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Veröffentlicht am 03.08.2019

Hebammenausbildung während des Ersten Weltkrieges

Aufbruch in ein neues Leben
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Mit "Aufbruch in ein neues Leben" startet Linda Winterberg ihre neue Trilogie rund um drei junge Frauen, die sich in Berlin, Neukölln, des Jahres 1917 als Hebammen ausbilden lassen möchten. Luisa, Edith ...

Mit "Aufbruch in ein neues Leben" startet Linda Winterberg ihre neue Trilogie rund um drei junge Frauen, die sich in Berlin, Neukölln, des Jahres 1917 als Hebammen ausbilden lassen möchten. Luisa, Edith und Margot kommen aus sehr unterschiedlichen Schichten, haben aber denselben Berufswunsch.

Luisa hat früh ihre Eltern verloren und ist bei ihrer Großmutter in Ostpreußen aufgewachsen. Schon als Kind begleitete sie die Landhebamme zu den Hausgeburten und ging ihr dabei zur Hand. Damit sie selbst einmal praktizieren darf, benötigt sie allerdings eine fundierte Ausbildung mit Zeugnis.
Margot kommt aus ärmlichen Verhältnissen und bekommt durch die Fürsorge die Möglichkeit eine bezahlte Ausbildung zu erhalten. Sie hofft damit ihrer Mutter und den Geschwistern finanziell unter die Arme zu greifen. Ebenfalls möchte sie ihrem Leben eine neue Richtung geben.
Edith hingegen kommt aus einer reichen jüdischen Unternehmerfamilie. Für eine Frau aus der Oberschicht ist ein Beruf nicht erwünscht, doch Edith möchte die Ausbildung ohne dem Einverständis ihrer Eltern durchziehen.

Linda Winterberg hat mit dem Auftakt ihrer Trilogie rund um die drei Hebammenschülerinnen ein sehr interessantes Thema aufgegriffen. Mit Begeisterung habe ich bereits die Reihe rund um die Nightingale Schwestern von Donna Douglas gelesen. Noch habe ich mir ein paar Bände davon aufgehoben und deshalb habe ich mich sehr gefreut eine ähnliche Thematik in Linda Winterbergs neuem Roman zu finden. Während man bei Donna Douglas in London kurz vor dem Zweiten Weltkrieg Schwesternschülerinnen begleitet, ist man hier in Berlin während des Ersten Weltkrieges. Die Ausbildung zur Hebamme steht ebenfalls im Kontrast zu derjeningen als allgemeine Krankenschwester. In diesem Roman steht vorallem die Geburtshilfe und die medizinische Versorung der Mütter und der Neugeborenen im Mittelpunkt, denn die Säuglingssterblichkeit liegt zu dieser Zeit bei 18%.

Die drei sehr unterschiedlichen Frauen freunden sich im Laufe der Ausbildung immer mehr an. Während man zu Beginn jede von ihnen besser kennenlernt, verfolgt man gespannt ihren gemeinsamen Weg. In den Wirren des Krieges werden sie mit allerlei Leid konfrontiert, aber auch eigene Schicksalschläge muss die eine oder andere am eigenen Leib erfahren. Hunger, Not und Kälte sind im letzten Kriegsjahr allgegenwärtig. Die Spanische Grippe findet ebenso Erwähnung, wie den Versuch durch die politische Umwälzungen den Krieg zu beenden.
Die Charaktere sind sehr individuell und lebendig beschrieben. Man bangt, leidet und freut sich mit den Frauen mit. Hier entsteht sofort Kino im Kopf.

Während mich der Beginn und das Ende fesseln konnten, hatte der Mittelteil für mich manchmal einige Längen. Ich hatte des öfteren das Gefühl, dass vieles zu glatt geht und die Aneinanderreihung der Geburten hatten den Charakter einer Aufzählung. Hier hätte ich mir etwas weniger Geburten, dafür auch ein bisschen mehr drumherum gewünscht, wie mehr Alltag aus der Hebammenausbildung.
Doch schon bald war ich wieder gefangen in der Geschichte. Vorallem im letzten Drittel wird der Roman genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte...voller Intensität und Dramatik, die fesselt und berührt.

Die Handlung wird sehr realitätsnah erzählt, wobei man leider auch den einen oder anderen liebgewonnen Charakter loslassen muss. Ich sage nur: Taschentücher bereithalten! Und auch das Ende hat einen bittersüßen Beigeschmack, wenn man weiß wie es geschichtlich weitergehen und was den drei Frauen noch bevorstehen wird. Ich freue mich schon auf Band 2, der im Januar erscheinen wird.

