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Veröffentlicht am 27.08.2019

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Die Spiegelreisende 2 - Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast
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Wem kann Ophelia noch vertrauen? Ihr Kennenlernen mit dem Hausgeist des Pols, Faruk, ist gründlich schief gegangen. Nicht, weil Ophelia sich tollpatschig angestellt hätte, sondern einfach, weil Faruk an ...

Wem kann Ophelia noch vertrauen? Ihr Kennenlernen mit dem Hausgeist des Pols, Faruk, ist gründlich schief gegangen. Nicht, weil Ophelia sich tollpatschig angestellt hätte, sondern einfach, weil Faruk an Exzentrik kaum zu überbieten ist. Und so ernennt er sie – die Leserin – zur Vize-Erzählerin des Hofes. Solange sie ihn gut unterhält, sei sie sicher, wird ihr ihr gesagt. Doch als nach und nach immer mehr hochrangige Mitglieder der Himmelsburg verschwinden und Ophelia die gleichen Drohbriefe wie die Verschwundenen erhält, beginnt sie an ihrer Sicherheit zu zweifeln. Und wer ist dieser Gott, der offensichtlich verhindern will, dass Thorn und Ophelia heiraten?

Christelle Dabos knüpft mit dem zweiten Band „Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast“ genau da an, wo „Die Verlobten des Winters“ endete. Ophelia ist als Verlobte von Thorn enttarnt, allerdings heißt das noch lange nicht, dass es ab jetzt einfacher für sie wird oder, dass man sie akzeptiert. Hinzu kommt, dass Christelle Dabos ganz individuelle, teils etwas eigenwillige Charaktere geschaffen hat, die alle ihre individuelle Entwicklung innerhalb der Geschichte erfahren. Auch, wenn Ophelia als Hauptfigur im Mittelpunkt steht, heißt das noch lange nicht, dass alle anderen Figuren nur Beiwerk sind. Genauso erfährt man immer mehr über die erzählte Welt und hat stellenweise sogar das Gefühl, nah an der Wahrheit über den Gott zu sein, der in den Drohbriefen immer wieder genannt wird.

Die Entwicklung der Handlung kann man nicht anders als konsequente Fortsetzung beschreiben. Nicht nur, weil sie nahtlos anknüpft, sondern auch, weil die Autorin ihrem Erzählton und Erzählstil treu bleibt und trotz der Vielschichtigkeit jeden Erzählstrang mühelos wieder aufgreift und weiterführt. Zwischendrin tauchen immer wieder Fragmente bzw. Erinnerungen auf, die sich erst nach und nach einem Charakter zuordnen lassen. Trotz aller Konsequenz der Erzählung schafft es Christelle Dabos zum Ende hin, doch noch die eine oder andere überraschende Wendung einzubauen. Obwohl am Ende natürlich eine Auflösung steht, nimmt die Autorin die Neugier auf den folgenden Band keinesfalls vorweg, sondern baut stattdessen einen Cliffhanger ein, der die Wartezeit nun ein wenig länger erscheinen lässt.

Veröffentlicht am 12.08.2019

Ich hätte da gerne ein Buch, es ist blau...

Tagebuch eines Buchhändlers
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„The Bookshop“ in Wigtown in Schottland ist die größte Second-Hand-Buchhandlung des Landes und Shaun Bythell ist der Besitzer dieses Paradieses für Bücherfreunde. Manche Kunden bezeichnen den Laden als ...

„The Bookshop“ in Wigtown in Schottland ist die größte Second-Hand-Buchhandlung des Landes und Shaun Bythell ist der Besitzer dieses Paradieses für Bücherfreunde. Manche Kunden bezeichnen den Laden als Labyrinth, weil die Regale so verwinkelt stehen, aber genau das macht den Charme der Buchhandlung irgendwie auch aus. Und natürlich prägen die Menschen den Laden. Ob exzentrische Kunden oder sehr spezielle Mitarbeiter, Shaun Bythell kennt sie alle. Zusätzlich gibt es einen Blick hinter die Kulissen, der Einblicke gewährt, die man als Buchkäufer so nicht kennt.

