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Veröffentlicht am 13.09.2019

Das seltsame Fräulein

Ein neues Blau
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Berlin 1919: Lili ist sechs Jahre alt, als ihre Mutter stirbt und ihr Vater die Hilfe seines Freundes Takeshi bei ihrer Erziehung annimmt. Takeshi ist Halb-Japaner / Halb-Chinese und wurde von Jesuiten ...

Berlin 1919: Lili ist sechs Jahre alt, als ihre Mutter stirbt und ihr Vater die Hilfe seines Freundes Takeshi bei ihrer Erziehung annimmt. Takeshi ist Halb-Japaner / Halb-Chinese und wurde von Jesuiten aufgezogen. Sowohl Takeshi als auch Alexander, der Name, den Jesuiten ihm gegeben haben, bedeutet Beschützer. Als solcher sieht er sich fortan für Lili, sie wird zu seiner Bestimmung. Er bringt ihr die Teezeremonie, Kalligraphie und Zen bei, bildet ihren Geist und weckt die Sehnsucht nach der Schönheit bzw. Perfektion der Dinge.
Lilis Vater ist nicht praktizierender Jude und besinnt sich nach dem Tod seiner Frau, einer Christin, auf seinen Glauben, will ihn auch Lili nahebringen. Doch der Rabbi macht ihm klar, dass Lili keine Jüdin ist – weil ihre Mutter keine war.
Lili ist jetzt also Halbwaise, halb Christin, halb Jüdin, halb Europäerin und halb Japanerin, durch Takeshis Erziehung. Sie fühlt sie nie als Ganzes. Immer nur halb. Über den Tee (ihr Vater betreibt einen Teehandel) beginnt sie sich auch für Porzellan zu interessieren und lässt sich als Porzellanmalerin und Töpferin ausbilden.

Fast 70 Jahre später ist Takeshi verstorben und Lilis Sohn findet, dass sie eine Gesellschafterin braucht. An zwei Nachmittagen in der Woche besucht Anja sie. „Anja. Na ja. Ein Name wie ein Achselzucken.“ (S. 22) Anja steht kurz vor ihrem Abitur und die Ehe ihrer Eltern vor dem Aus. Sie ist ein Punk, entspricht nicht der Norm und hat selber große Probleme, die sie (noch) sehr gut verbirgt.
Das Innere von Lilis Haus erinnert Anja an ein Museum für Moderne Kunst. Und die Porzellanskulpturen, die Lili herstellt, gefallen ihr sofort. „Töpfern Sie, damit etwas von Ihnen bleibt?“ „Nein, ich töpfere, damit es mich überhaupt gibt.“ (S. 237)
Auch der japanische Garten mit dem Teehaus beeindruckt sie. Anja begreift schon beim Kennenlernen: „ ... sie braucht gar keine Gesellschafterin. Stattdessen benötigt sie eine Zeugin. Für all die Dinge, die sie erlebt hat. Und die sie sonst niemandem erzählen kann oder will.“ (S. 31)

Tom Saller hat mich wieder überrascht. Wie schon in „Wenn Martha tanzt“ ist sein Schreibstil wieder sehr poetisch, sehr ruhig und trotzdem fesselnd. Er erzählt eine Geschichte von Suchenden – nach ihren Wurzeln, nach ihrer Zukunft, nach ihrem Selbst, nach ihrer Ganzheit, denn sie alle fühlen sich verloren. Geeint werden sie durch den Tee und Porzellan. Durch Takeshi lernen sie die japanische Höflichkeit – Lili scheint im Alter eine Meisterin darin zu sein. Sie sagt sagt Dinge nicht direkt, lässt Sachen weg, oder umschreibt sie bzw. antwortet mit einem Gleichnis. Das ist für Anja und den Leser zu Beginn zwar ungewöhnlich, macht aber auch den besonderen Reiz des Buches aus.
Nach und nach erzählt Lili ihre Geschichte, eng verbunden mit der Geschichte Berlins in der 20er Jahre, bis sie vor den Nazis fliehen musste. Auch hier hält sich Tom Saller an seinen Stil, mit nur kleiner Andeutungen der Grausamkeiten der Nazizeit verrät er alles.
Zudem geht er auf die Entwicklung der Staatlichen Porzellan-Manufaktur und einer ganz besonderen Schale von König Friedrich ein, mit einer Blüte in „in Lila gehendes ersterbendes Blau“. Diese Schale wird auch Lilis Schicksal.

Noch nie hat mich ein Buch so geerdet und gleichzeitig berührt wie dieses!