Schreibstil:
Der Schreibstil, der unter Pseudonym schreibenden Autorin, ist sehr lebendig, bildgewaltig und emotional. Ihre Figuren sind authentisch und individuell. Innerhalb kurzer Zeit habe ich mich mit den drei Freundinnen mitgelitten und mitgefreut. Das Kopfkino kommt sehr schnell in Fahrt.
Linda Winterberg alias Nicole Steyer hat wie gewohnt wieder vortrefflich recherchiert. Im Nachwort erfahren wir noch einige Fakten zur Gründung der ersten Hebammenlehranstalt in Neukölln und einen kleinen Einblick in die Zeit des Ersten Weltkrieges.

Fazit:
Ein gelungener Auftakt der Hebammenreihe, der mich unterhalten und in das letzte Kriegsjahr des ersten Weltkrieges mitgenommen hat. Obwohl mir die Reihe rund um die Nightingale Schwestern von Donna Douglas noch immer besser gefällt, liest sich Band 1 rund um Margot, Edith und Luise wirklich sehr gut. Neben der Ausbildung und der Freundschaft der drei Frauen wird ebenso auf die politischen Hintergründe eingegangen. Ich freue mich schon auf den Nachfolgeband.

Veröffentlicht am 13.07.2019

Ergreifende Fortsetzung - hat mir besser als teil 1 gefallen

Zeit aus Glas
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Der zweite Teil der Seidenstadt Reihe, in der Ulrike Renk die Familiengeschichte der jüdischen Familie Meyer erzählt, beginnt wo Teil 1 endete: bei der Reichskristallnacht.
Diese bringt für Ruth, ihre ...

Der zweite Teil der Seidenstadt Reihe, in der Ulrike Renk die Familiengeschichte der jüdischen Familie Meyer erzählt, beginnt wo Teil 1 endete: bei der Reichskristallnacht.
Diese bringt für Ruth, ihre Eltern und ihre kleine Schhwester Irene große Veränderungen mit sich. Ihr Haus und sämtliches Mobilar ist mutwillig zerstört worden, sodass es unbewohnbar geworden ist und sie auf die Hilfe ihrer Freunde angewiesen sind. Nach diesen schweren Angriffen auf die jüdische Bevölkerung haben die Wände Ohren und niemand kann sich mehr sicher fühlen. Viele Juden glauben noch daran, dass sich trotzallem Hitler und seine Schergen nicht durchsetzen können, während andere versuchen das Land zu verlassen. Ruth und ihre Eltern haben bereits eine Ausreiseerlaubnis in die USA, doch die Nummer auf der Warteliste ist so hoch, dass dies frühestens in 2-3 Jahren möglich wäre. Der allwissende Leser weiß bereits, dass dies zu diesem Zeitpunkt nicht mehr machbar sein wird und auch die Meyers fühlen, dass sie sobald wie möglich das Land verlassen sollten. Martha, Ruths Mutter, ist dieser Situation nicht gewachsen und verfällt in Depressionen. Vater Karl kommt ins Gefängnis. Die Verantwortung liegt nun großteils auf Ruth's Schultern. Sie erhält Hilfe von der befreundeten arischen Familie Achatz, sowie von Ruths Tante Hermine. Letztere hat jedoch ähnliche Sorgen nachdem ihr Mann nach Palästina ausgewandert ist und nur für Sohn Hermann ein weiteres Visa erhalten hat. Hermann bleibt jedoch bei seiner Mutter in Deutschland.....

