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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.10.2019

Die Vergangenheit ist nicht vergangen

Fliege fort, fliege fort
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Im idyllischen Furth am See geschehen seltsame Dinge. Ein alter Mann wird ins Krankenhaus eingeliefert. Er behauptet, vom Apfelbaum gefallen zu sein, doch seine Verletzungen sprechen eine andere Sprache. ...

Im idyllischen Furth am See geschehen seltsame Dinge. Ein alter Mann wird ins Krankenhaus eingeliefert. Er behauptet, vom Apfelbaum gefallen zu sein, doch seine Verletzungen sprechen eine andere Sprache. Einer alten Nonne wurde gewaltsam etwas eingeflößt, woran sie beinahe erstickt wäre, doch auch sie behauptet, dass ihr keine Gewalt angetan wurde. Warum lügen die beiden? Und schließlich wird ein kleines Mädchen entführt. Hängen die Fälle zusammen, und wenn ja, wie?
Der Psychiater Horn und Kommissar Kovacs sind beide mit den Fällen befasst. Beides sind ungewöhnliche Zeitgenossen. So passiert es Horn immer wieder, dass er Dinge vermeintlich denkt, sie aber in Wirklichkeit laut ausspricht, was zu äußerst amüsanten Situationen führt. Kovacs hadert ein wenig mit dem Alter und seiner nachlassenden Gesundheit.
„Fliege fort, fliege fort“ ist wahrhaftig kein Buch, das sich nebenher lesen lässt. Es wimmelt nur so von unterschiedlichen Geschehnissen und Personen und oftmals ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Hier wäre ein beigefügtes Personenverzeichnis hilfreich gewesen. Außerdem gibt es Handlungsstränge, bei denen mir auch nach der Lektüre noch nicht klar ist, wozu diese gedient haben. Es ist ein Roman, der einige Fragen offen lässt, und das empfinde ich als etwas frustrierend. Eigentlich müsste ich das Buch ein zweites Mal lesen, um - hoffentlich – alles zu verstehen, und das empfinde ich als Manko. Nichtsdestotrotz hat mir die Lektüre sehr gut gefallen. Die geistreichen Dialoge, der Wortwitz, vieles wird nur angedeutet. Allerdings verlangt Hochgatterer von seinen Lesern äußerste Konzentration, sonst ist man verloren.

Veröffentlicht am 02.10.2019

Mitch Alboms Vorstellung vom Himmel

Wer im Himmel auf dich wartet
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Es ist lange her, dass ich Mitch Alboms früheren Bücher gelesen habe. Ich kann mich nur daran erinnern, dass sie mich zum Nachdenken angeregt haben. Dies habe ich mir auch von diesem (Hör)Buch versprochen ...

Es ist lange her, dass ich Mitch Alboms früheren Bücher gelesen habe. Ich kann mich nur daran erinnern, dass sie mich zum Nachdenken angeregt haben. Dies habe ich mir auch von diesem (Hör)Buch versprochen und ein Stück weit war dies auch der Fall.
Das Buch beginnt sehr tragisch. Wir erfahren gleich zu Beginn, dass ein frisch verheiratetes Ehepaar, Annie und Paulo, nur noch ein paar Stunden zu leben hat und erleben die schicksalshaften Umstände, die zum Absturz eines Heißluftballons führen.
Der Anfang ist sehr gut dargestellt, da man sieht, wie ein Rädchen des Schicksals ins andere greift. Was wäre, wenn der Besitzer der Ballonvermietung keine Reifenpanne gehabt hätte? Und wenn Annie und Paulo nicht angehalten hätten, um ihm zu helfen? Wie wäre ihr Leben dann verlaufen?
Paulo wird bei dem Unfall lebensgefährlich verletzt und die nur leicht verletzte Annie beschließt, ihm einen Lungenflügel zu spenden, um sein Leben zu retten. Und doch ist es Annie, die im Himmel „aufwacht“. Sie weiß nicht, ob sie Paulo retten konnte oder nicht. Die erste Person, die ihr begegnet, ist ein kleiner Junge, der, wie er sagt, in ihrem irdischen Leben eine wichtige Rolle für sie gespielt hat. In Rückblicken erfahren wir von Annies Leben, in dem sie es nicht leicht hatte. Der Leser erfährt von den vermeintlichen Fehlern, die sie gemacht hat, und welche Auswirkungen diese auf ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Mitmenschen hatte.
„Wer im Himmel auf dich wartet“ ist ein durchaus tröstliches Buch, dessen Botschaft besagt, dass alles im Leben einen Sinn hat, auch wenn sich der nicht immer gleich erschließt. Ein weiterer Aspekt ist, dass vieles anders ist, als es zunächst scheint. Warum ist Annies Mutter so hart zu ihr, reißt sie aus ihrer gewohnten Umgebung und verbietet ihr den Umgang mit Gleichaltrigen? Erst viel später versteht Annie die Hintergründe.
Ich habe das Buch als Hörbuch gehört. Die Stimme des Sprechers Steffen Groth ist angenehm, solange er die Geschichte nur erzählt. Was mich allerdings doch gestört hat, ist, wie er manche Männerstimmen in Dialogen spricht. Keiner von ihnen hat eine „normale“ Stimme, sie hören sich alle an, als ob sie Lungenprobleme hätten und unangenehme Zeitgenossen wären. Selbst der sympathische Paulo klingt stellenweise ziemlich unsympathisch.
Mich hat dieses Hörbuch gut unterhalten. Natürlich gibt es keine Antworten auf die Frage, was uns nach dem Tod erwartet, aber es gibt Denkanstöße und man überlegt sich unweigerlich, welche Menschen für den eigenen Lebensweg eine wichtige Rolle spielen und gespielt haben.

