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Veröffentlicht am 05.01.2020

Grausam und genial

1794
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Nachdem ich im vergangenen Jahr 1793 gelesen hatte und mich das Buch sehr faszinierte, bekam ich auch 1794 zum Vorablesen und es ist fast noch besser.
Mickel Cardell ist nach den Ermittlungen des letzten ...

Nachdem ich im vergangenen Jahr 1793 gelesen hatte und mich das Buch sehr faszinierte, bekam ich auch 1794 zum Vorablesen und es ist fast noch besser.
Mickel Cardell ist nach den Ermittlungen des letzten Jahres erschöpft, trinkt wieder zu viel und lässt sich gehen. Cecil Winge dagegen ist an der Tuberkulose gestorben und begraben. Als eine Mutter Hilfe bei Mickel sucht, weil ihre Tochter in der Hochzeitsnacht angeblich von ihrem Ehemann grausam getötet wurde, sie diese Version aber nicht glaubt, rappelt er sich mühsam wieder auf. Zur Hilfe kommt ihm Erik Winge, der jüngere Bruder von Cecil, der aber nicht ganz richtig im Kopf ist. Auch Anna Stina taucht wieder auf, sie ist hoch schwanger und man hat sie in der Meerkatze vor die Tür gesetzt.
Das Buch ist stellenweise brutal und grausam bis zur Schmerzgrenze, manchmal musste ich die Lektüre unterbrechen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte. Trotzdem ist das Buch genial geschrieben, in einem leicht altertümlichen Ton, der aber nicht übertrieben ist. Niklas Natt och Dag hat es einfach drauf, man kann das Buch kaum aus der Hand legen und seine literarischen Qualitäten sind unumstritten. Beim Lesen entwickelt es eine ungeheure Wucht, der man sich nicht entziehen kann - und will!
Das Buch ist nicht nur einfach ein historischer Krimi, sondern ein Zeit- und Sittengemälde einer untergehenden Epoche. Während in Paris schon die Revolution in aller Grausamkeit wütet, steht hier der Kessel kurz vor der Explosion. Das lässt das Schlimmste im Menschen hervorkommen.
Unbedingt lesenswert!

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Eine schreckliche Familie

Die Garnett Girls
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"Die Garnett Girls" - das sind Rachel, Imogen und Sasha und dazu ihre Mutter Margo, die alles unter Kontrolle hat und nicht alt werde kann.
Vor vielen Jahren hat Richard seine Frau verlassen, er war Alkoholiker ...

"Die Garnett Girls" - das sind Rachel, Imogen und Sasha und dazu ihre Mutter Margo, die alles unter Kontrolle hat und nicht alt werde kann.
Vor vielen Jahren hat Richard seine Frau verlassen, er war Alkoholiker und hatte eine "Zweitfamilie". Margo hat dieses Ereignis so aus der Bahn geworfen, dass sie ein Jahr lang ihr Bett praktisch nicht verlassen hat. Die kleinen Kinder mussten sehen, wie sie klar kamen und Rachel hatte als Zehnjährige viel zu viel Verantwortung. Der Bruch in der Familie wirkt bis in die Zeit nach, in der das Buch spielt und man erkennt schnell, dass alle ein Trauma davongetragen haben.
Während Margo weiterhin ihre großen Feste feiert und mit ihren Liebhabern herumspielt, sind die jungen Frauen alle auf ihre Weise unglücklich. Das beschreibt Georgina Moore sehr eindrücklich und man leidet mit. Die Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern ist schrecklich oder nicht vorhanden, die einzig Vernünftige ist Margos Schwester Alice.
Das alles spielt sich vor der Kulisse der Isle of Wight ab, die wunderschön sein muss und auch so beschrieben wird. Der Gegensatz von der herrlichen Kulisse zu den zerrissenen Menschen hat mir gut gefallen.
Das Buch hat mich gefesselt und tief in die Probleme der Familie eintauchen lassen. Das ist nicht immer einfach zu verarbeiten und manchmal möchte man die Personen nehmen und schütteln, damit sie endlich zu Verstand kommen.
Eine richtig gute Lektüre!

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Veröffentlicht am 15.10.2024

Manchmal schwer zu ertragen

So gehn wir denn hinab
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Es gibt viele Bücher über die Sklaverei in den USA, allerdings wurde die Mehrzahl von Männern geschrieben. Nun hat mit Jesmyn Ward eine Frau dieses Thema aufgegriffen und ein ganz außerordentliches Buch ...

Es gibt viele Bücher über die Sklaverei in den USA, allerdings wurde die Mehrzahl von Männern geschrieben. Nun hat mit Jesmyn Ward eine Frau dieses Thema aufgegriffen und ein ganz außerordentliches Buch geschrieben.

Die junge Annis wächst als Tochter einer Schwarzen und ihres weißen "Sir" auf einer Farm in den Südstaaten auf, vermutlich ist sie die Frucht einer Vergewaltigung. Als ihre Mutter verkauft wird, bleibt sie allein zurück und muss sich gemeinsam mit ihrer besten Freundin Safi irgendwie durchschlagen. Doch dann werden auch die beiden Mädchen verkauft und gehen auf einen langen und gefährlichen Treck nach New Orleans. Safi gelingt es zu fliehen, Annis hört nie wieder von ihr. Sie selbst wird an eine "Lady" verkauft, die als sehr brutal bekannt ist, und muss viel erleiden. Doch dann versucht auch sie die Flucht.

