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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.11.2019

Etwas langatmig

Die Charité: Aufbruch und Entscheidung
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Da mir der erste Teil der Charité Reihe sehr gut gefallen hat, habe ich mich sehr gefreut, als der zweite Band herauskam, aber leider ist er nicht so gut wie der erste. Schon im ersten Band fand ich die ...

Da mir der erste Teil der Charité Reihe sehr gut gefallen hat, habe ich mich sehr gefreut, als der zweite Band herauskam, aber leider ist er nicht so gut wie der erste. Schon im ersten Band fand ich die Sprache zum Teil hart an der Grenze zum Kitsch, hier wurde diese Grenze des öfteren überschritten.
Hauptperson des Romans ist Dr. Rahel Hirsch, eine Jüdin, die als erste Frau als Ärztin an der Charité in Berlin arbeitete. Von ihren männlichen Kollegen wurde sie größtenteils misstrauisch beobachtet, doch gab es auch Kollegen, die ihr Talent anerkannten und sie unterstützten. Im Buch lernt Rahel die Wäscherin Barbara kennen und die beiden ungleichen Frauen werden Freundinnen.
Es ist interessant, über die damaligen Verhältnisse in der Charité und die politische Situation in Deutschland zu lesen. Die Syphillis grassierte, auch Barbaras Tante erkrankt nach einer Vergewaltigung daran. Frauenrechte war damals ein Fremdwort. Frauen durften nicht wählen und verdienten viel weniger als Männer, was heute undenkbar ist (Vorsicht, Ironie).
Schweikert schreibt über die Schrecken des ersten Weltkriegs, sowohl aus der Sicht der Soldaten als auch aus Rahels Sicht, da die Soldaten in der Charité behandelt werden. Rahel entfernt Granatsplitter, amputiert Gliedmaßen und muss mit ansehen, wie viele ihren Verletzungen erliegen. Die schrecklich entstellten verwundeten Soldaten werden nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus in Sanatorien abgeschoben, um die Bevölkerung nicht mit ihrem Anblick zu erschrecken und um zu verhindern, dass dem Volk die Auswirkungen des Kriegs so drastisch vor Augen geführt werden.
Viele der genannten Personen existierten wirklich, und auch reale Ereignisse werden geschildert. Allerdings ist vieles zu ausführlich beschrieben, das mittlere Drittel des Buchs zieht sich wie Kaugummi und ich war mehr als einmal versucht, es zur Seite zu legen. Gegen Ende wird es dann wieder spannender, wenn auch teilweise ziemlich vorhersehbar. Alles in allem ein Buch, das einiges an zeitgeschichtlichem Wissen vermittelt und sicher gut recherchiert ist, dem aber 200 Seiten weniger gut getan hätten.

Veröffentlicht am 10.10.2019

Vom Idyll zum Albtraum

Nachtwild
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Joan besucht mit ihrem vierjährigen Sohn Lincoln den Zoo. Auf dem Rückweg zum Haupteingang hört sie Schüsse und sieht Leichen auf dem Boden liegen. Bevor sie richtig kapiert, was los ist, übernimmt ihr ...

Joan besucht mit ihrem vierjährigen Sohn Lincoln den Zoo. Auf dem Rückweg zum Haupteingang hört sie Schüsse und sieht Leichen auf dem Boden liegen. Bevor sie richtig kapiert, was los ist, übernimmt ihr Instinkt und sie versteckt sich mit Lincoln in einem leerstehenden Gehege.
Es ist keine einfache Aufgabe, den kleinen Jungen ruhig zu halten, und doch hängt ihrer beider Leben davon ab, dass die jugendlichen Täter, die bald schon in ihre Nähe kommen, sie nicht finden.
Einerseits hat Joan panische Angst, andererseits funktioniert sie und ihr Überlebenswille ist übermächtig. Während der langen Zeit des Versteckens erfährt der Leser viel über Joans Kindheit und Vergangenheit. Diese Rückblenden sind einerseits interessant - ihr Elternhaus war alles andere als liebevoll -andererseits waren es Einschnitte in einer Geschichte, deren Verlauf ich gerne zügig hören wollte. Wird Joan es schaffen, den Tätern zu entkommen? hat mich mehr interessiert als die Kakerlaken in ihrem Elternhaus. Alles in allem fand ich die Geschichte gut, wenngleich ich den Roman nicht als Thriller bezeichnen würde. Leider empfand ich das Geschehen auch als durchaus realistisch, es gibt genügend durchgeknallte Amokläufer, die nach Aufmerksamkeit gieren.
Ein großes Lob an die Hörbuchsprecher, die alle ganz hervorragend gelesen haben.

Veröffentlicht am 08.10.2019

Licht meines Lebens

Die Lieferung
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Da mir „Das Haus der Mädchen“ von Winkelmann ganz gut gefallen hat, habe ich mir das Hörbuch „Die Lieferung“ angehört. Es war okay, hat mich aber nicht restlos überzeugt. Es beginnt mit dem Auffinden einer ...

