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heinoko

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.02.2020

Ein Schmuckkästchen für Fundstücke

Reading Notes: Blüten
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Bücher sind für mich schützenswert wie Lebewesen. Deshalb wirkt es geradezu schmerzhaft auf mich, wenn Menschen in Bücher hineinschreiben oder Sätze unterstreichen oder, schlimmer noch, Seiten umknicken, ...


Bücher sind für mich schützenswert wie Lebewesen. Deshalb wirkt es geradezu schmerzhaft auf mich, wenn Menschen in Bücher hineinschreiben oder Sätze unterstreichen oder, schlimmer noch, Seiten umknicken, den Büchern also in irgendeiner Form Gewalt antun. Was macht man aber, wenn man während des Lesens auf Sätze trifft, die einen anspringen, Sätze, die man im Gedächtnis behalten möchte?

Der Thiele Verlag hat sich darüber Gedanken gemacht und mit dem vorliegenden Büchlein eine schöne Lösung gefunden. „Mein Buch der schönsten Sätze“ ist ein fein und aufwändig gestaltetes Geschenkbüchlein, eingebunden in Leinenstruktur mit zeitlosen Blütenranken verziert. Es ist etwas biegsam und mit Lesebändchen versehen, sodass es handlich und alltagstauglich einzusetzen ist. Je 2 Seiten sind pro Buch vorgesehen, man schreibt auf wohltuend glattem Papier. Besonders gut gefallen mir die eingestreuten Vignetten, die mit feinem Federstrich gezeichnet wie aus alter Zeit wirken. Auf den letzten Seiten des Büchleins kann man wunderbare Buchlisten erstellen wie z. B. „Bücher, die mich zutiefst berührt haben“ oder „Bücher, die ich gerne verschenke“. Einzig schade, dass die Überschrift „Bücher, die in meiner Jugend mein größter Schatz waren“ einen bösen Schreibfehler enthält.

Fazit: Ein schön gestaltetes und wohldurchdachtes Büchlein, das sich über die Jahre hinweg zu einem ganz persönlichen Schatzkästlein entwickeln kann. Denn es lohnt sich allemal, literarische Fundstücke sorgsam aufzubewahren.

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Veröffentlicht am 16.02.2020

Welch ein kraftvolles Buch

Ein halbes Herz
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Elin, eine überaus erfolgreiche Fotografin, seit vielen Jahren in New York lebend, erschafft permanent Inszenierungen, und dies sowohl hinter ihrer Kamera als auch im privaten Leben. Alles ist schön, ...


Elin, eine überaus erfolgreiche Fotografin, seit vielen Jahren in New York lebend, erschafft permanent Inszenierungen, und dies sowohl hinter ihrer Kamera als auch im privaten Leben. Alles ist schön, geschönt, ist Kunst und kunstvoll, künstlich, nichts von der Person Elin ist wirklich fassbar. Niemand hat Zutritt zu ihrem Inneren. Das wahre Leben, das lebendige, oft schmerzhafte, bleibt außen vor. Elin ist die perfekte Fassade, die perfekte Fiktion. Das Echtsein hat sie längst vergessen. Erst als Sam, ihr Mann, es nicht mehr aushält und sie verlässt, kommt Elins routiniertes Schein-Leben in Bewegung. Ein unerwarteter Brief aus Elins Heimat Schweden lässt zudem mit aller Macht Erinnerungen an ihre Kindheit in Gotland über sie hereinbrechen. Doch erst ihre 17-jährige Tochter Alice schafft es, dass Elin bereit wird, sich ihrer Kindheit und einem damit verbundenen tief in der Seele vergrabenen tragischen Geheimnis zu stellen.

Welch ein kraftvolles Buch hat Sofia Lundberg da geschrieben. Es hinterlässt tiefe Eindrücke, denn die Autorin schreibt in starken Bildern und sehr bewegend. In zwei Zeitebenen erzählt sie vom Leben Elins. Zunächst liegt der Schwerpunkt in der Gegenwart 2017 in New York. Elin fotografiert Models, ihre Fotos zeigen makellose Schönheit. Einen harten Kontrast dazu bilden die aufblitzenden kurzen Erinnerungsfetzen an die Kindheit in Gotland, beginnend im Jahr 1979, einer Zeit großer Armut, mit einer Mutter, die unberechenbar zwischen Gleichgültigkeit und Wut schwankt, gleichzeitig aber auch der Halt durch eine tiefe kindliche Freundschaft zu Frederik, ihrem Seelenverwandten. Je mehr das glatte New Yorker Leben ins Wanken gerät, je intensiver werden die Erinnerungen an Gotland, und die Leser durchleben den äußerst schmerzhaften Prozess, dem sich Elin stellen muss. Erst im letzten Drittel des Buches erfährt man, wieso Elin zu solch einer makellosen Kunstfigur wurde. Und es bricht dem Leser schier das Herz. Ein erschreckend intensives Buch über die immense Kraft der in die Seele eingebrannten Erinnerungen, die sich nicht darum scheren, ob sie wahr sind oder Lüge.

