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Veröffentlicht am 17.08.2020

Familiendynamik

Ein Sonntag mit Elena
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Eine Dramaturgin als Ich-Erzählerin eines Romans ist eine ausgezeichnete Wahl. Giulia ist die junge Frau vom Theater, die in "Der Sonntag mit Elena" berichtet, was ihr Vater an jenem titelgebenden Tag ...

Eine Dramaturgin als Ich-Erzählerin eines Romans ist eine ausgezeichnete Wahl. Giulia ist die junge Frau vom Theater, die in "Der Sonntag mit Elena" berichtet, was ihr Vater an jenem titelgebenden Tag erlebte. Sie war zwar nicht dabei, hatte zu dieser Zeit nicht einmal Kontakt zu ihm, doch haben er und Elena Jahre später ausführlich von ihrer zufälligen Begegnung berichtet. Giulia brachte die Geschehnisse zu Papier, reicherte sie mit eigenen Kindheitserinnerungen, der Familiengeschichte und Betrachtung über die Ehe der Eltern an, ergänzte sie um passende Erlebnisse aus ihrem Alltag, schmückte aus oder unterschlug, was sie nicht preisgeben wollte.

Ein Tag…
An jenem lange zurückliegenden Sonntag hatte der Vater in Erwartung des Besuchs seiner ältesten Tochter Sonia und deren Familie erstmals selbst gekocht. 67 Jahre war er alt, seit acht Monaten Witwer und einsam. Der Kontakt zu Giulia war abgebrochen, der Sohn Alessandro arbeitete in Helsinki und auch Sonia war aus Turin hinaus aufs Land gezogen. Nach einem Arbeitsleben als Brückenbauer auf Baustellen weltweit hatte der Vater sich seinen Ruhestand anders vorgestellt:

"Das Leben hatte ihn mit interessanten Menschen zusammengebracht, mit denen er ebenso angenehme wie oberflächliche Beziehungen geführt hatte, kurzlebige Freundschafen, die die Zeit mit der Unerbittlichkeit eines Jahreszeitenwechsels gekappt hatte. Er verzehrte sich geradezu danach, sich in einer verwandten Seele zu spiegeln, aber da war niemand…" (S. 57)

Als Sonia überraschend absagen musste, stand dem Vater ein weiterer einsamer Sonntag bevor, mit Bergen von gekochtem Essen, aber ohne Appetit. Bis er am Skatepark zufällig die dreißig Jahre jüngere Witwe Elena mit ihrem 13-jährigen Sohn Gaston traf, beide genauso einsam wie er – und hungrig dazu. Mit Gaston hatte der Vater endlich wieder einen interessierten Zuhörer an seinen Ingenieursabenteuern, mit Elena konnte er über seine unerfüllten Träume fürs Alter reden und Anteil an ihren Problemen nehmen. Der unverhoffte Einklang heiterte alle auf:

"Elena prostete ihm zu. „Danke“, sagte sie. „Heute Morgen beim Aufwachen hatte ich den Kopf voller Schatten. Alle haben Sie nicht verjagt, aber ein paar schon. Danke dafür, wirklich.“" (S. 120)

… und noch viel mehr
Wer nun eine mehr oder weniger kitschige Liebesgeschichte erwartet, liegt zum Glück daneben. Nur für kurze Zeit bleibt das ungleiche Trio in Kontakt, doch es reicht für neue Impulse. Als sich Elena und der Vater Jahre später noch einmal begegnen, sind die Karten neu gemischt, nicht zuletzt aufgrund jenes Sonntags.

Mir hat die Erzählweise Giulias sehr gut gefallen, besonders ihre Überlegungen zu sich verändernden Eltern-Kind-Verhältnissen und die Hommage an die Mutter. Diese ertrug die Abwesenheit des Vaters scheinbar stoisch, stellte eigene Ambitionen zurück und fragte mehr, als sie von sich preisgab. Ganz anders der Vater, Held von Guilias Kindheit, der lieber erzählte, und zu dem sie erst über Umwege wieder einen Zugang fand.

Lesenswert und hübsch gemacht
Der Turiner Autor Fabio Geda nennt mit Kent Haruf und Elizabeth Strout zwei Vorbilder, die ich ebenfalls sehr schätze. Ein Sonntag mit Elena ist ein kleiner, stiller und lesenswerter Roman in deren Tradition. Das Cover passt vorzüglich zum Inhalt des handlichen Büchleins ohne Schutzumschlag, den ich mit einem Lächeln beendet habe.

