall Selfies gemacht werden, die beide so vorteilhaft wie möglich zeigen, damit sie möglichst oft “gelikt“ werden. Louise verliert ihre Jobs und wird völlig abhängig von der dominanten Lavinia und ihrem Lebensstil. Sie liebt sie, aber es dauert nicht lange, bis sie auch ihre manipulative Kehrseite sieht. Louise tut alles, um Lavinia zu gefallen, um bloß nicht wieder aus diesem künstlichen Paradies vertrieben zu werden - so wie ihre Vorgängerin Mimi, die jede Demütigung akzeptieren würde, um wieder in Gnaden aufgenommen zu werden.
Louise weiß ziemlich bald, dass auch ihre Tage mit Lavinia gezählt sind und nimmt sich mit Hilfe von Lavinias Kreditkarte immer wieder Geld. Auch der Leser weiß durch eine Vielzahl von Vorausdeutungen, dass das alles ein böses Ende nehmen wird. Ein allwissender Erzähler wendet sich immer wieder direkt an den Leser und macht ihn damit zum Komplizen der Geschehnisse. Lavinia hat keine sechs Monate mehr zu leben. (S. 41 und S. 68: “Lavinia wird nirgendwohin reisen. Sie wird bald tot sein. Ihr wisst es ja längst.“)
Die Autorin schreibt eine Geschichte, wie sie nur auf der Basis der heutigen Technologie möglich ist. Nicht nur die ständige Präsenz in den sozialen Netzwerken ist dabei entscheidend, sondern auch die Tatsache, dass man mit Hilfe des iphones eines anderen Menschen seine Identität annehmen kann. Genau das tut Louise über Monate, und lange Zeit schöpft niemand Verdacht. Louises Weg in den Abgrund ist nicht nur durch die Vorausdeutungen absehbar und von daher nicht sehr spannend. Mir hat der Roman auch aus anderen Gründen nicht besonders gefallen. Beide Protagonistinnen eignen sich nicht als Identifikationsfiguren, Lavinia nicht wegen ihrer Selbstsucht, Oberflächlichkeit und Verschwendungssucht, Louise nicht, weil sie bereit ist, sehr weit zu gehen, um ihre Haut zu retten. Ich frage mich, welche Botschaft der Roman übermitteln soll. Ein Leben ohne soziale Medien ist möglich, aber sinnlos?

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