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Veröffentlicht am 02.11.2019

Brandheißes Thema!?

Sieh mich an
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In diesem Fall finde ich den englischen Originaltitel „Scars like Wings“ einmal mehr sehr viel besser, weil passender, und einfacher als den gewählten deutschen Titel „Sieh mich an“, der mich zum Einen ...

In diesem Fall finde ich den englischen Originaltitel „Scars like Wings“ einmal mehr sehr viel besser, weil passender, und einfacher als den gewählten deutschen Titel „Sieh mich an“, der mich zum Einen sehr an den Kinsella-Titel „Schau mir in die Augen, Audrey“ (den ich im Vergleich zum Originaltitel „Finding Audrey“ übrigens auch nicht allzu gelungen finde) erinnert und der zum Anderen von seinem eigenen Untertitel „Jeder hat Narben. Manche sind nur besser zu sehen.“ erschlagen wird. Zudem bezieht sich „Scars like Wings“ auf ein Gedicht des kanadischen Poeten Atticus, der via Instagram berühmt geworden ist, wobei sich vor Allem dieser Ausdruck „Scars like Wings“ wie ein roter Faden durch die komplette Handlung zieht. Das war mir in der deutschen Fassung nun ein wenig zu beiläufig dargestellt (ich habe tatsächlich auch das englischsprachige Original neben der deutschen Übersetzung gelesen, und diese Referenz wirkte in der englischen Version sehr viel eindrücklicher).

Insgesamt habe ich den Roman „Sieh mich an“ aber sehr gerne gemocht; klar, die Thematik ist wichtig und groß – wenn ich auch mit einigen Punkten leicht gehadert habe: Zum Einen fand ich es unglaubwürdig, dass Ava an ihrer neuen Schule prompt auf Piper trifft, die nicht nur in derselben Therapiegruppe wie sie ist, sondern ganz zufällig ebenfalls just erst bei einem Autounfall schwere Verbrennungen nebst einer – hoffentlich nur temporären- Lähmung erlitten hat. In ihrer Rolle als Außenseiter ist Ava also vom ersten Schultag an nicht ganz so verloren wie sie zuvor geglaubt hat. Die Figur der Piper ist zwar wesentlich für die Geschichte, aber ich kam nicht umhin, ständig zu denken, dass die Handlung auf gewisse Weise doch auch impliziert, dass Ava total angeschmiert gewesen wäre, hätte es da keinen weiteren Schüler mit massiven Verbrennungen gegeben. In Bezug auf Piper fand ich es zudem schwierig, dass sie jene Schule vor dem Unfall schon besucht hatte und da zu den populären Schülerinnen gehört hatte; dass sich Piper von ihrer früheren Clique fernhält, war auf gewisse Weise nachvollziehbar, aber ich hatte ansonsten nicht das Gefühl, dass sie an der Schule überhaupt bekannt gewesen wäre. Im Roman wirkt sie völlig unsichtbar unter all den Mitschülern, mit denen sie eigentlich seit Jahren bekannt sein sollte, und das, obschon Piper mit ihrem neuen Erscheinungsbild sehr offensiv auftritt und sich generell eher extrovertiert gibt.
Dass Piper dennoch auch zu kämpfen hat, wird von Anfang an unterschwellig klargemacht, denn Ava weist ab und an beiläufig daraufhin, dass ihre Therapeutin nicht müde wird zu erklären, dass es einen Durchbruch darstellt, im Verlaufe der Therapie einen massiven Zusammenbruch zu erleiden. Auch Ava, die sich von massivsten Verbrennungen gezeichnet nun eher unfreiwillig in der Welt „da draußen“ wiederfindet, nachdem sie sich auf eine „Probewoche Schule“ eingelassen hat, steuert selbst reichlich überfordert auf einen solchen zu: Und was an dieser Stelle eher negativ und dramatisch klingt, drückt letztlich eigentlich lediglich den Moment der finalen Selbstidentifikation dar. Ava fühlt sich nach dem Brand monströs und alleine, kapselt sich dabei aber auch nach außen hin völlig ab, weil sie nicht länger das Gefühl hat, dass in der äußeren Hülle noch sie selbst steckt. (So wie Piper sich in ihrem Körper nach dem Unfall ebenfalls als „wer anders“ darstellt.) Angesichts der Thematik ist es natürlich kaum verwunderlich, dass letztlich erkannt werden soll, dass die Optik nicht den Menschen definiert und dass man trotzdem noch man selbst sein kann, auch wenn tragische Umstände verursachen, dass man plötzlich und unerwartet in einem scheinbar gänzlich fremden Körper steckt.
Positiv fand ich, dass die Handlung hier „normal“ endet; es gibt kein Wunder, es ist nicht Kitsch as Kitsch can: Das Buch endet authentisch. Mit einem gewissen Maß an (Selbst)Bewusstsein ohne dass es klingt als gäbe es künftig keine Vorurteile, Ängste, Probleme… mehr. Es ist ein Plädoyer für Toleranz und Akzeptanz, egal ob man sich nun eher mit den „offensichtlich“ Vernarbten identifiziert (positiv fand ich übrigens, dass in der Therapiegruppe auch Patienten anwesend waren, deren Narben kleiner waren, weil sie sich z.B. als Kleinkind verbrannt hatten und eben über ihre Kindernarben hinausgewachsen waren, oder deren Narben sich leicht verstecken ließen, wobei Wert daraufgelegt wurde, dass da eben keine Abwertungen stattfanden) oder mit denen, die ihnen begegnen. Insgesamt ist das ein Jugendroman, der das Kleine-Prinzen-Credo „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ verdeutlicht, und den ich trotz meiner kleinen Kritikpunkte sehr gerne gelesen habe. In der Tat war ich ein wenig traurig, als ich am Ende angelangt war. Definitiv nicht nur dann lesenswert, wenn man noch über jugendliches Alter verfügt!