  • Einzelne Kategorien
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.08.2020

Licht und Schatten eines Musikerlebens

Der letzte Satz
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Die letzte Überfahrt Gustav Mahlers 1910 von New York nach Europa bildet den Rahmen für den nur 126 Seiten starken Roman "Der letzte Satz" von Robert Seethaler. Der bereits vom Tode gezeichnete Dirigent ...

Die letzte Überfahrt Gustav Mahlers 1910 von New York nach Europa bildet den Rahmen für den nur 126 Seiten starken Roman "Der letzte Satz" von Robert Seethaler. Der bereits vom Tode gezeichnete Dirigent und Komponist, der im Mai 1911 mit nur 50 Jahren in Wien verstarb, weiß um sein nahes Ende. Während seine Frau Alma und die sechsjährige Tochter Anna den Vormittag unter Deck verbringen, sitzt Mahler oben, eingewickelt in Wolldecken und umsorgt von einem kindlichen Schiffsjungen in feiner, viel zu großer Uniform, seinem einzigen Gesprächspartner:

"Den Kopf gesenkt, den Körper in eine warme Wolldecke gewickelt, saß Gustav Mahler auf dem eigens für ihn abgetrennten Teil des Sonnendecks der Amerika und wartete auf den Schiffsjungen. Das Meer lag grau und träge im Morgenlicht. Nichts war zu sehen außer dem Tang, der in schlierigen Inseln an der Oberfläche schwamm, und einem überaus merkwürdigen Schimmern am Horizont, das aber, wie ihm der Kapitän versichert hatte, absolut nichts bedeutete." (Romanbeginn S. 7)

Zeit für eine Bilanz
Eingebettet in diese Rahmenhandlung lässt Robert Seethaler Mahler auf die Licht- und Schattenseiten seines Lebens zurückblicken. Zeitlebens war er kränklich, litt unter dem "Desaster eines sich selbst verzehrenden Körpers" und seiner zarten Gestalt, unter Migräne, Schlaflosigkeit, Schwindelanfällen, Mandelentzündungen, Hämorrhoiden, Magen- und Herzbeschwerden. Trotz dieser körperlichen Einschränkungen und seiner jüdischen Herkunft stieg Mahler zum größten Dirigenten seiner Zeit und gefeierten Komponisten auf. An Deck wandern seine Gedanken zurück in seine Zeit als Direktor der Wiener Hofoper zwischen 1897 und 1907, zu seinem Wirken in New York, Konzertreisen in zahlreiche europäische Städte, Komponier-Sommer in Toblach sowie zur monumentalen Uraufführung der Achten Symphonie 1910 in München vor 4000 Zuhörern.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht als Wiener Operndirektor schien sein Glück vollkommen, als er 1902 mit der 19 Jahre jüngeren Alma eine der schönsten und begehrtesten Frauen Wiens heiratete. Alma stammte aus bestem Haus, war klug und Mahlers große Liebe. Nach dem frühen Tod der älteren Tochter Maria verschlechterte sich jedoch das Verhältnis der Ehepartner zu seinem großem Kummer zusehends und Alma verließ ihn nur wegen seines sich abzeichnenden Todes nicht für den „Baumeister“, den im Roman nicht namentlich genannten Walter Gropius:

„Alles, woran ich einmal geglaubt habe, existiert nicht mehr. Vielleicht war es auch nie da. […] Ich wollte dich, du warst Gustav Mahler, das Genie, und ich habe mich in dich verliebt. In deine Hände. In deinen Mund. In deine idiotisch hohe Stirn. Es war ein Traum, und wir haben ihn eine Zeitlang gemeinsam geträumt. Aber jetzt bin ich aufgewacht.“ (S. 88/89)


Mensch Mahler
Mir hat dieses kleine Büchlein mit den meisterhaften Übergängen zwischen Gegenwart und Erinnerungen und Robert Seethalers beneidenswerter Kunst der knappen Worte gut gefallen, auch wenn es nicht an seinen überragenden Roman "Ein ganzes Leben" oder an "Der Trafikant" heranreicht. Viel Erfahren habe ich über den Menschen Gustav Mahler, sein Leben, seine Melancholie, seine Träume - so wie Seethaler sie sich vorstellt, wenig dagegen über seine Musik, was Mahler dem Schiffsjungen aber plausibel erklärt:

„Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“ (S. 65)

Veröffentlicht am 08.04.2020

Jäger und Gejagte

Das wirkliche Leben
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Der abendliche Besuch des Eismanns mit seinem Wagen in der Siebzigerjahre-Fertighaussiedlung am Wald ist ein wiederkehrender Höhepunkt im ansonsten bedrückenden Alltag der namenlosen Ich-Erzählerin und ...

