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Veröffentlicht am 10.02.2020

Origineller Abenteuer- und Fantasyroman vor grandioser Kulisse

Der Hof der Wunder
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INHALT
In einem alternativen Paris des Jahres 1828 ist die Französische Revolution fehlgeschlagen.
Skrupellose Aristokraten teilen sich die Stadt mit kriminellen Gilden, die die Unterwelt regieren. Inmitten ...

INHALT
In einem alternativen Paris des Jahres 1828 ist die Französische Revolution fehlgeschlagen.
Skrupellose Aristokraten teilen sich die Stadt mit kriminellen Gilden, die die Unterwelt regieren. Inmitten dieses brüchigen Friedens versuchen die Diebin Nina und ihre Adoptivschwester Ettie sich gegen Kaplan zur Wehr zu setzen, dem Obersten der Gilde für Menschenhandel und Prostitution.
Nina und Ettie bleibt nichts anderes übrig, als sich den verfeindeten Gilden anzuschließen und bis zur großen Zusammenkunft, dem legendären Hof der Wunder, zu überleben.
Aber als Kaplan den beiden auf die Schliche kommt, droht in ganz Paris ein Krieg auszubrechen ...
(Quelle: Piper Verlag)
MEINE MEINUNG
Das sehr einfallsreiche Debüt „Der Hof der Wunder“ aus der Feder der britisch-mauritischen Autorin Kester Grant ist eine faszinierende Mischung aus historischem Abenteuer- und Fantasyroman, bei dem die fantastisch-magischen Elemente sich auf das Übernatürliche beschränken. Grants Ausgangsidee ist wirklich sehr originell und vielversprechend, doch leider hapert es dann doch etwas bei der Umsetzung ihrer hochkomplexen Geschichte.
Angesiedelt ist die Handlung im Paris des 19. Jahrhunderts, jedoch werden wir in eine alternative historische Realität hinein katapultiert. Die Französische Revolution, die das feudal-absolutistische Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts in einen von den Grundwerten der Aufklärung getragenen liberalen Verfassungsstaat überführen und in dem das einfache Volk das Sagen haben sollte, ist nämlich gescheitert. Nach wie vor sind Adel und Klerus an der Macht, und die verarmte, hungernde Pariser Bevölkerung wird von skrupellosen Adligen und kriminellen Gilden in Schach gehalten.
Von gleich zwei großen literarischen Werken hat sich die Autorin inspirieren lassen und ihre Adaptation der beiden Klassiker ist wirklich sehr originell. So finden sich in „Der Hof der Wunder“ zum einen zahlreiche Referenzen aus Victor Hugos Klassiker „Les Misérables“ und zum anderen aus „Das Dschungelbuch“ - einer Sammlung von Erzählungen und Gedichten des britischen Autors Rudyard Kipling. Hierbei hat sich die Autorin aus „Les Misérables“ vor allem ihre Figuren wie beispielsweise der skrupellose Thénardier, als Vater von Azelma und Cosette (als Ettie) entliehen. Auch Nina als abgewandelte Éponine, der Verbrecher Jean Valjean und sein erbitterter Jäger Javert oder der kleine Gavroche tauchen in der Geschichte in