[Ein Rezensionsexemplar war mir unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 28.08.2019

Viel Hype um (etwas) Weniger!

Drei
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Noch ehe ich „Drei“ zu lesen begann, war ich tatsächlich auch schon an drei verschiedenen Stellen verlagsseitig darum gebeten worden, bitte jedweden Spoiler zu vermeiden, wenn ich von diesem Roman erzähle ...

Noch ehe ich „Drei“ zu lesen begann, war ich tatsächlich auch schon an drei verschiedenen Stellen verlagsseitig darum gebeten worden, bitte jedweden Spoiler zu vermeiden, wenn ich von diesem Roman erzähle – letztlich wird auch der Klappentext mit „Der Sensationsbestseller aus Israel, über den man eigentlich nichts verraten darf. Spoiler-Gefahr!“ eingeläutet, wobei mich das alles schon ein wenig verwunderte, denn der Diogenes-Verlag ist immerhin nicht grade dafür bekannt, die gaaaaaaanz große Werbemaschinerie anzuschmeißen und zu Übertreibungen zu neigen bzw. Sachen aufzubauschen.
Um es vorwegzunehmen: Ich fand „Drei“ soweit gut, ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen, aber „sensationell“ würde ich ihn nun nicht nennen. Wenn dann noch wer zitiert wird, der sagt, dass es rund um „Drei“ einen Hype gibt, als ginge es um die nächste Staffel Game of Thrones: Dann weiß ich auch nicht. Vielleicht ist Mishani in Israel so etwas wie Fitzek in Deutschland: Ich weiß es nicht. Der GoT-Vergleich hinkt in meinen Augen jedenfalls gewaltig; und zwar so sehr, dass das Hinkebein eigentlich schon amputiert ist.

