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Veröffentlicht am 26.03.2020

Beeindruckender Roman über einen unfreiwilligen Spion

Der Empfänger
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REZENSION – Eine ungewöhnliche und faszinierende Mischung aus Familiengeschichte und historischem Spionageroman ist Ulla Lenzes (46) fünftes Buch „Der Empfänger“, das kürzlich im Klett-Cotta-Verlag erschien. ...

REZENSION – Eine ungewöhnliche und faszinierende Mischung aus Familiengeschichte und historischem Spionageroman ist Ulla Lenzes (46) fünftes Buch „Der Empfänger“, das kürzlich im Klett-Cotta-Verlag erschien. Aus überlieferten Briefen und dem Lebenslauf ihres Großonkels entwickelte sie die wechselvolle Lebensgeschichte eines jungen Auswanderers, der aus purer Gleichgültigkeit und politischem Desinteresse in New York eher versehentlich zum Mitläufer der Nazis und unmerklich zu einem Rädchen im Getriebe deutscher Spionage wird. Es ist die Geschichte eines „kleinen Mannes“, der 1939 durch eine unüberlegte Entscheidung unerwartet, unbedarft und wehrlos zwischen die Fronten der kriegführenden Parteien gerät.
Bereits Anfang der Zwanziger Jahre war Josef Klein als junger Mann aus dem Rheinland in die USA ausgewandert. Doch richtig „angekommen“ ist er auch 1939 noch nicht. Er blieb alle Jahre ein heimatloser Niemand, von den Amerikanern nicht angenommen, den deutschen Emigranten fern geblieben, die vor Kriegsbeginn in antisemitischen und rassistischen Gruppierungen aktiv sind. Josef Klein lebt davon unberührt sein Leben im multikulturellen Harlem, liebt den Jazz und pflegt sein Hobby als Amateurfunker. Doch ausgerechnet seine technische Fähigkeiten als Funker fallen einer solchen Nazi-Gruppe auf, die ihn ohne sein Wissen für ihre Spionagetätigkeit ausnutzt. Viel zu spät erkennt Josef das Verhängnis seiner unbedachten Mitwirkung, meldet dies dem FBI, das ihn als Doppelagent verpflichtet. Nach Kriegseintritt der USA wird Josef auf Ellis Island interniert, erst 1949 nach Deutschland abgeschoben, wo er in Neuss im Haus seines Bruders aufgenommen wird. Doch auch hier bleibt der Entwurzelte heimatlos und setzt sich mit Hilfe früherer Nazi-Kontakte aus New York zunächst nach Argentinien, dann nach Costa Rica ab. Erst dort entwickelt der inzwischen über 50-Jährige nach längerem Aufenthalt heimatliche Gefühle. Doch auch hier lässt ihn seine Vergangenheit nicht ruhen: Sein Bruder schickt ihm eine Stern-Reportage über den Einsatz des deutschen Geheimdienstes in Amerika.
„Der Empfänger“ ist die Geschichte eines unfreiwilligen Agenten und Mitläufers ohne Überzeugung oder Schuldbewusstsein. Auch in Lenzes Roman, der kapitelweise zwischen New York (1939/1940), Deutschland (1949/1950) und schließlich Lateinamerika (1953) wechselt, geht es wie in den meisten Büchern über die Zeit des Nazi-Regimes und der Nachkriegsjahre um Schuld und Moral, um Verantwortung und Verantwortungslosigkeit. Aus Josefs Sicht waren es die anderen, die ihn missbraucht und nicht sein Leben haben leben lassen. „Einfach ein Mensch sein, dachte er. ... Einfach sein. Irgendwann kam die Einsicht, dass einfaches Sein das Schwierigste war. Alle wollten irgendetwas aus einem machen - und sei es, einen Deutschen, der nichts dafür konnte, Deutscher zu sein.“ Die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld sind fließend: Je nach Betrachtungsweise war er Täter, aber auch Verräter. Im Grunde blieb er ein Niemand, ein „Empfänger“ von Weisungen anderer, die er gefällig und bedenkenlos ausführte, um im Alltag seine Ruhe zu haben. Ulla Lenzes Roman hat keinen Helden. Vielleicht ist gerade dies das Einzigartige und Beeindruckende, vielleicht sogar Erschreckende an ihrem Buch: Josef Klein könnte jeder sein, jeder von uns.

