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Veröffentlicht am 01.01.2020

Phantasievolle Geschichte mit starkem Gegenwartsbezug

Das flüssige Land
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Als die promovierte Physikerin Ruth nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern sich auf der Suche nach deren früherem Leben macht, landet sie in Groß-Einland, wo die beiden aufgewachsen sind. Eine völlige Idylle, ...

Als die promovierte Physikerin Ruth nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern sich auf der Suche nach deren früherem Leben macht, landet sie in Groß-Einland, wo die beiden aufgewachsen sind. Eine völlige Idylle, in der die Menschen praktisch unbemerkt vom Rest der Welt leben, da die Gemeinde nirgendwo verzeichnet und nur schwer zugänglich ist. Dennoch verlängert Ruth ihren Aufenthalt dort eher widerwillig und fühlt sich überraschenderweise jedoch nach kurzer Zeit heimisch. Schnell ist sie Teil der Dorfgemeinschaft und die über allem thronende Gräfin gibt ihr zudem eine gute Arbeitsstelle. Doch es liegt Unheil über dem Dorf - Gegenwärtiges und Vergangenes. Ein riesiges Loch in der Erde droht Alles zu verschlingen, auch die Untaten während der Zeit des Dritten Reiches. Während Ruth versucht das Dorf zu retten, forscht sie gleichzeitig nach, was damals geschah.
Was für eine verrückte Geschichte! In der Zusammenfassung mag sich dies nicht so lesen, doch es sind die Details des Ganzen, die einen ungläubig den Kopf schütteln, gleichzeitig aber gebannt weiterlesen lassen. Ein ganzer Ort versinkt mehr und mehr im Untergrund, aber das Leben geht sogar trotz Todesfällen weiter wie gewohnt. Es wirkt wie ein potemkinsches Dorf, das von einer mysteriösen Gräfin für die BewohnerInnen aufrecht erhalten wird. Sie selbst bestimmt über die gesamte Gemeinde, sogar der Bürgermeister hält bei Allem still.
Literarisch gebildeten LeserInnen fällt natürlich bald auf, dass es sich hier um eine Parabel handelt. Wie im wahren Leben werden unschöne Dinge hier zwar nicht unter den Teppich, dafür aber in das Loch gekehrt - insbesondere Geschehenes während des II. Weltkrieges. Es wird geschwiegen um des lieben Friedens willen, denn wer hat schon etwas davon, wenn man die alten Dinge wieder hervorholt? Die Wahrheit ist zwar bekannt, doch hören geschweige denn aussprechen will sie niemand. Der Mensch an sich ist zudem bequem, weshalb also aufbegehren gegen etwas was einen nicht betrifft, solange man selbst es gut hat? Auch gegen die Gräfin, die trotz Abschaffung der Aristokratie über die gesamte Gemeinde bestimmt (auch, was es im Supermarkt zu kaufen gibt), gibt es keinen Widerstand, denn sie kümmert sich ja um Alle.
Ruth ist die Einzige, die Fragen stellt und zweifelt, doch je mehr sie Teil der Gemeinde wird, umso schwieriger fällt es ihr, ihre Nachforschungen weiter zu betreiben. Als Lesende fühlt man mit ihr und ihren widerstrebenden Gefühlen, zwischen der Suche nach der Wahrheit und der Zuneigung zu den Menschen, die sie mit dieser Suche verletzt.
Die Autorin packt eine Menge in diese Geschichte und gegen Ende ist es mir fast ein bisschen zu viel. Während ich mich zu Beginn noch völlig von den teils abstrusen Gegebenheiten faszinieren und unterhalten ließ, wurden die Andeutungen auf Konkretes jedoch ständig stärker und zahlreicher (zumindest kam es mir so vor), so dass das Faszinierende zusehends abnahm. Schade drum!

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Veröffentlicht am 21.12.2019

Sachen zum Lachen ;-)

Als ich in meinem Alter war
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Über 50 Texte sind in diesem 224 Seiten starken Taschenbuch versammelt, jeweils zwei bis zwölf Seiten lang. Manches mag einem bekannt vorkommen, denn einige Beiträge waren auch bereits im Fernsehen zu ...

Über 50 Texte sind in diesem 224 Seiten starken Taschenbuch versammelt, jeweils zwei bis zwölf Seiten lang. Manches mag einem bekannt vorkommen, denn einige Beiträge waren auch bereits im Fernsehen zu hören bzw. zu sehen. Die Mischung ist kunterbunt und reicht vom Ruhrgebiet und Fussball (auch ausserhalb ) über Politik bis hin zu gesellschaftlich wichtigen Themen wie Darmspiegelung und Fleischwurst.
So unterschiedlich die Themen, so verschieden auch die Qualität der Texte (zumindest nach meinem Geschmack). Manches ist der reine Nonsense (Zombies ergreifen die Macht oder Sträters Auftritt mit Senf im Gesicht), Anderes hat oder hatte durchaus Bezug zu bestimmten gesellschaftlichen Geschehnissen oder Verhältnissen. Wer was gut findet, ist natürlich Geschmackssache. Ich mag Sträters Humor sehr und so gefielen mir ca. zwei Drittel der Texte richtig gut, auch wenn es sich teilweise um völlig sinnfreies Geschreibsel handelt Der Rest war so naja, aber auch 'Ne, dass musste jetzt nicht sein' war dabei.
Alles in Allem ein schönes Potpourri für Menschen, die auch über völligen Blödsinn lachen können

