Profilbild von evaczyk

evaczyk

Lesejury Star
offline

evaczyk ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit evaczyk über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.09.2019

Anwalt auf achtsamen Abwegen

Achtsam morden
0

Achtsamkeit kann den Alltag entschleunigen und sollte eigentlich dazu beitragen, die innere Balance wieder herzustellen, Stresssituationen zu vermeiden, eine Bewältigungsstrategie zur Überwindung innerer ...

Achtsamkeit kann den Alltag entschleunigen und sollte eigentlich dazu beitragen, die innere Balance wieder herzustellen, Stresssituationen zu vermeiden, eine Bewältigungsstrategie zur Überwindung innerer und äußerer Belastungen schaffen. Und wenn diese Belastungen aus einer schweren Ehekrise, einem mordlustigen Mafioso und lebensbedrohlichen Situationen bestehen? Dann hilft nur achtsames Morden!

Der Anwalt Björn mag in allen Fragen des Strafrechts, der Steuertricks und diverser Abschreibungsmodelle bewandert sein, Maßanzüge tragen und in einer prestigeträchtiigen Kanzlei ein hohes Gehalt kassieren. Glücklich ist er nicht: Seine Ehe steckt in einer schweren Krise, seine geliebte kleine Tochter sieht er durch die stressige sechseinhalb Tage-Arbeitswoche kaum im Wachzustand, und da er den "Bäh-Klienten", Gangsterboss Dragan, vertritt, ist er immer noch nicht in den Kreis der Partner berufen worden. Eher skeptisch und um seine Ehe doch noch zu retten, besucht er einen Achtsamkeitskurs und lernt dabei nicht nur Atemübungen, Zeitinseln und das Ende des Multitaskings kennen. Mit der neu erlernten Achtsamkeit schafft es der Held von Karsten Dusses "Achtsam morden" auch, eine ganz neue Richtung in sein bisheriges Leben zu bringen.

Viel schräger Humor und groteske Situationen prägen diesen ausgesprochen uterhaltsamen Krimi, in dem durchaus auch ein paar bedenkenswerte Achtsamkeitstipps enthalten sind. In der Hörbuch-Version setzt Sprecher Matthias Matschke die schrägen Typen, ob jetzt schwere Jungs, selbstverliebte Start-Up-Hipster oder dünkelhafte Juristen, wunderbar in Szene. Das Kopf-Kino stellt sich dank der witzigen Dialoge und Beschreibungen ganz von selbst ein.

Wenn Bäh-Klient Dragan Björn ausgerechnet am lang geplanten Vater-Tochter Wochenende den juristischen Super-GAU präsentiert und untertauchen muss, wenn sich Anschläge auf das Leben des Anwalts häufen und obendrein immer noch kein Kindergartenplatz für Töchterchen Emily in Sicht ist, ist Björn in aller Achtsamkeit zu Bewältigungsstrategien gezwungen, die ein bißchen unorthodox sind. Auf dem Weg der Achtsamkeit können auch durchaus Handgranaten, gebrochene Nasen und abgeschnittene Finger liegen - vorausgesetzt, es sind nicht die eigenen.

Nachdem der Autor die Probleme, mit denen der Anwalt zu kämpfen hat, bereits nach etwa zwei Dritteln auf die Spitze getrieben hat, ist es im letzten Teil des Buches deutlich mühsamer für ihn, den Humpr- und Spannungsbogen zu halten. Das ist aber nur ein kleiner Dämpfer dieses achtsamen Angriffs auf die Lachmuskeln der Leser. Wer schrägen, durchaus auch überspitzten Humor mag, wird an diesem Buch bzw Hörbuch viel Freude haben.

Veröffentlicht am 08.09.2019

Letzte Tage eines schwierigen Patriarchen

Otto
0

Die "jiddische Mamme" ist vielleicht ein klischeeüberladenes Stereotyp, aber in der überbehütenden, überfordernden, übernahen Übermutter steckt häufig auch ein Kernchen Wahrheit, schließlich sind es die ...