modifizierten Rollen auf. Spannend finde ich auch den Bezug zum Dschungelbuch, bei dem die kriminelle Pariser Unterwelt zu einem gnadenlosen Großstadtdschungel mit Gildenstruktur wird, wo sich allerhand vermenschlichte Tierwesen aus dem Dschungelbuch tummeln. Die verfeindeten Gildenherren wie der Tiger oder der Bär kommen im „Hof der Wunder“an der Hohen Tafel zusammen, um selbstherrlich über die Geschicke der ums Überleben kämpfenden Bevölkerung und ihrer Gilde zu bestimmen.
Dank des wundervoll bildhaften, mitreißenden Schreibstils der Autorin taucht man schon bald an Ninas Seite in einen befremdlichen, gewalttätigen Moloch ein, lernt die Gilden und ihre erbitterten Feinde kennen, spürt hautnah das Elend in den Gassen und den allgegenwärtigen Tod. Im Paris jener Tage herrscht eine unüberschaubare, grausame und brutale Welt, geprägt von Machtgier, Verrat, Verbrechen und eiskaltem Taktieren. Deutlich merkt man, dass sich die Situation für die hungerleidenden Unterdrückten zuspitzt und alles auf eine politische Revolte hinausläuft.
Es ist gar nicht so einfach, sich in dieser bildgewaltigen, düsteren Kulisse und der hochkomplexen Hintergrundgeschichte rund um die Gilden und Tagwandler, ihren Gesetzen, Feindschaften und Verstrickungen zurecht zu finden, denn Grant treibt ihre actionreiche Geschichte mit hohem Tempo voran. Zudem haben mir manchmal wichtige Details zum Verständnis gefehlt. Erzählt werden die Geschehnisse aus der Ich-Perspektive der Heldin und Protagonistin Nina, die nach ihrer Aufnahme in die Gilde der Diebe als Schwarze Katze eine ganz persönliche Agenda verfolgt, um ihre Schwestern vor Kaplan, dem skrupellosen Herrn des Fleisches zu schützen. Verbündete muss sie sich suchen und riskante Allianzen schmieden um ihren nahezu unmöglichen Plan zu realisieren. Leider bleib mir Nina lange Zeit sehr fremd, wirkte sie doch sehr distanziert und unnahbar auf mich. Durch abrupte Zeitsprünge ist es zudem schwer, Ninas persönliche Entwicklung, ihre Motive und die Hintergründe ihres Rachefeldzugs nachzuvollziehen. Schade, dass die Autorin nicht etwas mehr Augenmerk auf das Innenleben und die charakterliche Reifung ihrer Hauptfigur gelegt hat. Ninas Verhalten wirkte oft sehr planlos und sprunghaft auf mich, so dass es lange gedauert hat, bis ich mit ihr warm geworden bin. Ihre fast übermenschlichen Fähigkeiten und ihre Stärke erschienen mir insgesamt doch etwas zu übertrieben. Leider sind auch viele interessante Nebenfiguren nur recht oberflächlich ausgearbeitet, so dass man ihre Beweggründe und ihr Handeln nur schwer verstehen kann.
Nach einigen unvorhersehbaren Wendungen gipfelt die Geschichte in einem fesselnden Showdown und findet einen zufrieden stellenden Abschluss. Ich bin gespannt, wann Grant eine Fortsetzung ihrer geplanten Trilogie verfassen wird! Potential für weitere Geschichten hat ihre komplexe Welt auf jeden Fall noch!

