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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.08.2019

Etwas anstrengend, aber sehr amüsant

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt
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Der Autor dieses Buches wird von einer Reederei zu einer zweiwöchigen Kreuzfahrt durch die Karibik eingeladen - als 'Sprachlieferant'. Als Gegenleistung für die Bereitstellung '... einer Außenkabine mit ...

Der Autor dieses Buches wird von einer Reederei zu einer zweiwöchigen Kreuzfahrt durch die Karibik eingeladen - als 'Sprachlieferant'. Als Gegenleistung für die Bereitstellung '... einer Außenkabine mit Balkon bei freier Verpflegung sowie freien Getränken an jeder Bar' .. soll er zur 'Prime Time' mehrere Lesungen aus seinem Werk halten. Seine Antwort fällt alles Andere als denkbar knapp aus: Auf 118 Seiten beschreibt er seine Gedanken und Überlegungen zu den Fragen, die er sich zu einer Kreuzfahrt stellt wie auch zu den Bedingungen, die in einem 18seitigen Anhang enthalten sind. Es geht um Sicherheit (der Schriftsteller verfolgt von wütenden oder aufdringlichen ZuschauerInnen), das Seerecht (kennt 'keinerlei Zuständigkeit für die Aufklärung von Tötungsdelikten an Bord eines Schiffes in internationalen Gewässern'), seine Begleitung ('Bis vor zwei Jahren wäre das noch meine Mutter gewesen, ..., bis vor fünf Jahren meine Frau ...', eventuell die Dienste eines Escortservice ...) undundund.
In typisch Kirchhoffscher Manier kommt er in ausufernden Sätzen vom Hölzchen aufs Stöckchen und wieder zurück und findet Zusammenhänge, die mich immer wieder überrascht und amüsiert haben - wobei ich manchmal doch schlucken musste: "Ich darf hier festhalten: Der Holländer ist laut, der Franzose aufgeblasen, und der Österreicher, der wahllos Komplimente verteilt, nicht gerade glaubhaft; von den Schweizern, die uns rundheraus ablehnen, gar nicht zu reden. Allein die Polen, an die man sich spätestens gewöhnt haben muss, wenn es mit einem zu Ende geht, sie das Nachtgeschirr leeren, die Kissen aufschütteln und uns an den Herrgott und die Jungfrau Maria erinnern, erscheinen mir auf einem Schiff als angenehme Mitreisende, schon weil man mit ihnen gleich Termine vereinbaren kann, sei es für das fällige Streichen der Wohnung, sei es für die Pflege einer Mutter."
Schön fand ich zudem, dass der Autor sich nicht nur über die Anderen bei einer Kreuzfahrt amüsiert, sondern auch vor seiner eigenen Person keinen Halt macht. Er, das empfindsame Seelchen, bedrängt von lüsternen Fans, der nicht weiß wie ihm geschieht, sich aber dennoch herablässt, das einfache Volk zu unterhalten. Was macht man nicht Alles für eine Gratis-Kreuzfahrt - und vielleicht die Liebe seines Lebens
Nicht ganz einfach zu lesen, aber dennoch eine abwechslungsreiche und humorvolle Unterhaltung!

Veröffentlicht am 20.08.2019

Ein Fast-Thriller im Breitwandformat mit überzogenem Finale

Verratenes Land
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Nach fast drei Jahrzehnten kehrt Marshall McEwan in seine Heimatstadt Bienville in Mississippi zurück - er will seiner Mutter zur Seite stehen, die ihren schwer krebskranken Ehemann pflegt. Als sein Ziehvater ...

Nach fast drei Jahrzehnten kehrt Marshall McEwan in seine Heimatstadt Bienville in Mississippi zurück - er will seiner Mutter zur Seite stehen, die ihren schwer krebskranken Ehemann pflegt. Als sein Ziehvater Buck Ferris unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden wird, beginnt Marshall zum Unwillen der örtlichen Polizei auf eigene Faust zu ermitteln und beschwört damit einen Skandal herauf, der nicht nur seine, sondern die Existenz der gesamten Stadt bedroht.
Bis auf zwei kleine Kapitel werden die mehr als 820 Seiten aus der Perspektive von Marshall, einem erfolgreichen Washingtoner Journalisten, erzählt. Er beschreibt die vermutlich nicht ganz unübliche Situation einer kleinen Stadt, deren Geschicke von einigen wenigen mächtigen, reichen, weissen alten Männern, dem "Bienville Pokerclub", gelenkt werden, wobei das Interesse an deren eigenem Vorteil natürlich an erster Stelle steht. Als ein chinesisches Konsortium eine Investition in Millionenhöhe plant, unternimmt der Pokerclub alles, wirklich alles, um diese Investition nicht zu gefährden.
Wie es in kleineren Orten und Städten üblich ist, kennt jeder jeden und jede, Geheimnisse sind nur schwer zu bewahren. Greg Iles lässt sich ausreichend Zeit die bestehenden Verbindungen darzustellen, die sich aus einer gemeinsamen Vergangenheit zwangsläufig ergeben, wofür er mehr als die ersten 200 Seiten braucht. Schwerpunkt ist vor allem die Vergangenheit von Marshall McEwans, was zwar nichts mit einem Thriller zu tun hat, aber dennoch spannungsreich erzählt wird. Es geht um Liebe, Freundschaft, Kriegstraumata, Verrat, Aufrichtigkeit - praktisch ganz grosses Hollywoodkino
Die eigentliche Geschichte, die nun beginnt, ist nicht weniger packend. Auch hier werden neben dem Kampf ums Überleben und der Suche nach den Mördern grosse Themen angeschnitten: Loyalität, Vater-Sohn-Beziehung, Wahrheit oder Pragmatismus. Es ist eine ganze Menge, die der Autor hier hineinpackt, stellenweise fand ich es von allem zu viel des Guten. Insbesondere den letzten Teil, wo Halbtote einen Showdown präsentieren, völlig am Boden Zerstörte plötzlich eine Energie aufbringen, die mich nur noch den Kopf schütteln liess oder ein Dutzend Männer sich von einem mehr oder weniger blutrünstigen Haufen ratzfatz zu halbwegs rationalen, harmlosen Schmusekatern verwandeln. Ich glaube, der Autor sah hier bereits den kommenden Blockbuster vor sich, für den ein solches Ende wohl zwangsläufig ist.
Trotz der genannten Mängel sind diese mehr als 820 Seiten doch ganz grosses Kino

