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Veröffentlicht am 02.11.2016

Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich. Hermann Hesse

Auch das wird vergehen
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Blancas Mutter ist verstorben, die wohl der wichtigste Mensch in ihrem Leben war und Blanca zu dem Menschen 'machte', der sie heute ist. Nicht immer entwickeln sich aus solchen Erkenntnissen positive Gefühle, ...

Blancas Mutter ist verstorben, die wohl der wichtigste Mensch in ihrem Leben war und Blanca zu dem Menschen 'machte', der sie heute ist. Nicht immer entwickeln sich aus solchen Erkenntnissen positive Gefühle, doch in diesem Fall entstand eine große Liebe. Blanca liebt ihre Mutter über alles und in den Tagen nach deren Tod ist sie ihr fast immer gegenwärtig, bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten. Die Ich-Erzählung aus Blancas Perspektive habe ich wie einen Brief an die Mutter empfunden: Sie erzählt ihr von den Tagen nach der Beerdigung, wie sie sich versucht abzulenken und dennoch stets auf's Neue ihre Mutter in den Vordergrund rückt. Menschen, Orte, Gesten, Gefühle - immer wieder werden dadurch Erinnerungen hervorgerufen, denen Blanca sich hingibt. Voller Wehmut und Schmerz, aber auch mit Zärtlichkeit, Freude und voller Liebe. Dies mag nun Manchen allzu sehr nach Rosarot klingen, doch es gibt auch Rückblicke, die deutlich machen, dass die Mutter-Tochter-Beziehung nicht nur harmonisch war. Doch die Liebe überwiegt...
In diesem Buch gibt es so viele wunderbare und schöne Sätze, dass ich vermutlich ganze Wände damit tapezieren könnte Beispiele gefällig? Also: "Du hast mich so rigoros und nachhaltig gegen jede nicht spielerische Form von Unterwerfung erzogen, dass ich noch nicht einmal Feministin werden musste." oder "In deinen Augen rechtfertigte die Liebe eigentümliche Verhaltensweisen, die du unter allen anderen Umständen verurteilt hättest. Wenn ein Kellner ... dir die Suppe über's Kleid schüttete und du, eben dabei, dich zu beschweren, vom Maître erfuhrst, er sei verliebt ..., sahst du ihn wohlwollend an und sagtest: "Ach so, na dann..." Und aßest seelenruhig weiter in deinem suppendurchtränkten Rock." oder ""Leichtigkeit ist eine Form von Eleganz", sage ich, "leicht und fröhlich zu leben ist sauschwer." "Du verwechselst Leichtigkeit mit Schlendrian, Blanquita."" Vielleicht ist es das, was das Leben von Blanca und ihrer Familie ausmacht: Die Leichtigkeit und die Liebe, was sich auch in den noch immer sehr guten Beziehungen zu ihren Ex-Ehemännern zeigt, den Vätern ihrer beiden Söhne.
Doch es ist nicht nur die Liebe zum andern Geschlecht, sondern ganz allgemein die Liebe zum Leben, die Liebe an sich. Deutlich wird das besonders auf den letzten Seiten, wo Blanca ihrer Mutter eine wundervolle Dankesrede und Liebeserklärung schreibt, die alleine schon das ganze Buch lohnt. "Von dir habe ich die Liebe auf den ersten Blick als einzig mögliche Form, sich zu verlieben (du hattest recht), die Liebe zur Kunst, zu den Büchern, den Museen, zum Ballett, die Freigiebigkeit in Gelddingen, die großen Gesten in den passenden Momenten, die Rigorosität im Handeln und im Reden. Das völlige Fehlen von Schuldgefühlen und die Freiheit und die Verantwortlichkeit, die damit verbunden sind.... Du hast mir auch das irre Lachen geschenkt, die Freude am Leben, die völlige Hingabe, den Spaß an jedem Spiel, die Abneigung gegen alles, was in deinen Augen das Leben kleiner machte und einem die Luft nahm: Knauserigkeit, Mangel an Loyalität, Neid, Angst, Dummheit und Grausamkeit. Und den Sinn für Gerechtigkeit. Die Aufsässigkeit. Das überwältigende Erkennen von Glück in den Momenten, wenn man es in Händen hält und ehe es wieder davon fliegt.... Und die Grandezza, eine Fähigkeit, die Dinge zu benennen, sie zu sehen, eine aufrichtige Toleranz den Schwächen und Unzulänglichkeiten anderer Menschen gegenüber...".
Auch wenn das Hauptthema dieses Buches der Tod eines Menschen sein mag, ist es für mich viel mehr eine Hommage an das Leben und die Liebe.