Veröffentlicht am 22.03.2020

Spannende Vision einer nahen Zukunft

Qube
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REZENSION – Mit seinem zweiten dystopischen Zukunftsroman „Qube“ sprengt der deutsche Schriftsteller Tom Hillenbrand (48) nicht nur die literarischen Dimensionen seiner früheren Werke, kannten viele Leser ...

REZENSION – Mit seinem zweiten dystopischen Zukunftsroman „Qube“ sprengt der deutsche Schriftsteller Tom Hillenbrand (48) nicht nur die literarischen Dimensionen seiner früheren Werke, kannten viele Leser ihn doch vielleicht nur durch seine kulinarischen Krimis um den Luxemburger Koch und Privatermittler Xavier Kieffer, sondern zugleich die räumlichen und zeitlichen Grenzen menschlicher Existenz, die in seinem ersten SciFi-Roman „Hologrammatica“ (2018) noch gewahrt schienen.
Der Kampf gegen die Klimakrise ist trotz Einsatzes von künstlicher Intelligenz längst verloren, die vergleichsweise kühlen Regionen Grönlands, Kanadas und Sibiriens sind inzwischen bevorzugte Urlaubsgebiete der auf zwei Milliarden dezimierten Erdbevölkerung. Menschen lassen ihr Gehirn digitalisieren, in künstlichen Körpern (Gefäßen) hochladen und streben nach ewigem Leben. Rohstoffe werden seit Jahren schon auf fernen Planeten und Asteroiden abgebaut. Doch hat der Mensch die schon einmal (2048) verlorene Kontrolle über die Künstliche Intelligenz KI tatsächlich beim zweiten Turing-Zwischenfall 2088 zurückgewonnen?
Hillenbrands zweiter Roman „Qube“ aus der SciFi-Reihe setzt drei Jahre nach Handlungsende von „Hologrammatica“ ein. Der Investigativjournalist Calvary Doyle, der in dieser Frage recherchiert, wird 2091 in London auf offener Straße niedergeschossen. Er besaß anscheinend beunruhigende Informationen über bisher unbekannte Folgen des zweiten Turing-Zwischenfalls. Die auf KI-Gefahrenabwehr spezialisierte UNO-Agentin Fran Bittner, der wir im weiteren Handlungsablauf in galaktische Fernen bis auf die andere Seite unseres Sonnensystems folgen, wird mit der Ermittlung beauftragt.
Wie schon in „Hologrammatica“ entführt uns Hillenbrand wieder in seine dystopische und doch mit dem Jahr 2091 gar nicht so weit entfernte Zukunft, in der unser aktuelles Thema der Klimaerwärmung längst abgehakt ist, Nationen aufgelöst und die UNO als globale und sogar interstellare Sicherheitsbehörde arbeitet. Die Menschen leben mit ihren digitalisierten Hirmen in wechselnden künstlichen Körpern und holographischen Welten. Ein weltweites Holonet lässt uns kaum noch erkennen, was echt und was nur eine Scheinwelt ist.
Auf unvorbereitete Leser ohne technisches Interesse mag Hillenbrands komplexe, in ihren Details so ausgezeichnet erdachte und logisch abgestimmte Zukunftswelt mit ihrer Vielzahl an Fachausdrücken vielleicht zu Beginn der Lektüre wie eine Tsunami-Welle einstürzen. Doch auch wer „Hologrammatica“ nicht kennt und das in „Qube“ im Anhang befindliche Glossar mit Erläuterung der technischen Begriffe zuvor nicht gelesen hat – kaum jemand wird beim Lesen hin- und zurückblättern wollen -, wird sich allmählich in diesen Folgeband, seine erstaunliche Zukunftswelt und die einzelnen Charaktere einfinden und von der sich mit zunehmender Spannung entwickelnden Handlung gepackt werden.
„Qube“ ist - wie schon zuvor „Hologrammatica“ - kein locker unterhaltender SciFi-Roman, sondern eine auf wissenschaftlichen Fakten basierende, dennoch fiktionale Zukunftsvision um die schon heute zu spürende Angst mancher Menschen vor möglicher Übernahme durch Künstliche Intelligenzen. Dabei mag man stellenweise weniger die scheinbar allmächtige KI als bedrohlich empfinden, sondern vielmehr erschreckt die Vorstellung, dies alles könne noch vor der Jahrhundertwende die Lebenswelt unserer Urenkel sein. „Qube“ ist ein vor allem im zweiten Teil überaus spannender, phantasievoller Zukunftsroman, der plausibel erscheinende Antworten auf Zukunftsfragen gibt, aber auch neue Fragen aufwirft, die Stoff für weitere Hologrammatica-Romane von Tom Hillenbrand bieten.

