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Veröffentlicht am 24.08.2021

Das Gestern fließt immer ins Heute

Als wir uns die Welt versprachen
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"Als wir uns die Welt versprachen" ist eine fiktive Geschichte, wie sie sich zum größten Teil tatsächlich hätte abspielen können. Das traurige Schicksal der Schwabenkinder wurde viele Jahre lang nicht ...

"Als wir uns die Welt versprachen" ist eine fiktive Geschichte, wie sie sich zum größten Teil tatsächlich hätte abspielen können. Das traurige Schicksal der Schwabenkinder wurde viele Jahre lang nicht wahr genommen. Es war zu unrühmlich, als dass man daran erinnert werden wollte.

Die Autorin hat sich dieses Themas angenommen und einen Roman daraus gemacht, der sowohl im Gestern als auch im Heute spielt.

Heute: Die 90jährige Südtirolerin Edna macht sich in Begleitung ihres Papageis auf den Weg, ein vor mehreren Jahrzehnten gegebenes Versprechen einzulösen. Edna entspricht so gar nicht der betagten alten Frau, wie man diese Generation sowohl in TV-Filmen, als auch in den Medien üblicherweise darstellt. Zwar sagen auch die Menschen im Umfeld über Edna, sie sei alt und tatterig, brauchte Pflege usw. - im Grunde um selbst nicht belästigt zu werden und das eigene Gewissen zu beruhigen - doch Edna ist ganz und gar nicht damit einverstanden, in ein Pflegeheim abgeschoben zu werden. Würde ich nicht selbst Senioren dieses Alters kennen, die noch fit genug sind (manchmal fitter als 40jährige) ausgiebige Wanderungen oder im eigenen Camper Urlaub zu machen, ich hätte wohl den Kopf geschüttelt und der Autorin zu viel Phantasie bescheinigt.

Die Autorin nahm sich viel künstlerische Freiheit in ihren Schilderungen. Trotzdem fand ich es erfrischend zu lesen, wie sich Edna diesem Klischee "der Alten" widersetzt.

Gestern: Als kleines Mädchen wurde sie als Schwabenkind zu einem reichen Bauern in Dienst gegeben. Es war eine Möglichkeit armer Eltern einen Esser weniger am Tisch zu haben, wenn sie sich nicht in der Lage sahen, ihre Kinder zu ernähren. Soweit die grobe Kurzfassung.

Mein Tipp wäre, dass sich der Leser schon vor Beginn der Lektüre über das Schicksal der "Schwabenkinder" informiert, damit er die Zusammenhänge und Abläufe besser versteht. Es gibt einen sehr guten Film mit T. Moretti, der auch "Schwabenkinder" heißt und das Schicksal dieser Kinder zum Thema hatte. Dass Ausbeutung durch die wohlhabende Herrschaft, brutale Gewalt und auch sex. Missbrauch Tür und Tor geöffnet wurden, versteht sich von selbst. Doch die Knechte (S. 154/158) waren nicht besser. Hier kam die berühmte Hackordnung zum Tragen. Mitleid war für viele ein Fremdwort. Auch sie wurden ausgebeutet, mussten für geringen Lohn viel arbeiten. Da kamen diese schutzlosen Kinder gerade recht, waren oftmals Freiwild. Es waren "Esser", kosteten also Geld und das mussten sie wieder einbringen. Die Not der Schwächeren wurde schon zu allen Zeiten von den Stärkeren ausgenützt.

Doch Edna war auf dem Hof nicht allein. Sie fand einen Freund, Jacob, der sie beschützte - wenn es ihm möglich war. Gemeinsam schmiedeten sie Pläne, aus diesem unerträglichen Dasein zu fliehen. Zusammen bereiteten sie alles für ihre Flucht vor. Mehr will ich über deren Zeit als Schwabenkinder nicht verraten. Ich glaube, diese eindrücklichen Schilderungen lassen niemanden unberührt. In dem Roman ist es Fiktion, doch so oder so ähnlich hat es sich unzählig oft abgespielt.