Der Einstieg in Band 2 ist mir leicht gefallen und sehr schnell hatte ich wieder den Inhalt aus "Jahre aus Seide" im Kopf. Der Titel den aktuellen zweiten Bandes "Zeit aus Glas" ist perfekt gewählt, denn auf den fast 500 Seiten ist man sich als Leser der Ungewissheit und der Angst dieser Zeitepoche immer bewusst. Ulrike Renk hat diese sehr ausführlich dargestellt und das beklemmende Gefühl hervorragend transportiert. War Ruth im ersten Band noch Kind und wurde auch ihre Sichtweise von der Autorin noch kindlich dargestellt, ist sie nun knapp 18 Jahre alt und trägt fast die ganze Verwantwortung der Familie auf ihren Schultern. Oft hatte ich das Gefühl, dass einzig Ruth das Unheil kommen sieht, während der Rest der Familie in Depression verfällt oder aus Unglauben die Augen verschließt.
Die Wandlung von Martha, Ruth's Mutter, die im ersten Band eine starke und moderne Frau war, fand ich erschreckend. Statt für ihre Kinder da zu sein, bürdet sie der Ältesten, noch zusätzlich zu den vielen Einschränkungen durch die Nazis, die volle Verantwortung über die Familie auf. Für Ruth endet damit ihre Kindheit und sie muss sehr schnell erwachsen werden. Auch Vater Karl kam mir in diesem Teil ziemlich hilflos vor, bevor er ins Gefängnis wandert. Ruth hingegen gewinnt an Stärke, lässt aber immer wieder in liebevollen Dialogen mit ihrer Schwester Irene durchblicken, dass sie am Ende ihrer Kräfte ist, aber stark bleiben muss. Ruth beginnt einen Plan zu schmieden, indem sie ihrer Familie helfen möchte Deutschland früher zu verlassen....

Mit viel Einfühlungsvermögen erzählt Ulrike Renk über die Repressalien, denen die Juden ausgesetzt wurden. Dabei ist dies erst der Beginn der gewollten Auslöschung der jüdischen Bevölkerung durch die Nazis. Mir hat dieser zweite Teil der Reihe um einiges besser gefallen als Band Eins und ich freue mich schon auf die weiteren Bände.

Schreibstil:
Der Schreibstil der Autorin ist bildhaft und atmosphärisch. In diesem Band ist er der nun fast erwachsenen Ruth angepasst, während er im ersten Teil noch kindlich war. Die Charaktere sind sehr authentisch und detailliert beschrieben. Jeder von ihnen macht eine Entwicklung durch - ob zum Besseren oder Schlechteren.
Zu Beginn gibt es wieder ein Personenregister. Im Nachwort erzählt Ulrike Renk mehr über die Tagebücher von Ruth Meyer, die für sie die Quelle zu dieser Reihe sind. Die Autorin zeigt auf, was Wahrheit ist und was ihrer Fantasie entsprang - aber auch wie schwer es ihr oft fiel die Tagebuchaufzeichnungen von Ruth zu lesen.

Fazit:
Eine ergreifende und wunderbare Fortsetzung der Familiengeschichte um die jüdische Familie Meyer. Ulrike Renk hat die die Atmosphäre nach der Reichskristallnacht besonders authentisch eingefangen. Für Band 2 hat mir wesentlich besser gefallen als der erste Teil der Reihe und ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

Veröffentlicht am 09.07.2019

Warmherziger Roman mit Suchtpotential

Bis wir wieder fliegen
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Eigentlich bin ich kein Coverkäufer, denn ich lese mir immer die Inhaltsangabe bzw. den Klappentext des Buches durch. Das habe ich hier ebenfalls gemacht und auch in die Lespeprobe reingelesen. Trotzdem ...

Eigentlich bin ich kein Coverkäufer, denn ich lese mir immer die Inhaltsangabe bzw. den Klappentext des Buches durch. Das habe ich hier ebenfalls gemacht und auch in die Lespeprobe reingelesen. Trotzdem muss ich als Leuchtturmliebhaberin einfach dieses wunderschöne Cover erwähnen. Es lädt zum Träumen ein und am liebsten würde ich in ein Flugzeug steigen und dieses kleine Fleckchen Erde besuchen.
Aber nun zum Inhalt hinter dem vielversprechenden Cover.
Anne ist Notärztin bei der walisischen Flugrettung. Sie liebt ihren Beruf und ist eine optimistische junge Frau, die ihre Arbeit sehr gewissenhaft erledigt und dies auch von den anderen erwartet. Gemeinsam mit der Hubschrauberpilotin Leah und dem Sanitäter Owen sind sie ein eingespieltes Team....das Dreamteam unter den Einsatzkräften. Doch privat ist Owen ein etwas unterkühlter Typ, der sich abweisend verhält. Er ist mehr Einzelgänger, als geselliger Typ. Doch seine Zurückhaltung hat einen Grund, der in der Vergangenheit liegt und die er nicht preisgeben möchte. Als Anne und Owen bei einem Einsatz selbst in große Gefahr geraten, beginnt Owens Schutzschild langsam zu bröckeln. Doch nach dem Unfall baut Owen die Distanz wieder auf und Anna versteht die Welt nicht mehr.....