Eines vorweg: Jedes Wort ist war. Glaube ich zumindest. Denn so kauzig kann man sich Büchermenschen nicht ausdenken. Der Titel „Tagebuch eines Buchhändlers“ verspricht bereits urige Geschichten, allerdings rechnet man nicht unbedingt mit einem richtigen Tagebuch. Über das Jahr 2014 hinweg nimmt Shaun Bythell den Leser Tag für Tag mit in seine Welt. Dabei sind die einzelnen kurzen Kapitel, die sich jeweils um die Werktage drehen, weniger von Spannung, als durch feinfühliges Erzählen gekennzeichnet. Etwa, wenn er von Nachlässen verstorbener Personen erzählt, deren Bibliothek viel von der Persönlichkeit des jeweiligen Menschen preisgibt. Allerdings erfährt man nicht nur verschiedene Aspekte aus dem Alltag eines Buchhändlers, sondern auch von den Problemen, mit denen inhabergeführte Buchhandlungen zu kämpfen haben. Anders als man vielleicht vermuten würde, ist das nicht nur der wachsende Internethandel, sondern auch ganz handfeste Schwierigkeiten, wie undichte Schaufensterscheiben.

Hinter jedem Satz von Shaun Bythell steckt großer Idealismus und viel Herzblut für seinen Beruf. Trotz aller Unwägbarkeiten, kleinerer und größerer Probleme, Unstimmigkeiten mit Mitarbeitern oder unhöflichen Kunden, erzählt der Autor und Buchhändler mit sehr viel positiver Stimmung. Und obwohl es oft nur alltägliche Begebenheiten sind, ist es vor allem seine Begeisterung für seinen Beruf, die die meist recht kurzen Kapitel so faszinierend machen. Dadurch, dass die einzelnen Tage in sich abgeschlossen sind, ist ein kontinuierlicher Erzählstrang nicht vorhanden. Dennoch bauen viele Ereignisse, wie es im Leben nun einmal so ist, aufeinander auf und werden in einem späteren Kapitel wieder aufgegriffen oder fortgeführt.

Veröffentlicht am 06.08.2019

Von phantastischen Welten verführt

Das Labyrinth des Fauns
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1944 befindet sich Spanien nicht nur im Zweiten Weltkrieg, auch das Franco-Regime prägt das Land. Faschisten und Regimegegner liefern sich erbitterte Kämpfe. In dieser Zeit zieht Ofelia mit ihrer Mutter, ...

1944 befindet sich Spanien nicht nur im Zweiten Weltkrieg, auch das Franco-Regime prägt das Land. Faschisten und Regimegegner liefern sich erbitterte Kämpfe. In dieser Zeit zieht Ofelia mit ihrer Mutter, die nach dem Tod von Ofelias Vater erneut geheiratet hat, in eine Mühle in den Bergen. Der neue Mann ihrer Mutter, ein Hauptmann und Anhänger Francos, hat die Mühle zu seinem Hauptquartier gemacht, von dem aus er Jagd auf Rebellen macht. Ofelia verabscheut den grausamen und brutal agierenden Mann und sucht schon bald immer wieder Zuflucht in ihren Büchern und im umliegenden Wald, wo sie auf einen Faun trifft, der ihr nacheinander drei Aufgaben stellt. Kann sie diese erfolgreich lösen, ist sie die lange verschollene Prinzessin eines verborgenen Reiches. Aber bereits nach der ersten Aufgabe ist Ofelia stärker mit der phantastischen Welt, die der Faun ihr eröffnet, verbunden, als sie es sich hätte erträumen können.

„Pans Labyrinth“ ist wohl einer der bekanntesten Filme von Guillermo del Toro, Cornelia Funke eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen mit einem Faible für Märchen. Und tatsächlich ist „Das Labyrinth des Fauns“ ein modernes Märchen – und eine Novelle mit Rahmen- und Binnenhandlung. Mit „Vor langer, langer Zeit“ und „Es war einmal“ fangen die beiden Handlungsstränge an, deren Zusammenhang sich erst im Laufe der Erzählung eröffnet. Aber auch die drei Aufgaben, die verschwundene Prinzessin, die Mühle im Wald und die Figur des Fauns sorgen ebenfalls für Märchenatmosphäre. Ein weiteres Element sind die Bücher, die mit den Märchen in fremde Welten entführen.