Zurück zu der Edna von heute. Natürlich war es eine abenteuerliche Reise, auf die sie sich begab. Nachdem sie ihr Geld verloren hatte, musste sie ihren Weg sogar zu Fuß fortsetzen und traf dabei die skurrilsten Menschen, die ihr weiter halfen. Manchmal verstanden sie sich auf Anhieb.

Natürlich kann man sagen, der Autorin sei die Phantasie durch gegangen und es sei von allem etwas zu viel und zu dick aufgetragen. Doch wer schon mal auf Reisen war - ich meine nicht in einem Pauschalurlaub oder in einer Ferienwohnung, sondern mit einem Campingbus - der weiß, solche kunterbunten Leute wie in dem Roman beschrieben, gibt es tatsächlich. Derart ungeplante Begegnungen können außergewöhnlich und auch spannend sein, wenn man den Mut hat, sich darauf einzulassen. Edna hatte keine Berührungsängste. Sie ist ganz und gar keine alltägliche Person. Sie ist eher der Gattung "unbequeme Alte" zuzuordnen. Ein Hauch von später Freiheit durchweht diesen Roman von Anfang bis Ende.

Wie schon am Anfang erwähnt, mir gefiel dieses Buch mit der alten Dame als Protagonistin. Die Autorin wählte eine angenehm zu lesende Sprache. Flickte in den Text immer wieder Lebensweisheiten ein, wie z B. "Denn Menschen verschwinden nie vollständig". (S. 343) oder ...."Der Junge zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung.... Dass jedes Ende irgendwie der Anfang von etwas anderem ist. Wie bei einem Kreis, glaube ich." (S. 439)

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Veröffentlicht am 18.02.2021

Rückblick

Ganz oben Ganz unten
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"Ganz oben ganz unten" von Christian Wulff vermittelt dem interessierten Leser einen guten Einblick, wie es hinter den Kulissen der Politik zuging - vielleicht noch immer zugeht. Wahrscheinlich hätte ...

"Ganz oben ganz unten" von Christian Wulff vermittelt dem interessierten Leser einen guten Einblick, wie es hinter den Kulissen der Politik zuging - vielleicht noch immer zugeht. Wahrscheinlich hätte dieses Buch gut 500 Seiten dick sein können und es wäre trotzdem nicht alles gesagt worden, was von Bedeutung war. Vor allem nicht über die Rolle der Medien/Journalisten. Inzwischen haben ja auch schon bekannte Journalisten öffentlich zugegeben, dass sie sich für das, was sie damals schrieben, heute zutiefst schämten. Hinterher ist man eben immer schlauer.

Natürlich schreibt Herr Wulff dieses Buch aus seiner Sicht, so wie die jeweiligen Journalisten damals aus ihrer Sicht berichteten. Ich denke, von niemandem kann man eine völlige Objektivität erwarten.

Zu Beginn geht Herr Wulff auf seinen Werdegang in der CDU, als auch die Vorbereitungen zur Wahl des Bundespräsidenten ein. Er war der Wunschkandidat von Frau Merkel. Ich habe mir zig aussagekräftige Sätze notiert, doch es würde den Rahmen sprengen, wollte ich diese komplett hier aufführen.

Christian Wulff war der bisher jüngste Bundespräsident. Sein Pech, Herr Gauck war der Favorit des Hauses Springer (S.44). Ch. W. geht zu Beginn des Buches auf die Medien und deren Berichterstattung ein. Auf S. 46 können wir lesen:"...Was den Spiegel und das Haus Springer jenseits aller Links-Rechts-Kategorie einte, war der Wunsch, Politik zu machen. Sie wollten nicht mehr über Stärken und Schwächen nominierter Kandidaten berichten, sondern selbst nominieren und Einfluss nehmen auf den Ausgang der Wahl. ...." Auf Seite 48 wird Frank Schirrmacher (FAZ) zitiert, "...Es fällt nicht schwer, in der aktuellen, völlig unpolitischen Debatte Züge des Selbshasses eines bürgerlichen Milieus zu sehen, dessen größtes Abenteuer das Bungee-Springen in Australien war". "Für dieses Publikum, das nach Unterhaltung lechze, sei Joachim Gauck der ideale Kandidat: Wie ein Romanheld lenke er das Publikum ab von seiner eigenen Bequemlichkeit: Der Selbstbetrug der Gesellschaft ist abenteuerlich".