Veröffentlicht am 10.09.2019

Die Frauen von Eden

Eden
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„Wahrscheinlich würde dieser Sommer für sie der letzte in dieser exklusiven Nachbarschaft sein.“ (S. 20)
„Eden“ nennt Bunny Meister das mondäne Sommerhaus, das er 1915 für seine Familie in Long Harbor ...

„Wahrscheinlich würde dieser Sommer für sie der letzte in dieser exklusiven Nachbarschaft sein.“ (S. 20)
„Eden“ nennt Bunny Meister das mondäne Sommerhaus, das er 1915 für seine Familie in Long Harbor direkt hinter den Dünen erbauen lässt. Als Sohn jüdischer Einwanderer hat er sich alles hart erarbeitet. Er kann das Haus über den Börsencrash retten und nach einem Tornado wieder aufbauen. Doch 85 Jahre später sieht es so aus, als müsste seine Tochter Becca dem Verkauf des Hauses zustimmen, da ihr verstorbener Mann ihr nur Schulden hinterlassen hat. Zusammen mit ihrer Tochter Rachel, ihrer Enkelin Sarah und der langjährigen Haushalthilfe Lilly verbringt sie einen letzten Sommer auf Long Harbor und bereitet eine große Party wie zu alten Zeiten vor, auf der sie endlich ihr größtes Geheimnis lüften will.

„Eden“ erzählt die Geschichte der Familie Meister über mehrere Generationen. Es sind vor allem die Frauen, welche die Autorin Jeanne M. Blasberg zu Wort kommen lässt. Schließlich verbringen sie den ganzen Sommer in Long Harbor und nicht nur die Wochenenden (wie ihre Männer). Sie halten die Familie zusammen – immer unterstützt von dienstbaren Geistern – und präsentieren, was ihre Männer hart erarbeiten. Dass ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte dabei oft auf der Strecke bleiben, wird natürlich nicht nach außen getragen.

Geschickt wechselt der Blickwinkel zwischen den aktuellen Ereignissen und Rückblenden und enthüllt langsam die Geheimnisse der Frauen von Eden.
Sadie, Bunnys Frau, will die perfekte Ehefrau sein, doch ihre vierte, späte Schwangerschaft und die Geburt ihrer Tochter Becca werfen sie aus der Bahn – Wochenbettdepression würde man heute sagen. Becca wird von einem Kindermädchen aufgezogen, ist es gewöhnt, ihrer Mutter keinen Ärger zu machen und sich immer zu fügen. Sie ist sich nicht sicher, ob Dan wirklich sie liebt oder nur das Haus und das Ansehen ihrer Familie, aber sie heiratet ihn, weil ihre Eltern es wünschen. Nach dem Tod von Sadie und Bunny schwingt sie sich zum Familienoberhaupt auf und übernimmt die Herrschaft über Eden. Beccas Tochter Rachel flüchtet sich in den Alkohol, gibt ihrer Mutter und ihrer Tochter Sarah die Schuld an ihrer frühen Scheidung und ihrem verkorksten Leben. Sarah wiederum überrascht ihre Mutter und Großmutter mit der Ankündigung, dass sie von ihrem Professor schwanger ist und das Kind bekommen wird, obwohl er es nicht möchte. Sie hat keine Ahnung, was auf sie zukommt, aber den Mut, es als Alleinerziehende zu wagen.

Sehr fesselnd und bildlich beschreibt Jeanne M. Blasberg das extravagante Haus und seine verschiedenen Bewohner, die Exklusivität von Long Harbor, die trägen Tage am Strand und die rauschenden Partys, aber auch die Eifersüchteleien und Machtspiele innerhalb der Familie, die großen Lieben und Schicksalsschläge. Und obwohl man als Leser relativ früh weiß, welches Geheimnis Becca nicht mehr verbergen möchte, ist es bis zuletzt sehr spannend.
„Von diesem Tag an war nichts mehr wie früher. Nichts konnte mehr so sein wie früher. Es war, als wäre eine kühle Meeresbrise durch die Glastür ins Haus geweht und hätte hundert Jahre Spinnweben hinweggefegt.“ (S. 392)


„Eden“ bildet die mondäne Kulisse für eine ganz besondere Familiengeschichte voller Geheimnissen und Lügen, Eifersüchteleien und Machtspiele, aber auch Liebe und Zusammenhalt.

Veröffentlicht am 02.09.2019

Eine gekonnte Mischung aus Krimi und Familiensaga

Das Savoy - Aufbruch einer Familie
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„Das Savoy war ein Kosmos für sich, der jeden Tag seinen eigenen Sonnenauf- und Untergang erlebte. Hier arbeiteten, bedienten, genossen und vergnügten sich Menschen, die nicht nur aus der ganzen Welt kamen, ...