Was verrät der Klappentext vom Roman? Drei Frauen suchen Unterschiedliches und finden denselben Mann; keine Frau verrät ihm alles, er verrät auch keiner alles. Warum diese Geheimnisse tatsächlich essentiell sind, wird erst zum Ende des Romans im Gesamten hin deutlich – in „Drei“ werden die Geschichten der verschiedenen Frauen übrigens nacheinander erzählt; grob gerechnet macht jeder der drei Teile auch ca. 110 Seiten des Romans aus, das ist also sehr gleichmäßig. Gefühlt schien mir der erste Teil aber am Längsten zu sein: Hier trifft man auf Orna, deren Mann sie und den gemeinsamen Sohn zugunsten einer anderen Frau, mit der er nach Nepal gezogen ist, verlassen hat und die sich nun langsam ans Online-Dating heranwagen will, weil sie selbst auch endgültig diesem „Scheidungstief“ entkommen will, in dem sie bislang alleine für sich gekämpft hat, während ihr Sohn Eran längst psychologische Hilfe in Anspruch nimmt. Da fragte ich mich eigentlich noch die ganze Zeit, worauf diese Geschichte eigentlich nun hinauslaufen würde, was da nun so „ohjehmine, ach du meine Güte, Spoilergefahr, Spoilergefahr – Spoilergefahr!!!“ sein sollte und dann endete dieser Strang mit einem richtig fetten Knall. Was war denn das?! (Klar, die Spoilergefahr.)
Relativ fassungslos fuhr ich dann mit dem Lesen des zweiten Teils fort – da wusste ich ja schon, worin in Ornas Fall das Mysterium gelegen hatte und da wurde es dann spannend, weil man zum Einen damit rechnete, dass auch dieser Erzählstrang auf ein ähnliches Ende zulaufen würde und zum Anderen aber noch mit einem alternativen Schluss rechnete: Mishani würde es doch nicht nochmals derart knallen lassen? Nein, ich spoilere nicht und mit dem dritten Teil wurde also das große Finale eingeläutet: Frau Nummer Drei betrat die Bühne – und „Drei“ endete schließlich damit, dass ich irgendwann „Oh!“ dachte, weil es schon ein klitzekleines bisschen mindf****mäßig war.

Ich schrieb bereits, dass ich „Drei“ sehr gerne gelesen habe, aber: Den Hype, den es um diesen Titel geben soll, kann ich nach wie vor nicht recht nachvollziehen, und gehe tatsächlich davon aus, dass der im (mutmaßlichen) Ruhm des Autors und weniger in dieser Erzählung begründet ist. Der erste Teil schien mir eben länger als die Anderen zu sein, und auch etwas zäher, wobei die Geschichte der zweiten Frau auch vor Allem deshalb spannender war, weil man die Geschichte der ersten Frau, die „denselben Mann gefunden“ hatte, ja bereits kannte, und ihre Person zudem auch hier noch ab und an durchschien.

„Drei“ ist ein eher ruhig wirkender Roman, der quasi plötzlich explodiert; die Dramatik bleibt dabei bis dahin immer sehr unterschwellig und das ganze Erscheinungsbild des Romans sehr literarisch. Der Diogenes-Verlag hat hier seine altbewährten Pfade auch nicht verlassen; das ist so ein Roman, wie man ihn dort auch im Verlagsprogramm erwarten würde; mir war Dror Mishani als Autor bislang völlig unbekannt, aber meiner Meinung nach ist „Drei“ definitiv ein Buchtipp für alle Leser, die beispielsweise die Werke von Ian McEwan schätzen. An dessen Stil hat mich die Gangart von „Drei“ nämlich durchaus erinnert.



[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 09.08.2019

Holterdipolter: Genre über Genre

Kalte Wasser
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Das Erste, was ich noch vor der Veröffentlichung von „Kalte Wasser“ zu lesen bekam, war der Beginn eben dieses Romans, der mir auf Anhieb sehr reizvoll erschien, wobei ich stark gemutmaßt habe, dass die ...