Als Präsident war Ch. W. die Außenpolitik und ein gutes Miteinander der Staaten wichtig. Viele seiner Begegnungen mit anderen Staatsmännern kommen in dem Buch zur Sprache. Im Mai 2011, im Rahmen einer Informationsreise mit dem Diplomatischen Korps auf das Hambacher Schloss machte er auf einige Parallelen zwischen dem arabischen Frühling und dem langen beschwerlichen Weg Deutschlands zur Einheit in Freiheit und Frieden aufmerksam. " Deutschland ist eine junge Nation, die auf dem Weg zur Demokratie viele Rückschläge hinnehmen musste. Wir vergessen das gelegentlich, wenn wir draußen in der Welt mit erhobenem Zeigefinger aufteten". (S. 104)

Sehr interessant und verbindend seine Worte zu den Religionen. Ch. W. weist auf S. 154 des Buches darauf hin, "...dass Joseph Kardinal Frings 1965 türkischen Arbeitsmigranten die Seitenschiffe des Kölner Doms für ihre Gottesdienste zur Verfügung stellte. Damals gab es nicht genügend Moscheen in Köln, und so breiteten hunderte Muslime Ihre Gebetsteppiche im Kölner Dom aus, um das Ende des Fastenmonats Ramadan mit einem Gottesdienst zu feiern...." Ich glaube, den meisten Menschen in diesem Land war dies - genau wie mir - bis dato unbekannt.

Mit großem Interesse las ich seine Sicht auf die damalige Wirtschaftskrise. Vieles hat Ch. Wulff als Bundespräsident angestoßen, was von den Nachfolgern in diesem Amt vollendet wurde. Vielleicht war er dem Denken der damaligen Zeit einfach schon voraus.

Spannend wie ein Krimi lesen sich die Kapitel "Die Jagd" als auch "Die letzte Kugel". Es wird (S.177) eine überlieferte Anekdote des verstorbenen Spiegereporters Jürgen Leinemann zitiert, die das Verhältnis Journalisten - Politiker aufzeigt. Interessant auf der gleichen Seite:"....Als Hans Leyendecker im Namen der Redaktion der Süddeutschen Zeitung im Mai 2012 den Henri-Nannen-Preis für investigativen Journalismus ablehnte, um so gegen die gleichzeitige Auszeichnung der Bild-Zeitung für ihre angebliche Rechercheleistung in meinem Fall zu protestieren - eine Auszeichnung, die nach Meinung der Süddeutschen allen journalistischen Standdards Hohn sprach -, wurde dies von der Zunft als unsolidarisch gebrandmarkt. Die Jury sah sich mit der grundsätzlichen Frage konfrontiert, wie man eine journalistische Leistung bewertet und was mehr zählt: Die Solidarität der Recherche oder die beabsichtigte Wirkung."

Wie heißt es allgemein, "später ist man immer schlauer". So auch Ch. W., der auch seine eigenen Fehler darlegt, zu späte erkannte, dass er Situationen falsch einschätzte und in einigen Fällen auch falsch reagierte.

Inzwischen weiß man, dass Herr Wulff in langwierigen Prozessen völlig rehabilitiert wurde. Siehe das Kapitel "Das Recht". Auf Seite 256 findet dieser Polit-Krimi ein Ende und im letzten Absatz dankt Christian Wulff von ganzem Herzen allen Menschen, die ihm in dieser schwierigen Zeit beigestanden haben Christian Wulff hat inzwischen neue Betätigungsfelder gefunden. U. a. ist er im Auftrag der Kanzlerin für die Bundesrepublik Deutschland im Ausland unterwegs.