FAZIT
Ein originelles, unterhaltsames Debüt mit einer faszinierenden Mischung aus historischem Abenteuer- und Fantasyroman. Die Umsetzung der vielversprechenden, hochkomplexen Geschichte und die Charakterzeichnung konnten mich allerdings nicht ganz überzeugen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.01.2020

Solider, temporeich erzählter Thriller mit einigen Schwächen

Freefall – Die Wahrheit ist dein Tod
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INHALT
“Wenn dein Leben eine Lüge ist, kann die Wahrheit dich töten”
Ein Flugzeug stürzt in den Rocky Mountains ab, einzige Überlebende ist die dreißigjährige Ally. Völlig auf sich gestellt, muss sie sich ...

INHALT
“Wenn dein Leben eine Lüge ist, kann die Wahrheit dich töten”
Ein Flugzeug stürzt in den Rocky Mountains ab, einzige Überlebende ist die dreißigjährige Ally. Völlig auf sich gestellt, muss sie sich durch die Wildnis kämpfen. Doch jemand ist hinter ihr her – jemand, der finster entschlossen ist, dass niemand überleben wird.
Als Allys Mutter Maggie von dem Absturz erfährt, plagen sie Schuldgefühle – sie hatte keinerlei Kontakt mehr zu ihrer Tochter und jetzt kann sie nicht an ihren Tod glauben. Sie versucht, möglichst viel über Allys Leben herauszufinden, doch was sie dabei erfährt, hätte sie sich niemals träumen lassen.
(Quelle: Random House Audio – Gekürzte Lesung mit Gabriele Blum & Yara Blümel, 2 MP3-CDs, ca. 9h 42min)

MEINE MEINUNG
Das Debüt von Jessica Barry „Freefall – Die Wahrheit ist dein Tod“ entwickelt sich mit seinem temporeichen, raffiniert angelegten Plot schnell zu einem fesselnden Thriller, den man kaum noch aus der Hand legen kann.
Recht packend hat Barry ihre Geschichte über eisernen Überlebenswillen, skrupellose Machenschaften, perfide Lügen und verhängnisvolle Verstrickungen in Szene gesetzt.
Die wechselnden Perspektiven, aus denen die beiden Hauptfiguren Maggie und ihre Tochter Ally über die Geschehnisse berichten, Rückblenden in die Vergangenheit sowie Schauplatzwechsel sorgen für viel Dynamik.
Während sich die junge Ally als einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes verletzt durch die Wildnis der Rocky Mountains kämpft und ganz offensichtlich von jemandem gnadenlos gejagt wird, muss ihre tief erschütterte Mutter sich damit auseinandersetzen, dass sie ihre geliebte Tochter, zu der sie die letzten 2 Jahre keinen Kontakt mehr hatte, wohl nie mehr wiedersehen wird. Zudem muss sie erkennen, dass sie Ally gar nicht mehr richtig kennt und versucht mehr über ihren erstaunlichen Lebenswandel der letzten Zeit herauszufinden. Nach und nach erfahren wir immer neue Details aus Allys neuem Leben und Hintergründe für die Entfremdung zwischen Mutter und Tochter. Je mehr sich Maggie auf ihrer verzweifelten Suche nach Antworten der Wahrheit nähert, desto mehr gerät sie jedoch selbst in höchste Gefahr.
Spannend geschrieben, keine Frage – doch insgesamt fehlten mir die durchgängige Spannung und der richtige Nervenkitzel für einen Thriller.
Schade auch, dass die Charaktere meist etwas oberflächlich und teilweise recht klischeebeladen wirken, so dass sie mir meist wenig greifbar blieben und ich mich nicht richtig auf sie einlassen konnte. Sehr authentisch finde ich hingegen Maggie herausgearbeitet, die mit einer ganzen Bandbreite an zwiespältigen Emotionen - von Trauer, Unglauben, Hoffnung bis Verzweiflung zu kämpfen hat.
Die Geschichte nimmt viele Wendungen, von denen mich einige leider nicht wirklich überraschen konnten, da ich sie schon früh habe kommen sehen, zieht zum Ende hin nochmals enorm an und gipfelt in einem packenden Showdown. Einige Entwicklungen erschienen mir jedoch nicht sehr plausibel, unausgereift oder unrealistisch.
ZUM HÖRBUCH:
Entsprechend der Unterteilung des Thrillers in zwei Erzählstränge hat der Verlag für diese Produktion zwei versierte Sprecherinnen verpflichtet. Gabriele Blum liest den Part von Maggie, während Yara Blümel den der Tochter Ally eingelesen hat. Die unverkennbare, warme Stimme von Gabriele Blum verleiht Maggie eine besonders warmherzige und mütterliche Ausstrahlung. Es macht Spaß, ihrer Interpretation zuzuhören, denn es gelingt ihr hervorragend, mit Betonungen und stimmlichen Variationen, die jeweilige Gefühlslage der Protagonistin zu transportieren. Auch Yara Blümel versteht es, mit ihrer jugendlich-frischen Stimme Ally mit ihrer Lebendigkeit zum Leben zu erwecken, aber auch ihre Verunsicherung, Ängste und Panik zu vermitteln. Gerade die Perspektivwechsel verleihen dem Thriller durch das gelungene Wechselspiel der Stimmen eine besondere Eindringlichkeit und machen das leicht gekürzte Hörbuch zu einem spannenden Erlebnis.
MEIN FAZIT
Ein spannender, temporeich erzählter Thriller, der zwar solide Unterhaltung bietet, aber leider auch nicht mehr!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.09.2019