Die "jiddische Mamme" ist vielleicht ein klischeeüberladenes Stereotyp, aber in der überbehütenden, überfordernden, übernahen Übermutter steckt häufig auch ein Kernchen Wahrheit, schließlich sind es die Mütter, die nicht nur die Hüterinnen der Sabbatkerzen sind und die Trägerinnen der Religion im Sinne der Halacha, sondern als Mittlerinner der Tradition auch die Hüterinnen von Erinnerungen und Trauma.

In "Otto", dem mitunter gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen treibenden Roman von Dana von Suffrin geht es nur ganz am Rande um Mütter. Hier ist es Otto, der gebürtige Siebenbürger, der "jiddishe Tate", der sich ungefragt in das Leben seiner erwachsenen Töchter einmischt, der Liebe, Besuche, Präsenz, Versorgung einfordert, der zwar einerseits seit Jahren im Dauersiechtum zwischen Krankenhaus und Eigenheim hin- und herwechselt, sich aber hartnäckig gegen den Tod behauptet - vielleicht eine späte Genugtuung für einen, der in seinem Städtchen zwischen Ungarn und Rumänien entgegen aller Wahrscheinlichkeiten davon gekommen ist, der noch nicht einmal eine in den Unterarm eintätowiertte Nummer als ständige Erinnerung an die durch Massenmord zusammengeschrumpfte Familie sein eigen nennt.

Die Zahl der Verwandten ist seit dem Zweiten Weltkrieg gleichwohl überschaubar und auch die Töchter Timna und Babi spüren sie immer wieder mal, die Last, die auf den Nachgeborenen lastet, die die unerfüllten Versprechen der Ermordeten einlösen müssen. Dennoch geht in Otto nicht um die Schuldgefühle des Überlebens, sondern um die höchst lebendige Gegenwart, in der Otto dem Tod, der Krankheit und Alzheimer trotzt,

"Pro Krankenhausaufenthalt beschloss mein Vater genau einmal, fast zu sterben; vielleicht auch, um unser Pflichtbewusstsein, das sich langsam in Trägheit verwandelt hatte, zu erneuern", konstatiert die Ich-Erzählerin, die sich bemüht, den Wunsch ihres Vaters zu erfüllen, und eine Familienbiografie zu verfassen. Doch ach, nicht nur wegen der Alzheimer-Erkrankung ist Ottos Geist sprunghaft, und so bleiben Mosaikstücke und eigene Erinnerungen, um den mal nervtötenden, mal liebenswerten Familienpatriarchen und die untergegangene Welt, aus der er stammte, zu beschreiben.

Er ist schon ein Charakter, dieser Otto, ein Mensch eben, wie er sicherlich bekräftigen würde. Dieser Mann vieler Länder, der ein halbes Dutzend Sprachen mehr oder weniger korrekt beherrscht und auch im Deutschen zu einigen prächtigen neuen Wortschöpfungen neigt - etwa die kaum abzuschlagende "schöne Bitte".

Ja, es ist anstrengend, einen Elternteil wie Otto zu haben, einen der ständig Grenzen verletzt, die die längst erwachsenen Kinder um das eigene Privatleben gezogen haben. Timna ist gestresst, genervt - wer kann es ihr verdenken? Und dennoch ist "Otto" eine Liebeserklärung an diesen überfordernden, überfürsorglichen, Vater und seine mal melancholischen, mal überoptimistischen Weltsichten und Weisheiten: "Das Leben ist so schwer, wenn es aufhört, und so schön, wenn es anfängt."

"Otto" strotzt vor dunklem Humor, vor Sarkasmus und liebevoller Nähe, die gerade durch die Endlichkeit des Lebens an Tiefe gewinnt.

Veröffentlicht am 25.08.2019

Liebevolles Außenseiterporträt in der schottischen Wildnis

Sal
0

Sal und Peppa sind so etwas wie zeitgenössische Schwestern von Huckleberry Finn: Auch die beiden Mädchen aus Schottland wachsen auf der Schattenseite der Gesellschaft auf: Die alkohol- und drogenkranke ...