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Veröffentlicht am 23.09.2019

Spannend und überraschend mit ein paar kleinen Schwächen

Die Stille vor dem Sturm
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Ein Segeltörn in die Karibik auf einer Luxusjacht - es verspricht ein herrlicher Urlaub zu werden. Von Gran Canaria aus soll es losgehen, drei Brüder aus reichem Haus und ein Freund mit ihren jeweiligen ...

Ein Segeltörn in die Karibik auf einer Luxusjacht - es verspricht ein herrlicher Urlaub zu werden. Von Gran Canaria aus soll es losgehen, drei Brüder aus reichem Haus und ein Freund mit ihren jeweiligen Freundinnen. Doch gleich der Start verläuft anders als geplant: Der jüngste Bruder lässt sich aus beruflichen Gründen plötzlich entschuldigen und schickt seine neue Freundin allein. Kurz danach auf hoher See nehmen sie einen schiffbrüchigen jungen Mann auf und als am nächsten Morgen eine Leiche aufgefunden wird, scheint alles klar zu sein. Doch als noch jemand stirbt, ist jeder verdächtig.

Der Großteil der Handlung spielt auf der Jacht und die Autorin vermittelt überzeugend die immer bedrückendere und spannungsgeladenere Atmosphäre, die bereits von Beginn an herrscht. Hahnenkämpfe und Zickenkrieg sind allgegenwärtig und als klar wird, dass es einen Mord gab, liegen die Nerven blank. Motive gibt es zuhauf und so könnte jede und jeder der bzw. die MörderIn sein. Ein zweiter Handlungsstrang beschreibt die Leiden eines Entführten und Gefangenen, wobei bis kurz vor Ende völlig unklar ist, welchem Zweck dieser Mensch dient.

Spannung ist somit garantiert, aber ein paar Dinge fand ich nicht so toll. Klar, die Geschichte spielt auf einer Segeljacht, sodass Fachausdrücke durchaus ihre Berechtigung haben. Aber über ein, zwei Seiten lang? Und in Sätzen, dass ich nur noch Bahnhof verstehe wie beispielsweise "Henning, wenn der Präser über dem Gennacker ist, luv ich an, du holst das Großsegel mit der Hydraulikwinsch dicht.". Glücklicherweise legt sich das in der zweiten Hälfte des Buches wieder, aber es hätte trotzdem nicht sein müssen.
Mein zweiter Kritikpunkt ist die Gefühlsduselei mancher Figuren und ihre Klischeehaftigkeit. Bereits auf den ersten hundert Seiten ist klar, wer zu wem gehört bzw. zu wem findet und damit als TäterIn ausgeschlossen wird. Und dass bei all dem Grauen und Entsetzlichen was geschieht, tatsächlich noch jemand auf die Schnelle die Liebe seines Lebens und sein/ihr wahres Ich entdeckt, fand ich völlig überzogen.
Der Schluss dann gipfelte in einem Showdown (!), der selbst Hollywoodmaßstäben gerecht werden würde. Ist schon an eine Verfilmung gedacht ? Action, Herz, Schmerz - für mich war das doch ein bisschen viel des Guten.

Nichtsdestotrotz: Spannend war das Buch bis zum Schluss!

Veröffentlicht am 08.08.2019

Als Film vermutlich grandios, als Buch 'nur' 3,5 Sterne

Der Kinderflüsterer
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In dem kleinen beschaulichen Örtchen Featherbank verschwindet ein Kind. Sofort werden Erinnerungen wach an die Geschehnisse, die sich vor zwanzig Jahren ereignet haben: Fünf Kinder wurden damals entführt ...