Auch, wenn Ofelia eine verschwundene Prinzessin sein soll, gibt es weder einen Prinzen, noch ein echtes Happy-End. Tatsächlich ist die Geschichte ein eher düsteres Märchen, was sich nicht nur durch die dunkle Grundstimmung und die Beschreibung der Handlungsorte niederschlägt, sondern auch in der Beschreibung rabenschwarzer menschlicher Abgründe. Auch wenn die eigentliche Gewalt nicht explizit beschrieben wird, reichen die Andeutungen vollkommen aus, um sich lebhaft ausmalen zu können, was in den entsprechenden Szenen passiert. Über allem steht aber Cornelia Funkes meisterhafte Art zu erzählen – auch wenn es diesmal auf Englisch und damit in der Sprache ihrer Wahlheimat ist. Phantastisches wie Grausamkeiten werden dadurch in ein fast schon zu elegantes Gewand gekleidet, das den Reiz der Geschichte zu großen Teilen ausmacht. Genau, wie die in der Erzählung beschriebenen Bücher führt damit auch „Das Labyrinth des Faun“ in eine fremde Welt. Inwiefern sich ein Buch, das von anderen Büchern erzählt, die die Flucht vom Alltag ermöglichen, auf eine Metaebene begibt, bleibt dann wohl der Beurteilung der Leser überlassen.

Veröffentlicht am 29.06.2019

Über den Wolken...

Aeronautica
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… muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Sie sind (nahezu) furchtlos, abenteuerlustig und vom Entdeckergeist getrieben. Wie sonst lässt es sich erklären, dass sich die Charaktere in den zwölf Geschichten ...

… muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Sie sind (nahezu) furchtlos, abenteuerlustig und vom Entdeckergeist getrieben. Wie sonst lässt es sich erklären, dass sich die Charaktere in den zwölf Geschichten so bereitwillig daran machen, Grenzen zu überschreiten? Ob es mit dem Zeppelin, dem Heißluftballon, dampfbetriebenen Maschinerien oder tatsächlich einem Luftschiff ist – der Himmel wird in jeder Geschichte erobert. Mit neuen Möglichkeiten ergeben sich aber auch neue Herausforderungen und Abenteuer lassen auf ganz andere Weise angehen. Zwölf Autorinnen und Autoren sorgen für Reisen in fremde Welten und erzählen davon, was sich in den Lüften neben Piratenangriffen, Expeditionen und fantastischen Ereignissen so alles abspielt.

Wer zur See fährt, muss ein gewisses Maß an Unerschrockenheit mitbringen. Wer mit einem Luftschiff den Himmel erobert, muss dann wohl erst recht unerschrocken sein. So wie Leutnant Nilsen, der in „Am Ende der Welt“ von Manuel Otto Bendrin sein Leben gibt, um eine Katatstrophe zu verhindern oder Kapitän Ramirez, der nicht müde wird in „Der letzte Flug der Aristoteles“ von Yann Krehl nach dem Wrack des Schiffes zu suchen. Andere wiederum haben nicht nur eine große Liebe zur Luftschifffahrt, sondern auch eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Luftschiff. Für Lena Richters Heldin Xhemin ist es unvorstellbar, ihr Schiff aufzugeben. Zusätzlich lassen die Geschichten Raum für phantastische und magische Wesen und nicht immer sind die Helden menschlich.