Nervenaufreibender Psychothriller

ATME!
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Du traust mir. Sie traut dir. Ich traue niemandem.

INHALT
Nile hat endlich ihre große Liebe gefunden: Ben. Doch plötzlich verschwindet Ben spurlos. Und niemand will Nile bei der Suche helfen. Bis auf ...

Du traust mir. Sie traut dir. Ich traue niemandem.

INHALT
Nile hat endlich ihre große Liebe gefunden: Ben. Doch plötzlich verschwindet Ben spurlos. Und niemand will Nile bei der Suche helfen. Bis auf eine – seine Frau. Ihre ärgste Feindin. Judith Merchant inszeniert in diesem hochkarätigen Thriller ein so packendes wie raffiniertes psychologisches Vexierspiel voller doppelter Böden und verblüffender Wendungen.
Eben noch war Ben in der Boutique, in der Nile ein Kleid anprobierte, doch als sie aus der Umkleidekabine kommt, ist er verschwunden. Nile ist sich sicher: Es muss etwas Schreckliches passiert sein. Aber niemand will ihr glauben. Noch nicht mal seine engsten Freunde, die Nile sowieso für zu anhänglich halten. Also muss sie ausgerechnet ihre größte Feindin um Hilfe bitten: Flo, die Frau, mit der Ben noch verheiratet ist. Zu Niles Erstaunen ist diese sehr kooperativ. Doch dann entdecken die beiden Frauen immer mehr Ungereimtheiten in Bens Leben. Und die gemeinsam begonnene Suche entwickelt sich zu einer atemlosen Jagd, denn Nile realisiert: In diesem perfiden Spiel kann sie niemandem trauen. Schon gar nicht Flo.
(Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

MEINE MEINUNG
Mit ihrem neuesten Roman „Atme“ hat die deutsche Autorin Judith Merchant einen fesselnden Psychothriller vorgelegt, der uns mit seiner rasanten, nervenaufreibenden Geschichte und überraschenden Wendungen wahrlich kaum noch zu Atem kommen lässt, aber auch zunehmend Verwirrung stiftet.
Die Geschehnisse um Bens mysteriöses Verschwinden und Niles panischer Suche nach ihrem Partner erzählt die Autorin ausschließlich aus der Ich-Perspektive ihrer Protagonistin Nile, so dass man sich anfangs sehr gut in ihre Gedanken- und Gefühlswelt hineinversetzen kann. Kurze Sätze und rasche Szenenwechsel sorgen für reichlich Tempo und spiegeln gekonnt das Innenleben der gänzlich überforderten Protagonistin wider. Hautnah erlebt man die Achterbahnfahrt ihrer Gefühle und ihren von Verzweiflung, Sorgen und Misstrauen getriebenen Aktionismus mit und lässt sich von ihrer zunehmenden, oftmals irrationalen Paranoia anstecken. Doch schon bald wird deutlich, dass man den Wahrnehmungen und Erinnerungen dieser verwirrten, hysterisch agierenden Protagonistin nicht völlig trauen kann. Aufgrund eines unverarbeiteten Traumas in ihrer Vergangenheit scheint sie oft mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen zu haben und in einem beängstigenden Alptraum zwischen Wahn und Wirklichkeit gefangen zu sein. Gebannt verfolgt man dem unheilvollen Verlauf dieser fesselnden, sehr verwickelten Geschichte und versucht den wahren Hintergründen auf die Spur zu kommen. Doch mit immer neuen Puzzleteilchen wird es zunehmend schwieriger, die nur aus Niles Sicht geschilderten Ereignisse einzuordnen und sich ein objektives Bild von den wirklichen Geschehnissen zu machen. Im letzten Drittel zieht der Spannungsbogen mit immer neuen, oftmals etwas unglaubwürdigen Verwicklungen enorm an und die Handlung gipfelt schließlich in einem packenden Finale und einer höchst überraschenden Auflösung, die allerdings nicht ganz schlüssig ist und mich nicht völlig überzeugen konnte.