Das Erste, was ich noch vor der Veröffentlichung von „Kalte Wasser“ zu lesen bekam, war der Beginn eben dieses Romans, der mir auf Anhieb sehr reizvoll erschien, wobei ich stark gemutmaßt habe, dass die Mysteryschiene in einer Sackgasse enden würde – ich bin von Anfang an eher davon ausgegangen, dass Lauren unter postnatalen Depressionen leidet, die sie halluzinieren lassen. Tatsächlich wird bei Lauren auch schnell eine psychische Belastungsstörung diagnostiziert und hernach zeigte sich für mich das grundsätzliche Problem dieses Mysterythrillers: Er will tatsächlich alle Genres; Mystery, Thriller und Krimi; abdecken; dazu kommt noch ein großer Schuss semi- bis unglücklicher Liebesroman (denn Laurens Mann Patrick ist eher distanziert und hat auch so seine Geheimnisse; im Allgemeinen kam da auch nicht das Gefühl eines liebevollen und glücklichen, frischgebackenen Elternpaares auf) zu dem, was ohnehin schon ein Familiendrama war.
Dann gibt es noch diesen Strang rund um die ambitionierte Polizistin Jo(anna) Harper, deren eigentlich nicht vorhandenes Privatleben ständig explizit behandelt wird; da gibt es ein angeblich wichtiges Detail aus der Vergangenheit, weswegen sie sich Lauren angeblich so nahefühlt: Diese Argumentation schien mir allerdings reichlich an den Haaren herbeigezogen; so sehr ähnelten sich die persönlichen Erfahrungen dann doch nicht. Auch ihre persönlichen Beziehungen wurden derart herausgestellt, dass man hätte vermuten können, „Kalte Wasser“ ist der Auftakt zu einer Krimireihe rund um diese Ermittlerin.
Mir fehlte da ganz klar die direkte Konzentration; klar, wenn ein Buch ganz strikt und konsequent linear lediglich einen Erzählstrang verfolgt, wirkt das sehr eintönig, aber dieser Roman glich statt einer Einbahnstraße auf dem platten Land dann direkt dem Frankfurter Kreuz.
Ich mag Mysteryromane, ich mag Thriller, ich mag Krimis, ich lese auch gerne mal was Dramatisches, aber in diesem Fall war es mir einfach zu viel und von Autorenseite zu unentschlossen: Hatte grad alles klar darauf hingedeutet, dass dieser Roman ein Psychothriller-Ende finden würde, zumal dann auch noch eine mutmaßliche Stalkerin eingeführt wurde, wurde auf der nächsten Seite wieder krass gen Mystery abgedriftet – und ich wusste gar nicht mehr, mit wem ich nun überhaupt mitfiebern wollte; mir blieben alle Figuren völlig fremd, und sympathisch fand ich eigentlich keinen, inklusive Joanna Harper, die zwar eben sehr engagiert war, aber eben auch überengagiert und sich zunächst vor Allem auch völlig unnütz einbrachte, denn die Ermittlungen waren nicht nur abgeschlossen, sondern der Fall war offiziell nie eröffnet worden, als sie –den Anweisungen ihres Chefs zum Trotz- im Krankenhaus doch noch weitere Nachforschungen anstellte. Im klassischen Krimi hätte ich das allerdings wiederum recht sympathisch gefunden… aber hier gab es, wie sie selbst auch immer betonte, überhaupt keinen echten Grund für ihren persönlichen Einsatz.

Den reinen Mystery-Teil von „Kalte Wasser“ fand ich allerdings sehr spannend; der große Rest war dann allerdings eben wie ein riesiger Stolperstein, der mir den Lesespaß ein wenig getrübt hat. Alles in Allem kommt der Roman so für mich nicht über 3,8* Sterne hinaus, was aufgerundet dann wohlgemeinte vier Sterne ergibt. Allerdings erwarte ich nun irgendwie doch zumindest auch einen Folgeband rund um DI Harper, die da wiederum in irgendein Mysterium verwickelt wird (oder sich verwickeln lässt). Denn so bin ich grade in jenem Bereich nicht mit dem Ende zufrieden – und auch der Mysteryteil hätte sich detaillierter entschlüsseln lassen können; da kann man sich als Leser letztlich lediglich selbst noch etwas mehr Hintergrundgeschichte zusammenreimen.
Als reiner Mysteryroman; ohne diese ganzen ständig falsch gelegten Fährten, ohne das Privatbrimborium der Polizistin; würde mir „Kalte Wasser“ richtig gut gefallen haben, aber dazu hätte eben sehr viel der Handlung wegdezimiert werden müssen und der Mysterypart sehr viel weiter aufgedeckt und erklärt werden – wer sich für dieses Buch entscheidet, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er eben vornehmlich einen Mysterythriller zu lesen bekommt, der dabei ständig in andere Genres abdriftet. Zumindest wer so einen immensen Mix mag, wird mit dieser Lektüre ausnehmend gut bedient sein!

[Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 08.08.2019

Der bisher hellste Lebensabschnitt, in finsteren Wäldern...

Sal
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Man muss nur öffentlich verfügbare Leseproben dieses Romans lesen, welche den Anfang des Romans abbilden, um angesichts der Kurzbeschreibung schon ein wenig irritiert zu sein: Sehr beiläufig, aber doch ...