Ein Bildteil in der Mitte des Buches zeigt viele seiner politischen Stationen. Das letzte Bild wurde nach dem Freispruch am 27. Februar 2014 aufgenommen.

Während des Lesens dieses fesselnden Buches kam mir immer wieder ein altes deutsches Sprichwort in den Sinn, welches mein Opa - ein politisch interessierter und begeisterter Tageszeitung-Leser - sehr oft im Munde führte: "Einer ist dem Anderen sein Teufel".



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Veröffentlicht am 06.02.2021

Weder Kitsch noch Klischee

Miss Bensons Reise
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Das Buch "Miss Bensons Reise" von Rachel Joyce beginnt in einem englischen Pfarrhaus - mit einem lauten Knall. 1914 war Margery Benson 10 Jahre alt, ihre vier Brüder waren alle im Krieg, als sie von ihrem ...

Das Buch "Miss Bensons Reise" von Rachel Joyce beginnt in einem englischen Pfarrhaus - mit einem lauten Knall. 1914 war Margery Benson 10 Jahre alt, ihre vier Brüder waren alle im Krieg, als sie von ihrem Vater in dessen Arbeitszimmer gerufen wurde und erstmals von dem goldenen Käfer in Neukaledonien hörte. Sofort war ihre Neugierde geweckt. Kurze Zeit später klingelt es an der Haustür und ein Bote brachte ihrem Vater die Schreckensnachricht. (Seite 13) > "Alle?", sagte er. "Wie? Alle vier?" Er nahm etwas aus der Schublade und ging durch die Terrassentür hinaus, und bevor Margery begriff, was passiert war, hatte er sich erschossen.<

Beim Lesen dieses Buch hatte ich die Empfindung, dass diese ganz lapidar erzählte Episode im Hintergrund Margerys Leben mitbestimmte. Bei allem was sie in ihrem Leben antrieb, führte dieses Erlebnis auf eine hintergründige Art Regie.

Der Roman beginnt 38 Jahre später. Margery ist Hauswirtschaftslehrerin - ein Beruf, den sie im Grunde gar nicht mochte. Ihr tatsächliches Interesse gehörte seit diesem denkwürdigen Tag im Pfarrhaus ausschließlich den Insekten.

Unter ihren Schülern kursierte an diesem Morgen eine Karikatur von ihr, die so präzise ihr skurriles Wesen und ihre verschrobene Persönlichkeit abbildete, dass sie selbst über das was sie sah, erschrak. So sahen ihre Schüler also Margery Benson! Es war einer dieser Aha-Momente, die ein ganzes Leben verändern können. Margery beschloss, ihr bisheriges Leben zu verlassen und den goldenen Käfer in Neukaledonien zu suchen. Ein wenig erinnert mich das an Mundus in "Nachtzug nach Lissabon", der auch von einem Moment zum anderen aus seinem Leben ausstieg.

Ganz gezielt ging Margery von nun an vor. Ihr war klar, allein konnte sie diese Expedition nicht schaffen. Also suchte sie mit einer Annonce eine Begleitung für ihre Reise. Am Tag der Abreise hat Margery keine andere Wahl als Enid Pretty mitzunehmen, die in ihrem Hütchen und dem engen, pinkfarbenen Kostüm eher einer Sexbombe gleicht als einer Abenteurerin.

Marge und Enid - gegensätzlicher können zwei Frauen gar nicht sein. Und doch sind sie sich in ihrem Innersten sehr ähnlich. Allerdings entspinnt sich dies erst im Laufe des Romans, als die beiden Frauen Freundinnen werden und sich gegenseitig sowohl traurige als auch glückliche Momente ihres Lebens anvertrauen. Man sollte als Leser eine Faible für skurrilen, englischen Humor mitbringt, damit man diesen - in einigen Passagen - völlig überzogenen Roman genießen kann.

In Neukaledonien zeigt sich Enids Organisationstalent als es gilt, auf sehr unkonventionelle und nicht legale Art die Ausrüstung für die Expedition zu beschaffen. Das Rechtsbewusstsein von Marge bekommt gewaltige Risse.