FAZIT
Ein fesselnder Psychothriller mit einer rasanten, nervenaufreibenden Geschichte, einer sehr anstrengenden Protagonistin und einer nicht ganz überzeugenden Auflösung.

Veröffentlicht am 15.07.2019

Sehr undurchsichtiger, aber interessanter zeithistorischer Roman

Die Frau aus Oslo
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INHALT
Oslo, 1942. Die Stadt ist von den Nazis besetzt. Die Jüdin Esther kämpft im Widerstand - bis sie verraten wird. In letzter Sekunde gelingt ihr die Flucht nach Schweden. Ihre Familie jedoch wird ...

INHALT
Oslo, 1942. Die Stadt ist von den Nazis besetzt. Die Jüdin Esther kämpft im Widerstand - bis sie verraten wird. In letzter Sekunde gelingt ihr die Flucht nach Schweden. Ihre Familie jedoch wird deportiert. In Stockholm trifft Esther den Widerstandskämpfer Gerhard Falkum, der ebenfalls aus Oslo geflohen ist. Er steht unter Mordverdacht an seiner Frau. Ein Verdacht, der nie ausgeräumt werden kann und Esther Jahrzehnte später noch beschäftigt. Denn zurück in Oslo will sie herausfinden, wer ihre Familie damals in den sicheren Tod geschickt hat ...
(Quelle: Lübbe)
MEINE MEINUNG
Der norwegische Krimiautor Kjell Ola Dahl hat mit seinem neuesten Werk „Die Frau aus Oslo“ einen eindrucksvollen, sehr verwobenen Roman verfasst, der mich mit seinem beklemmenden historischen Hintergrund zwar von Beginn an fesseln konnte, im Mittelteil aber aufgrund einer recht lavierenden Erzählweise deutlich an Spannung verlor. Der historische Kriminalroman, dessen Hintergrundgeschichte sich rund um die brutale Ermordung der Widerstandskämpferin und jungen Mutter Ase im Jahre 1942 in Oslo dreht, ist jedoch weniger ein packender Krimi sondern eher undurchsichtiger Agententhriller mit sehr interessanten, schwer zu entschlüsselnden Charakteren. Angesiedelt ist die Handlung auf drei verschiedenen Zeitebenen zur Zeit der deutschen Besatzung im Jahre 1942 in Oslo, im Jahr 1967 in Stockholm und einer kurzen Episode zu Beginn und Ende des Romans in der Gegenwart. Insbesondere der Handlungsstrang, der in Oslo zur Zeit der deutschen Besatzung in Norwegen während des 2. Weltkriegs spielt und im Milieu des norwegischen Widerstands angesiedelt ist, liest sich äußerst interessant und vielversprechend. Der Autor hat in seinem Roman einen spannenden geschichtlichen Aspekt aufgegriffen, über den ich bislang kaum etwas gelesen hatte und der mir weitgehend unbekannt war. Das vielversprechende Ausgangsszenario, der Verrat der jüdischen Hauptfigur Ester, der Mord an ihrer Freundin Ase, das tragische Schicksal von Esters Familie und viele fesselnde Fragestellungen rund um die Motive der Figuren geben einem zu rätseln auf.