Veröffentlicht am 08.08.2019

Zuhause sein - eine nie zu stillende Sehnsucht?

Zuhause
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Daniel Schreiber gehört zu den Menschen, die man wohl als Weltbürger bezeichnet. Aus Mecklenburg-Vorpommern stammend, studierte er in Berlin und New York, wo er nach Beendigung seines Studiums noch sechs ...

Daniel Schreiber gehört zu den Menschen, die man wohl als Weltbürger bezeichnet. Aus Mecklenburg-Vorpommern stammend, studierte er in Berlin und New York, wo er nach Beendigung seines Studiums noch sechs Jahre lebte. Er kehrte nach Berlin zurück, um allerdings immer wieder mehrere Monate in anderen Städten und Ländern zu verbringen. Als er in eine tiefe Lebenskrise geriet, wurde die Frage, wo sein Zuhause eigentlich ist, zu einem Problem erheblichen Ausmaßes. Seine Gedanken, Reflexionen und Überlegungen dazu sind in diesem Buch festgehalten, die sich abwechseln mit Schilderungen seines Lebens.
Für Viele ist die Frage nach dem Zuhause schnell beantwortet: Wenn es nicht der eigene Wohnort ist, dann dort, wo man aufgewachsen ist. Doch was, wenn Beides nicht zutrifft? Wenn die Vergangenheit so schrecklich war, dass jegliches Zuhause-Gefühl verloren ging oder vielleicht nie entstand? Und der eigene Wohnort einem merkwürdig fremd bleibt, vielleicht weil man glaubt, das Beste kommt noch? Daniel Schreiber versucht sich langsam einer Antwort anzunähern, indem er neben eigenen Gedanken unterschiedliche Blickpunkte verschiedener PhilosophInnen, AutorInnen, PsychologInnen usw. einnimmt und diese zu seiner Lebenssituation in Beziehung setzt. Lesende, die sich vielleicht ähnliche Fragen stellen, finden hier sicherlich eine Menge Anregungen und Ideen, ohne dass man jedoch darauf hoffen sollte, eine eindeutige Klärung dieser Fragen zu erhalten. Denn die jeweiligen Lebenswelten sind schlicht zu unterschiedlich und die erlebten Erfahrungen individuell zu verschieden, als dass es die eine Antwort darauf geben könnte, wo und was unser Zuhause ist.
Klar ist in jedem Fall: Der Mensch braucht ein Zuhause und es liegt an ihm, sich eines zu schaffen. Dazu noch ein Zitat: "Es kommt sehr viel weniger darauf an, WO man Wurzeln schlägt, als wir oft denken. Worauf es ankommt, ist vielmehr, DASS man Wurzeln schlägt."

Veröffentlicht am 02.08.2019

In einer Welt voller Aberglauben und Geheimdienste

Die geheime Mission des Kardinals
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Kurz vor seinem Ruhestand muss Kommissar Barudi einen brisanten Fall lösen: In einem Fass mit Olivenöl, das an die italienische Botschaft in Damaskus geliefert wurde, befindet sich die Leiche eines italienischen ...

