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Veröffentlicht am 10.09.2019

Die Frauen von Eden

Eden
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„Wahrscheinlich würde dieser Sommer für sie der letzte in dieser exklusiven Nachbarschaft sein.“ (S. 20)
„Eden“ nennt Bunny Meister das mondäne Sommerhaus, das er 1915 für seine Familie in Long Harbor ...

„Wahrscheinlich würde dieser Sommer für sie der letzte in dieser exklusiven Nachbarschaft sein.“ (S. 20)
„Eden“ nennt Bunny Meister das mondäne Sommerhaus, das er 1915 für seine Familie in Long Harbor direkt hinter den Dünen erbauen lässt. Als Sohn jüdischer Einwanderer hat er sich alles hart erarbeitet. Er kann das Haus über den Börsencrash retten und nach einem Tornado wieder aufbauen. Doch 85 Jahre später sieht es so aus, als müsste seine Tochter Becca dem Verkauf des Hauses zustimmen, da ihr verstorbener Mann ihr nur Schulden hinterlassen hat. Zusammen mit ihrer Tochter Rachel, ihrer Enkelin Sarah und der langjährigen Haushalthilfe Lilly verbringt sie einen letzten Sommer auf Long Harbor und bereitet eine große Party wie zu alten Zeiten vor, auf der sie endlich ihr größtes Geheimnis lüften will.

„Eden“ erzählt die Geschichte der Familie Meister über mehrere Generationen. Es sind vor allem die Frauen, welche die Autorin Jeanne M. Blasberg zu Wort kommen lässt. Schließlich verbringen sie den ganzen Sommer in Long Harbor und nicht nur die Wochenenden (wie ihre Männer). Sie halten die Familie zusammen – immer unterstützt von dienstbaren Geistern – und präsentieren, was ihre Männer hart erarbeiten. Dass ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte dabei oft auf der Strecke bleiben, wird natürlich nicht nach außen getragen.

Geschickt wechselt der Blickwinkel zwischen den aktuellen Ereignissen und Rückblenden und enthüllt langsam die Geheimnisse der Frauen von Eden.
Sadie, Bunnys Frau, will die perfekte Ehefrau sein, doch ihre vierte, späte Schwangerschaft und die Geburt ihrer Tochter Becca werfen sie aus der Bahn – Wochenbettdepression würde man heute sagen. Becca wird von einem Kindermädchen aufgezogen, ist es gewöhnt, ihrer Mutter keinen Ärger zu machen und sich immer zu fügen. Sie ist sich nicht sicher, ob Dan wirklich sie liebt oder nur das Haus und das Ansehen ihrer Familie, aber sie heiratet ihn, weil ihre Eltern es wünschen. Nach dem Tod von Sadie und Bunny schwingt sie sich zum Familienoberhaupt auf und übernimmt die Herrschaft über Eden. Beccas Tochter Rachel flüchtet sich in den Alkohol, gibt ihrer Mutter und ihrer Tochter Sarah die Schuld an ihrer frühen Scheidung und ihrem verkorksten Leben. Sarah wiederum überrascht ihre Mutter und Großmutter mit der Ankündigung, dass sie von ihrem Professor schwanger ist und das Kind bekommen wird, obwohl er es nicht möchte. Sie hat keine Ahnung, was auf sie zukommt, aber den Mut, es als Alleinerziehende zu wagen.

Sehr fesselnd und bildlich beschreibt Jeanne M. Blasberg das extravagante Haus und seine verschiedenen Bewohner, die Exklusivität von Long Harbor, die trägen Tage am Strand und die rauschenden Partys, aber auch die Eifersüchteleien und Machtspiele innerhalb der Familie, die großen Lieben und Schicksalsschläge. Und obwohl man als Leser relativ früh weiß, welches Geheimnis Becca nicht mehr verbergen möchte, ist es bis zuletzt sehr spannend.
„Von diesem Tag an war nichts mehr wie früher. Nichts konnte mehr so sein wie früher. Es war, als wäre eine kühle Meeresbrise durch die Glastür ins Haus geweht und hätte hundert Jahre Spinnweben hinweggefegt.“ (S. 392)


„Eden“ bildet die mondäne Kulisse für eine ganz besondere Familiengeschichte voller Geheimnissen und Lügen, Eifersüchteleien und Machtspiele, aber auch Liebe und Zusammenhalt.