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Veröffentlicht am 13.02.2020

Schräg und lebensklug

Von Menschen und Eseln
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Was ist dieses Buch? Ein Roman? Ein Märchen? Eine Familiengeschichte? Eine philosophische Betrachtung? Von allem etwas und doch nichts davon, so denke ich. Denn Schubladendenken ist nicht geeignet, sich ...


Was ist dieses Buch? Ein Roman? Ein Märchen? Eine Familiengeschichte? Eine philosophische Betrachtung? Von allem etwas und doch nichts davon, so denke ich. Denn Schubladendenken ist nicht geeignet, sich diesem Buch zu nähern. Besser ist es, mit nichts als Neugier im Gepäck die Seiten aufzuschlagen und sich forttragen zu lassen.

Die Geschichte „Vom Esel, der fliegen wollte“, sehr stimmig illustriert von Gino Caspari, stellt den Mittelteil des Buches dar, sowohl trennend als auch verbindend, allemal symbolisch passend. Teil 1 beschreibt das Leben von Filomena, Teil 2 das Leben von Lionel, dem Sohn von Filomena. Der Leser wandert durch die Jahre, beginnend 1938 und endend 2015. Mehr erzähle ich nicht vom Inhalt, denn besser ist es, mit nichts als Neugier im Gepäck… siehe oben.

Mit dem vorliegenden Buch kann man sich lange beschäftigen. Man begegnet Menschen, die einen nicht mehr loslassen, sei es durch ihre Hilflosigkeit dem Schicksal gegenüber, sei es durch eine in ihnen steckende ganz besondere gute oder schreckliche Kraft. Nicht nur die in bitterer Armut und von ihren Brüdern gequält aufwachsende Filomena oder der ansteckend fröhlich-positive Jean, auch dieser still-nachdenkliche Lionel und all die anderen im Buch auftauchenden Nebenfiguren sind vom Autor so eindringlich, geradezu schmerzhaft eindrücklich gezeichnet, dass man sie nicht mehr vergisst. Es wird viel gestorben in diesem Buch, mit stillen oder grausamen, erlösenden oder qualvollen, überraschenden oder erwarteten Toden. Und es wird viel geliebt, mit Brachialgewalt oder ganz schwerelos. Dem Autor gelingt es auf beeindruckende Weise, dem Leser mit tiefem Ernst und verschmitztem Lächeln gleichermaßen seine Geschichte der Grundfragen des Lebens vorzusetzen. „Ich möchte den Tod zum Leben erwecken“, schreibt der Autor in seiner Schlussbemerkung, und erzählt im Epilog von einer viel besuchten sprechenden Eselskulptur auf dem Grab von Lionel. Schräg und lebensklug, wie es besser nicht geht.

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Veröffentlicht am 06.02.2020

Herzerfrischend und liebenswert

Helsin Apelsin und der Spinner
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Helsin ist ein fröhliches Mädchen, das allerdings zugegebenermaßen gerne die erste Geige spielt. Und genau daraus entsteht auch ihr Hauptproblem: Denn wenn sie etwas ärgert, zum Beispiel wenn etwas nicht ...


Helsin ist ein fröhliches Mädchen, das allerdings zugegebenermaßen gerne die erste Geige spielt. Und genau daraus entsteht auch ihr Hauptproblem: Denn wenn sie etwas ärgert, zum Beispiel wenn etwas nicht nach ihrem Kopf geht, dann bekommt sie einen „Spinnerten“, also einen Wutausbruch, der es in sich hat. So passiert es, dass sie dem neuen Mitschüler Louis die Nase blutig haut, als er sich über ihren komischen Namen lustig macht. Dass sie ihm schließlich auch noch seinen Leguan klaut, führt zu einer Fülle neuer Probleme, aus der Helsin beinahe keinen Ausweg mehr findet.