Kurz vor seinem Ruhestand muss Kommissar Barudi einen brisanten Fall lösen: In einem Fass mit Olivenöl, das an die italienische Botschaft in Damaskus geliefert wurde, befindet sich die Leiche eines italienischen Kardinals, der auf einer geheimen Mission in Syrien unterwegs war. Verdächtige gibt es mehr als genug: 'einfache' Kriminelle, Islamisten, der Geheimdienst, Widersacher in den eigenen Reihen. Und wem kann man vertrauen? Der Geheimdienst hat seine Ohren überall.
Auch wenn das Buch wie ein typischer Kriminalroman beginnt (mit der Entdeckung des Toten), ist es viel mehr als das. Rafik Schami nutzt die Suche nach den Mördern, den Lesenden ein Bild des Syriens aus dem Jahr 2010 zu vermitteln. Noch herrscht Frieden, doch es wirkt mehr wie die Ruhe vor dem Sturm. Die Menschen sind arm, rechtlos und sie wissen, dass sie überall und ständig von Lauschern und Horchern des Geheimdienstes umgeben sind und jedes kritische Wort gegen den Präsidenten sie sofort ins Gefängnis bringen kann. Sicher sind nur die, die sich zu seinen Verwandten zählen können, und so suchen immer mehr Menschen ihr Heil in einem Aberglauben, um sich zu schützen.
Dies ist das zweite grosse Thema des Buches: wie Aberglaube und Religion Menschen dazu bringen kann, die unglaublichsten Dinge zu tun und zu ertragen - und nicht im positiven Sinn. Wer nun denkt: 'Na klar, diese zurückgebliebenen BewohnerInnen entfernt liegender Bergdörfer, kein Wunder, dass die Alles glauben.', der/die irrt. Hierzu ein schöner Satz, weshalb der Aberglaube auch in übersättigten Gesellschaften gedeiht (wenn auch in anderer Form): "Weil die Menschen dort durch nichts mehr Befriedigung finden. Unerträgliche Leere breitet sich in ihrer Seele aus. Deshalb suchen die Menschen in fernen Welten oder Sphären Befriedigung." Eine wirklich aufschlussreiche Lektüre zu diesem Thema.
Das hört sich nun vielleicht Alles ziemlich trist an - ist es aber überhaupt nicht. Rafik Schami schreibt sehr unterhaltsam, wenn auch für meinen Geschmack gelegentlich etwas weitschweifig, was aber wohl den orientalischen Gegebenheiten entspricht. Zudem kommt auch der Humor nicht zu kurz, denn trotz des allgegenwärtigen Geheimdienstes können sich Barudi sowie sein Freund, der Chef der Spurensicherung, ihre spitzen Kommentare nicht verkneifen und der hinzugezogene italienische Kollege hält sich ebenfalls nicht zurück.
Wer klare, stringente Handlungen mag, tut sich mit diesem Buch vermutlich keinen Gefallen. Denn der Autor nutzt bei jeder Gelegenheit die Chance etwas zu erzählen, was mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun hat. Und so erfährt man irgendwie nebenbei die Lebensläufe fast aller Beteiligten und viele viele Anekdoten. Mir hat es jedenfalls gefallen

Veröffentlicht am 25.07.2019

Vergnügliche und herzerwärmende Geschichten vom Landleben in Yorkshire

Bell und Harry
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Harry ist gerade einmal vier oder fünf Jahre alt, als er mit seinen Eltern, seinem älteren Bruder und dessen Freunden in den Ferien nach Yorkshire fährt. Es ist Landleben pur, doch nach leichten Startschwierigkeiten ...

Harry ist gerade einmal vier oder fünf Jahre alt, als er mit seinen Eltern, seinem älteren Bruder und dessen Freunden in den Ferien nach Yorkshire fährt. Es ist Landleben pur, doch nach leichten Startschwierigkeiten sind alle begeistert und so pachten sie ein kleines ehemaliges Farmhaus und kehren jedes Jahr mehrmals wieder. Harry freundet sich schnell mit Bell an, dem etwas älteren Sohn der Vermieter und nach einigen Jahren ist es, als ob Harry und seine Familie schon immer zu dem kleinen Dorf gehört hätten.
Das Cover verspricht einen Roman, doch tatsächlich sind es neun Erzählungen, die mit jeweils einigen Jahren Abstand eine Geschichte berichten, die sich während der Ferien von Harrys Familie ereignet. Dabei geht es nicht immer um seine Familie, doch als Teil des Dorfes sind sie natürlich stets dabei. Es ist eine Idylle die Jane Gardam hier präsentiert, versehen mit kleinen Spitzen, die in das beschauliche Landleben etwas Aufregung und Unruhe bringen.
Ich mag den Stil der Autorin, die die Figuren in ihren Büchern sehr hingebungsvoll und mit leichter Ironie beschreibt, sodass selbst die unheimlichsten Gestalten überraschenderweise sehr liebenswert wirken (ich denke da nur an die Eierhexe). Auch ihre Beschreibungen der Umgebung sind sehr einprägsam und detailliert, es macht so richtig Lust, den nächsten Urlaub vielleicht in Yorkshire zu verbringen und die Bewohner dort kennenzulernen. Sollten sie nur halb so freundlich sein wie in diesem Buch, ist Yorkshire auf jeden Fall eine Reise wert
Eines hat mich noch überrascht: Die letzte Geschichte spielt im Jahre 1999, das Buch datiert allerdings aus 1981, sodass man sie fast als Science fiction bezeichnen könnte. Ich wunderte mich beim Lesen bereits, in welch desolaten Verhältnissen das Land sich befindet. Aber nach einem Blick auf das eigentliche Erscheinungsjahr erklärte es sich.