Hier, am anderen Ende der Welt finden wir uns auf Partys der snobistischen Kolonialherren, der Upperclass von Neukaledonien wieder. Deren gelangweilte Gattinnen müssen irgendwie die Zeit totschlagen, dabei gleichzeitig die Hoffnung hegen, ihrem öden Alltag einen Kick verpassen zu können. Detektiv spielen bietet sich da geradezu an. Und da ist auch Mundic, ein Kriegsveteran aus England, der in den geheimsten Winkeln seines Hirns noch immer glaubt in einem Gefecht in Burma zu kämpfen. Mundic ist das Paradebeispiel des vom Militär vergessenen Kriegsteilnehmers, für den das Land keine Verwendung mehr hatte und um dessen Probleme die Regierungsseite glaubte, sich auch nicht mehr kümmern zu müssen. Anfangs war mir nicht klar, wie dieser durchgeknallte Mann in das gesamte Geschehen passen sollte. Immer wieder taucht er wie ein Schatten von Enid und Marge auf und gibt sich seinen skurrilen Gedankengängen hin, entwickelte Strategien, die nur er verstand. Doch für das Ende dieses Romans ist Mundic unverzichtbar.

Das Buch beinhaltet viele kluge Sätze, wie z. B. auf Seite 247: "Was immer an vernichtender Traurigkeit in einem steckte, reiste mit."

Ach ja, das Ende! Irgendwie gefiel es mir als Leser nicht sonderlich. Doch wäre es anders, würde ich von Kitsch oder Klischee reden. Beides wäre in diesem Buch fehlt am Platz. Versöhnlich dagegen das letzte Kapitel als Anhang.

Dies ist ein Buch für Leser die das Abenteuer lieben. Nichts ist alltäglich was hier geschieht. Der ganze Roman ist auf seine spezielle Art außergewöhnlich. Wäre dieses Buch - insbesondere gegen Ende zu - nicht diesen Touch zu stark überzogen, ich würde 5 Sterne dafür geben. So sind es 4,5.

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Veröffentlicht am 06.06.2020

Wie es sich lebt, wenn die Seele getötet wurde

Das wirkliche Leben
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Seit einigen Monaten scheint es, als würden mich Bücher über mißbrauchte Kinder regelrecht von sich aus suchen. So auch der Debütroman von Adeline Dieudonné, "Das wirkliche Leben".

Es ist kein sexueller ...

Seit einigen Monaten scheint es, als würden mich Bücher über mißbrauchte Kinder regelrecht von sich aus suchen. So auch der Debütroman von Adeline Dieudonné, "Das wirkliche Leben".

Es ist kein sexueller Mißbrauch, der hier geschieht. Doch Mißbrauch ist so vielfältig wie das Leben selbst. In diesem Buch mißbraucht ein Ehemann und Vater seine Ehefrau und seine Kinder, damit er sich selbst gut fühlt und seine Gewaltbereitschaft sowie sein Frust ein Ventil haben.

"Bei uns zu Hause gab es vier Schlafzimmer. Meines. Das meines Bruders Gilles. Das meiner Eltern. Und das der Kadaver." So ist der Einstieg in diesen Roman. Die Protagonistin erzählt rückwirkend über das schwierige Familienleben in dem Haus ihrer Eltern in der Reihenhaussiedlung.