Ella Simon erzählt eine komplexe Geschichte über Verlust, Trauma, Ängste und Schicksalschläge. Die Aufarbeitung dieser Vergangenheit ist der Hintergrund und rote Faden des Buches. Die Gründe offenbaren sich erst nach und nach und lassen den Leser einen tiefen Einblick in die Seele der Protagonisten werfen. Dabei zieht der Roman den Leser aber nicht hinunter, sondern er berührt, gibt Hoffnung und Mut. Hat man einmal angefangen zu lesen, kann man das Buch kaum mehr aus der Hand legen. Man lebt und fiebert mit den Charakteren mit. Hinzu kommt die bildhafte Beschreibung der wunderschönen walisische Landschaft. Mit den ereignisreichen Rettungseinsätzen bringt die Autorin Spannungs in die Geschichte, die einerseits Liebesroman und Familiendrama ist. Manche Begebenheiten, besonders das Ende, sind etwas vorhersehbar, und einige Dinge liefen mir alleridngs etwas zu glatt.

Die Charaktere sind sehr liebevoll gezeichnet. Mit Anne hat Ella Simon eine wunderbare Protagonoistin erschaffen, die sehr aufgeschlossen, positiv und offen ist. Sie ist ein richtiger Sonnenschein.
Owen ist eine harte Nuss...eine mit rauhen Kern und weicher Schale. Seine Entwicklung wird glaubwürdig transportiert, auch wenn er doch so einige Zeit dazu benötigt.
Leah ist eine sehr schüchterne junge Frau, die gegen ihre eigenen Dämonen kämpft.
Evelyn, Annes Pflegemutter, ist eine Frau, die offen auf andere Menschen zugeht. Sie ist für andere da und herzensgut. Das ganz besondere und innige Mutter-Tochter-Verhältnis wird berührend dargestellt.
Elvis ist der jüngere Bruder von Owen und hat in seiner Teenagerzeit nicht viel ausgelassen. Nun scheint er endlich sich selbst gefunden zu haben und versucht dies auch Owen zu vermitteln, was nicht immer klappt.
Auch die Nebencharaktere sind absolt gelungen und authentisch dargestellt.

Schreibstil:
Ella Simon hat einen wunderbaren Schreibstil, der einem in ihrem Roman sehr schnell versinken lässt. Ich habe begonnen zu lesen und das Buch nicht mehr aus der Hand gelegt. Die Einblicke in die Flugrettung fand ich sehr spannend und die lebendige Beschreibung der Landschaft ist absolut gelungen.

Fazit:
Ein warmherziger Roman mit Suchtpotential, der sich wunderbar liest. Wegen ein paar kleine Schwächen (das Ende) gibt es zwar keine 5 Sterne, aber trotzdem eine Leseempfehlung von mir.

Veröffentlicht am 13.06.2019

Bis zum letzten Tropfen

Dry
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Neil und Jarrod Shusterman beschreiben ein sehr realistisches und authentisches Szenario. Wenn wir uns die Temperaturen der letzten Sommer so ansehen, kann man nicht die Augen davor verschließen, dass ...

Neil und Jarrod Shusterman beschreiben ein sehr realistisches und authentisches Szenario. Wenn wir uns die Temperaturen der letzten Sommer so ansehen, kann man nicht die Augen davor verschließen, dass sie immer heißer und trockener werden. Wie lange wird es noch dauern bis auch bei uns das Wasser nicht mehr zum Blumen gießen und Auto waschen verwendet werden darf? Doch das ist erst der Anfang.... Wie es ausarten kann, erzählen uns Neil und Jarrod Shusterman in "DRY".

Von einem Tag auf den anderen gibt es plötzlich (ohne Vorwarnung!) kein Wasser mehr in Kalifornien. Die Wasservorräte in den Kaufhäusern sind schneller ausverkauft als man schauen kann und kurze Zeit später ist auch der Strom weg. TAPE OUT! Nichts geht mehr! Die Fluglinien ausgebucht und die Autobahnen verstopft. Anarchie, Plünderungen und Chaos beherrschen plötzlich Südkalifornien.
Die wenigsten Menschen sind auf dieses Szenario vorbereitet, wie auch die 16jährige Alyssa und ihr 10jähriger Bruder Garret. Hier steigen wir in die Geschichte ein, die aus verschiedenen Sichten der fünf Jugendlichen erzählt wird. Während sich die Eltern von Alyssa und Garret auf den Weg zum Strand machen, wo durch Entsalzungsanlagen für die Menschen Trinkwasser zur Verfügung stehen soll, ist der 17jährige Kelton, der Nachbarsjunge, auf diese Situation vorbereitet. Sein Vater ist ein Prepper (= Personen, die sich mittels individueller Maßnahmen auf jegliche Art von Katastrophe vorbereiten) und hat natürlich alle Vorkehrungen für so eine Situation getroffen. Kelton hilft Alyssa und Garret als ihre Eltern nicht mehr vom Strand zurückkommen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg sie zu suchen und an Wasservorräte zu kommen. Keltons Eltern haben einen Bunker, wo sie alle Vorkehrungen für dieses Szenario getroffen haben. Auf dem Weg zum Strand treffen sie auf Jacqui, eine Einzelgängerin, die von zuhause abgehauen ist und sich schon eine Weile alleine durchschlägt. Später kommt noch Henry dazu.