Veröffentlicht am 02.09.2019

Eine gekonnte Mischung aus Krimi und Familiensaga

Das Savoy - Aufbruch einer Familie
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„Das Savoy war ein Kosmos für sich, der jeden Tag seinen eigenen Sonnenauf- und Untergang erlebte. Hier arbeiteten, bedienten, genossen und vergnügten sich Menschen, die nicht nur aus der ganzen Welt kamen, ...

„Das Savoy war ein Kosmos für sich, der jeden Tag seinen eigenen Sonnenauf- und Untergang erlebte. Hier arbeiteten, bedienten, genossen und vergnügten sich Menschen, die nicht nur aus der ganzen Welt kamen, sondern auch für die ganze Welt standen.“ (S. 12)
London 1932: Sir Laurence Wilder ist der Inhaber des wohl berühmtesten Hotels der Stadt und obwohl er schon über 70 ist, hat er es fest im Griff. Seine Angestellten achten und ehren ihn, denn er ist ein guter Arbeitgeber. Darum ist seine Enkelin Violet Masson auch erstaunt, als Laurence nach einem Zusammenbruch behauptet, seine Sekretärin Dorothy würde ihn vergiften wollen. Der Hoteldetektiv Oppenheim nimmt sich des Falls an, kann aber kein Gift oder Hinweise auf einen Anschlag entdecken. Kurz darauf erleidet Laurence einen Schlaganfall und betraut zur Überraschung aller nicht etwa seinen Sohn Henry (der sich sowieso nicht für das Hotel interessiert) sondern Violet mit der Leitung des Hotels. Violet ist zwar im Savoy aufgewachsen, arbeitet aber als Schriftstellerin für den Radiosender BBC. Ihre plötzliche Berühmtheit und die Fülle an Aufgaben überfordern sie: „Sie wollte nicht von jedermann wie die Fürstin vom Savoy begrüßt werden, wollte jung und unbedeutend sein. ... Violet taugte nicht zum Vogel im goldenen Käfig.“ (S. 270) Außerdem fürchtet sie inzwischen, dass es wirklich jemand auf ihren Großvater abgesehen hat, aber wer und warum?

„Das Savoy - Aufbruch einer Familie“ ist der Auftakt einer Trilogie rund um das berühmte Hotel und seine Besitzer. Maxim Wahl schreibt sehr spannend und involviert geschickt reales Zeitgeschehen wie das Erstarken des Nationalsozialismus und berühmte Persönlichkeiten in die Handlung und lässt dabei Menschen aller Herren Länder und mit den verschiedensten Interessen auftreten. Die Welt befindet sich im Umbruch und alles schaut nach Deutschland – auch die Hotelgäste. Vor allem Liftboy Otto, der aus Bayern stammt, bekommt das zu spüren.
Violet ist zwischen der Sorge um ihren Großvater bzw. das Hotel und ihren eigenen Lebens- bzw. Karriereplänen hin- und hergerissen. Sie liebt die Arbeit beim Radio und möchte einen Roman schreiben. Aber sie respektiert Laurence Wunsch. Zudem steht sie zwischen 2 Männern: Max war der Mann ihrer Zukunft... John dagegen war Violets Liebe, was sollte sie dagegen nur machen?“ (S. 56) Max ist ihr Chef bei BBC und macht ihr eindeutige Avancen, John ist der Hausmeister des Savoy und kennt ihre geheimsten Sehnsüchte und Wünsche, versteht sie wie kein anderer. Wie soll sie sich entscheiden?
Im Zuge von Violets Ermittlungen geraten mehrere Angestellte und Gäste des Hotels in ihr Visier, getreu dem Tipp eines Freundes: „Meistens ist der Schurke derjenige, von dem man es am wenigsten erwartet.“ (S. 212)

Mein Fazit: „Das Savoy“ ist eine gekonnte Mischung aus Krimi und Familiensaga. Sehr spannend, unterhaltsam, mit viel mondänem Flair zeigt es, wie die guten Geister unauffällig den Alltag des Hotels bewältigen und dabei einige Intrigen aufdecken. Ich bin schon sehr gespannt, wie es im nächsten Band weitergeht.
Für Fans von „Downton Abbey“ oder „Die Schwestern von Mitford Manor“.

Veröffentlicht am 31.08.2019

Windflüchter

Kastanienjahre
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... sind Bäume (vor allem an der Küste), deren Wuchsform vom Wind bestimmt wird. Sie brechen nicht bei Sturm, sondern beugen sich, biegen sich, passen sich an.

Als Windflüchter könnte man auch einige ...

... sind Bäume (vor allem an der Küste), deren Wuchsform vom Wind bestimmt wird. Sie brechen nicht bei Sturm, sondern beugen sich, biegen sich, passen sich an.