Der abendliche Besuch des Eismanns mit seinem Wagen in der Siebzigerjahre-Fertighaussiedlung am Wald ist ein wiederkehrender Höhepunkt im ansonsten bedrückenden Alltag der namenlosen Ich-Erzählerin und ihres jüngeren Bruders Gilles. Doch der Traum vom Eis mit Sahne wird zum Alptraum, als an einem Sommerabend die Sahnemaschine explodiert und das Gesicht des freundlichen Verkäufers zerfetzt. Ein Ereignis, das alles verändert, und nicht das letzte Gesicht, das in dieser Geschichte zerstört wird.

Ein Trauma und seine Folgen
Vielleicht hätte das traumatische Erlebnis in einer funktionierenden Familie aufgefangen werden können, der sechsjährige Gilles wäre nicht versteinert und hätte sein Milchzahnlächeln behalten. So aber fühlt sich die zehnjährige Schwester verpflichtet, den geliebten Bruder zu retten und ihm sein Lächeln zurückzugeben. Stattdessen nimmt die Leere in seinen Augen beständig zu:

"Da begriff ich, dass die Druckwelle der Explosion einen Zugang zu Gilles‘ Kopf freigelegt und das Monster, das unter unserm Dach hauste, diesen Zugang genutzt hatte, um sich in meinem kleinen Bruder einzunisten."

„Das Monster“ ist die ausgestopfte Hyäne im Trophäenzimmer des Vaters, eines passionierten Großwildjägers, der die ängstliche Mutter vor den Augen der Kinder brutal misshandelt. Ist er nicht auf Jagdreise, ist sie seine Beute.

Die Zeit zurückdrehen
In der Ich-Erzählerin reift ein fantasievoller Plan zu Gilles‘ Rettung vor seinen Dämonen. Eine Zeitmaschine könnte nicht nur den Tod des Eismanns, sondern auch die Gewaltexzesse des Vaters ungeschehen machen:

"Da rief ich mir ins Gedächtnis, dass das, was ich da sah, letztlich nicht von Bedeutung war – weil ich schon bald mit meiner Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen würde. In meiner neuen Zukunft, in meinem wirklichen Leben würde all das nicht geschehen."

Während der Bruder mit zunehmendem Alter seine Aggressionen an wehrlosen Tieren austobt und zusehens unter den Einfluss des Vaters gerät, muss die Ich-Erzählerin sich von der unmittelbaren Umsetzung ihres Planes verabschieden. Sie wendet sich stattdessen der Physik zu, die ihre große Leidenschaft wird. Aber auch hier lauert Gefahr:

"… denn allmählich begriff ich, dass das kleinste bisschen Ambition meinerseits ihn [den Vater] feindselig stimmte. Er erwartete von mir, dass ich wie meine Mutter wurde. Eine schlaffe, leere Hülle ohne eigene Ziele und Wünsche."

Zunehmend wird auch sie zur Beute des Vaters und zum Ziel seiner sadistischen Einfälle. Anders als die Mutter ist sie jedoch nicht bereit, die Opferrolle widerspruchslos anzunehmen:

"Tief in meinem Innern wuchs etwas heran, das größer, das gewaltiger war als ich. […] Dieses Tier wollte meinen Vater verschlingen. Und all die, die mir Böses tun wollten. Und es brüllte so laut, dass es die Finsternis zerriss. Ich war keine Beute mehr. Damit war Schluss. Und auch kein Raubtier. Ich war ich und dieses Ich war durch nichts totzukriegen."

Gewalt und innere Stärke
Das Romandebüt der 1982 geborenen belgischen Dramaturgin und Theaterschauspielerin Adeline Dieudonné, ein Verkaufserfolg in Frankreich, wartet mit schockierend brutalen, für mich teilweise kaum erträglichen Gewaltszenen auf. Andererseits haben mich die innere Stärke der Protagonistin, ihr unbändiges Streben nach einem besseren Leben und der ungeschminkt-sachlich wirkende Bericht über fünf Horrorjahre sehr beeindruckt.