Veröffentlicht am 16.09.2019

Ein kleines, aber feines Buch

Wie Frau Krause die DDR erfand
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Isabella Krause, eine 49jährige erfolglose Schauspielerin, die in der DDR aufgewachsen ist, erhält unverhofft den Auftrag, Zeitzeugen aus der DDR für eine Dokumentation anlässlich des dreißigjährigen Jahrestags ...

Isabella Krause, eine 49jährige erfolglose Schauspielerin, die in der DDR aufgewachsen ist, erhält unverhofft den Auftrag, Zeitzeugen aus der DDR für eine Dokumentation anlässlich des dreißigjährigen Jahrestags der Wiedervereinigung zu finden. Die Leute sollen aus ihrem Leben „drüben“, jenseits der Mauer berichten. Isabella fährt nach Jahren zurück in ihr Heimatdorf und findet Leute, die bereit sind, vor der Kamera von damals zu berichten. Doch was sie erzählen, entspricht nicht dem, was sich die westdeutschen Produzenten vorgestellt hatten. Ein Kindergarten in dem einfach nur gebastelt und gesungen wurde? Sicher wurden die Kinder doch politisch indoktriniert! Unbeschwerte Sommerurlaube an der Ostsee? Haben sich die Leute nicht nach fernen Ländern verzehrt?
Augenzwinkernd berichtet Kathrin Aehnlich von Vorurteilen und Klischees auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer und der Leser erfährt, dass es durchaus möglich war, jenseits von Stasi und Politik Spaß zu haben und ein normales Familienleben zu führen. Natürlich gab es auch Leute, die unter dem Regime zu leiden hatten, doch die wollen nicht vor die Kamera. Guter Rat ist teuer, doch dann hat Isabella eine zündende Idee...
„Wie Frau Krause die DDR erfand“ ist für meine Begriffe ein äußerst kurzweiliges Buch, das ich gern gelesen und aus dem ich so manches gelernt habe, das für mich neu war. Oder haben Sie etwa schon einmal vom „Lipsi“ Tanz gehört?

Veröffentlicht am 08.09.2019

Freundschaft fürs Leben

Alles richtig gemacht
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Thomas und Daniel lernen sich in der Schule kennen. Thomas kommt aus einem sehr bürgerlichen Elternhaus, während Daniel mit seiner unkonventionellen und attraktiven jungen Mutter zusammenlebt. Es ist kurz ...

Thomas und Daniel lernen sich in der Schule kennen. Thomas kommt aus einem sehr bürgerlichen Elternhaus, während Daniel mit seiner unkonventionellen und attraktiven jungen Mutter zusammenlebt. Es ist kurz vor der Wende, und als die Mauer fällt, zieht Daniels Mutter in den Westen und überlässt den beiden Freunden die Wohnung.
Nach dem Schulabschluss arbeitet Daniel als Koch, Thomas beginnt ein Jurastudium. Die Jahre vergehen und zwischendurch verlieren sie sich immer mal wieder für eine Weile aus den Augen, doch die Freundschaft bleibt bestehen. Beide haben Freundinnen, verbringen Urlaube zusammen und leben völlig unterschiedliche Lebensentwürfe, doch das Band der Freundschaft hält.
Neben der persönlichen Geschichte um Thomas und Daniel werden viele geschichtliche Ereignisse angesprochen, angefangen beim Fall der Mauer über fremdenfeindliche Ausschreitungen bis hin zum G-8 Gipfel in Heiligendamm. Was mich ein wenig irritiert und verwirrt hat, waren die permanenten Zeitsprünge und dass eine der Hauptpersonen zunächst unter einem Spitznamen und dann unter ihrem richtigen Namen geführt wurde. Und obwohl am Ende des Romans manches klar wird, bleiben auch viele Fragen offen, auf die ich gerne eine Antwort gehabt hätte. Nichtsdestotrotz ist „Alles richtig gemacht“ ein lesenswertes Buch, das ich empfehlen kann.

Veröffentlicht am 04.09.2019

Die heilende Kraft der Natur

Alte Sorten
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Die 17jährige Sally läuft aus einer Suchtklinik weg und landet bei Liss, einer allein lebenden Bäuerin, die sie ohne viele Fragen bei sich wohnen lässt. Liss stellt keine Ansprüche und redet nicht viel, ...

Die 17jährige Sally läuft aus einer Suchtklinik weg und landet bei Liss, einer allein lebenden Bäuerin, die sie ohne viele Fragen bei sich wohnen lässt. Liss stellt keine Ansprüche und redet nicht viel, nur ab und zu bittet sie Sally, ihr bei der Arbeit zu helfen. Langsam gewinnt Sally Vertrauen und genießt die Arbeit mit den Händen und die Sinnhaftigkeit der körperlichen Arbeit.
Doch natürlich wird Sally von ihren Eltern gesucht, die eines Tages auf dem Hof auftauchen und Sally wieder mit nach Hause nehmen. Dabei erfährt Sally von Liss Geheimnis, von den Ereignissen, die sie so gemacht haben, wie sie ist.
„Alte Sorten“ wird als „Roman, der entschleunigt“ beschrieben. Stellenweise hat er auf mich so entschleunigend gewirkt, dass ich ihn als einschläfernd empfunden habe, aber nach einer Weile kommt Schwung in die Geschichte und es wird interessanter. Was mir gut gefallen hat, sind die Beschreibungen der harten Arbeit im Einklang mit der Natur und die Schilderungen der Natur, vor allem der Gerüche, sei es der Geruch der schweren Erde oder der Birnenmaische. Das ist dem Autor wirklich ganz hervorragend gelungen, ich habe mich oft mitten drin gefühlt und vieles, zum Beispiel das Kartoffellesen, hat mich an meine eigene Kindheit erinnert.