Veröffentlicht am 31.10.2016

Ulrich Tukur und Venedig

Die Seerose im Speisesaal
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Wer hofft, ausgehend vom Untertitel 'Venezianische Geschichten', etwas mehr über Venedig zu erfahren als bereits in den einschlägigen Reiseführern steht, wird wohl einerseits enttäuscht werden, andererseits ...

Wer hofft, ausgehend vom Untertitel 'Venezianische Geschichten', etwas mehr über Venedig zu erfahren als bereits in den einschlägigen Reiseführern steht, wird wohl einerseits enttäuscht werden, andererseits aber auch seinen Wunsch erfüllt bekommen. Rat- und Vorschläge welcher Art auch immer finden sich hier nicht, dafür aber eine Menge Geschichten über die VenezianerInnen, sodass man am Ende vielleicht ein bisschen ein Gefühl dafür bekommen hat, was den/die Einheimischen ausmacht. Wobei - ob der Unterschied zu BewohnnerInnen aus anderen Gebieten Italiens so groß ist, kann ich nicht beurteilen.
In jedem Fall sind die Geschichten amüsant, liebevoll, melancholisch und zuweilen auch phantastisch. Überwiegend sind es Erlebnisse des Autors, die sich seit seinem Umzug nach Venedig ereigneten bzw. Geschehnisse, die ihm von BewohnerInnen Venedigs zugetragen wurden. Manchmal wurde sein Interesse so groß, dass er begann, historische Hintergründe dazu auszugraben und stieß so auf Skurriles und Rätselhaftes wie beispielsweise die venezianische 'Flamme' von Hitler.
Ob wahr oder nicht - es spielt keine Rolle. Tukurs Stil ist ausgesprochen unterhaltend und er versteht es meisterhaft, Dinge zu beschreiben und vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Ein Beispiel: "Ihr Gesicht war eine Landschaft, die sich im Laufe eines langen, entbehrungsreichen Lebens herausgebildet hatte; es gab Berge, ja regelrechte Gebirgszüge, zwischen denen sich Täler dahinzogen, tiefe und weniger tiefe, langgestreckte, die sich zu Ebenen weiteten, wiederum anstiegen, um hinabzufallen zu zwei Seen, dunkel schimmernd oder hell strahlend, je nachdem, welches Wetter herrschte und wie das Licht sie traf." (Die beschriebene Dame ist 96 Jahre alt.)
Was dem Ganzen jedoch auf jeden Fall zur vollen Punktzahl verhilft, ist die wirklich grandiose Lesung des Autor selbst. Ulrich Tukur kann es einfach! Er liebt diese Stadt und seine Menschen und die Geschichten dazu, das konnte er mir bei diesem Hörbuch äusserst glaubhaft vermitteln. Vermutlich sogar noch besser, als wenn ich 'nur' die Geschichten gelesen hätte.
Meine Empfehlung daher: Das Hörbuch hören!

Veröffentlicht am 31.10.2016

Alles in einem - Krimi, Historiengemälde, Familiengeschichte und Liebesroman

Die Birken wissen's noch
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Was für ein wundervolles Buch! Spannend wie ein Krimi, gefühlvoll wie ein Liebesroman und nicht zuletzt auch lehrreich was die Geschichte des letzten Jahrhunderts betrifft. Das Alles kommt in einer schönen, ...

