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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.10.2019

Lehrreiche Unterhaltung

Die fantastischen Abenteuer der Christmas Company
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Weihnachten ist so viel mehr als nur der Weihnachtsmann!

Das findet zumindest Freda heraus, als sie ihrem plötzlich sprechenden Kater Mr. Livingstone durch eine geheime Tür folgt und sich plötzlich am ...

Weihnachten ist so viel mehr als nur der Weihnachtsmann!

Das findet zumindest Freda heraus, als sie ihrem plötzlich sprechenden Kater Mr. Livingstone durch eine geheime Tür folgt und sich plötzlich am Nordpol wiederfindet. Denn in der Christmas Company, geleitet vom Weihnachtsmann und seinen Delegierten, hat es einen furchtbaren Vorfall gegeben, der das Weihnachtsfest bedroht. Und so macht sich Freda gemeinsam mit einem sprechenden Kater, einem Engel und einem Wichtel auf den Weg, Weihnachten zu retten.

Habe ich beim Anblick des Covers und Titels noch an ein knallbuntes, zuckerstangenverseuchtes, kitschiges Weihnachtsmärchen geglaubt, so wurde ich doch schnell eines besseren belehrt und in ein aufregendes Nordpol-Abenteuer gesaugt.

Neben guter Unterhaltung und einem spannenden Plot liefert dieses Märchen vor allem unheimlich viele Informationen über althergebrachte Figuren rund um Weihnachtstraditionen auf der ganzen Welt, angefangen bei Krampussen und Julenissen bis zu Befana und den Weihnachtstrollen aus Island. Dadurch wirkt das Buch nicht so quietschbunt-vergnügt, sondern bekommt einen leicht düsteren Touch, der der Geschichte aber nicht schadet.

Insgesamt hätten die Figuren noch besser in die Geschichte eingebunden werden dürfen, dafür entschädigt das Glossar am Ende des Buches aber, in dem alle Traditionen noch einmal erklärt werden.

Das einzige, was mich tatsächlich ein wenig gestört hat, dass die "Moral der Geschichte" noch etwas deutlich hätte hervorgehoben werden dürfen, gerade da das Buch sich ja an Kinder richtet.

Die Aussage, dass es bei Weihnachten eben nicht nur um den Konsum und die Geschenke geht, sondern eben auch um Traditionen und daas Beisammensitzen mit der Familie, geht doch etwas unter und wird mehr oder weniger nur in Nebensätzen abgehandelt.

Aber alles in allem ist es eine wundervolle Geschichte geworden, von der ich mir auch gut noch Fortsetzungen vorstellen könnte.

Veröffentlicht am 13.10.2019

Großes Verwirrspiel

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
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Wer muss bei diesem Klappentext nicht sofort an einen wilden Genre-Mix aus Agatha Christie und Groundhog Day denken?

Die Familie Hardcastle hat eingeladen zu einem großen Maskenball auf dem Familienanwesen, ...

Wer muss bei diesem Klappentext nicht sofort an einen wilden Genre-Mix aus Agatha Christie und Groundhog Day denken?

Die Familie Hardcastle hat eingeladen zu einem großen Maskenball auf dem Familienanwesen, der tragische Höhepunkt des Abends wird die Ermordung ihrer Tochter Evelyn sein. Dieser Tag wird sich so lange wiederholen, bis einer der Gäste, der sich jeden Tag in einem anderen Körper wiederfindet, den Fall gelöst hat.

Zeitschleifen wurden bisher schon unzählige Male in Filmen, Serien und Büchern umgesetzt; man denke dabei nur an Edge of Tomorrow, Zurück in die Zukunft oder ganz klassisch H.G. Wells Die Zeitmaschine. Allerdings hat sich Stuart Turton förmlich selbst übertroffen und dieses Stilmittel auf eine neue Ebene gehoben. Selten habe ich einen solch komplexe Storyline erlebt, bei der der Leser dermaßen gefesselt und zum Mitdenken angeregt wird.

"Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle" ist definitiv kein Buch für Zwischendurch; als Bettlektüre war es (zumindest für mich) absolut ungeeignet. Man kann nicht mal eben als Lückenfüller ein paar Seiten lesen und das Buch dann wieder weglegen.
Für Evelyn muss man sich ein oder zwei Tage Zeit nehmen, dem Buch Raum zum Wirken geben. Am besten keine Ablenkung in Form von Musik, Fernsehen oder Gesprächen zulassen. Wenn man einmal auf Blackheath angekommen ist und die verwirrende Suche nach dem Mörder (und anderen Schergen) begonnen hat, vergisst man schnell alles andere um sich herum und wird dafür mit einem großartigen, überraschenden Leseerlebnis belohnt!

Veröffentlicht am 12.10.2019

Düster und tiefgründig

Melmoth
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Im Leben von Helen geschehen seltsame Dinge:

Die junge Frau, die ein enthaltsames, zurückgezogenes Leben in Prag führt hat nur wenige Freunde. Als einer dieser Freunde ein seltsames Manuskript erbt, beginnt ...

Im Leben von Helen geschehen seltsame Dinge:

Die junge Frau, die ein enthaltsames, zurückgezogenes Leben in Prag führt hat nur wenige Freunde. Als einer dieser Freunde ein seltsames Manuskript erbt, beginnt dieser Text auch ihr Leben zu beeinflussen. Und so hört sie zum ersten Mal von Melmoth, der Zeugin...