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Veröffentlicht am 26.02.2020

Eine Stimme gegen das Verdrängen und Vergessen

Rote Kreuze
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Wurden in Russland unter Jelzin viele Archive geöffnet, so liegen diese Dokumente über die Stalinzeit in der Putin-Ära erneut unter Verschluss und sind unzugänglich, soweit nicht in anderen Ländern Kopien ...

Wurden in Russland unter Jelzin viele Archive geöffnet, so liegen diese Dokumente über die Stalinzeit in der Putin-Ära erneut unter Verschluss und sind unzugänglich, soweit nicht in anderen Ländern Kopien vorliegen. Sasha Filipenko, 1984 in Minsk geborener, in St. Petersburg lebender Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller, hat für seinen Roman "Rote Kreuze" vor allem im Archiv des Roten Kreuzes in Genf recherchiert und macht die Korrespondenz zwischen dem Internationalen Roten Kreuz und der Sowjetregierung während des Zweiten Weltkriegs teils als Originaltexte, teils im Rahmen der Romanhandlung zugänglich. Nach Isabelle Autissiers "Klara vergessen" ist dieser Roman bereits der zweite über die Greuel der Stalinära im Literaturfrühling 2020 für mich.

Raffinert konstruiert
Die 91-jährige Tatjana Alexejewna lebt in Minsk. Ihre fortschreitende Alzheimererkrankung erklärt sie so:

"Aber jetzt, wo in meinem Leben alles vorbei ist… jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst, mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse. Alzheimer ist die Zerstörung des Weges zu ihm, und mein Alzheimer ist die stärkste Bestätigung, dass er mich fürchtet."

Bevor die Erkrankung ihr nicht nur das Kurzzeitgedächtnis, sondern auch die Erinnerung an ihre „Biographie der Angst“ raubt, möchte sie Bericht ablegen und wählt dafür den Ich-Erzähler des Romans, Alexander, der soeben mit seiner kleinen Tochter in die Nachbarwohnung einzieht. Er ist eigentlich mit seinen eigenen Dämonen beschäftigt, doch kann er sich bald dem Gehörten nicht mehr entziehen. So sehr fesselt ihn schließlich Tatjanas Schicksal, dass er sogar über ihren Tod hinaus den letzten Puzzlestein sucht.

Eine unglaubliche Lebensgeschichte
Tatjanas Bericht ist die unglaubliche Geschichte einer Frau, die, 1910 als Tochter russischer Eltern in London geboren, 1920 mit ihrem Vater nach Russland kam und ab 1930 als Fremdsprachensekretärin für das NKID, das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten, in Moskau arbeitete. Dass ihr Mann während des Zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft geriet, machte ihn und seine Familie gemäß Stalins Befehl Nr. 270 vom August 1941 zu Volksfeinden:

"Kommandeure und Politkader, die sich im Gefecht die Dienstabzeichen abreißen und ins Hinterland absetzen oder sich dem Feind als Kriegsgefangene ergeben, sind als verwerfliche Desserteure zu betrachten, und ihre Familien sind als Angehörige von eidbrüchigen und landesverräterischen Fahnenflüchtigen zu verhaften…"

Damit ist das Schicksal von Tatjana, ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter besiegelt.

Eine neue Stimme
Mit Alexander und Tatjana lässt Sasha Filipenko zwei völlig unterschiedliche literarische Figuren durch ihre Trauer und Einsamkeit zueinanderfinden. Während Tatjana stellvertretend für viele russische Opfer des 20. Jahrhunderts und dafür zurecht im Mittelpunkt steht, hätte mir für Alexander weniger Dramatik genügt. Auch hätte ich gerne noch mehr die literarische Stimme Filipenkos zulasten der journalistischen vernommen. Dass der Roman jedoch trotz aller bedrückenden Details aus der Zeit der Stalin-Diktatur und danach so gut lesbar ist, zeugt von seiner Qualität, genauso wie das in verschiedenem Zusammenhang wiederkehrende Motiv der titelgebenden roten Kreuze. Ich wünsche mir deshalb, dass bald auch die anderen drei Romane Filipenkos auf Deutsch erscheinen.