Man muss nur öffentlich verfügbare Leseproben dieses Romans lesen, welche den Anfang des Romans abbilden, um angesichts der Kurzbeschreibung schon ein wenig irritiert zu sein: Sehr beiläufig, aber doch sehr direkt, erzählt Sal da nämlich, dass besagter Freund der Mutter, vor dem Sal ihre kleine Schwester Peppa schützen will, „das Einzige ist, was sie bislang getötet hat“. Die Flucht vor diesem Mann, der Sal bereits jahrelang sexuell missbraucht hat, ist also in erster Linie eine Flucht vor der Polizei – und dem Jugendamt, welches Sal selbst gerne schon früher hinzugezogen hätte, aber sie war doch indoktriniert worden, dass in jenem Fall die Schwestern ganz sicher voneinander getrennt werden würden.
Auch abseits der Problematik des sexuellen Missbrauchs, der in diesem Roman zwar erwähnt, aber nicht detailliert thematisiert wird, entstammen Sal und Peppa aus einer arg dysfunktionalen Familie: Beide Mädchen, von verschiedenen Vätern abstammend, lieben ihre Mutter sehr, die nach außen hin auf „heile Welt“ zu machen versucht, dabei aber starke Alkoholikerin ist, und mit ihren Kindern in einer Gegend lebt, die sich gemeinhin wohl als „sozialer Brennpunkt“ bezeichnen lassen kann, und ihre Familie eher schlecht als recht z.B. als Stripperin durchbringt. Auch ihr (später dann ermordeter) Freund ist ein saufender Kleinganove, was Sal immerhin zupass kommt, da sie ihm im Rausch die von ihm geklauten Kreditkarten wiederum stibitzen kann, um sich die nötigen Sachen für ihre von langer Hand geplanten Flucht in die schottische Wildnis besorgen zu können.
Seit einem Jahr hat sich Sal sämtliche Survivalvideos auf YouTube angesehen, sich sämtliche Instruktionen genauestens eingeprägt; immer wieder erklärt sie später ganz genau, was sie nun warum tut – und für mich zeigte genau dieses Verhalten ganz besonders das Dilemma auf, in dem die Schwestern steckten, und wie schwertraumatisiert dieses Kind sein musste (und aus demselben Grund schockierte mich auch der letztliche Ausgang des Ganzen für Sal ein wenig). Wie verzweifelt, und im wahrsten Sinn des Wortes: bedrängt, muss sich eine 13Jährige fühlen, die meint, keine andere Wahl zu haben als sich mit ihrer Schwester tief in den Wäldern zu verstecken, um sich dort ein „Leben“ aufzubauen? Ich fand es völlig erschreckend, dass Sal alles über Monate hinweg scheinbar eiskalt und bis ins kleinste Detail durchgeplant hatte.
Im bisherigen Leben war Sal die „Erwachsene“ und eigentlich kaum einmal Kind gewesen: Nach der Geburt Peppas war es hauptsächlich Sal, die sich um ihre Schwester kümmerte, die weite Teile der im Haushalt anfallenden Arbeiten erledigte, da die Mutter ja ständig volltrunken war; im Alter von 10 begannen der sexuelle Missbrauch, während dem angekündigt wurde, sobald Peppa 10 sei, sei auch sie „fällig“… als dann plötzlich die leicht verrückt wirkende Eigenbrötlerin Ingrid, die ganz bewusst und freiwillig mitten im Wald lebt, wird auch relativ schnell deutlich, wie sehr die Mädchen eine „echte“, erwachsene Mutterfigur benötigen, denn Ingrid wird sehr schnell zu einer Vertrauten, die den Kindern auch hilfreich zur Seite steht und sich um sie kümmert, grad wenn sie doch mit unerwarteten Widrigkeiten konfrontiert werden…
Ich hatte sehr bald das Gefühl, dass erst dieses Leben draußen, die Gespräche mit Ingrid, Sal, und auch Peppa, so richtig geerdet hat und dass dies im Prinzip das erste „normale“ Geschehen ihres Lebens sei, obschon es ja definitiv nicht gängig ist, dass Geschwisterkinder, ob nun ohne oder auch mit den Eltern, in ein selbstgebautes Camp im Nirgendwo ziehen.
Sobald die Figur der Ingrid eingeführt wurde, tauten Sal und Peppa zudem auf und wurden allgemein offener, kindlicher. Bis dahin hatte es mich noch ein wenig irritiert, dass Sal mit ihren 13 Jahren derart abgeklärt war und beide Schwestern auch da eher reichlich lapidar reagierten, wo ich deutlichere Gefühlsausbrüche, oder überhaupt einfach nur einen etwas weniger nüchternen, staubtrockenen Auftritt erwartet hatte – aber andererseits waren die Zwei ja ohnehin daran gewöhnt, dass es im Leben quasi hauptsächlich um „irgendwie überleben“ ging und dass sie für sich selbst verantwortlich waren. Dennoch fand ich es verwunderlich, dass es nie zu einem Temperamentausbruch welcher Intensität auch immer kam.