„Das Savoy war ein Kosmos für sich, der jeden Tag seinen eigenen Sonnenauf- und Untergang erlebte. Hier arbeiteten, bedienten, genossen und vergnügten sich Menschen, die nicht nur aus der ganzen Welt kamen, sondern auch für die ganze Welt standen.“ (S. 12)
London 1932: Sir Laurence Wilder ist der Inhaber des wohl berühmtesten Hotels der Stadt und obwohl er schon über 70 ist, hat er es fest im Griff. Seine Angestellten achten und ehren ihn, denn er ist ein guter Arbeitgeber. Darum ist seine Enkelin Violet Masson auch erstaunt, als Laurence nach einem Zusammenbruch behauptet, seine Sekretärin Dorothy würde ihn vergiften wollen. Der Hoteldetektiv Oppenheim nimmt sich des Falls an, kann aber kein Gift oder Hinweise auf einen Anschlag entdecken. Kurz darauf erleidet Laurence einen Schlaganfall und betraut zur Überraschung aller nicht etwa seinen Sohn Henry (der sich sowieso nicht für das Hotel interessiert) sondern Violet mit der Leitung des Hotels. Violet ist zwar im Savoy aufgewachsen, arbeitet aber als Schriftstellerin für den Radiosender BBC. Ihre plötzliche Berühmtheit und die Fülle an Aufgaben überfordern sie: „Sie wollte nicht von jedermann wie die Fürstin vom Savoy begrüßt werden, wollte jung und unbedeutend sein. ... Violet taugte nicht zum Vogel im goldenen Käfig.“ (S. 270) Außerdem fürchtet sie inzwischen, dass es wirklich jemand auf ihren Großvater abgesehen hat, aber wer und warum?

„Das Savoy - Aufbruch einer Familie“ ist der Auftakt einer Trilogie rund um das berühmte Hotel und seine Besitzer. Maxim Wahl schreibt sehr spannend und involviert geschickt reales Zeitgeschehen wie das Erstarken des Nationalsozialismus und berühmte Persönlichkeiten in die Handlung und lässt dabei Menschen aller Herren Länder und mit den verschiedensten Interessen auftreten. Die Welt befindet sich im Umbruch und alles schaut nach Deutschland – auch die Hotelgäste. Vor allem Liftboy Otto, der aus Bayern stammt, bekommt das zu spüren.
Violet ist zwischen der Sorge um ihren Großvater bzw. das Hotel und ihren eigenen Lebens- bzw. Karriereplänen hin- und hergerissen. Sie liebt die Arbeit beim Radio und möchte einen Roman schreiben. Aber sie respektiert Laurence Wunsch. Zudem steht sie zwischen 2 Männern: Max war der Mann ihrer Zukunft... John dagegen war Violets Liebe, was sollte sie dagegen nur machen?“ (S. 56) Max ist ihr Chef bei BBC und macht ihr eindeutige Avancen, John ist der Hausmeister des Savoy und kennt ihre geheimsten Sehnsüchte und Wünsche, versteht sie wie kein anderer. Wie soll sie sich entscheiden?
Im Zuge von Violets Ermittlungen geraten mehrere Angestellte und Gäste des Hotels in ihr Visier, getreu dem Tipp eines Freundes: „Meistens ist der Schurke derjenige, von dem man es am wenigsten erwartet.“ (S. 212)

Mein Fazit: „Das Savoy“ ist eine gekonnte Mischung aus Krimi und Familiensaga. Sehr spannend, unterhaltsam, mit viel mondänem Flair zeigt es, wie die guten Geister unauffällig den Alltag des Hotels bewältigen und dabei einige Intrigen aufdecken. Ich bin schon sehr gespannt, wie es im nächsten Band weitergeht.
Für Fans von „Downton Abbey“ oder „Die Schwestern von Mitford Manor“.

Veröffentlicht am 31.08.2019

Windflüchter

Kastanienjahre
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... sind Bäume (vor allem an der Küste), deren Wuchsform vom Wind bestimmt wird. Sie brechen nicht bei Sturm, sondern beugen sich, biegen sich, passen sich an.

Als Windflüchter könnte man auch einige ...

... sind Bäume (vor allem an der Küste), deren Wuchsform vom Wind bestimmt wird. Sie brechen nicht bei Sturm, sondern beugen sich, biegen sich, passen sich an.

Als Windflüchter könnte man auch einige Bewohner Peleroichs bezeichnen, ein kleines Dorf an der Ostseeküste an der Grenze zum „Westen“, dessen Geschichte Anja Baumheier in „Kastanienjahre“ erzählt.