Das Szenario wird sehr realitätsnah beschrieben. Der Staat ist nicht vorbereitet auf diese Situation, die Politiker sind hilflos. Die Ressourcen werden an gemeinnützige Stellen weitergeleitet, die Normalbürger bleiben außen vor. Medienberichte über die Katastrophe bleiben aus, was zur Folge hat, dass die Hilfswasserlieferungen nicht einmal ein Viertel der Bevölkerung hilft. Die Lage beginnt sich immer mehr zuzuspitzen...
Neil und Jarrod Shustermna erzählen sehr bildhaft und glaubwürdig. Das bemerkt man als Leser schon nach den ersten Seiten, denn ich hatte durchwegs Durst...und wie! Und sie zeigen schonungslos auf, wie schnell Menschen in Extremsituationen austicken bzw. sich sehr unterschiedlich verhalten. Werte und Moral verschieben sich. Die einen schauen nur auf sich selbst, andere teilen bis zum letzten Tropfen. Gruppendynamik oder Einzelkämpfer...was ist von Vorteil? Wie würde man selbst handeln?

Zwischen den verschiedenen Erzählungen der Jugendlichen gibt es sogenannte SnapShots. Hier werden Berichte von Einsatzkräften, Journalisten oder Menschen in Not dargestellt. Diese haben mir sehr gut gefallen, weil man einen kleinen Einblick auf die Szenen außerhalb der fünf Protagonisten bekommt. Neil und Jarrod Shusterman setzen sich mit vielen Themen auseinander, die uns zu denken geben sollen und klären uns über Dehydrierung und verschiedene Arten von Wassergewinnung auf. Auch das Waffengesetz in den USA spielt eine gewichtige Rolle. Gefallen hat mir auch, dass es keine Liebesgeschichte gibt, wie es öfters in Jugendromanen vorkommt.

Was mir allerdings gefehlt hat waren einige Antworten, wie es so plötzlich und ohne Vorwarnung zu diesem totalen Ausfall kommen konnte und warum die Regierung und die Hilfkräfte die Situation völlig falsch einschätzten.
Das Ende war sehr spannend, trotzdem empfand ich es etwas zu schnell abgehandelt und gewollt. Außerdem bieten die Autoren keine wirkliche Lösung an.

Charaktere:
Die Charaktere der Jugendlichen sind sehr unterschiedlich. Alle entwickeln sich im Laufe der Geschichte weiter. Alyssa ist eine sympathische Sechzehnjährige, die gerne alles unter Kontrolle hat. Ihr kleiner Bruder Garret sieht oft Dinge, die andere übersehen. Kelton ist in den Augen der anderen ein Freak, was sich aber bald ändert, da er von Anfang an weiß, wie man sich in dieser Situation verhält. Doch dann kommt auch Kelton an eine Extremsituation und er verliert so einge Sympathiepunkte bei mir. Jacqui ist tough und intelligent, sie liebt den Nervenkitzel. Henry manipuliert hingegen sein Umfeld und die Menschen gern. Er versucht aus der Wasserknappheit Profit zu schlagen. Henry bleibt bis zum Ende hin rätselhaft...

Schreibstil:
Der Schreibstil ist detailliert, packend und eher jugendlich gehalten. Man erkennt nicht, dass zwei Autoren an der Geschichte beteiligt sind. Das Tempo ist angenehm, hat im Mittelteil allerdings etwas nachgelassen. Erzählt wird aus der Sicht der fünf Proatgonisten und der Roman ist in sechs Teile aufgeteilt.