Sehr geschickt hat der Autor seine unterschiedlichen, parallel laufenden Handlungsstränge zu einem packenden, sehr undurchsichtigen Plot miteinander verwoben, so dass der Leser sehr aufmerksam und konzentriert der Handlung folgen muss, um alle angedeuteten Facetten zu erkennen und die richtigen Rückschlüsse ziehen zu können.
Der Autor versteht es, mit seine eher nüchternen, oft sehr prägnant gehaltenen Schreibstil, eine ganz besondere distanzierte und bedrückende Atmosphäre zu vermitteln, die sehr gut zur Handlung passt.
Die komplex angelegte Handlung mit verschiedenen parallel laufenden Erzählsträngen, unterschiedlichen Schauplätzen und etlichen Akteuren ist lange Zeit nicht vorhersehbar. Im mittleren Teil des Romans treffen die Akteure von Oslo im Handlungsstrang von 1968 erneut aufeinander. Doch statt mehr Klarheit über die Vergangenheit zu erlangen, gibt uns der Autor mit immer neuen Verwicklungen weitere Rätsel auf und lässt viel Raum zum Spekulieren. Zeitweise hatte ich das Gefühl das sich die Handlung im Kreise dreht, wodurch die Spannung im Mittelteil deutlich abflaute.
Der Autor hat mit seinem Protagonisten und Gegenspielern faszinierende, vielschichtig angelegte und äußerst undurchsichtige Charaktere geschaffen, die zumeist unsympathisch, kühl und berechnend wirken. Ihre Hintergründe bleiben lange Zeit im Dunkeln, was angesichts ihrer Arbeit im Widerstand und beim Geheimdienst sehr authentisch und nachvollziehbar ist. Erst allmählich lassen sich daher ihre Persönlichkeiten und Motive im Laufe der Handlung erschließen. Erst beim äußerst fesselnden Finale führt der Autor die miteinander verwobenen Handlungsstränge zwar zusammen und löst die Hintergründe zu Ases Ermordung auf. Viele Zusammenhänge bleiben aber in der Schwebe und wurden vom Autor nicht mehr angesprochen, so dass der Leser sich viele Leerstellen in der etwas verworren erzählten Geschichte leider selbst zusammenreimen muss.
Zudem gibt uns der Autor einige sehr schockierende Einblicke in die Abgründe der menschlichen Psyche, das sehr nachdenklich stimmt.
FAZIT
Ein eindrucksvoller, sehr verwobener und undurchsichtiger Thriller mit einer beklemmenden historischen Hintergrundgeschichte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Spannung
  • Geschichte
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 08.07.2019