Alles beginnt 1950, als Karl und Christa in der Dorfschule nebeneinander sitzen. Jahre später darf Karl, der den Wald und die Küste liebt, seinen Beruf als Förster nicht länger ausüben, da er sich weigert, an der neu erbauten Grenze für die Stasi zu spionieren. Seine Mutter wehrt sich jahrelang dagegen, in die LPG einzutreten, aber der Bürgermeister will nun mal ein Vorzeigedorf aus Peleroich machen. Und auch andere lehnen sich auf: der Bäcker will die Fahnen zum 1. Mai nicht raushängen und der Konsumbetreiber schreibt regelmäßig Eingaben an Walter Ulbricht, weil er nichts hat, was er verkaufen kann – etwas, was man sich wahrscheinlich nur vorstellen kann, wenn man es miterlebt hat. So wie ich. 1974 in Dresden geboren und aufgewachsen, habe ich viele Szenen wiedererkannt, die im Buch beschrieben werden. Den Mangel an alltäglichen Dingen und unseren Einfallsreichtum, um sie zu ersetzen, Angst vor Spitzelei und Denunziation, Berufswünsche, die Träume bleiben mussten, Freunde, die plötzlich verschwunden waren, weil sie „abgehauen“ sind oder die Ausreise genehmigt wurde.
Auf die Ausreise hofft auch Jakob jahrelang. Er ist Künstler und Elises Freund, aber nicht ihr Ehemann, das wiederum ist Henning, den sie von klein auf kennt. Aber als sich Henning und Elise nach dessen Armeezeit auseinander leben, wird Jakob immer wichtiger für sie. Sie träumen gemeinsam von Paris, doch eines Tages ist er plötzlich verschwunden.

Elise ist Karls und Christas Tochter. Sie arbeitet als Näherin in einem großen Betrieb und lebt ihre Kreativität zu Hause aus, wo sie aus Stoffresten eigene Modelle schneidert. Nach der Wende und Wiedervereinigung – die sich die Peleroicher wie so viele DDR-Bewohner eigentlich anders vorgestellt hatten )„Ich fühle mich überrumpelt und femdbestimmt. ... Was ist aus den Ideen geworden, die DDR demokratisch zu erneuern?“ (S. 340)) – geht Elise doch noch nach Paris und übernimmt eine Boutique, aber ihre Heimat kann sie nie vergessen, genau so wenig wie Jakob. Sie sucht jahrelang nach ihm, hofft, dass er noch lebt, obwohl die Vernunft dagegen spricht. Als sie 20 Jahre später einen Brief bekommt, in dem ihr ein „Freund“ schreibt, dass er Schuld am Tod ihres Vaters und Jakobs Verschwinden ist, kommt alles wieder hoch. Sie soll nach Peleroich kommen, dann erklärt er ihr alles. Wer steckt hinter den Briefen und was ist damals wirklich passiert?

Wie schon bei „Kranichland“, ist es Anja Baumheier auch in diesem Buch wieder gelungen, ein erschreckend authentisches und reales Bild der DDR zu zeichnen. Elises Geschichte und die ihrer Familie ist eng mit der des Dorfes verknüpft. Schon während der DDR spaltet sich Peleroich in 2 Lager, die Regimetreuen und die -gegner und nach der Wende zerfällt es immer mehr – am Ende bleibt ein Geisterdorf, dass eingeebnet werden soll.

Anja Baumheier schreibt über Hoffnungen und Sehnsüchte, über eine dörfliche Idylle, die keine ist, über Mangelwirtschaft und Nachbarschaftshilfe, offene Freund- und versteckte Feindschaft, über Fluchthelfer und die Stasi und dass man sich nie sicher sein kann, wer auf welcher Seite steht. Trotzdem malt sie nie schwarzweiß. Es war nicht alles schlecht, aber eben auch nicht alles gut. Ein sehr berührendes Buch, das meine Vergangenheit wieder lebendig gemacht hat. #gegendasvergessen

Veröffentlicht am 28.08.2019

Schwarzmarkt und Raubkunst

Die im Dunkeln sieht man nicht
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Karl Wieners war Schriftsteller und ist vor Jahren von München nach Berlin gegangen. Jetzt, 5 Jahre nach Kriegsende, lockt ihn ein ehemaliger Freund zurück in die Heimat. Georg Borgmann hat gerade eine ...