Sarah Perry hat mit diesem Buch einen Schauerroman geschrieben, der mit vielen seiner mysteriösen Elemente und vor allem seinem Schreibstil stark an alte Größen des Genres wie Bram Stoker erinnert. Die Atmosphäre packt einen schnell und lässt nicht mehr los, man kann den Nebel in den Straßen Prags fast auf der Haut spüren.

Aber Melmoth begeistert mich nicht nur aufgrund der Stimmung. Sarah Perry hat eine sprachliche Kunstfertigkeit, die ihre Bücher zu einem besonderen Stück Literatur machen. Ihre Bücher lassen sich vielleicht nicht leicht lesen, man muss ihnen Raum und Zeit zum Wirken geben; sie verlangen die ganze Aufmerksamkeit des Lesers. Aber dafür treffen sie tief und wirken beinahe hypnotisierend.

Abgesehen von ihrem literarischen Unterhaltungswert schaffen sie es aber auch, zum Nachdenken anzuregen. Melmoth, die Zeugin, steht für die Verantwortung aller Menschen, bei Untaten, seien sie klein oder groß, nicht wegzusehen oder untätig zu bleiben. Und vor allem sollen wir uns erinnern, an alle Opfer vergangener Auseinandersetzungen.

"Nein, Thea, es gibt keine Melmoth, niemand beobachtet uns. Wir sind ganz allein, deswegen müssen wir tun, was Melmoth tun würde: Wir müssen hinsehen und bezeugen, was nicht in Vergessenheit geraten darf."

Ich befürchte, dass es "Melmoth" nicht leicht haben wird, Bewunderer zu finden. Dafür wirkt es manchmal zu sperrig und zu düster. Aber wenn man ihm die Chance gibt zu beeindrucken, wird es seine ganze Pracht entfalten.

  • Einzelne Kategorien
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  • Geschichte
  • Figuren
Veröffentlicht am 10.10.2019

Trotz allem lesenswert

Miroloi
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Wie rezensiert man ein Buch, über das gefühlt schon jeder gesprochen hat? Ich könnte jetzt darüber schwafeln, wie sehr oder auch nicht so sehr "Miroloi" wirkliche eine Ode an den Feminismus ist.

Schließlich ...

Wie rezensiert man ein Buch, über das gefühlt schon jeder gesprochen hat? Ich könnte jetzt darüber schwafeln, wie sehr oder auch nicht so sehr "Miroloi" wirkliche eine Ode an den Feminismus ist.

Schließlich geht es ja um ein Mädchen, dass sich in einer patriarchalen Gesellschaft auflehnt und für ihre Freiheit kämpft.

Stattdessen muss ich eher sagen, dass Karen Köhler hier ein wirklich umfassendes Gesellschaftsbild geschaffen hat, das mit seinen starren Strukturen nicht nur die Frauen unterdrückt, sondern sich umfassend in seiner Entwicklung hemmt und der Wilkür die Tür öffnet. Dabei bedient sie sich Anleihen aus allen möglichen Kulturen und auch Glaubensrichtungen, denn tatsächlich wird hier die Religion als das Macht(misbrauchs)instrument schlechthin dargestellt und schafft so eine universell anwendbare Parabel, die eigentlich zu jeder Zeit und an jedem Ort spielen könnte.

Das ganze ist verpackt in eine wunderbare, außergewöhnliche Bildsprache. Allein der Schriftsatz spiegelt wunderbar das Innenleben der Hauptfigur wieder, ist schlicht gehalten und bildet in seiner Struktur die Gefühle des Mädchens ab.

Man könnte jetzt sagen, dass es dieses Buch zu recht nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat, zeigt es doch kleine Schwächen in der Handlung, aber das ist für mich auch gar nicht wichtig. Viel wichtiger ist doch, dass es mich einfach furchtbar gut unterhalten hat und was, wenn nicht das, ist denn das Ziel eines Buches?

Veröffentlicht am 02.09.2019

Viel Kraft klein verpackt

Wie man einen Toaster überlistet
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Als ich dieses Buch in meiner neuen Lieblings-Fantasybuchhandlung entdeckt habe, hielt ich es für eine spannende, kurzweilige SciFi-Geschichte. Von der Länge her genau das richtige für eine Zugfahrt oder ...

Als ich dieses Buch in meiner neuen Lieblings-Fantasybuchhandlung entdeckt habe, hielt ich es für eine spannende, kurzweilige SciFi-Geschichte. Von der Länge her genau das richtige für eine Zugfahrt oder einen Wochenendausflug. Umso mehr hat es mich überrascht.

Denn diese Novelle ist so viel mehr als ein Lückenfüller, etwas, das man kurz dazwischenschiebt. Die Geschichte über Küchengeräte, die dank Programmierung nur noch Lebensmittel bestimmter Hersteller akzeptieren, erscheint mir weniger Fiktion als bereits Realität. Man muss dabei doch nur an Amazon oder Netflix denken. Wie weit der Schritt von Luxusartikeln wie Literatur oder Streaming zu Grundnahrungsmitteln ist, kann man sich ja selbst ausrechnen.

Viel wichtiger ist aber der gesellschaftskritische Standpunkt, den das Buch vertritt. So kann man sich den Luxus einer freien Wahl über Lebens- oder Ernährungsweise nur erlauben, solange man die nötigen finanziellen Mittel oder den entsprechenden sozialen Rang hat.

Cory Doctorow schafft es, diese Thematik knapp und unterhaltsam aufzubereiten, ohne dabei schulmeisterlich zu wirken. Er hat seiner Geschichte genau den Raum gegeben, den sie benötigt hat, um seinen Standpunkt klar zu machen. Mehr ist dazu einfach nicht zu sagen!