Ihren Vater beschreibt sie sehr anschaulich. Vor meinem inneren Auge entstand ein großer und massiger Mann, der sich als Alleinherrscher fühlte und seine Abende vorm TV-Gerät mit viel Alkohol verbrachte. Seine einzige Leidenschaft war die Jagd - vor allem das Großwild hat es ihm angetan. Das Trophäenzimmer welches die Kinder nicht betreten durften, in dem auch der Stoßzahn eines Elefanten lag, zeugte von seinen Erfolgen. Doch irgendwo in diesem Monster war auch eine zarte Seite. Manchmal legte er eine Schallplatte auf, hörte ein ganz bestimmtes Lied und heulte wie ein kleines Kind. Der Quäler hatte auch eine gequälte Seite. Leider erfahren wir bis zum Schluss nicht, was es mit diesem Lied auf sich hat. Seine Familie hielt er sich zu seiner Bequemlichkeit. Seine Frau, seine Kinder hatten ihm das Leben angenehm zu gestalten. Jederzeit, auch wenn er nicht anwesend war, stand er drohend im Hintergrund seiner Frau und den Kindern. Die Mutter wird Amöbe genannt. Jemand der nie richtig anwesend war, jedoch immer bereit, die Gewalt ihres Ehemannes zu ertragen, wenn er seine Wut ausleben wollte. Und das kommt recht oft vor, zeigte sich schon Tage im voraus. Wie ein Schatten ihrer selbst geht sie durch den Alltag. Nur ihre Ziegen im Garten hauchen ihr Leben ein. Dort fühlt sie sich, ist lebendig.

Die beiden Kinder stehen wie ein geparktes Auto zwischen allem. Sie sind da, spielen im Leben der Erwachsenen jedoch eine untergeordnete Rolle. Sie durften mal gerade eben den Raum ausfüllen, der noch übrig blieb.

Ein Unglück, das beide Kinder ansehen und durchleben mussten, brachte die Veränderung. Da die Eltern unfähig waren ihren Kindern Trost zu spenden, ihnen zur Seite zu stehen, übernahm die Schwester die Rolle von Vater und Mutter gleichzeitig. Sie nahm ihr eigenes Leben, als auch das ihres kleinen Bruders in ihre Hände weil sie erkennen musste, dass nur sie etwas zum Guten verändern könnte. Es war auch eine Sache des eigenen Überlebens. Doch wenn die Eltern so versagen, sind die Möglichkeiten eines jungen Mädchens begrenzt. Bei dem Unglück schien nicht nur der nette Eisverkäufer gestorben zu sein, sondern auch die Seele ihres kleinen Bruders. Seine Seele starb bei Anblick der Explosion, wogegen die Seele der Mutter schon eine lange Zeit zuvor unter den ewigen Schlägen und verbalen Mißhandlungen ihres Ehemannes verkümmerte, bis nichts mehr davon übrig war. Beide scheinen gleichermaßen leblos zu funktionieren.

Es ist schon eine sehr seltsame Familie, die uns die Autorin da präsentiert. An seinem Sohn bekam der übermächtige Vater erst ab dem Moment Interesse, als ihn dieser zu seinen Schießübungen begleiten konnte. Nach einiger Zeit war der Sohn treffsicherer als der Vater. Und als Leser erwartet man nach etwa 3/4 des Buches auf den großen Knall in dieser eigenartigen Familie.

Für mich bleibt die Frage, ist diese Familie tatsächlich ein Einzelfall? Da ich mich in letzter Zeit - angeregt durch einen Tatsachenbericht - mit Kindes/mißhandlung/ mißbrauch befasse, komme ich immer mehr zur Überzeugung, dass es mehr solcher schwierigen Familienverhältnisse gibt, als ich mir je vorstellen konnte. Dieser Roman beschreibt lediglich eine Art von Mißbrauch, der jedoch in vielen Facetten daherkommen kann.

Weshalb ich dann doch ein 3/4 Sternchen abzog liegt daran, dass es für mich hie und da eine Länge gibt, Dinge zwar kurz angesprochen, aber von der Autorin nicht weiter verfolgt wurden.

Auf jeden Fall ist dies ein lesenswerter Roman.

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Veröffentlicht am 09.08.2019

In den Highlands

Die Melodie der Schatten
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Jeder von uns hat sicherlich seine eigenen Vorstellungen von den Highlands in Schottland. Prinz Charles, bekleidet mit einem Kilt, hat wohl jeder schon mal im TV oder einer Illustrierte gesehen. Dazu ...