Was für ein wundervolles Buch! Spannend wie ein Krimi, gefühlvoll wie ein Liebesroman und nicht zuletzt auch lehrreich was die Geschichte des letzten Jahrhunderts betrifft. Das Alles kommt in einer schönen, leicht zu lesenden Sprache daher, sodass die Lektüre ein einziger Genuss ist. Irgendein Manko? Nein, mir fällt nichts ein (Und nein, ich wurde nicht vom Verlag für diese Rezension bezahlt ).
Der 23jährige Edvard ist nach dem mysteriösen Tod seiner Eltern bei seinen Großeltern auf einem Hof in Norwegen aufgewachsen, die ihn liebevoll umsorgten, jedoch nie über den Rest der Familie sprachen. Nach beider Tod entdeckt Edvard im Nachlass seines Großvaters Unterlagen, die ihn beginnen lassen, Nachforschungen anzustellen: Wer war seine Mutter? Was ist mit Großvaters Bruder Einar? Weshalb dieses Schweigen? Was geschah tatsächlich, als seine Eltern starben? Schritt für Schritt arbeitet er sich in die Geschichte der Familie hinein, die nach und nach so spannend wird wie ein Kriminalfall und ihn zuerst auf die Shetlandinseln führt, wo er Gwen begegnet, einer jungen selbstsicheren undurchdringlichen Frau, die vielleicht mehr weiß als sie zugibt. Gemeinsam gehen sie den Hinweisen nach, die sie beide immer weiter in die Vergangenheit zurückführt, denn auch Gwen ist auf der Suche.
Was sich nun nach einer der typischen ‚Schmonzetten‘ anhören mag, ist alles andere als das. Zugegeben, es ist auch eine Liebesgeschichte, doch weder dominiert sie die Handlung noch artet sie in Kitsch aus. Wie selbstverständlich fügt sie sich in die Geschichte ein und stellt den Ich-Erzähler Edvard als das dar, was er ist: ein junger Mann, der neue Erfahrungen macht, die ihn erst verunsichern und dann jedoch stärken. Auf seiner Reise zu seinen Wurzeln (im wahrsten Sinne des Wortes) lernt er nicht nur die Vergangenheit seiner Familie, sondern ebenso sich selbst kennen und begreift, was für ihn wichtig ist.
Was für mich die Stärke dieses Buches ausmacht, ist die völlig überzeugende Erzählweise des Autors. Nichts wirkte übertrieben oder belehrend, kitschig oder gekünstelt – nein, Edvard erzählte seine spannende Geschichte und ich hörte ihm gebannt zu. Einfach toll!

Veröffentlicht am 31.10.2016

Die drei Marias auf La Principal

Die Frauen von La Principal
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Wer heutzutage nicht den Erwartungen der Gesellschaft entspricht, hat es meist schwerer als die vielen angepassten MitläuferInnen. Doch um wieviel schwieriger gestaltete sich das Leben erst für Frauen ...

Wer heutzutage nicht den Erwartungen der Gesellschaft entspricht, hat es meist schwerer als die vielen angepassten MitläuferInnen. Doch um wieviel schwieriger gestaltete sich das Leben erst für Frauen in einer Welt, die nicht nur im Alltag von Machos dominiert wurde, sondern auch in einem beruflichen Umfeld wie dem Weinbau? Und das Alles zudem vor mehr als 100 Jahren? Doch die drei Marias des großen und berühmten Weingutes La Principal wissen sich zu behaupten: die erste gegen ihre Brüder, die ihr ihr Erbe neiden. Die Zweite, ihre Tochter, gegen die Folgen der Revolution und der Missachtung der Wahl ihres Gatten. Und die Dritte schließlich gegen den ganz alltäglichen Chauvinismus in der heutigen Geschäfts- wie auch Wissenschaftswelt. Alle Drei bringen das Weingut zu großem Ruhm und leben IHRE Leben, die in diesem Roman erzählt werden.
Es ist eine, nein, es sind mindestens zweieinhalb (die dritte Maria spielt eher eine Nebenrolle) mitreißende und spannende Geschichten, die mehr als ein ganzes Jahrhundert umfassen. Zudem gibt es noch einen Kriminalfall, der in der ersten Hälfte des Buches eher am Rande mitläuft, bis er gegen Ende dann doch in den Mittelpunkt rückt. Was meiner Meinung nach nicht notwendig gewesen wäre, denn die Geschichte der drei Frauen und damit die des Weingutes ist auch so bereits interessant genug. Für meinen Geschmack hätten zudem die historischen Hintergründe gerne vertieft werden dürfen, aber man kann wohl nicht alles haben
Bemerkenswert ist die Sprache des Autors (und damit auch der Übersetzerin). Trotz des eigentlich ernsten Themas klingt immer wieder sein Wortwitz hervor, der die Lektüre dadurch richtig amüsant werden lässt. Ein paar Beispiele: 'Sitzmöbel, die das Ungleichgewicht zur Tugend erhoben, waren mit Vorsicht zu genießen...' (S. 10, zum Schaukelstuhl). 'Er konnte sich fröhlich seinen Seitensprüngen widmen, und weil eine Gießkanne zwei Blumentöpfe begoss, hatten diese mehr Ruhe.' (S. 32). 'So sind die Reichen nun mal, erst kümmern sie sich um die Kiste mit dem Geld, dann um die Kiste für die Leiche'. (S.94).
Lediglich das Ende, das beinahe alle Fragen klärte, empfand ich in dieser Form unnötig. Es passte so gar nicht zum bisherigen Erzählstil und wirkte auf mich, als ob unbedingt irgendwie die Antworten angefügt hätten werden müssen. Ich hätte darauf gerne verzichtet, auch wenn es bedeutet hätte, dass ich nie die ganze Wahrheit erfahren würde

Veröffentlicht am 31.10.2016

Nach dem Empören kommt das Handeln - Los geht's!