In dem kleinen beschaulichen Örtchen Featherbank verschwindet ein Kind. Sofort werden Erinnerungen wach an die Geschehnisse, die sich vor zwanzig Jahren ereignet haben: Fünf Kinder wurden damals entführt und getötet, der Täter sitzt seit langem hinter Gittern. Beginnt das Grauen nun von Neuem? Von all dem ahnen Tom und sein kleiner Sohn Jake nichts, als sie ihr neues Haus in Featherbank beziehen. Doch bald beginnt Jake sich seltsam zu verhalten und erzählt, er höre Stimmen am Fenster. Und da sei ein Junge im Boden ...
Bei diesen Vorschusslorbeeren ('bester Spannungsroman der letzten zehn Jahre" oder "anspruchsvoller, extrem überzeugender Thriller") kann ein Buch fast nur verlieren, denn die Erwartungen sind natürlich immens. Ob man dem Autor und seinem Werk damit einen Gefallen getan hat? Ich bin mir nicht sicher.
Auch wenn die Vermarktung des 'Kinderflüsterers' sehr auf einen Thriller hindeutet, ist es meiner Meinung nach viel mehr ein Roman (wie es auch auf dem Cover steht) mit Krimi- und mystischen Elementen. Zwar ist ein Teil des Buches der Suche nach dem verschwundenen Kind gewidmet, doch der Grossteil beschäftigt sich mit der Geschichte von Tom und seinem Sohn. Hier versucht der Autor eine unterschwellige Gefahr zu beschreiben, die sich leider aber nur ansatzweise abzeichnet. Wesentlich nachdrücklicher empfand ich die geheimnisvolle Atmosphäre um Jake, der über scheinbar übernatürliche Wahrnehmungen verfügt.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass bei einer Verfilmung die Umsetzung dieser Umgebung deutlich intensiver vermittelt werden kann, als es in diesem Buch der Fall ist. Zu kurz kommen wird mit grosser Wahrscheinlichkeit hingegen die Darstellung des 'Innenlebens' von Tom, der in der Ich-Form recht ausführlich und detailliert erzählt, wie er mit dem frühen Tod seiner Frau und dem Alleinleben mit Jake zurechtkommt bzw. eben nicht.
"Der Kinderflüsterer" ist weder ein reiner Spannungs- oder Gruselroman noch eine Vater-Sohn-Geschichte, sondern ein bisschen von Allem und wird damit leider keinem der Themen ganz gerecht. So ist es eine ganz angenehme Unterhaltung, aber bedauerlicherweise auch nicht mehr

Veröffentlicht am 25.07.2019

Jugend im Dritten Reich - eindringlich und bedrückend erzählt

Wo die Freiheit wächst
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1942 nehmen wir für mehrere Monate teil am Leben der 16jährigen Lene aus Köln. Der II. Weltkrieg ist in vollem Gange, immer öfter fallen Bomben und die Menschen verbringen zahlreiche Nächte im Keller. ...

1942 nehmen wir für mehrere Monate teil am Leben der 16jährigen Lene aus Köln. Der II. Weltkrieg ist in vollem Gange, immer öfter fallen Bomben und die Menschen verbringen zahlreiche Nächte im Keller. Während Lene hauptsächlich damit beschäftigt ist ihre Ausbildung zu machen und ihre Mutter und kleinen Geschwister zu versorgen, versucht sie dennoch, sich etwas Freiraum zu beschaffen. Zeiten, in denen man sich einfach des Lebens freuen kann. Als sie Erich kennenlernt, verbringen sie immer mehr Zeit zu zweit sowie mit seinen FreundInnen zum Wandern und Singen abseits der Hitlerjugend, was nicht gerne gesehen wird. Und bald merkt sie, dass es noch mehr gibt, was die jungen Menschen verbindet.
Erzählt wird in Briefen, die sich Lene meist mit ihrer besten Freundin schreibt, die zum Arbeitsdienst nach Schlesien geschickt wurde, sowie mit ihrem großen Bruder Franz, der im Osten an der Front ist. Und natürlich nicht zu vergessen Erich, von dem sie wider Erwarten öfter getrennt ist als ihr lieb ist. Alle beschreiben sehr bildhaft die Schrecken in ihrer Umgebung, wobei insbesondere durch Franz' Berichte schnell deutlich wird, wie geschönt die Radiomeldungen über den Kriegsverlauf sind.
Am ausführlichsten fallen Lenes Briefe aus, die detailliert über die Angriffe auf Köln erzählt. Aber sie vergisst auch nicht die anderen Gräueltaten in dieser Zeit: wie Menschen einfach verschwinden, weil sie etwas Falsches gesagt haben oder keine Arier sind. Die junge Frau macht sich ihre eigenen Gedanken, die deutlich von der herrschenden Meinung abweichen und die sie aus lauter Empörung nicht bei sich behalten kann.
Der Autor hat diese entsetzliche Zeit durch die Augen der jungen Menschen nach meinem Empfinden gut wiedergegeben, sodass man beim Lesen nur denken kann: So etwas darf NIE WIEDER passieren!
Dennoch: Zwei kleine Dinge haben mich etwas gestört. Zum Einen ist der Tonfall aller Briefe der gleiche. Würde man nicht auf den Inhalt achten, könnte man nicht sagen, wer gerade schreibt, was ich mir bei einem Soldaten an der Front und einem 16jährigen Mädchen nicht so ganz vorstellen kann.
Das Andere ist, dass ich mir einen etwas anderen Schwerpunkt des Buches vorgestellt hatte. Laut Untertitel handelt es um den Widerstand der Edelweißpiraten, tatsächlich aber sind Lene und ihre Familie der Mittelpunkt. Schade darum, denn darüber hätte ich schon gerne mehr erfahren. Trotzdem: ein lesenswertes Werk!