Fazit:
Ein beängstigendes Szenario, das leider schneller eintreten kann, als wir denken. Der Klimawandel ist bereits hier, auch wenn einige Politiker dies noch immer bestreiten. Das Duo Shusterman versucht in jugendbuchgerechter Form aufzuzeigen, dass Wasser nicht selbstverständlich ist, sondern ein lebensnotwendiges Gut ist. Sie setzten sich mit den Konsequenzen des Wassermangels deatiliert auseinander und verpacken es in eine packende Story, die am Ende jedoch ein paar Fragen offen lässt.

Veröffentlicht am 06.06.2019

Schwächerer zweiter Teil

Die Fotografin - Die Zeit der Entscheidung
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"Die Fotografin - Zeit der Entscheidung" knüpft nahtlos an das Ende des ersten Bandes an.
Noch immer befindet sich Mimi im Leinweberdorf Laichingen auf der Schwäbischen Alb, wo sie ihren schwerkranken ...

"Die Fotografin - Zeit der Entscheidung" knüpft nahtlos an das Ende des ersten Bandes an.
Noch immer befindet sich Mimi im Leinweberdorf Laichingen auf der Schwäbischen Alb, wo sie ihren schwerkranken Onkel Josef pflegt. Ihr Fotoatelier beginnt langsam anerkannt zu werden und auch die Einwohner des Dorfes legen teilweise ihre Misstrauen ab. Trotzdem bleibt bei fast allen eine Hemmschwelle gegenüber der toughen Frau bestehen, die die Laichinger aus dem gewohnten Trott herausholen möchte. Ihr Ziel, sich gegen dem alleinigen großen Arbeitgeber und Fabrikanten Hermann Gehringer aufzulehnen, der die Menschen ausbeutet, steht noch immer auf sehr wackeligen Füßen. Mit ihrer Überzeugung den jungen Menschen beizubringen, dass sie auch andere Möglichkeiten haben, als nur die traditionelle Weberei, stößt Mimi aber auch auf so einigen Widerstand. Hilfe scheint sie einzig und allein von Johann zu bekommen, den sie als Hannes in Ulm kennengelernt hat und dem seitdem ihr Herz gehört. Doch der junge Mann, der nie wieder in seinen Heimatort zurückkehren wollte, hat nicht nur das Wohl der Menschen im Auge....

Die meisten Figuren kennen wir bereits aus dem ersten Band der Trilogie. Die jungen Menschen, wie Anton, Alexander und Fritz wollen nicht der Tradition folgen und wie ihre Väter ein Gasthaus führen oder in der Weberei arbeiten. Mimi unterstützt Alexanders zeichnerischen Talent und Fritz Fähigkeiten mit Holz zu arbeiten. Anton hingegen sieht Mimi als Sprungbrett für seinen Weg in die Stadt.
Die Charaktere sind liebevoll und detailliert beschrieben. Man hat das Gefühl jeden von ihnen zu kennen, was ja auch teilweise stimmt, da wir fast alle Figuren bereits im ersten Band kennengelernt haben. Wie in allen ihren Romanen überzeugt Petra Durst-Benning mit lebendigen und ausdrucksstarken Charakteren.

Auch die Ausbeutung vieler Familien durch den Fabriksbesitzer Gehringer, der seine Machtspielchen als einziger großer Arbeitgeber in dieser ärmlichen Gegend zur Gänze ausspielt, wird sehr gut veranschaulicht. Vorallem die Frauen haben neben dem Haushalt, den Kindern und der schweren Arbeit auf den Feldern am Abend noch Stickereiarbeiten zu erledigen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Die bittere Not ist allgegenwäritg, während Gehringer immer mehr von den Menschen fordert. Der Unterschied zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung, aber vorallem das Leben auf der Schwäbischen Alb, wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, ist enorm.
Sehr gut gefallen haben mir auch die Einblicke in die damalige Fotografie und die Kunst der Retusche. Wie viel Zeitaufwand man damals für ein Foto aufbringen musste und wie sich die Zeiten in nicht ganz hundert Jahren geändert haben, ist faszinierend.

Im Vergleich zum ersten Band waren für mich einige Wendungen vorauszuahnen und der Spannungsbogen lässt im MItelteil etwas nach. Trotzdem konnte mich der wunderbare Schreibsil und vorallem die großartige Charakterisierung der Figuren wieder überzeugen.

Fazit:
Mit "Die Fotografin - Zeit der Entscheidung" kommt die Autorin nicht ganz an den ersten Teil heran, hält aber am Ende noch eine Überraschung bereit, die viel Spielraum für den Abschluss der Trilogie beinhaltet. Ich bin schon sehr gespannt!