Sal und Peppa sind so etwas wie zeitgenössische Schwestern von Huckleberry Finn: Auch die beiden Mädchen aus Schottland wachsen auf der Schattenseite der Gesellschaft auf: Die alkohol- und drogenkranke Mutter liebt ihre Töchter von verschiedenen Vätern zwar, ist aber nicht in der Lage, sie wirklich zu versorgen. Dass ihr Freund die 13-jährige Sal seit Jahren missbraucht, hat sie im Alkoholnebel nicht mitbekommen. Sal ist diejenige, die Verantwortung für die kranke Mutter übernimt, den Haushalt schmeißtt, die kleine Schwester beschützt, indem sie einen Innenriegel an ihrer Tür anbringt. Doch sie weiß, es ist nur eine Frage der Zeit, dann wird der Stiefvater auch Peppa missbrauchen.

Zur Polizei will Sal nicht gehen - sie misstraut den Behörden, dem Sozialsystem, dass die Schwestern trennen und bei verschiedenen Pflegefamilien unterbringen würde. Die dunkelhäutige Peppa würde dann zu einer afrikanischen Familie kommen, fürchtet Sal, die ihre kleine Schwester über alles liebt. Da gibt es nur eins: Sie müssen fliehen.

Was für Huck Finn das Floss auf dem Missisippi ist, das ist für Sal und Peppa in Mick Kitsons Debütroman "Sal" das schottische Hochland. Die beiden sind zwar Stadtkinder, aber Sal hat die Flucht akribisch vorgeplant: Auf Youtube gibt es schließlich Informationen zu so ziemlich allem, einschließlich Überleben in der Wildnis. Die notwendige Ausrüstung ist teils geklaut, teils über Amazon bestellt, dank der geklauten Kreditkarten, die der Freund der Mutter ständig bei sich hat.

Kitson erzählt diese Geschichte von der Liebe zweier Schwestern und ihrem Kampf gegen schwierigste Umstände aus der Perspektive von Sal, einem toughen, selbstbewussten Mädchen, das sich nicht unterkriegen lässt und alles tut, um ihre kleine Schwester zu beschützen. Für junge Leserinnen ist sie so eine starke Identifikatonsfigur, auch wenn "Sal" wohl eher etwas für etwas ältere Jugendliche ist, da es doch ein paar harte Szenen gibt.

Kitson, der erst Journalist und dann Englischlehrer war, ehe er seinen ersten Roman schrieb, hat mit Sal und Peppa zwei schnoddrig-sympatische Romanheldinnen geschaffen, die ähnlich wie ihr literarischer Bruder Huck Finn außerhalb des Systems stehen, auf ihrer Autonomie beharren und auf ihrer Reise in die Wildnis auf eine unerwartete Verbündete stoßen. "Sal" ist sowohl coming of age-Story als auch liebevoll gezeichnetes Außenseiter-Porträt. Mit diesem Debüt macht Kitson neugierig auf mehr.

Veröffentlicht am 21.07.2026

Kulinarisches Detox

Meine 80 besten Rezepte für eine gesunde Leber
0

Nicht nur die Liebe geht durch den Magen, sondern auch die Gesundheit. Dass die Ernährung an sich großen Einfluss auf den allgemeinen Gesundheitszustand haben kann, ist ja nicht neu. In der Medical Cuisine-Reihe ...

Nicht nur die Liebe geht durch den Magen, sondern auch die Gesundheit. Dass die Ernährung an sich großen Einfluss auf den allgemeinen Gesundheitszustand haben kann, ist ja nicht neu. In der Medical Cuisine-Reihe bei G+U stellt der Sportmediziner Matthias Riedl aber immer wieder diese Zusammenhänge ganz gezielt für bestimmte Körperbereiche her, sei es nun Darmgesundheit, Arthrose, Diabetes usw. Sein neues Buch, "Meine 80 besten Rezepte für eine gesunde Leber", schließt daran an und nimmt das größte Bauchorgan in den Mittelpunkt, das beim Stoffwechsel eine besonders wichtige Rolle spielt.

Fettleber ist heutzutage fast schon eine Zivilisationskrankheit und längst nicht nur auf Alkoholmissbrauch zurückzuführen. In einer Zeit, in der viele Menschen hochverarbeitete Lebensmittel mit vielen Zusatzstoffen zu sich nehmen oder auf Fertiggerichte, Restaurants usw setzen statt selbst mit frischen Zutaten zu kochen, vermutlich kein Wunder - man hat dabei nicht mehr die Kontrolle, was in Topf und Pfanne kommt und später in den eigenen Magen.