Als Windflüchter könnte man auch einige Bewohner Peleroichs bezeichnen, ein kleines Dorf an der Ostseeküste an der Grenze zum „Westen“, dessen Geschichte Anja Baumheier in „Kastanienjahre“ erzählt.

Alles beginnt 1950, als Karl und Christa in der Dorfschule nebeneinander sitzen. Jahre später darf Karl, der den Wald und die Küste liebt, seinen Beruf als Förster nicht länger ausüben, da er sich weigert, an der neu erbauten Grenze für die Stasi zu spionieren. Seine Mutter wehrt sich jahrelang dagegen, in die LPG einzutreten, aber der Bürgermeister will nun mal ein Vorzeigedorf aus Peleroich machen. Und auch andere lehnen sich auf: der Bäcker will die Fahnen zum 1. Mai nicht raushängen und der Konsumbetreiber schreibt regelmäßig Eingaben an Walter Ulbricht, weil er nichts hat, was er verkaufen kann – etwas, was man sich wahrscheinlich nur vorstellen kann, wenn man es miterlebt hat. So wie ich. 1974 in Dresden geboren und aufgewachsen, habe ich viele Szenen wiedererkannt, die im Buch beschrieben werden. Den Mangel an alltäglichen Dingen und unseren Einfallsreichtum, um sie zu ersetzen, Angst vor Spitzelei und Denunziation, Berufswünsche, die Träume bleiben mussten, Freunde, die plötzlich verschwunden waren, weil sie „abgehauen“ sind oder die Ausreise genehmigt wurde.
Auf die Ausreise hofft auch Jakob jahrelang. Er ist Künstler und Elises Freund, aber nicht ihr Ehemann, das wiederum ist Henning, den sie von klein auf kennt. Aber als sich Henning und Elise nach dessen Armeezeit auseinander leben, wird Jakob immer wichtiger für sie. Sie träumen gemeinsam von Paris, doch eines Tages ist er plötzlich verschwunden.

Elise ist Karls und Christas Tochter. Sie arbeitet als Näherin in einem großen Betrieb und lebt ihre Kreativität zu Hause aus, wo sie aus Stoffresten eigene Modelle schneidert. Nach der Wende und Wiedervereinigung – die sich die Peleroicher wie so viele DDR-Bewohner eigentlich anders vorgestellt hatten )„Ich fühle mich überrumpelt und femdbestimmt. ... Was ist aus den Ideen geworden, die DDR demokratisch zu erneuern?“ (S. 340)) – geht Elise doch noch nach Paris und übernimmt eine Boutique, aber ihre Heimat kann sie nie vergessen, genau so wenig wie Jakob. Sie sucht jahrelang nach ihm, hofft, dass er noch lebt, obwohl die Vernunft dagegen spricht. Als sie 20 Jahre später einen Brief bekommt, in dem ihr ein „Freund“ schreibt, dass er Schuld am Tod ihres Vaters und Jakobs Verschwinden ist, kommt alles wieder hoch. Sie soll nach Peleroich kommen, dann erklärt er ihr alles. Wer steckt hinter den Briefen und was ist damals wirklich passiert?

Wie schon bei „Kranichland“, ist es Anja Baumheier auch in diesem Buch wieder gelungen, ein erschreckend authentisches und reales Bild der DDR zu zeichnen. Elises Geschichte und die ihrer Familie ist eng mit der des Dorfes verknüpft. Schon während der DDR spaltet sich Peleroich in 2 Lager, die Regimetreuen und die -gegner und nach der Wende zerfällt es immer mehr – am Ende bleibt ein Geisterdorf, dass eingeebnet werden soll.

Anja Baumheier schreibt über Hoffnungen und Sehnsüchte, über eine dörfliche Idylle, die keine ist, über Mangelwirtschaft und Nachbarschaftshilfe, offene Freund- und versteckte Feindschaft, über Fluchthelfer und die Stasi und dass man sich nie sicher sein kann, wer auf welcher Seite steht. Trotzdem malt sie nie schwarzweiß. Es war nicht alles schlecht, aber eben auch nicht alles gut. Ein sehr berührendes Buch, das meine Vergangenheit wieder lebendig gemacht hat. #gegendasvergessen

Veröffentlicht am 28.08.2019

Schwarzmarkt und Raubkunst

Die im Dunkeln sieht man nicht
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Karl Wieners war Schriftsteller und ist vor Jahren von München nach Berlin gegangen. Jetzt, 5 Jahre nach Kriegsende, lockt ihn ein ehemaliger Freund zurück in die Heimat. Georg Borgmann hat gerade eine ...

Karl Wieners war Schriftsteller und ist vor Jahren von München nach Berlin gegangen. Jetzt, 5 Jahre nach Kriegsende, lockt ihn ein ehemaliger Freund zurück in die Heimat. Georg Borgmann hat gerade eine neue Zeitschrift gegründet, das „Blitzlicht“, und Karl soll als Reporter für ihn arbeiten. Eine Idee für den ersten Artikel hat Georg auch schon: Raubkunst. Die Münchner haben nach Kriegsende den Führerbunker geplündert, alles ist verschwunden, auch die unzähligen Kunstwerke, die darin gelagert wurden. Jetzt ist bei einem Mord an einem Geschäftsmann ein Bild verschwunden, das dazugehört haben könnte.
Doch Karl ist nicht nur wegen der Zeitschrift zurückgekehrt. Er hat seine Frau und seine Töchter im Krieg verloren. In München leben noch seine Mutter, sein jüngerer Bruder und Magda – die Tochter seines älteren Bruders, die einzige Überlebende dieses Familienzweiges. Magda vergöttert Karl, seit sie ihn als Kind kennengelernt hat. Sie hofft, dass er ihre neue Familie wird, ihre Heimat, ihr Anker. Doch Karl will sich nicht mehr an andere binden, hat Angst vor erneuten Verlusten. „Der Karl passt nicht mehr zu uns. Alles, was er hatte und war, liegt unter den Trümmern von Berlin begraben. Also lass ihn seinen Weg gehen und geh du deinen.“ (S. 151)

„Die im Dunklen sieht man nicht“ ist ein sehr spannender historischer Krimi, der sich mit der Raubkunstszene im Westen Deutschlands zu Beginn der 50er Jahre beschäftigt. Die Wirtschaft stagniert noch, doch erste Aufbruchsstimmung liegt in der Luft. Der Krieg ist zwar seit einem halben Jahrzehnt vorbei, aber noch immer in den Köpfen und Herzen der Menschen verankert. Fast alle haben Verluste erlitten, viele kämpfen täglich ums Überleben, Schwarzmarktgeschäfte sind an der Tagesordnung. Die Lebensumstände der verschiedenen Gesellschaftsschichten wurden sehr gut eingefangen.

Andreas Götz hat seine Protagonisten lebensnah und glaubwürdig gestaltet.
Karl ist von Selbstzweifeln geplagt, will mehrfach hinschmeißen, weil er nicht wirklich vorankommt. Bei kaum einem seiner Verdächtigen oder Informanten ist klar, auf welcher Seite er wirklich steht.
Magda ist sehr selbstbewusst und will unbedingt mit Karl zusammenarbeiten, ihm helfen. Sie kennt durch ihre Schwarzmarktgeschäfte die richtigen Leute und ihr Charme hilft ihr in brenzligen Situationen oft. Allerdings muss auch sie sehen, wo sie bleibt. Da macht ihr Schwarzmarktkönig Blohm ein unwiderstehliches Angebot: „Es gibt Bedürfnisse ... von denen ahnen Sie nicht mal, dass Sie sie haben. Aber sie sind da. Wie schlafende Hunde. Man muss sie nur wecken.“ (S. 226)
Die Ermittlungen sind gefährlich, sie treten den falschen Leuten auf die Füße, müssen sich u.a. mit Alt-Nazis auseinandersetzen und geraten dabei selbst in (Lebens-)Gefahr. „Wir waren alle nur Figuren in einem Spiel ... man hat uns hierhin geschoben oder dorthin, uns dies glauben lassen oder etwas anderes. Je nach Bedarf.“ (S. 423)
Auch die Nebendarsteller sind sehr interessante Charaktere. Da ist zum einen der amerikanische Jude Andrew Aldrich, der am „Collection Point“ (der Sammelstelle für Raubkunst) gearbeitet und angeblich einige Werke für sich selbst bzw. seine Chicagoer Auftraggeber (die Mafia?!) beiseite geschafft hat. Oder der Galerist Bernhard Mohnhaupt und dessen Tochter, die unter der Hand wohl auch mit Raubkunst handeln. Sehr spannend fand ich auch dem König des Schwarzmarktes, Walter Blohm, der endlich ein legaler Geschäftsmann werden möchte, aber seine Leute weiterhin mit unlauteren Mitteln fest im Griff hat.
Besonders schwer einzuschätzen ist der polizeiliche Sonderermittler Emil Brennicke. Er stellt sich mit allen Seiten gut, hat Schlag bei den Frauen und scheint sein eigenes Ding durchzuziehen, aber bisher gaben ihm die Ermittlungserfolge recht: „Bei mir geht‘s nicht immer nach Vorschrift. Hauptsache das Ergebnis stimmt.“ (S. 75)

Das Ende ist so gestaltet, dass Karl Wieners in Serie gehen könnte – ich würde gern weitere Bücher mit ihm (und Magda?) lesen.

Veröffentlicht am 27.08.2019

Bestzeiten und Glücklichsein

Goldene Zeiten im Gepäck
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Olympische Spiele 1956 in Melbourne: Elli ist die westdeutsche Schwimm-Hoffnung auf Gold in 150 m Freistil – genau wie Florin für Rumänien. Seit Jahren hat sie auf diesen Wettkampf hingearbeitet, ihre ...

Olympische Spiele 1956 in Melbourne: Elli ist die westdeutsche Schwimm-Hoffnung auf Gold in 150 m Freistil – genau wie Florin für Rumänien. Seit Jahren hat sie auf diesen Wettkampf hingearbeitet, ihre ganze Freizeit in der Schwimmhalle verbracht. Doch ein Blick in Florins grüne Augen und die Medaille ist ihr egal. Sie ist zum ersten Mal verliebt, wie eine ganz normale 17jährige. „Manche Menschen müssen sich erst ein ganzes Leben kennen, um zu wissen, ob sie zusammengehören. Bei anderen reicht ein einziger Augenblick.“ (S. 199) Aber Beziehungen zwischen Ost und West sind unerwünscht.

Stuttgart, 60 Jahre später: „Karla Metuschke, unausgebildete Pflegekraft und Teilzeitdealerin“ (S. 9) arbeitet seit einem Jahr in der „schattigen Pinie“ (Wer kenn die Fernsehserie „Golden Girls“ noch?!) als Patientenbetreuerin und Hüterin des Gewächshauses, in dem sie neben Obst und Gemüse verbotenerweise auch Marihuana anbaut und an die Bewohner verkauft. Frau Kaiser ist schon über 70 und neu im Heim. Sie beobachtet Karla und erpresst sie dann mit ihrem Wissen. Karla muss sie mit ihrem uralten Renault „Lola“ und der Pflanze Selena quer durchs Land fahren, denn „Sie haben keine Familie, keinen Partner, kein Haustiere. Niemand wird sie vermissen.“ (S. 36). Das genaue Ziel verrät sie ihr allerdings nicht.

Ihre Reise führt sie quer durch Europa und schweißt sie zusammen. Sie erleben echte Abenteuer, leben endlich auf, lernen dabei sehr verschiedene Menschen kennen und sich und anderen wieder zu vertrauen.

Zuerst widerwillig und ängstlich, blüht Karla auf diesem ungewöhnlichen Roadtrip immer mehr auf und stellt fest, dass sie die Kaiser eigentlich mag, obwohl sie so verschieden sind. Karla ist unsicher, leicht zu beeinflussen und einzuschüchtern, die Kaiser hingegen die geborene Anführerin, eine Kämpferin – dabei aber warmherzig und erfahren – und gibt Karla genau die Denkanstöße und Tipps, die sie schon lange braucht, um ihr Leben neu zu ordnen und wieder in den Griff zu bekommen. „Glaubst du, man kann sich selbst verlieren und dann wiederfinden?“ (S. 359)
Doch auch die Kaiser hat neben einer geheimnisvollen Schachtel und einer alten Postkarte viel emotionales Gepäck dabei. Sie macht Karla klar, das sie zwar schon alt ist, aber noch nicht zu alt, um nicht noch eine wichtige Sache zu tun, jemand Wichtigen nicht noch einmal wiederzusehen „... mein Leben ist kein Roman. Mein Leben ist mein Leben. Und das ist noch lange nicht zu Ende.“ (S. 54) Nach und nach enthüllt sie die Geschichte ihrer ganz großen Liebe, die nicht sein durfte: „Ich hätte so vieles in meinem Leben anders machen können. Aber das habe ich nicht, und damit muss ich jetzt leben. ... Ich bereue diese eine Entscheidung bis heute.“ (S. 191)

„Goldene Zeiten im Gepäck“ ist schräg, gefühlvoll, romantisch, ein Buch zum Lachen und Weinen. Es macht Mut und Hoffnung und zeigt, dass es nie zu spät ist, alles für seine Liebe zu riskieren. Definitiv ein Jahreshighlight!