Veröffentlicht am 20.02.2020

Lebenskreise mit Schnittmengen

Echo des Schweigens
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Angelehnt an den Fall des 2005 in einer Gefängniszelle in Dessau verbrannten Sierra-Leoners Oury Jalloh ist der Roman "Echo des Schweigens" von Markus Thiele. Dass der Autor selbst Rechtsanwalt ist, macht ...

Angelehnt an den Fall des 2005 in einer Gefängniszelle in Dessau verbrannten Sierra-Leoners Oury Jalloh ist der Roman "Echo des Schweigens" von Markus Thiele. Dass der Autor selbst Rechtsanwalt ist, macht das Buch für mich besonders wertvoll, denn im Mittelpunkt steht der Interessenskonflikt des Anwalts Dr. Hannes Jansen, der sich zwischen Recht und Gewissen entscheiden muss. Das Dilemma tut sich bereits auf den ersten Seiten auf: Während seines Abschlussplädoyers im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Magdeburg erhält Jansen den Beweis für die Schuld seines Mandanten zugespielt, doch ist ihm als Strafverteidiger der „Parteiverrat“ gesetzlich untersagt.

Ein neues Gutachten sorgt für ein Wiederaufnahmeverfahren
Nur einer Ausnahmeregelung ist es zu verdanken, dass das Verfahren gegen den Vorzeigekommissar mit tadellosem Führungszeugnis und liebevollen Familienvater Maik Winkler nach dem ursprüngichen Freispruch überhaupt wiederaufgenommen werden kann, denn eigentlich gilt „Ne bis in idem“, der Grundsatz aus Artikel 103 des Grundgesetzes, nach dem dieselbe Tat nicht zweimal angeklagt werden darf. Ein neues Gutachten aus der Rechtsmedizin der Charité beweist jedoch zweifelsfrei, dass das Opfer, der in seiner Zelle verbrannte, offenbar zuvor misshandelte und an Armen und Beinen gefesselte Senegalese Abba Okeke, sich nicht wie zuvor angenommen selbst angezündet haben kann. Als einziger Tatverdächtiger gilt trotz des angeblichen Alibis Kriminaloberkommissar Winkler.

Für Hannes Jansen, den ehrgeizigen Anwalt mit Geldsorgen und Aufstiegsambitionen ist der Prozess die große Chance, auf die er lange gewartet hat. Bei einem Sieg in diesem von den Medien und der Politik gleichermaßen beachteten Verfahren winkt die lukrative und prestigeträchtige Teilhaberschaft in der Kanzlei. Erst spät erfährt er, dass die Gutachterin ausgerechnet Dr. Sophie Tauber ist, die Frau, in die er sich soeben erst verliebt hat. Sie wird nun zu seiner schäfsten Gegnerin im Prozess.

Mehrere Handlungsstränge
Nach einem kurzen Blick in den Gerichtssaal am letzten Prozesstag, der gerade so viel verrät, wie die Spannung erfordert, wird das Geschehen um das Verfahren, die Liebesgeschichte von Sophie und Hannes und Sophies Recherchen bezüglich ihrer eigenen Familiengeschichte, ausgelöst durch den Tod ihrer Mutter, vom September 2017 bis September 2018 chronologisch erzählt.

Unterbrochen wird die chronologische Abfolge der mit einer Zeitangabe überschriebenen Kapitel von Abschnitten aus den Jahren 1938 bis 1942 sowie 1948 und 1979. Eine jüdische Großmutter, die in Auschwitz ums Leben kam, ein Verrat unter Brüdern, der erzwungene „Parteiverrat“ eines Anwalts vor einem NS-Gericht und eine späte Rache haben mehr mit Sophie Tauber und Hannes Jansen zu tun, als die beiden sich in ihren kühnsten Träumen vorstellen konnten…

Ein Roman mit Thrillerqualitäten
Die Frage nach der Postition des Verteidigers im Strafprozess war für mich als juristischem Laien mit einer Vorliebe für Gerichtskrimis von besonderem Interesse, doch habe ich die Rückblicke in das Leben von Sophies Großmutter und Mutter fast genauso gerne gelesen. Einzig die allzu großen Zufälle haben mich an der ein oder anderen Stelle gestört. Davon abgesehen kann ich den flüssig geschriebenen Roman mit dem angenehm großzügigen Layout als ausgesprochen spannende und informative Lektüre empfehlen.