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Veröffentlicht am 18.02.2020

Spannender Krimi und US-Gesellschaftsstudie

Darktown (Darktown 1)
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REZENSION – Am Beispiel der ersten afroamerikanischen Polizeitruppe in Atlanta, die 1948 gegen den Widerstand der weißen Einwohner eingesetzt wurde, beschreibt Schriftsteller Thomas Mullen (46) in seinem ...

REZENSION – Am Beispiel der ersten afroamerikanischen Polizeitruppe in Atlanta, die 1948 gegen den Widerstand der weißen Einwohner eingesetzt wurde, beschreibt Schriftsteller Thomas Mullen (46) in seinem beeindruckenden und auf erschreckende Weise aktuellen Krimi „Darktown“ (2018; Dumont-Verlag) die Problematik im Nebeneinander von Schwarz und Weiß. Seitdem sind 70 Jahre vergangen, doch gerade in unserer Zeit treibt der Rassismus wieder neue Blüte – nicht nur in den USA, auch in Europa.
Drei Jahre nach Ende des Weltkriegs buhlt der weiße Bürgermeister von Georgias Hauptstadt Atlanta um die Wählerstimmen der erstmals zur Wahl zugelassenen Afroamerikaner. Als Signal seines guten Willens gibt er dem Police Department Anweisung, eine erste Einheit aus schwarzen Polizisten aufzustellen: Acht Männer sollen im Schwarzenviertel „Darktown“ zu Fuß und nur mit Gummiknüppel bewaffnet für Recht und Ordnung sorgen. Sie dürfen keine Weißen kontrollieren und schon gar nicht verhaften, das Polizeihauptquartier dürfen sie wenn überhaupt nur durch den Nebeneingang betreten, ihre eigene Zentrale liegt im Keller des YMCA in „Darktown“. Die weißen Polizisten sind ihnen gegenüber feindselig, selbst die schwarze Bevölkerung ist misstrauisch. Als die Ermordung einer jungen Schwarzen von den weißen Polizisten nicht weiter verfolgt wird, nehmen sich Lucius Boggs und Tommy Smith, zwei Cops der neuen Einheit, unerlaubt dieses Falles an – bald mit Unterstützung des weißen Polizisten Denny Rakestraw. Alle drei riskieren damit nicht nur ihre Jobs, sondern auch ihr Leben.
Zweifellos gibt es Romane, die sich ernsthafter und differenzierter mit der Rassenproblematik der Vereinigten Staaten sowohl zu damaliger wie auch heutiger Zeit auseinandersetzen. Mullen macht es sich zweifellos zu einfach, die durchweg „guten“ Afroamerikaner den überwiegend „schlechten“ und korrupten weißen Cops gegenüber zu stellen. Dennoch gelingt es gerade Mullens Krimi „Darktown“, seine europäischen Leser mit dieser komplexen Problematik leicht verständlich vertraut zu machen. Sein historischer Roman passt punktgenau in unsere Zeit, in der auch in Deutschland ein wachsender Rassismus zu spüren ist: Zwar beschreibt Mullen die damalige Situation in den amerikanischen Südstaaten, aber er macht uns damit zugleich auf die bis heute ungelöste Rassenproblematik und den grassierenden, heute oft unterschwelligen Rassismus im Allgemeinen aufmerksam.
So gesehen, ist Thomas Mullens für höchste US-Literaturpreise nominierter Roman „Darktown“ weit mehr als ein Krimi, sondern vielmehr eine faszinierende und sehr einfühlsam geschriebene Gesellschaftsstudie. Vor allem durch seine schlichte Erzählweise des schwierigen Alltags dieser acht schwarzen, von allen Seiten angefeindeten oder zumindest misstrauisch beäugten Polizisten wirkt dieser Roman umso eindringlicher.
Ein Kompliment gebührt auch Übersetzer Bernie Mayer (45), dass er es bei den heute als diskriminierend empfundenen, zur damaligen Zeit aber nicht nur in den Südstaaten selbstverständlichen Begriffen „Negroes“ und „Nigger“ belassen hat. Gerade dies trägt zur beklemmenden Authentizität des Romans „Darktown“ zusätzlich bei. Im November 2019 ist bereits der zweite Band „Weißes Feuer“ erschienen.

Veröffentlicht am 08.02.2020

Ein Thriller der besonderen Art

Wolves – Die Jagd beginnt (Ein New-Scotland-Yard-Thriller 3)
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REZENSION – Der im Januar bei Ullstein erschienene Roman „Wolves – Die Jagd beginnt“ ist ein lesenswerter Thriller. Und doch: Wer erst jetzt mit diesem bereits dritten Band in die New-Scotland-Yard-Thrillerreihe ...