Wie auch in seinen früheren Büchern stellt Riedl einen "Theorieteil" voran, in dem es um die Bedeutung der Leber für den menschlichen Organismus geht, ihre Aufgabe bei der Steuerung des Stoffwechsels und das besondere Problem der "leise leidenden" Leber - Veränderungen und Erkrankung machen sich nicht gleich durch Schmerzen bemerkbar.

Dass Bitterstoffe gut für die Lebergesundheit sind, haben viele vermutlich schon einmal gelesen. Unter den "Top ten zur Stärkung unserer Leber" listet Riedl aber unter anderem auch Kichererbsen, Hüttenkäse, Pilze und Kurkuma auf.

Der anschließende Rezeptteil beginnt mit süßen und herzhaften Gerichten für einen Start in den Tag - Granola-Cups mit Himbeerjoghurt zum Beispiel oder deftiger Porridge mit pochiertem Ei. Die Möhren-Hafter-Ecken dürften dabei auch als Snack zwischendurch oder leichtes Mittagessen überzeugen. Hinzu kommen mehrere Smoothie- und Aufstrichrezepte.

Mehrere kalte Hauptgerichte, insbesondere proteinreiche Salate mit ordentlich Gemüse dazu dürften gerade jetzt im Sommer gut passen. Unter den warmen Hauptgerichten sind mehrere Suppen und Eintöpfe, aber auch Auflauf, Gratins und Ofengerichte. Teils deftig, teils mit mediterranen oder asiatischen Anklängen, aber allesamt recht schnell und ohne größeren Aufwand machbar - die Ausrede "Ich habe aber gar keine Zeit zum Kochen" steht dem kulinarischen Detox also nicht im Weg. Unter den 80 Rezepten ist sogar noch Platz für Nachtisch - wobei "Schokomuffins mit roter Beete" zumindest für mich nicht unbedingt die größte Verlockung sind. Aber Protein-Brownies mit Hüttenkäse oder Zimtschneckenkuchen mit Apfel sind sicherlich einen Versuch wert. Und das beste: Die Erläuterungen und vorgestellten Rezepte laden zu eigenen Kombinationen ein, die der Leber auch jenseits der vorgestellten Rezepte gut tun dürften.

Veröffentlicht am 11.07.2026

Eine Herde ermittelt

Glennkill
0

Ich weiß gar nicht, vor wie vielen Jahren ich "Glenkill" das erste mal gelesen habe. Passend zur Fimlpremiere über die Schaf-Detektive wurde das erste Buch von Leonie Swanns Schafs-Triologie wieder aufgelegt, ...

Ich weiß gar nicht, vor wie vielen Jahren ich "Glenkill" das erste mal gelesen habe. Passend zur Fimlpremiere über die Schaf-Detektive wurde das erste Buch von Leonie Swanns Schafs-Triologie wieder aufgelegt, und beim Wiederlesen habe ich gemerkt, wie viel ich von der Handlung vergessen hatte. Das Wiedersehen mit Miss Maple, dem klügsten Schaf der Herde, Gedächtnisschaf Mopple, dem Winterlamm und den anderen Herdenmitgliedern, die den Mord an ihrem Hirten aufklären, hat Spaß gemacht.

Die scheinbare Idylle der Kleinstadt, vor deren Toren oder vielmehr Hecken die Herdeihe Weide hat, hat Abgründe, auch wenn die Mäh-tektive mitunter nicht gleich erkennen, wer gut und wer böse ist. Aber da können sich auch Menschen bekanntlich täuschen. Selbst Hirte George, der seinen Schafen abends Kriminalromane vorlas, hatte ein paar dunkle Seiten, Im Umgang mit den Schafen war er allerdings vorbildlich, deshalb muss sein Tod geahndet werden. Auf die Polizei allein wollen sich die Schafe da nicht verlassen.

Mit Einfallsreichtum, Schaf-Bedächtigkeit und Kreativität bringen sie die menschlichen Ermittler schließlich auf die richtige Spur. Ein liebenswerter Cozy, der auch bei den Schafen einige sehr menschliche Eigenschaften findet. Wie schön, dieses Buch wiederentdeckt zu haben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere