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Veröffentlicht am 16.09.2019

Ritualmorde im Baskenland

Die Stille des Todes
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Vitoria, im spanischen Baskenland, erlebte vor 20 Jahren eine grausame Mordserie. Die Opfer waren ausnahmslos Paare. Sie sind gleich alt, kennen sich nicht und wurden symbolisch arrangiert. Der mutmaßliche ...

Vitoria, im spanischen Baskenland, erlebte vor 20 Jahren eine grausame Mordserie. Die Opfer waren ausnahmslos Paare. Sie sind gleich alt, kennen sich nicht und wurden symbolisch arrangiert. Der mutmaßliche Täter, der Historiker Tasio de Ortiz, wurde gefasst und verurteilt. Nun steht sein erster Hafturlaub bevor, als in der Kathedrale von Vitoria wiederum eine männliche und eine weibliche Leiche, nackt, die Hände an der Wange des anderen, gefunden wird. Exakt so arrangiert wie die Leichen vor 20 Jahren. Doch noch sitzt der damals Verurteile im Hochsicherheitstrakt. Wurde etwa der falsche Mann verhaftet? Oder gibt es einen Nachahmer?
Tasio wendet sich aus dem Gefängnis heraus direkt an Inspektor Unai Ayala, genannte "Kraken", und bietet ihm seine Hilfe an.Er glaubt die Gedankengänge und Motivation des wahren Täters zu kennen....

"Die Stille des Todes" ist der Auftakt einer neuen Thrillerreihe der baskischen Autorin Eva Garcia Sáenz. Der Einstieg in das Buch ist rasant, allerdings verwirren die spanischen Namen, viele Straßenbezeichnungen und Gebäudenamen, selbst für Leser mit Spanischkenntnissen, sehr. Die Bezeichnungen sind allerdings für spätere Schauplätze wichtig. Mit der Zeit findet man sich aber zurecht und taucht ein in eine grausame Mordserie, die absolut fesselt und uns an die schönsten Plätze der spanischen Stadt Vitoria führt. Allerdings benötigt der Thriller ein bisschen Anlaufzeit, da man neben den Schauplätzen auch die handelnden Figuren erst kennenlernen muss. Der komplexe Aufbau, den Eva Garcia Sáenz gekonnt angelegt hat, gibt nach und nach immer mehr Hintergrundinformationen rund um die symbolische Anordnung der Paare her.

In einem zweiten Handlungsstrang blendet die Autorin zurück in das Jahr 1970. Lange Zeit hat der Leser keine Ahnung wie diese Zeitebene und die Figuren zu den aktuellen Morden passen könnten. Gekonnt wird dadurch die Spannung erhöht und zum Schluss hin werden beiden Zeitstränge zusammengeführt.

Erzählt wird aus der Ich-Perspektive von Unai Ayala, dem eigentlichen Profiler im Team. Der sympathische Mann, der seine Frau und sein Kind verloren hat, liebt seine Heimat und seinen Goßvater, bei dem er aufgewachsen ist. Gemeinsam mit seiner Kollegin Inspektorin Esti Gauna versucht Ayala den Täter zu finden, denn die Morde finden in immer kleiner werden Abschnitten statt. Der zusätzliche Hype durch die Twitter Meldungen, die die Einwohner von Vitoria auf Alaya aufmerksam machen, erschweren allerdings die Nachforschungen. Als die Angriffe persönlich werden, haben Alaya und auch Esti nichts mehr zu verlieren. Zum Ende hin nimmt die Story nochmals richtig Fahrt auf und hält den Spannungsbogen hoch. Der Schluss ist nicht vorhersehbar, was ein zusätzlicher Pluspunkt ist.
Ich werde diese neue spanische Reihe auf jeden Fall weiter verfolgen und freue mich schon auf den zweiten Fall, der bereits im Oktober auf Deutsch erschienen wird.

Schreibstil:
Der flüssige Schreibstil, als auch die historischen und bildhaften Beschreibungen der Stadt Vitoria und der Umgebung, haben mich an den Thriller gefesselt. Einige unnötige Details bringen auch ein paar kleine Längen in den Thriller, störten mich aber nicht wirklich.
Der Thriller hat 25 Kapitel, bei denen als Überschrift der Tweed von Tasio eingeblendet wird.

Fazit:
Ein gelungener Reihenauftakt mit einem nicht so alltäglichen Schauplatz und einem sympathischen Ermittlerteam. Düster und fesselnd mit überraschenden Wendungen. Ich freue mich schon auf den nächsten Fall von Unai Alaya.

Veröffentlicht am 03.09.2019

Lass uns entschleunigen

Das kleine Café in Kopenhagen
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Während vor kurzem der dritte Band der Romantic Escape Reihe erschienen ist, habe ich mir den ersten Band geschnappt, der in meinem SuB-Regal langsam zu verstauben drohte. Das Buch habe ich mir gebraucht ...

Während vor kurzem der dritte Band der Romantic Escape Reihe erschienen ist, habe ich mir den ersten Band geschnappt, der in meinem SuB-Regal langsam zu verstauben drohte. Das Buch habe ich mir gebraucht gekauft und vermutlich werde ich mir auch noch die Folgebände zulegen - ganz sicher aber Band 4, der nächstes Jahr erscheinen wird und in Island spielen soll.

Dieses Buch von Julie Caplin ist ein wunderschöner Wohlfühlroman und das kann man wirklich so sagen, denn das Thema und der rote Faden im Buch ist HYGGE - der Trend aus Dänemark. Diesen soll PR-Frau Kate auch anderen Menschen näher bringen. Eine Pressereise nach Kopenhagen zu diesem Thema ist ihre letzte Chance in der PR-Agentur in der sie arbeitet, nachdem ihr Freund und Arbeitskollege ihr die Idee geklaut hat und statt ihr befördert wurde. Nun soll sie für die Agentur einen Kunden gewinnen, der eine Filiale seiner dänischen Kaufhauskette in London eröffnen will. Zu diesem Zweck soll Kate sechs Journalisten überreden mit ihr nach Kopenhagen zu fliegen und über den Hygge-Trend, den wohligen und gemütlichen Lifestyle der Dänen, zu berichten.

„Hätten Sie Interesse an einer Pilgerreise nach Kopenhagen, um herauszufinden, warum die Dänen als glücklichste Nation der Welt gelten? Es sind fünf Tage zu veschiedenen Zielen, darunter ein Besuch des Dänischen Instituts für Glücksforschung.“

Die fünf Kandidaten sind schnell gefunden, doch Benedict Johnson, der für TOP-Journalist unter ihnen, der für die Agentur am Wichtigsten erscheint, hat abolut keine Lust sich diesem trivialen Thema zu widmen. Von Beginn an fliegen die Fetzen zwischen Ben und Kate, der dafür sorgt, dass sie kaum zur Ruhe kommt und der die Reise immer wieder stört. Doch er ist nicht der Einzige, der Kate das Leben schwer macht. Denn obwohl sie alles bis aufs Kleinste organisiert hat, muss Kate erleben, dass ein Sack Flöhe leichter zu hüten ist. Die kleine Reisegruppe benimmt sich oftmals daneben und stellt Kate vor richtigen Herausforderungen. Doch das Chaos wird erst perfekt, als Josh, ihr Exfreund und Kollege, auftaucht, der ihr unter die Arme greifen und die Lorbeeren wieder für sich einheimsen will.

Kopenhagen steht schon länger auf meiner Wunsch-Reiseliste. Leider habe ich die dänische Hauptstadt noch nicht besucht. Julie Caplin gelingt es sehr schnell diese Sehnsucht zu wecken und Bilder im Kopf zu erzeugen. Wäre die Stadt nicht schon ganz oben auf meiner To-do-list, wäre sie es spätestens nach diesem Roman.
Julie Caplin führt den Leser durch das wunderschöne Kopenhagen und lädt ihn ein, an wunderschönen Plätzen und hyggeligen Café`s zu rasten. Eines dieser Kaffeehäuser ist das Café Varme, deren Besitzerin Eva Kate Trost bei Kaffee und Gebäck spendet. Ihr Café ist der Inbegriff von Hygge und Eve wohl die liebenswerteste Inhaberin.

Die Erlebnisse der bunten Chaos-Gruppe sind amüsant und witizg beschrieben. Bis zum Ende rätselt man, ob es Kate gelingen wird den Kunden zu überzeugen und wie sich ihre Truppe letztendlich verhalten wird. Obwohl die Idee nicht unbedingt neu ist, versteht es die Autorin den Leser in die Geschichte eintauchen zu lassen und sie zu genießen.
Einige Wendungen sind etwas vorhersehbar, was aber nicht weiter stört. Jane Caplin hatte zwar öfters ihre rosarote Brille beim Schreiben auf, aber der Roman soll ja auch das Hygge-Gefühl vermitteln und das tut er von der ersten bis zur letzten Seite.
Der Autorin ist ein warmherziger Wohlfühlroman gelungen, der Lust auf die weiteren Bände macht.

Charaktere:
Kate ist eine sehr liebenswerte Protagonistin und eine echte Powerfrau. Doch in Kopenhagen bemerkt sie schnell, dass es noch mehr vom Leben gibt, als beruflichen Erfolg. Bald findet sie am Trend Hygge immer mehr gefallen.
Die Lifestyle Bloggerin Fiona ist eine schüchterne junge Frau und eine begnadete Fotografin. Avril ist eine bekannte TV-Journalistin und ein Luxusweibchen - privat aber unsicher. Food-Journlistin Sophie richtet ihr Leben nach ihrem Freund aus und ist eine gute Freundin von Kate. Lokaljournalist David arbeitet von zuhause aus und vereinsamt immer mehr. Conrad schreibt für ein Hochglanzmagazin und ist ein Experte für Designermöbel, aber auch für Alkohol. Ben ist anfangs ein übellauniger Mensch, der sich nicht an die Spielregeln halten will. Doch er versteckt einen weichen Kern unter seiner rauen Schale.

Schreibstil:
Der Schreibstil der Autorin ist leicht, bildhaft und unterhaltsam. Die Charaktere sind facettenreich und manchmal etwas überspitzt. Witz und Situationskomik wechseln sich mit bildhaften Beschreibungen der Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten ab.

Auf der Innenseite des Umschlages befindet sich eine Karte von Kopenhagen mit der man die Stationen der Gruppe mitverfolgen kann.

Fazit:
Julie Caplin gelingt es mit ihrem Auftaktband zur Romantic Escape Reihe den Leser auf eine witzige, aber auch lebendige Weise nach Kopenhagen mitzunehmen und das Gefühl von Hygge zu vermitteln. Der warmherzige Wohlfühlroman lässt einem zurücklehnen, die Füße hochlegen und entschleunigen. Manchmal blickt die Autorin zu sehr durch die rosarote Brille. Als Leser drückt man aber gerne ein Auge zu.

Veröffentlicht am 17.08.2019

Geheimnis um ein verschollenes Gemälde

Das Gemälde der Tänzerin
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Der neue Roman von Christine Jaeggi ist eine wunderbare Geschichte, die ein Familiengeheimnis, einen Mord und das Thema Raubkunst beinhaltet. Was für ein Mix!

Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt, ...

Der neue Roman von Christine Jaeggi ist eine wunderbare Geschichte, die ein Familiengeheimnis, einen Mord und das Thema Raubkunst beinhaltet. Was für ein Mix!

Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen erzählt, wobei der Handlungsstrang in der Gegenwart mehr Raum einnimmt. In dieser begleiten wir Helena, die als Alleinerzieherin der Zwillinge Jolina und Jonas am Existenzminimum lebt. Die talentierte Ballerina musste damals ihre Karriere wegen ihrer ungeplanten Schwangerschaft abbrechen. Nun hat sie auch noch ihre Stelle in einem Modegeschäft verloren, weil sie durch einen Roboter ersetzt wurde.
Als ihr das Arbeitsamt eine Stelle als Zimmermädchen im Hotel Kronenberg in Zürich zuweist, ist Helena geschockt. Die Hoteliersfamilie ist genau diejenige, die vor Jahren ihre Zukunft zerstört hat. Doch Helena hat keine Wahl. Die Angst entdeckt zu werden, sitzt ihr jedoch ständig im Nacken. Im Hotel lernt sie die Amerikanerin Jessica Dixon kennen, die auf der Suche nach einem mysteriösen Gemälde ist. Dieses soll ihrer jüdischen Familie während des zweiten Weltkrieges von den Nazis geraubt worden sein. Die Spur führt ins Hotel Kronenberg, wo angeblich Raubkunst betrieben wurde. Der vor kurzem verstorbene Michael Kronenberg hätte sie kontaktiert, aber der Rest der Familie weigert sich mit ihr zu sprechen. Als Noah Kronenberg aus Mexiko zum Begräbnis seines verstorbenen Bruders anreist, hört er ebenfalls von dem verschollenen Gemälde der Tänzerin im Regen. Das weckt den Krimiautor in ihm und er beginnt zu recherchieren. Dabei stößt er auf einen Mord an einem Zimmermädchen im Jahre 1942. Aber auch Helena lässt die Geschichte um das gestohlene Gemälde nicht mehr los...

Im zweiten Handlungsstrang sind wir in den Jahren 1937 bis 1945. Wir lernen Lydia und ihre jüngere Schwester Hedi kennen. Die beiden sind in den Schweizer Bergen aufgewachsen und lebten auf einem Bauernhof. Als ihre Eltern sterben wird dieser verkauft und die Mädchen kommen bei einer Tante unter. Diese möchte Lydia mit dem unsympathischen neuen Besitzer des Hofes verheiraten, doch Lydia denkt nicht daran und flieht nach Zürich. Dort nimmt sie die Stelle eines Zimmermädchen im Hotel Kronenberg an, wo sie Hector Löwenfeld kennenlernt....

Der rote Faden des Romans ist das titelgebende Gemälde der Tänzerin im Regen. Gleich im Prolog erfahren wir von dessen Entstehung. Die spätere Suche wird verknüpft mit der Vergangenheit, in der das Gemälde zuerst geraubt wird und danach verschwunden ist. Eine spannende Geschichte, die sich auch dem Thema Raubkunst durch die Nazis widmet.
Wir lernen durch Helena aber auch die Sorgen einer alleinerziehenden Frau kennen, die am Existenzminimum lebt und das in der reichen Schweiz! Nicht nur Geldsorgen, sondern auch die typischen Probleme mit ihren pubertierenden Kindern und der Wahrung ihrer Identität im Hotel, bereiten Helena Schwierigkeiten. Außerdem gibt es dieses Familiengeheimnis der Kronbergs, in das auch Helena verstrickt wurde. Zu guter Letzt darf auch eine Liebesgeschichte nicht fehlen. Wer jetzt denkt, dass wären zu viele Themen für einen 400 Seiten Roman hat einerseits recht, doch Christiane Jaggi ist es hervorragend gelungen daraus eine tolle Geschichte zu kreieren, die man gerne liest und die einem nie langweilig wird. Im Gegenteil...man fliegt richtig durch die Seiten.
Manche Ereignisse waren zwar etwas vorhersehbar, andere wiederum konnten mich richtig überraschen und gaben dem Roman eine neue Wendung.

Die Charaktere sind sehr individuell und lebendig, manchmal etwas zu sehr schwarz-weiß gezeichnet. Die Wandlung Caramelles fand ich zu schnell und etwas unglaubwürdig. Jolande hingegen ist der typische pubertierende Teenager, der gegen die Mutter rebelliert. Jonas hingegen ist das glatte Gegenteil und Helenas Halt...für einen Jungen in diesem Alter war er mir allerdings ein bisschen zu blass und gutmütig.
Noah ist ein interessanter und vielschichtiger Charakter, dem wohl alle Leserherzen zufliegen. Der Rest der Familie Kronenberg ist allerding das komplette Gegenteil.
Lydia fand ich stark und sympathisch...ein junges Mädchen, das ihren Weg geht.

Am Ende werden alle Geheimnisse aufgedeckt und alle losen Fäden führen logisch zueinander.

Schreibstil:
Christine Jaeggis Schreibstil liest sich kurzweilig und lebendig...man verliert sich sehr schnell in der Geschichte, die Gegenwart und Vergangenheit perfekt verbindet. Über jedem Kapitel steht der Name der jeweils erzählenden Figur. In der Gegenwart sind dies Helena und Noah, in der Vergangenheit Lydia. So lernt man alle Hauptprotagonisten immer besser kennen.
Die Personenübersicht am Anfang des Romans hilft zu Beginn des Romans doch einige Male nicht den Überblick zu verlieren.

Fazit:
Ein Roman mit vielen Facetten, der auf zwei Zeitebenen spielt und einige interessante Themen beinhaltet. Etwas vorhersehbar an manchen Stellen, aber auch mit vielen Überraschungen gespickt, hat mich "Das Gemälder der Tänzerin" gut unterhalten und schöne Lesestunden beschert.

Veröffentlicht am 12.08.2019

Lin und der Teezeremonienmeister

Die fremde Tochter
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Gleich vorweg...die ist kein neuer Roman der Autorin, sondern eine Neuauflage des Verlages! "Die fremde Tochter" ist bereits 2013 erschienen.
Auf meinerm SuB schlummern noch weitere Bücher der Autorin, ...

Gleich vorweg...die ist kein neuer Roman der Autorin, sondern eine Neuauflage des Verlages! "Die fremde Tochter" ist bereits 2013 erschienen.
Auf meinerm SuB schlummern noch weitere Bücher der Autorin, die darauf warten gelesen zu werden.
In diesem Roman geht es um Monsieur Cho, einen Meister der Teezeremonie. Er besitzt in Paris einen Teekontor. Eines Tages besucht ihn Lin Berwanger, die Enkelin einer seiner größten Konkurrenten. Nach der durchgeführten Teezermonie verrät sie ihm, dass er ihr Vater ist. Kurz darauf verschwindet sie. Sein geordnetes Leben gerät aus den Fugen, denn Cho ist wie vor dem Kopf geschlagen über diese Nachricht. Bilder und Erinnerungen tauchen wieder auf, die er längst vergessen glaubte. Daraufhin macht er sich auf die Suche nach der jungen Frau, die behauptet seine Tochter zu sein. Dabei gerät er immer tiefer in einem Strudel von Intrigen und Hass, die ihn bis zurück zu seiner eigenen Vergangenheit führen und sein Leben maßgeblich verändert haben.

Die Geschichte wird in zwei Zeitsträngen erzählt. In der Vergangenheit erleben wir die Liebesgeschichte von Emilie und Cho in China. In der Gegenwart begleiten wir Cho bei seiner Suche nach Emilie und Lin. Diese wird im Laufe der Zeit immer ereignisreicher. Dabei bekommt die Familientragödie immer mehr krimiähnliche Anteile. Die Suche ähnelt einer Schnitzeljagd und bringt Stück für Stück die Vergangenheit ans Licht, die sich großteils um Emilie dreht. Gekonnt verwebt die Autorin alle Handlungsstränge am Ende zu einem großen Ganzen. Die Spannung steigt dabei kontinuierlich an, wobei der Krimianteil in der Gegenwart immer deutlicher hervortritt. Aber der Roman ist auch ein Familiendrama und eine Liebesgeschichte, deswegen lässt sich das Buch schwer in eine Kategorie einteilen.

Ich war fasziniert von den wunderschönen Beschreibungen der chinesischen Landschaft, den Teegärten und den Eigenheiten der Asiaten, besonders wenn es um die Teezeremonie ging. Anja Jonuleit hat mir diese näher gebracht und gleichzeitig den Wunsch erweckt, sofort nach einem Roman zu greifen der in China spielt oder sich selbst ins Flugzeug Richtung Osten zu setzen. Aber auch die Schönheit von Paris und die der Normandie bringt sie dem Leser in lebendigen Bildern näher.

Ebenso authentisch beschreibt sie die Charaktere, die vielschichtig dargestellt wurden und die ich gerne begleitet habe.
Lin sucht nach ihren Wurzeln und erfährt erst viel zu spät, wie geschickt ihre Großmutter Adèle durch herzlose Entscheidungen das Schicksal von mindestens drei Menschen zerstört und diese ins Unglück gestürzt hat.
Cho ist ein liebenswerter Mann, der mir allerdings ein bisschen zu blass blieb - vorallem im Vergangenheitsstrang.

Schreibstil:
Neben den bildhaften Beschreibungen der Settings und den vielschichtigene Charakteren schreibt Anja Jonuleit flüssig und sehr ansprechend.
Die Kapitel sind kurz und wechseln abwechweselnd die Zeit. Durch die Kapielüberschriften gibt es keine Probleme diese den jeweiligen Figuren und Zeiten zuzuordnen.

Fazit:
Ein Mix aus Liebesgeschichte, Krimi und einer Familientragödie vereint in einem Roman, der auf zwei Zeitebenen und in zwei Kontinenten spielt. Anja Jonuleit hat diese Herausforderung gemeistert und eine sehr atmosphärische und interessante Geschichte geschrieben, die mir gut gefallen hat.

Veröffentlicht am 05.08.2019

Was ist für uns Heimat?

Die Lichtsammlerin
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Die österreichische Autorin Beatrix Kramlovsky erzählt in ihrem Roman "Die Lichtsammlerin" von drei Frauengenerationen innerhalb einer Familie. Die Besonderheit an der Geschichte, bei der sich manche Leser ...

Die österreichische Autorin Beatrix Kramlovsky erzählt in ihrem Roman "Die Lichtsammlerin" von drei Frauengenerationen innerhalb einer Familie. Die Besonderheit an der Geschichte, bei der sich manche Leser in der Leserunde etwas schwer taten ist, dass die Autorin nicht chronologisch erzählt, sondern in der Zeit springt. Das erfordert ein genaues Lesen und Konzentration. Ich kam allerdings sehr schnell und ohne große Probleme in die Geschichte, die großteils in Österreich, aber auch in Australien, spielt.

Wir begleiten Rosa, ihre Tochter Erika und Enkelin Mary über zwei Jahrhunderte und zwei Kontinente.
Mary, die nie wirklich eine gute Beziehung zu ihrer Mutter hatte, erhält die Nachricht, dass diese an Alzheimer erkrankt ist und Hilfe benötigt. Doch Mary lebt in Australien, wo sie geboren wurde. Österreich ist ihr fremd. Ihre Mutter Erika hat sich in Australien nie wohl gefühlt und litt an Heimweh. Sie ist nach dem Tod ihres Mannes Albert in die alte Heimat nach Österreich zurückgekehrt. Widerwillig reist Mary zu ihr nach Linz. Obwohl die Alzheimerkrankheit fortschreitet, erfährt Mary doch so einiges aus der Vergangenheit ihrer Mutter und Großmutter und kommt endlich Erika etwas näher.
Rosa, die eigentlich Herma hieß, ist die titelgebende "Lichtsammlerin". Ihre Mutter Juliane war bereits zur Jahrhundertwende weitblickend und hat ihren Töchtern eine fundierte Ausbildung ermöglicht, um im späteren Leben auf eigenen Füßen stehen zu können. Eine Ansicht, die nur sehr wenige Eltern zu dieser Zeit hatten. So wird aus Rosa eine Frau, die ihren eigenen Weg geht und sich trotz des Krieges ihre Menschlichkeit bewahrt und Menschen in Not hilft. Obwohl sie selbst nach ihrer Heirat im Dorf ihres Mannes als Außenseiterin galt, wird sie doch heimlich bewundert. Die Ausgrenzung spürt auch Erika, die im kleinen Dorf bei Linz weder Tochter eines Bauern, noch eines Arbeiters ist, die die Mehrheit der Dorfbewohner ausmacht. Sie wird verspottet (heute würde man von Mobbing sprechen), findet keine Freunde und ist meist nur von Erwachsenen (später auch Zwangsarbeiter aus Ungarn) umgeben. Erst durch Hanni, die sie im Lyceum kennenlernt, findet sie eine Freundin. Es entsteht eine wunderbare lebenslange Freundschaft. Ihren Mann zuliebe verlässt sie nach dem krieg österreich und wandert mit ihm nach Australien aus. Doch fernab der alten Heimat wird sie nie glücklich. Dies erkennt auch ihr Mann Albert.....
"Es sind nicht ihre schwachen Augen. Sie sieht das Schöne hier nicht, weil die Erinnerung an das Verlorene alles verdeckt."

Ihre Tochter Mary ist hingegen eine richtige Australierin und kann sich kein anderes Heimatland vorstellen. Nach der Trennung von ihrem griechischstämmigen Mann widmet sie sich liebevoll ihren beiden Söhnen. Als berufstätige Alleinerzieherin hat sie es nicht einfach. Sie gehört jedoch bereits einer anderen Generation Frauen an, denn Mary stellt ihre Selbstständigkeit und das Wohl ihrer Söhne über die Pläne ihres neuen Lebensgefährten Jerry.

Ab den zweiten Abschnitt ist man in der Geschichte gefangen. Versucht man zu Beginn noch alle Informationen den jeweilligen Frauen zuzuordnen, hat man ab diesem Zeitpunkt das Gefühl diese wenigstens teilweise zu kennen, denn Beatrix Kramlovsky deckt immer nur Bruchstücke aus der Vergangenheit der Protagonisten auf. Die Aufarbeitung der Familiengeschichte und die Auswirkungen auf die nachfolgende Generation ist der rote Faden durch diesen Mehrgenerationenroman. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ein etwas pessimistischer Grundton über der Geschichte liegt.

Rosa und ihre Familie fand ich sympathisch und bereits sehr aufgeklärt. Erika wirkt als Erwachsene für mich eher kalt und voreingenommen. Für sie ist ihre Mutter keine "Lichtgestalt", sondern sie fühlte sich von ihr verlassen, während fremde Menschen ihre Unterstützung erhielten. In ihrer Tochter Mary erkennt Erika einen Wesenszug ihrer Mutter wieder und baut im Hinterkopf eine emotionale Sperre zu ihr auf. Erst durch die Reise nach Österreich erhält Mary einige Antworten auf ihre Fragen. Dadurch versucht die Emotionslosigkeit ihrer Mutter besser zu verstehen. Mary ist eine Frau der Gegenwart, die für mich in der Geschichte allerdings am blassesten blieb. Zu ihr und zur erwachsenen Erika konnte ich leider keine richtige Beziehung aufbauen.

Der Inhalt und die Gedanken rund um diesen Mehrgenerationenroman regt zum Nachdenken an. Was ist für uns Heimat? Wie viel bedeutet unsere Herkunft? Auch die Themen Familie und das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sind konstant vorhanden.

Schreibstil:
Der Schreibstil ist anspruchsvoll, oftmals poetisch und der Plot dicht. Man sollte diesen Roman nicht parallel mit einem anderen Buch und eher zügig lesen, dann ist man völlig in der Geschichte drinnen. Zeitsprünge und einige Figuren erfordern anfangs die ganze Konzentration. Trotzdem fand ich die Erzählung sehr intensiv.

Fazit:
Kein einfacher Roman, aber eine bewegende Geschichte über die oftmalige Sprachlosigkeit der im Krieg geborenen Frauen und Männer ihren Kindern gegenüber. Ein intensives Leseerlebnis, das man am Besten in einem Zug durchliest und dabei kein anderes Buch parallel liest. Für mich eine neuentdeckte österreichische Autorin, von der ich noch mehr lesen möchte.