REZENSION – Der im Januar bei Ullstein erschienene Roman „Wolves – Die Jagd beginnt“ ist ein lesenswerter Thriller. Und doch: Wer erst jetzt mit diesem bereits dritten Band in die New-Scotland-Yard-Thrillerreihe des britischen Schriftstellers Daniel Cole (37) einsteigt, wird Mühe haben, das mehr oder minder enge Verhältnis der vielen Protagonisten zu durchschauen und ihr Handeln zu verstehen. Denn zu oft setzt Cole genaue Vorkenntnisse aus seinen vorangegangenen Romanen „Ragdoll – Dein letzter Tag (2017) und „Hangman – Das Spiel des Mörders“ (2018) voraus. Andererseits zwingt gerade diese Tatsache alle Neueinsteiger zu erhöhter Aufmerksamkeit und sorgt zugleich für zusätzliche Spannung und Erwartung, der Antwort anfangs noch offener Fragen und der Lösung dieses Mordfalles endlich näher zu kommen.
So ist beim ersten Erscheinen des früheren Detectives William Oliver Layton-Fawkes, nach seinen Initialen „Wolf“ genannt, völlig unverständlich, warum er viele Monate untergetaucht war und noch immer von der Polizei gesucht wird. Trotz der ihm drohenden Festnahme sieht er sich nur deshalb zum Auftauchen gezwungen, weil sein väterlicher Freund, der pensionierte Polizist Finlay Shaw, angeblich Selbstmord begangen hat. Darauf deuten zumindest die Indizien, weshalb der Fall bereits abgeschlossen ist. Doch William Fawkes ist überzeugt, Shaw hätte niemals seine krebskranke Ehefrau Maggie nach Jahrzehnten glücklicher Ehe allein zurückgelassen. Außerdem sind Gründe für einen Selbstmord nicht erkennbar, nicht einmal ein Abschiedsbrief wurde gefunden. Gemeinsam mit seiner früheren Kollegin Emily Baxter nimmt sich William „Wolf“ Fawkes des Falles an und entdeckt schließlich, Finlays Tod könne mit jenem spektakulären Drogenfund vor fast 40 Jahren in Verbindung stehen, durch den der damals noch junge Polizeianfänger zum Helden wurde.
Kenner dieser Thrillerreihe treffen in „Wolves“ auf alte Bekannte aus den zwei ersten Bänden, deren Vielzahl es Neueinsteigern aber schwer macht, sie alle spontan auseinander zu halten oder einander richtig zuzuordnen. Es gehört schon Konzentration dazu, um das Miteinander oder Gegeneinander der Personen deuten zu können. Erst durch kapitelweise eingeschobene Rückblenden wird das Handeln der verschiedenen Charaktere allmählich verständlich und auch das Motiv für den „perfekten Mord“ erkennbar.
Trotz aller inhaltlichen und personellen Verbindungen zu den Vorgängerbänden schildert „Wolves – Die Jagd beginnt“ eine in sich abgeschlossene, plausibel aufgebaute Handlung, der es dank einer unterhaltsamen Mischung aus Spannung und Action, aus viel Humor, aber ebenso viel Ernsthaftem bis hin zu menschlicher Tragik an nichts fehlt. Immer wieder schafft es Daniel Cole, uns durch unerwartete Wendungen auf neue Fährten zu locken. Vor allem im Finale des Buches gelingt ihm dies auf besondere Weise: Während andere Thriller üblicherweise mit dem Auffinden des Täters schließen, setzt Cole noch eins drauf und lässt seinen Roman erst mit einem überraschenden, für William „Wolf“ Fawkes aber notwendigen Coup des gesamten Ermittler-Teams enden.
Dieser trotz anfangs genannter Kritikpunkte letztlich doch sehr spannende Thriller lebt durch seine klare Sprache, kurze Sätze und viele Dialoge, worin sich Cole als professioneller Drehbuchautor auskennt. Gespickt mit viel schwarzem Humor und voller Sarkasmus hat der 37-jährige Bestseller-Autor zweifellos seinen ganz eigenen Schreibstil gefunden, der seine lesenswerte Thrillerreihe, die nicht ohne Grund bereits in 34 Ländern erscheint, wirklich zu etwas Besonderem macht.