„Aeronautica“ trägt den Untertitel „Logbuch der Lüfte“ und wird somit zu einer Chronik der Luftschifffahrt. Neben den fast unendlichen Möglichkeiten, die Steampunk als Genre bietet, fällt vor allem die Diversität in den Geschichten positiv auf. Menschen unterschiedlichster Nationalität und Hautfarben arbeiten an Bord Hand in Hand zusammen. In anderen Geschichten sind es Menschen mit körperlichen Einschränkungen, die auf die Technik des Genres angewiesen sind und innerhalb der Handlung ihre vermeintliche Schwäche zu einer Stärke ummünzen können. Und mitten in der Luft lässt eine junge Frau sich doch noch überzeugen, ihre Partnerin zu heiraten. Hautfarbe, Behinderungen und Homosexualität sind in den, in „Aeronautica“ versammelten, Geschichten ganz selbstverständlich Teil der Handlung und werden nur so weit erwähnt, wie es für die Handlung relevant ist. Diversität passiert eben einfach. Die Geschichten sind alle unabhängig voneinander zu lesen, ergeben aber im Rahmen der Veröffentlichung ein vielseitiges und vielfältiges Bild nicht nur der Welt der Lüfte sondern auch des Genres insgesamt.

Veröffentlicht am 24.06.2019

Rebellen mit starken Waffen

Seitenweise
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Wie soll man eine Geschichte in nur 500 Wörter fassen? Und wie soll man mit diesen 500 Wörtern sein Publikum möglichst vom ersten Satz an fesseln? Eine Herausforderung, der sich die 18 Autoren der LBM ...

Wie soll man eine Geschichte in nur 500 Wörter fassen? Und wie soll man mit diesen 500 Wörtern sein Publikum möglichst vom ersten Satz an fesseln? Eine Herausforderung, der sich die 18 Autoren der LBM Guerillas gestellt und Geschichten verfasst haben, die für das Vorlesen gedacht sind. Ob an Bus- und Straßenbahnhaltestellen, in Ladenpassagen oder im Stadtpark – die LBM Guerillas belesen Leipzig. Im Gepäck haben sie dabei Geschichten zu den Themen Reise, Natur, Kunst und Kirche und bekämpfen Alltag und Hektik mit der wohl mächtigsten Waffe überhaupt: Worten. Zusätzlich zu den „Vorlesegeschichten“ bietet die Anthologie auch noch „Lost Stories“, die für das Guerillalesen ein wenig zu lang sind, und verschiedene Leseproben.

Wer in kurzer Zeit eine Handlung gestalten will, muss Bilder erschaffen. Denn Zuhörer gewinnt man vor allem über Assoziationen. Denn wer wird bei der Frage „Kann man Licht riechen?“, die Melanie Schneider in „Fuchserwachen“ stellt, nicht hellhörig? Eines ist allen Geschichten gemein – das Bildliche und Ungewöhnliche. Letzteres wird oft auch dadurch erzeugt, indem die Geschichte einen völlig anderen Blickwinkel auf Alltägliches und Gewöhnliches präsentiert, so wie es in „Liegen bleiben“ von David Knospe oder „Der Zirkel“ von Claudia Rapp der Fall ist. Stilistisch könnten die Geschichten allerdings nicht unterschiedlicher sein. Jeder Autor, jede Autorin stattet seine oder ihre Geschichte mit besonderen Eigenheiten aus. Angefangen beim Genre, über den Schreibstil bis hin zur Textgestaltung steht jede Geschichte individuell für sich.

So modern die Idee der Leserebellen, eine Stadt zu belesen, auch ist, die vier übergeordneten Themen Kirche, Kunst, Natur und Reise sind so alt wie die Literatur selbst. Die Reise findet sich bereits bei Homer, die Natur wurde vor allem im Sturm und Drang und in der Romantik zum Gegenstand der Literatur, die Literatur selbst ist eine Form der Kunst und wer sich Worte als Waffe wählt, der darf auch das Thema Kirche nicht außen vor lassen. Schließlich beginnt das Johannesevangelium mit den Worten: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ Bereits zwischen 130 und 150 v. Chr. wusste man also, wie mächtig Worte sein können. Wer sich in diese Tradition stellt, kann die Kirche nicht ganz außen vor lassen. „seitenweise - LBM-Guerillas Shortest Stories Vol. 1“ präsentiert sich, trotz der Individualität der einzelnen Geschichten, als gut durchdachtes Gesamtwerk, dass überrascht, fasziniert und durch Vielfalt besticht. Ein weitere tolle Aktion ist, dass die Einnahmen aus dem Verkauf des Buches an den Bundesverband verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. (VEID) gehen.