Das Buch ist in einer sehr berührenden und zärtlichen Sprache geschrieben, ein sprachliches Meisterwerk! Manchmal ist es schwer zu ertragen, denn die Brutalität der Weißen ist furchtbar und ohne jegliche Empathie. Die Sklaven werden schlechter behandelt als das Vieh, sie sind jederzeit ersetzbar und man kann seine schlimmsten Triebe an ihnen ausleben. Da musste ich manchmal eine Pause einlegen, bevor ich weiterlesen konnte.

Annis flieht in den ganz besonders schlimmen Zeiten zu den Geistern ihrer Vorfahrinnen, doch auch sie lassen sie manchmal im Stich. Diese Teile des Buches waren mir manchmal zu stark betont und zu fremd, sonst hätte das Buch sicherlich die volle Punktzahl erhalten.

Trotzdem bin ich froh, dass ich durchgehalten habe, denn die Qualität des Buches ist unbestreitbar sehr hoch.

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Veröffentlicht am 09.10.2024

Gut gealtert

Kaltblütig
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"Kaltblütig" habe ich als Jugendliche vor über 50 Jahren gelesen. Ich weiß noch, dass das Buch mich damals erschreckt und beeindruckt hat, allerdings war mir viel von der Handlung entfallen.

Nun liegt ...

"Kaltblütig" habe ich als Jugendliche vor über 50 Jahren gelesen. Ich weiß noch, dass das Buch mich damals erschreckt und beeindruckt hat, allerdings war mir viel von der Handlung entfallen.

Nun liegt das Buch in einer neuen Übersetzung vor und ich habe es noch einmal gelesen. Es ist wirklich gut gealtert! Noch immer fasziniert die akribische Recherche Capotes, der alles über die ermordete Familie Clutter und ihre beiden Mörder wissen will. Akribisch beschreibt er die letzten Stunden der Familienmitglieder, akribisch dokumentiert er die Vorgeschichte der beiden Mörder und akribisch erzählt er die Geschichte des Prozesses bis zum bitteren Ende und dem Tod der beiden Täter am Strang. Eine solche Erzählweise war damals aufregend und neu, denn wir waren mit den etwas betulichen Krimis von Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle aufgewachsen. Hier dagegen stießen wir auf die grausame und unbeschönigte Realität. Da wird nichts ausgespart, auch nicht die Vergewaltigungsfantasien, die einen der Mörder umtreiben, oder die kaltblütige Gewalt, mit der sie die Morde begehen.

Capote ist auch im Nachhinein noch immer ein Meister seines Fachs und noch immer sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 17.09.2024

Gratwanderung

Die Frauen jenseits des Flusses
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Kristin Hannah widmet sich in diesem Buch einem fast vergessenen Kapitel der amerikanischen Geschichte. Der Vietnamkrieg war lang, vergeblich und forderte viel zu viele Todesopfer auf beiden Seiten. Dass ...

Kristin Hannah widmet sich in diesem Buch einem fast vergessenen Kapitel der amerikanischen Geschichte. Der Vietnamkrieg war lang, vergeblich und forderte viel zu viele Todesopfer auf beiden Seiten. Dass auch Frauen in Vietnam stationiert waren, entzog sich bisher meiner Kenntnis, sie waren vorwiegend im medizinischen Bereich tätig.
Eine davon ist die fiktive Frances McGrath, die nach dem Tod ihres Bruders in Vietnam als Krankenschwester dort tätig werden will. Sie ist idealistisch und hofft andere junge Männer retten zu können, wenn sie es bei ihrem Bruder schon nicht geschafft hat. Doch dann knallt sie hart auf den Boden der Realität. Die Arbeit bringt sie an die Grenzen ihrer körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit und als sie nach zwei Jahren in die Heimat zurückkehrt, wird sie mit ihren Alpträumen und Flashbacks vollkommen allein gelassen. Sie versucht irgendwie wieder in den normalen Alltag zurückzufinden, aber das gelingt ihr nicht.
Wie man in den USA mit den Veteranen und Veteraninnen des Vietnamkrieges umging, das ist ein bitteres und beschämendes Kapitel. Erst zehn Jahre nach dem Ende des Krieges wurde ein Mahnmal für die Gefallenen eingeweiht. Die Leiden der Verletzten wurden kaum anerkannt, viele wurden drogensüchtig oder begingen Selbstmord. Durch Agent Orange erkrankten viele an Krebs und Frauen erlitten Fehlgeburten.
Das alles schildert Hannah am Beispiel von Frances sehr eindrücklich und intensiv. Dabei gelingt ihr die Gratwanderung, den Krieg nicht zu verherrlichen oder die Soldaten zu heroisieren. Sie hat sehr gut recherchiert und bleibt nah an der oft schrecklichen Realität. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen und möchte es doch manchmal, denn einige Stellen sind schwer auszuhalten.
Ein sehr gutes Buch mit einem Thema, das auch bei uns zu oft vergessen wird!

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