Insgesamt wirkte die Geschichte auf mich aber trotzdem leicht befremdlich, eher emotionslos und glasklar erzählt. Mich hat „Sal“ auf seltsame Weise aber auch sehr fasziniert und ich habe weiterundweitergelesen, vor Allem auch, weil ich wissen wollte, wie die Geschichte für die Schwestern weiterhin verliefe und eben auch ausginge. „Sal“ war letztlich ein sehr gutes, aber nicht überwältigendes Buch, und ich räume ein, dass mich in Sachen „als Kind in miese Umstände hineingeboren und (draußen in der Wildnis) damit klarkommen“ der zuletzt ebenfalls auch auf Deutsch erschienene Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens weitaus mehr beeindruckt hat; eindringliche Titel sind es aber beide allemal!



[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 14.04.2019

(Nicht) Zu cool für diesen Fall?!

Running Girl
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Garvie ist 16 Jahre alt, wahnsinnig intelligent und nicht weniger faul, er gibt sich stets lässig und abgebrüht und sieht jegliches Verbot, etwas zu tun, wohl eher als Aufforderung, genau das zu tun: in ...

Garvie ist 16 Jahre alt, wahnsinnig intelligent und nicht weniger faul, er gibt sich stets lässig und abgebrüht und sieht jegliches Verbot, etwas zu tun, wohl eher als Aufforderung, genau das zu tun: in „Running Girl“ trifft er nun nahezu ständig auf den alsbald sehr von ihm genervten Polizisten Singh, den er ständig auf’s Neue reizt – während Singh eher Polizeidienst nach Vorschrift verrichtet, unterhält sich Garvie eher mal so ganz nebenbei ein wenig mit den Menschen aus Chloes und seinem Umfeld, und scheint Singh dabei immer einen Schritt voraus zu sein: Die Kurzbeschreibung und eine eingangs gelesene Leseprobe hatten mich einen eindeutigeren Detektivroman, mehr Whodunnit, erwarten lassen; ich habe Garvie allerdings eher als etwas distanzloseren und absolut neugierigen Charakter empfunden, der sich eben weniger bei einer „Detektivehre“ gepackt sah als von reiner Neugier erfüllt war, und womöglich der Polizei ganz schadenfroh zudem eine lange Nase ziehen wollte.
Als Jugendkrimi fand ich diesen Roman nun recht gelungen, sehe ihn aber eher als Einstieg in das weite Feld der Spannungsliteratur, wenn auch nicht als Allzeitklassiker: „Running Girl“ ist nun ein eigenständig lesbarer Reihenauftakt und ich mit meinen Mitte 30 kann mir zwar gut vorstellen, den nächsten Band demnächst auch noch irgendwann einmal zu lesen, aber für mich steht jener Titel nun nicht ganz weit oben auf meiner Leseliste. Den stufe ich im Voraus schonmal unter „lässig weglesen: besser als langweilen“ ein.

Was ich schade fand, ist, dass man doch keinen echten Einblick in Garvie und auch keine der anderen Figuren enthält; ich empfand den Roman da doch als sehr oberflächlich; irgendwie bleib mir alles zu sehr „außen und draußen“; ich war letztlich selbst auch mehr neugierig als gespannt auf die Auflösung; zudem wird sogar Chloe ausnahmslos derart beschrieben, dass mich als Leser ihr Tod eher überhaupt nicht berührt hat. Auch da hatte ich aufgrund der Betonung, dass sich beim Opfer um eine Ex-Freundin Garvies handelte, klar mehr Emotion erwartet. Insgesamt hätte ich mir die Figuren einfach deutlich intensiver beschrieben vorgestellt.

Im Großen und Ganzen, von diesen paar wenigen Abstrichen abgesehen, habe ich „Running Girl“ aber eben doch sehr gerne gelesen, wie gesagt: in meinen Augen ein durchaus gelungener Jugendkrimi, der spezifisch eine Leserschaft ab 14 ansprechen könnte. Oder nee, auch schon ab 12. So mit 12, 13 würde ich Garvie wahrscheinlich als den Inbegriff der Coolness empfunden haben. ;)


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]