Da mir „Das Haus der Mädchen“ von Winkelmann ganz gut gefallen hat, habe ich mir das Hörbuch „Die Lieferung“ angehört. Es war okay, hat mich aber nicht restlos überzeugt. Es beginnt mit dem Auffinden einer „weißen Frau“, wie sich herausstellt, wurde sie wohl jahrelang irgendwo fernab von Tageslicht eingesperrt. Dieser Teil der Geschichte wird aber seltsamerweise nicht weiter verfolgt. Man erfährt nie, wie sie entkommen ist.
Eine Polizistin, Rebecca Oswald, lernt während eines Kuraufenthalts eine Masseurin kennen, deren Tochter seit Jahren verschwunden ist. Rebecca verspricht ihr, sich um den alten Fall zu kümmern. Auf diese Weise kommt sie, zusammen mit ihrem Kollegen Kommissar Jens Kerner, auf die Spur eines Serienentführers und -mörders. Sie finden einige Fälle, bei denen jeweils zwei Personen entführt bzw. getötet wurden. Zwischendurch kommen auch immer wieder Kapitel aus der Sicht der Entführungsopfer und des Täters. Man erfährt viel über seine Kindheit, als er mit seinen ihn vernachlässigenden Eltern zusammenlebte und schließlich im Heim landete. Er entwickelt sich zum Psychopathen und ist schon als Kind und Jugendlicher ein Außenseiter. Er hat einen Hass auf schöne Menschen und will wohl die Welt von ihnen befreien. Alles ein bisschen an den Haaren herbeigezogen, aber für nebenher zu hören, war das Hörbuch ganz okay.

Veröffentlicht am 01.10.2019

Unerwartet zäh

Der Verein der Linkshänder
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Als ich las, dass in diesem Buch Kommissar van Veeteren aus dem Ruhestand zurückkehrt, habe ich mich auf einen spannenden Kriminalfall gefreut. Womit ich ganz und gar nicht gerechnet habe, ist, dass mich ...

Als ich las, dass in diesem Buch Kommissar van Veeteren aus dem Ruhestand zurückkehrt, habe ich mich auf einen spannenden Kriminalfall gefreut. Womit ich ganz und gar nicht gerechnet habe, ist, dass mich weite Teile des Buchs ziemlich langweilen würden.
Kommissar van Veeteren steht kurz vor seinem 75. Geburtstag, was ihm einigermaßen zu schaffen macht. So kommt es ihm gerade recht, dass er in einem alten Fall zu Rate gezogen wird. Damals waren vier Menschen zu Tode gekommen, der vermeintliche Mörder war schnell ermittelt. Doch genau dieser taucht jetzt, nach vielen Jahren, tot auf. Offensichtlich wurde er damals ebenfalls getötet und im Wald vergraben. Der wahre Mörder ist demnach nie gefasst worden. Die damaligen Ermittler, unter ihnen van Veeteren, haben schlampig gearbeitet. Natürlich will van Veeteren das nicht auf sich sitzen lassen. Zusammen mit seiner Partnerin Ulrike, seinem damaligen Kollegen Münster sowie den schwedischen Ermittlern Barbarotti und Backman versucht er, Licht in den Fall zu bringen. Doch es geht nicht nur um den Kriminalfall, denn van Veeteren gibt sich altersweise, philosophiert über Kant und Descartes, Gott und die Welt. Das hat mir einen viel zu großen Teil dieses Buchs eingenommen, wodurch die Spannung auf der Strecke blieb. Ich habe jedes einzelne von Hakan Nessers Bücher gelesen und fand die frühen Bände um van Veeteren super, aber hier haben mich die philosophischen Abschweifungen doch sehr gelangweilt.
Ein ganz netter Einfall war, auch Kommissar Barbarotti in den Fall einzubinden und so lernen sich van Veeteren und Barbarotti mit ihren jeweiligen Partnerinnen kennen. Gemeinsam schaffen sie es, den Fall zu lösen. Allerdings haben sie dazu wirklich lange gebraucht. Trotz vieler falschen Spuren hatte ich den Täter schon lange vor den Kommissaren auf dem Schirm.
Ich hoffe, van Veeteren darf jetzt seinen wohlverdienten Ruhestand genießen. Ich werde jedenfalls keine weiteren Bücher mehr lesen, in denen er vorkommt.

Veröffentlicht am 25.09.2019

Absturz eines Ermittlers

Messer (Ein Harry-Hole-Krimi 12)
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Harry Hole wurde von seiner Frau Rakel vor die Tür gesetzt, warum, erfährt man erst spät im Buch. Seinen Job an der Polizeihochschule hat er ebenfalls verloren, so widmet er sich nun ganz dem Alkohol. ...

Harry Hole wurde von seiner Frau Rakel vor die Tür gesetzt, warum, erfährt man erst spät im Buch. Seinen Job an der Polizeihochschule hat er ebenfalls verloren, so widmet er sich nun ganz dem Alkohol. Er säuft, schlägt sich und hurt durch die Gegend, ist also ein sehr unangenehmer Zeitgenosse. Eingefleischte Harry Hole Fans mögen dies akzeptieren, für mich war es erst der zweite Harry Hole Band und ich fand das Ganze ziemlich ätzend.
Ein alter Bekannter aus früheren Bänden, der Vergewaltiger Svein Finne wird aus dem Gefängnis entlassen und geht trotz seiner mittlerweile 77 Jahre sofort wieder auf die Jagd nach Frauen. Dieser Handlungsstrang ist sehr gruslig, aber wenig glaubhaft. Ein alter Mann, der vor Potenz strotzt, körperlich fitter ist als mancher Dreißigjährige und zudem anscheinend die Fähigkeit hat, durch Wände zu gehen.
Dann wird Harrys Frau Rakel ermordet aufgefunden. Eine fieberhafte Suche nach dem Täter beginnt, wobei irgendwann so ziemlich jeder als Verdächtiger in Frage kommt, einschließlich Harry selbst.
Das Buch beginnt spannend, aber dieser Mittelteil zieht sich in die Länge wie Kaugummi. Der Handlungsstrang um Svein Finne tritt völlig in den Hintergrund, erst gegen Ende des Buchs führen die Handlungsstränge dann zusammen. Dieser Teil ist wieder sehr gelungen und das offene Ende ein echter Cliffhanger.
Alles in allem fand ich „Messer“ nicht schlecht, aber die Einschätzung der Times, wonach Nesbø „der unumstrittene König des skandinavischen Krimis“ ist, kann ich wahrhaftig nicht teilen.