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Veröffentlicht am 13.12.2019

Dieser Takeda-Krimi gleicht einem Politthriller

Inspektor Takeda und das doppelte Spiel
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REZENSION – Waren die ersten drei Romane um den japanischen Austausch-Inspektor Kenjiro Takeda, dem „ungewöhnlichsten Helden der deutschen Krimi-Szene“ vergleichsweise harmlose, aber sehr vergnügliche ...

REZENSION – Waren die ersten drei Romane um den japanischen Austausch-Inspektor Kenjiro Takeda, dem „ungewöhnlichsten Helden der deutschen Krimi-Szene“ vergleichsweise harmlose, aber sehr vergnügliche Krimis, wenn man allein an die japanischen Teestunden im Hamburger Morddezernat denkt, fällt doch der vierte, im August veröffentlichte Band „Inspektor Takeda und das doppelte Spiel“ völlig überraschend aus dem gewohnten Rahmen. Was Autor Henrik Siebold, Pseudonym für den in Hamburg lebenden Journalisten und Schriftsteller Daniel Bielenstein (59), diesmal abgeliefert hat, ist ein erstaunlichen Politthriller. Trafen in den ersten Bänden in den Charakteren Ken Takedas und seiner Kollegin Claudia Harms lediglich unterschiedliche Mentalitäten und Kulturen aufeinander, prallen in diesem vierten Band geradezu unterschiedliche Welten aufeinander. Zudem behandelt der Autor historische und aktuelle gesellschaftspolitische Probleme beider Länder und zeigt am Beispiel des Neonazismus mögliche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede.
Dabei beginnt auch dieser Band mit scheinbar normalem Dienst bei der Hamburger Mordkommission: Takeda wird nachts in einen abgelegenen Gewerbehof gerufen, wo man die Leiche eines jungen Mannes gefunden hatte, der, wie Takeda schnell herausfindet, brutal hingerichtet wurde. Das für Takeda besonders Erschütternde ist, dass es sich bei dem Toten um einen prominenten Landsmann handelt, einen Profifußballer beim HSV. Folgerichtig vermuten Takeda und Claudia Harms anfangs ein Verbrechen im Fußballmilieu. Der Täter, der die Hinrichtung vornahm, ist bald gefunden, und damit der Fall für Takedas und Harms' Vorgesetzte auffallend schnell abgeschlossen, was beide Polizisten stutzig macht, da sie bereits mysteriöse Hintergründe im Leben des japanischen Fußballers ermittelt hatten, die bis in die japanische Mafia (Yakuza) reichen. Deshalb entscheiden sich beide zu einem spontanen „Urlaub“, um in Japan weiter zu ermitteln.
Mit diesem in Japan spielenden Kapitel sprengt Siebold den aus den Vorgängerbänden gewohnten räumlichen Rahmen und erweist sich als jener Japan-Experte, der er durch mehrjährigen Aufenthalt und seine Arbeit für eine japanische Tageszeitung ist. In diesem Kapitel lernt der Leser nicht nur Vieles über das heutige Japan, sondern erfährt auch Wichtiges über das alte Japan der 1940er Jahre und dessen Pakt mit den Nazis. Fast scheint es, als sei der Autor am Ende selbst überrascht, was aus seinem Krimi wurde. Denn Siebold ergänzt seinen Roman um ein seitenlanges Nachwort mit Erläuterungen zu neureligiösen Sekten mit Anleihen am Zen-Buddhismus, zur japanischen Yakuza und zu einem Bündnis alter Fanatiker, die davon träumen, das historische Achsenbündnis zwischen Japan und Deutschland wieder aufleben zu lassen.
Gelegentlich übertreibt es Siebold in seinen Actionszenen. Wenn zum Beispiel Ken Takeda, von unzähligen Kugeln der Yakuza-Killer getroffen, immer noch Schwerter schwingend weiterkämpft. Aber Vieles andere in diesem historisch-politisch interessanten Thriller entschädigt. So sieht man doch gern über solche Schwachstellen hinweg.„Inspektor Takeda und das doppelte Spiel“ ist ein spannender, trotz seiner Menge an Wissenswertem immer noch sehr unterhaltsamer Krimi, den es durchaus zu lesen lohnt. Ob dieser vierte Band der letzte dieser unterhaltsamen japanisch-deutschen Krimireihe sein wird, ist nicht gesichert. Der ungewöhnlich fulminante Handlungsrahmen und die Tatsache, dass Takeda und Harms sich am Ende endlich „kriegen“, scheint das Finale allerdings zu bestätigen. Schade!