Leider enthält das Buch etliche schlimme Trennungsfehler. Hier wurde offensichtlich nicht korrekturgelesen, das ist schade. Denn das Buch begeistert Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Es ist fröhlich und schildert bewundernswert einfühlsam die wechselnden Gefühle von Helsin. Eine Zwergenklasse voller Individualisten lernen wir kennen. Jeder der Mitschüler ist besonders, kann etwas besonders gut. Natürlich machen Kinder Fehler. Aber wie schön, Fehler können vergeben werden und nichts ist so schlimm, dass es nicht möglich wäre, dem Ganzen durch Einsicht und Mut zur Entschuldigung letztlich doch noch eine gute Wendung zu geben.

Ganz besonders begeistert mich die Sprache der Autorin. So bildhaft, so malerisch, so intensiv, dass man manche Schilderungen gar nicht mehr vergisst. Wenn sich zum Beispiel das Glück warm wie ein frischer Pudding im Magen ausbreitet oder Opa ein Gesicht wie zerknülltes Papier hat oder Helsin Lieder mag, die am traurigschönsten klingen. Feine und feinste Beobachtungen und Gefühlswechsel werden locker-heiter beschrieben, und so manches Kind findet sich darin wieder und dadurch verstanden. Von Eifersucht und Freundschaft, von Rache und Ehrlichkeit und von vielen weiteren Themen, die im Alltag der 8- bis 10-Jährigen eine wichtige Rolle spielen, erzählt Stefanie Höfler auf liebevoll-kluge Weise. Die Zeichnungen von Anke Kuhl ergänzen das Buch auf perfekte Weise, denn sie geben ausdrucksstark die ganze Bandbreite der Emotionen wieder. Ein wunderbar herzerfrischendes Kinderbuch

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Veröffentlicht am 31.01.2020

Spannendes Lesefutter

Abgefackelt
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Es handelt sich um den zweiten Band über den Rechtsmediziner Paul Herzfeld, der noch sehr angeschlagen ist von seinem letzten Fall. Deshalb versetzt ihn sein Chef von Kiel auf eine ruhigere Stelle in ...


Es handelt sich um den zweiten Band über den Rechtsmediziner Paul Herzfeld, der noch sehr angeschlagen ist von seinem letzten Fall. Deshalb versetzt ihn sein Chef von Kiel auf eine ruhigere Stelle in die Pathologie nach Itzehoe. Doch genau dort blickt Herzfeld auf eine Brandruine, in der das Klinikumarchiv mit zahllosen Akten und Gewebeproben dem Feuer zum Opfer gefallen waren, zusammen mit dem Pathologen Doktor Petersen. Ein schrecklicher Suizid, wird Herzfeld erklärt. Aber je mehr Ungereimtheiten Herzfeld entdeckt, umso tiefer gerät er einem Skandal ungeheueren Ausmaßes auf die Spur und er selbst in größte Lebensgefahr.

Man muss den ersten Band nicht gelesen haben, es gibt im Verlauf des Buches genügend Hinweise auf die Vorgeschichte Paul Herzfelds. Der Thriller zwingt den Leser von der ersten Seite an in seinen Bann und treibt ihn durch die Seiten. Die kurzen Kapitel verstärken seine Sogwirkung, der man sich, hat man zu lesen begonnen, nicht mehr entziehen kann. Sehr wohltuend habe ich empfunden, dass sich die Szenenwechsel in Grenzen halten, sodass sich das Buch von Anfang bis Ende leicht und flüssig lesen lässt. Der Autor Michael Tsokos ist Professor für Rechtsmedizin. Diese Fachkenntnis spricht aus nahezu jeder Seite des Buches. Die vielen Details bei Obduktionen und Leichenschauen verraten den Mann vom Fach, was dem Leser so manchen Schauer über den Rücken jagt. Gleichzeitig sind gerade diese Szenen besonders interessant, weil man hier von Erfahrungen, nicht von Autorenfantasien ausgehen kann. Gut und Böse mögen ein wenig klischeehaft eingesetzt sein, was aber der Spannung keinen Abbruch tut. Etwas irritiert hat mich die Uneinheitlichkeit des Schreibstils: Da gibt es auf der einen Seite einen spröde, altväterlich wirkenden Satzbau und unnatürlich und konstruiert wirkende wörtliche Reden, dann wieder findet man gekonnt flüssig-spannend geschriebene Sequenzen. So als ob zwei Seelen, ein Wissenschaftler und ein Schriftsteller, gemeinsam abwechselnd geschrieben hätten.

Fazit: Absolut spannendes Lesefutter. Die mit großer Fachkenntnis geschriebenen harten und sehr beeindruckenden Szenen bzw. Schilderungen sind allerdings nichts für empfindliche Gemüter.

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