Karl Wieners war Schriftsteller und ist vor Jahren von München nach Berlin gegangen. Jetzt, 5 Jahre nach Kriegsende, lockt ihn ein ehemaliger Freund zurück in die Heimat. Georg Borgmann hat gerade eine neue Zeitschrift gegründet, das „Blitzlicht“, und Karl soll als Reporter für ihn arbeiten. Eine Idee für den ersten Artikel hat Georg auch schon: Raubkunst. Die Münchner haben nach Kriegsende den Führerbunker geplündert, alles ist verschwunden, auch die unzähligen Kunstwerke, die darin gelagert wurden. Jetzt ist bei einem Mord an einem Geschäftsmann ein Bild verschwunden, das dazugehört haben könnte.
Doch Karl ist nicht nur wegen der Zeitschrift zurückgekehrt. Er hat seine Frau und seine Töchter im Krieg verloren. In München leben noch seine Mutter, sein jüngerer Bruder und Magda – die Tochter seines älteren Bruders, die einzige Überlebende dieses Familienzweiges. Magda vergöttert Karl, seit sie ihn als Kind kennengelernt hat. Sie hofft, dass er ihre neue Familie wird, ihre Heimat, ihr Anker. Doch Karl will sich nicht mehr an andere binden, hat Angst vor erneuten Verlusten. „Der Karl passt nicht mehr zu uns. Alles, was er hatte und war, liegt unter den Trümmern von Berlin begraben. Also lass ihn seinen Weg gehen und geh du deinen.“ (S. 151)

„Die im Dunklen sieht man nicht“ ist ein sehr spannender historischer Krimi, der sich mit der Raubkunstszene im Westen Deutschlands zu Beginn der 50er Jahre beschäftigt. Die Wirtschaft stagniert noch, doch erste Aufbruchsstimmung liegt in der Luft. Der Krieg ist zwar seit einem halben Jahrzehnt vorbei, aber noch immer in den Köpfen und Herzen der Menschen verankert. Fast alle haben Verluste erlitten, viele kämpfen täglich ums Überleben, Schwarzmarktgeschäfte sind an der Tagesordnung. Die Lebensumstände der verschiedenen Gesellschaftsschichten wurden sehr gut eingefangen.

Andreas Götz hat seine Protagonisten lebensnah und glaubwürdig gestaltet.
Karl ist von Selbstzweifeln geplagt, will mehrfach hinschmeißen, weil er nicht wirklich vorankommt. Bei kaum einem seiner Verdächtigen oder Informanten ist klar, auf welcher Seite er wirklich steht.
Magda ist sehr selbstbewusst und will unbedingt mit Karl zusammenarbeiten, ihm helfen. Sie kennt durch ihre Schwarzmarktgeschäfte die richtigen Leute und ihr Charme hilft ihr in brenzligen Situationen oft. Allerdings muss auch sie sehen, wo sie bleibt. Da macht ihr Schwarzmarktkönig Blohm ein unwiderstehliches Angebot: „Es gibt Bedürfnisse ... von denen ahnen Sie nicht mal, dass Sie sie haben. Aber sie sind da. Wie schlafende Hunde. Man muss sie nur wecken.“ (S. 226)
Die Ermittlungen sind gefährlich, sie treten den falschen Leuten auf die Füße, müssen sich u.a. mit Alt-Nazis auseinandersetzen und geraten dabei selbst in (Lebens-)Gefahr. „Wir waren alle nur Figuren in einem Spiel ... man hat uns hierhin geschoben oder dorthin, uns dies glauben lassen oder etwas anderes. Je nach Bedarf.“ (S. 423)
Auch die Nebendarsteller sind sehr interessante Charaktere. Da ist zum einen der amerikanische Jude Andrew Aldrich, der am „Collection Point“ (der Sammelstelle für Raubkunst) gearbeitet und angeblich einige Werke für sich selbst bzw. seine Chicagoer Auftraggeber (die Mafia?!) beiseite geschafft hat. Oder der Galerist Bernhard Mohnhaupt und dessen Tochter, die unter der Hand wohl auch mit Raubkunst handeln. Sehr spannend fand ich auch dem König des Schwarzmarktes, Walter Blohm, der endlich ein legaler Geschäftsmann werden möchte, aber seine Leute weiterhin mit unlauteren Mitteln fest im Griff hat.
Besonders schwer einzuschätzen ist der polizeiliche Sonderermittler Emil Brennicke. Er stellt sich mit allen Seiten gut, hat Schlag bei den Frauen und scheint sein eigenes Ding durchzuziehen, aber bisher gaben ihm die Ermittlungserfolge recht: „Bei mir geht‘s nicht immer nach Vorschrift. Hauptsache das Ergebnis stimmt.“ (S. 75)

Das Ende ist so gestaltet, dass Karl Wieners in Serie gehen könnte – ich würde gern weitere Bücher mit ihm (und Magda?) lesen.