Jeder von uns hat sicherlich seine eigenen Vorstellungen von den Highlands in Schottland. Prinz Charles, bekleidet mit einem Kilt, hat wohl jeder schon mal im TV oder einer Illustrierte gesehen. Dazu karge Landschaften, düstere Schlösser oder Burgen, die Clans - alles zusammengenommen setzt sich vor meinem inneren Auge zu einem bestimmten Bild zusammen. Ob das so stimmig ist?

All diese Vorstellungen geisterten in meinen Kopf herum, als ich den Blick auf das Cover des Buches "Die Melodie der Schatten" von Maria W. Peters warf und wurde durch die anmutige Frauengestalt mit dem wehenden rötlichen Haar um eine Nuance erweitert. Ich war neugierig geworden.

Das es sich bei diesem Buch nicht nur um einen historischen sondern auch um einen Frauenroman handelt, ergab sich schon aus der Inhaltsangabe. Zwar ist die Sparte "Frauenroman" nicht das Genre, nach dem ich spontan greife, jedoch - die Neugierde siegte. Um es gleich zu sagen, das Lesen hat sich gelohnt. Die brütend heißen Sommertage verbrachte ich mit Lesen und war im 19. Jahrhundert in den Highlands unterwegs.

Es ist ein Unterhaltungsroman für Frauen und nach diesem Kriterium habe ich auch zu bewerten.

Fiona Hemington reist mit Tante und Advokat in einer Pferdekutsche durch die Highlands. Im völligen Nirgendwo werden sie überfallen und - ist es Glück oder Zufall - sie kann sich retten, wird nicht wie ihre Mitreisenden ermordet. Lange irrt sie umher, bis sie in der Ferne ein Licht sieht, das zu einem Herrenhaus gehört. Völlig durchnässt und verdreckt bittet sie dort um Hilfe, die ihr auch gewährt wird.
Aidan, der Besitzer von Thirstane Manor wirkt auf sie genau so düster und abweisend wie der "alte Kasten", der irgendwann mal bessere Zeiten gesehen haben musste.

Was von diesem Moment an auf Fiona einstürzt und ihr ruhiges und bisher vom Vater vorgegebenes Leben völlig aus den vorgegebenen Bahnen wirft, ist schon gewaltig. War sie zu Beginn des Buches ein wohlbehütetes und naives Mädchen, bereit ein langweiliges Leben in Abgeschiedenheit bei ihrer Tante zu verbringen (das ihr vom Vater aufgezwungen wurde), so entwickelt sie sich zu einer jungen Frau, die irgendwann ICH WILL sagen kann. Was ihr Vater immer abfällig als Leiden bezeichnete, nimmt sie nun als besondere Gabe an. Die Autorin lässt uns abtauchen in Mystik, Spukgeschichten und eine "schwarze Gestalt" - ist sie gut oder böse? - geistert auch durch die dunklen Gänge des Anwesens.

Obwohl der Unterhaltungsroman in den schottischen Highlands spielt, spannte die Autorin auch einen Bogen nach Australien, dem Kontinent, auf den Verbrecher des Mutterlandes verbannt wurden. Beim Lesen bekommt man den Eindruck von der Willkür vermittelt, mit der auch unschuldige, aber unliebsame Bürger in weiter Ferne "entsorgt" wurden. Zimperlich waren die Menschen damals ganz bestimmt nicht. Was mir sehr gut gefällt ist der Anhang, der das Leben und Wirken der Clans erläutert und dem Leser den historischen Hintergrund verständlich macht, z. B. die Vertreibung der einfachen Pächter, die Willkür mit der das Land regiert wurde usw.

Mit dem Schreibstil hat die Autorin genau meinen Nerv getroffen. Ich mag einen guten Ausdruck in der dtsch. Sprache. Nachdem ich mit dem Lesen anfing, mochte ich das Buch auch nicht mehr aus der Hand legen. Wie bereits oben erwähnt, Frauenromane sind üblicherweise so gar nicht mein Ding, doch von diesem Buch war ich total eingenommen. Ich wünsche der Autorin mit diesem Roman viel Erfolg und vor allem zahlreiche Leser.

MIt den Sternchen liege ich zwischen 4 und 5.