Gefangen im Sog des Verbrechens

Something in the Water – Im Sog des Verbrechens
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INHALT
Erins Glück scheint perfekt, als sie mit Mark ihre Flitterwochen auf Bora Bora verbringt. Auf der paradiesischen Insel genießen die beiden unbeschwerte Tage – bis sie bei einem Tauchausflug auf ...

INHALT
Erins Glück scheint perfekt, als sie mit Mark ihre Flitterwochen auf Bora Bora verbringt. Auf der paradiesischen Insel genießen die beiden unbeschwerte Tage – bis sie bei einem Tauchausflug auf eine Tasche mit wertvollem Inhalt stoßen. Erin und Mark beschließen, ihren Fund für sich zu behalten und alle Spuren zu verwischen. Aber zurück in London beginnt ihr Geheimnis schon bald, sie in einen reißenden Abgrund zu ziehen. Als sich beunruhige Vorfälle häufen, weiß Erin plötzlich nicht mehr, wem sie noch vertrauen kann …
(Quelle: Piper Verlag)
MEINE MEINUNG
Mit ihrem Debüt-Roman „Something in the Water - Im Sog des Verbrechens“ ist der britischen Schauspielerin und Autorin Catherine Steadman ein fesselnder, gut konstruierter Psychothriller gelungen, der erst allmählich an Fahrt aufnimmt, dann aber kaum mehr aus der Hand zu legen lässt.
Der Schreibstil der Autorin ist sehr lebendig und abwechslungsreich und lässt sich sehr angenehm lesen.
Bereits mit dem schockierenden Prolog, der das Ende der erzählten Geschichte vorausnimmt und den Leser mit einem beklommenen Gefühl zurücklässt, gelingt es der Autorin rasch uns zu fesseln und unheilvolle Atmosphäre aufzubauen. Unbedingt möchte man nun wissen, wie es zu dieser entsetzlichen Katastrophe hat kommen können. Im folgenden Handlungsverlauf erfahren wir in den rückblickenden Erzählungen der Hauptfigur und Ich-Erzählerin Erin, die sehr ausführlich und etwas langatmig ihre Vorgeschichte und Version der Ereignisse erzählt und dabei auch immer wieder das Wort an uns Leser richtet. So erfahren wir die Hintergründe des ersten Kennenlernens ihres Traummanns Mark, ihrer Zeit als perfektes Paar, ihrem fesselnden Job als Dokumentarfilmerin und ihrem neuen Film-Projekt. Ausführlich widmet sie sich auch ihrer ersten Beziehungskrise kurz vor ihrer Hochzeit, ausgelöst durch Marks plötzlichen Jobverlust als erfolgreicher Finanzmakler. Da sich die Handlung sehr behutsam entwickelt und für den Leser recht unklar ist, worauf die Geschichte überhaupt hinauslaufen wird, dauert es eine ganze Weile, bis es der Autorin gelingt, eine gewisse Grundspannung aufzubauen. Erst mit Marks und Erins Flitterwochen im Urlaubsparadies Bora Bora beginnen sich die Ereignisse zunehmend zu überschlagen. Nach ihrer überstürzten Rückkehr nach London wird die Handlung immer mysteriöser und entwickelt sich zu einem packenden, wendungsreichen Psychothriller mit einem clever konstruiertes Verwirrspiel. Im letzten Drittel ziehen schließlich Tempo und Spannung enorm an, denn mit der schrittweisen Eskalation der undurchsichtigen Geschehnisse gelingt es der Autorin uns Leser in Atem zu halten. Der Thriller gipfelt in einem sehr fesselnden Finale, in dem wir schließlich die nicht mehr ganz überraschende Auflösung präsentiert bekommen und Einblick in so manche schockierenden Abgründe der menschlichen Psyche erhalten.
Der Autorin ist es recht gut gelungen, die Persönlichkeit ihrer Charaktere einzufangen und ihre Weiterentwicklung angesichts der dramatischen Ereignisse weitgehend glaubhaft darzustellen. Sehr anschaulich zeigt sie den charakterlichen Wandel ihrer Hauptfigur Erin auf, die sich immer häufiger zu Lügen, fragwürdigen Entscheidungen und unheilvollen Verstrickungen hinreißen lässt. Zusehends werden jegliche moralisch-ethischen Grundsätze über Bord geworfen und das ehemals so glückliche Paar driftet immer weiter auseinander. Geldgier, Misstrauen und ihre permanente Angst vor Enttarnung ihrer kriminellen Taten treiben Erin immer tiefer in eine fatale Spirale aus irrationalem Verhalten und Paranoia. Durch die wählte Ich-Perspektive erleben wir in den subjektiv eingefärbten Rückblenden ausschließlich Erins Gefühls- und Gedankenwelt, während Mark nur aus ihrer Sicht wahrgenommen wird und dadurch etwas eindimensional und blass wirkt. Insgesamt konnte mich die Figurenzeichnung der Autorin jedoch nicht völlig überzeugen, da vor allem Erins Verhalten in meinen Augen nicht ganz realitätsnah und schlüssig war.
FAZIT
Ein fesselnder, wendungsreicher Psychothriller, der allerdings sehr langsam in Fahrt kommt und mich mit seiner Figurenzeichnung nicht völlig überzeugen konnte!