Nach der Empörung
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Vor einigen Jahren erschien das kleine Büchlein 'Empört Euch!' von Stéphane Hessel, das sofort viel Beifall fand, da es die Unzufriedenheit und den Ärger eines Großteils der Bevölkerung über den Zustand ...

Vor einigen Jahren erschien das kleine Büchlein 'Empört Euch!' von Stéphane Hessel, das sofort viel Beifall fand, da es die Unzufriedenheit und den Ärger eines Großteils der Bevölkerung über den Zustand der Gesellschaft in klare Worte fasst: die zunehmende Distanz zwischen Arm und Reich, die Geiz-ist-Geil-Mentalität, die Rücksichtslosigkeit großer Industrieunternehmen gegenüber Mensch und Umwelt, die Dominanz der Wirtschaft in der Politik undundund. Doch Empörung schön und gut: Was (mir) fehlte, waren Hinweise und Ratschläge, was die/der Einzelne konkret unternehmen könnte. Klaus Werner-Lobo schließt diese Lücke mit seinem neuen Werk, soviel sei schon verraten, tadellos.
Vier Teile umfasst das knapp 200 Seiten starke Buch. Im ersten Teil erfolgt eine Bestandsaufnahme der Dinge, die viele Menschen heute umtreiben: Dass Politik immer öfter im Hinterzimmer ohne Öffentlichkeit stattfindet. Dass die Wirtschaft zunehmend Politik betreibt. Dass Gewinne in Unternehmen verbleiben, Verluste aber die Gesellschaft tragen muss. Undsoweiterundsofort, Themen zuhauf wie sich die politisch Interessierten vorstellen können.
Was tun? Dieser zweite Teil, der den größten Umfang des Buches einnimmt, ist erfreulicherweise sehr lebensnah. Klar ist, es gibt kein Patentrezept wie Dinge zu ändern sind, sieht man mal von etwas so Grundlegendem ab wie Informationen beschaffen und deren Verbreitung. Selbst die übelsten Missstände können weiterbestehen, wenn sie nicht bekanntgemacht werden. Doch wie dagegen angehen? So individuell die Menschen und die Anliegen, so individuell sind die möglichen Ansätze, von denen Werner-Lobo eine Menge aufzeigt. Beispielsweise Boykotte, Änderung der Lebensweise und/oder des Konsums, Engagement in NGOs und/oder Gewerkschaften, Kunst, ziviler Ungehorsam und Diverses mehr. Vieles mag Manchen bekannt sein, doch einer der großen Vorteile dieses Abschnittes ist es, auch die möglichen Gefahren dieser Aktivitäten aufzuzeigen und Hintergründe auszuleuchten, beispielsweise zum zivilen Ungehorsam. Reichlich Beispiele sind aufgeführt, die alle durch entsprechende Links oder Literaturverweise im Anhang vertieft werden können.
Ist die repräsentative Demokratie noch zu retten? Wenn sich nichts ändert wohl nicht. Und so schlägt der dritte Teil neue Möglichkeiten bzw. Veränderungen vor, wie aus der mittlerweile bestehenden Oligarchie tatsächlich wieder eine Herrschaft des Volkes werden kann. Dieser Abschnitt ist mit gerade einmal 13 Seiten recht knapp ausgefallen, da hier Politiksysteme als Ganzes beschrieben werden, weniger die Handlungsmöglichkeiten von Einzelnen.
Zuguterletzt gibt es eine Übersicht der momentan wohl aktivsten bzw. erfolgreichsten 'unbekannten' Initiativen, an denen man sich beteiligen kann, sofern man keine eigene Aktion auf den Weg bringen möchte.
'Eine Anleitung zum Selberhandeln' steht im Klappentext mit jeder Menge mutmachender Beispiele. Genau das ist es, für Alle, die sich nicht nur empören, sondern auch handeln wollen.