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Veröffentlicht am 08.04.2020

Erschreckend realistische und verstörende Geschichte

Die Parade
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Dave Eggers Roman „Die Parade“ spielt in einem unbenannten Land, in dem bis vor kurzem Bürgerkrieg herrschte, in der jetzigen Zeit. Auf Anordnung des Unternehmens, für das die zwei Protagonisten arbeiten, ...

Dave Eggers Roman „Die Parade“ spielt in einem unbenannten Land, in dem bis vor kurzem Bürgerkrieg herrschte, in der jetzigen Zeit. Auf Anordnung des Unternehmens, für das die zwei Protagonisten arbeiten, sind deren Namen anonymisiert, was konkret heißt, dass die beiden sich mit einstelligen Zahlen anreden, die sie sich selbst ausgesucht haben. Ihre Aufgabe besteht darin, eine bereits planierte und verdichtete Straße mittels einer Maschine zu asphaltieren und zu markieren. Sie ist 230 Kilometer lang und führt von der quirligen Hauptstadt im Norden in den ländlich geprägten Süden, Für die Arbeiten ist ein Zeitraum von höchstens zwölf Tagen vorgesehen. Der Plan muss eingehalten werden, denn die fertige Straße soll für die große angekündigte Parade, die als Zeichen für den Anbruch friedlicherer Zeiten stattfinden soll, zur Verfügung stehen.

Der Protagonist „Vier“ ist ein erfahrener Tiefbauarbeiter, der schon viele Aufträge zur Zufriedenheit für das Unternehmen durchgeführt hat. Er beherzigt die Ratschläge der Firma in Bezug auf das Verhalten vor Ort gegenüber den Einheimischen und die Empfehlungen in Bezug auf den Verzehr von Speisen und Getränken. Doch nicht nur Zuverlässigkeit, sondern auch Durchsetzungskraft sind ihm zu eigen, darum sieht er sich auch als weisungsgebend seinem Kollegen „Neun“ gegenüber, was dieser aber nicht akzeptieren will. Vier wird die Maschine fahren, während Neun mit einem Quad vorausfährt und mögliche Hindernisse beseitigt. Für Neun ist es der erste Auftrag. Er hat seine eigenen Auffassungen vom Umgang mit Land und Leuten hat. Sein Vorteil ist die Kenntnis der Sprache. Schon kurz nach dem Kennenlernen stellt Vier fest, dass die Arbeitsbeziehung sich schwierig gestalten könnte.

Dave Eggers stellt zwei sehr unterschiedliche Charaktere gegenüber mit jeweils einer anderen Auffassung davon, wie die aufgetragene Arbeit zu erfüllen ist. Während für Vier, auch aufgrund seiner langjährigen Erfahrung, die strikte Erfüllung des Solls im Vordergrund steht und er Kontakte zu Einheimischen durchaus auch als gefährlich einstuft, interessiert sich Neun für die fremde Kultur und genießt neue, ungewöhnliche Angebote mit allen Sinnen. Konfliktpotential ist von Beginn an reichlich vorhanden. Mit einer gewissen Spannung verfolgte ich die Auseinandersetzungen. Die Folgen des jeweiligen Verhaltens waren zunächst fast absehbar, wurden dann aber überraschend.

Neun ist stolz darauf, wertvolle Hilfe bei der Fertigstellung der Straße leisten durch das Unternehmen für das er arbeitet leisten zu können. Sie wird eine schnellere Verbindung schaffen, was vor allem dem Handel zwischen den Regionen zugutekommen wird und die Wiederaufbauarbeiten des Landes werden schneller möglich. Allerdings wird der Transportweg nicht nur für Güter des täglichen Bedarfs zur Verfügung stehen, sondern in dem korrupten Land auch Möglichkeiten zur rascheren Verbreitung unerwünschter Ware bieten.

„Die Parade“ von Dave Eggers ist eine erschreckend realistische und verstörende Geschichte, die einerseits für Völkerverständigung und Kulturausstauch steht, andererseits aber unserer Skepsis Fremdländischen und Unbekanntem gegenüber Nahrung gibt. Der Schluss wird nicht jedem Leser gefallen, wäre aber durchaus denkbar. Gerne vergebe ich hierzu eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 24.03.2020

Ruhig und mit viel Feingefühl erzählter Roman

Die Glasschwestern
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„Die Glasschwestern“ im gleichnamigen Roman von Franziska Hauser sind die Zwillinge Dunja und Saphie. Aufgewachsen sind die beiden Frauen vor fast vierzig Jahren in einem kleinen Dorf im Osten Deutschlands. ...


„Die Glasschwestern“ im gleichnamigen Roman von Franziska Hauser sind die Zwillinge Dunja und Saphie. Aufgewachsen sind die beiden Frauen vor fast vierzig Jahren in einem kleinen Dorf im Osten Deutschlands. Ihr Vater war Glasbläser und hat für seine Töchter gerne Schmuck aus Glas hergestellt, den die beiden gerne trugen. Das führte zu ihrem Spitznamen und damit zum Titel des Buchs.

Zu Beginn des Romans, der in der Gegenwart spielt, führt Saphie ein Hotel in der Heimat. Dunja lebt etwa 60 Kilometer entfernt in der Großstadt und unterrichtet dort deutsch. Sie hat zwei erwachsene Kinder, war aber mit deren Vater Winne nie verheiratet und lebt inzwischen von ihm getrennt. Dennoch trifft es sie tief, als Winne stirbt. Auch Saphie ist bestürzt und traurig, viel mehr aber noch darüber, dass ihr Ehemann Gilbhart zufällig am gleichen Tag aus dem Leben scheidet.

Die beiden Schwestern sind vom Charakter her sehr verschieden. Dunja ist von Kindheit an eher zurückhaltend und ängstlich, Saphie dagegen stellt sich den ihr übertragenen Aufgaben und zeigt dabei kaum Furcht. Welche Gefühle Saphie dabei wirklich hat, lernt sie immer mehr zu unterdrücken. Stattdessen schlüpft sie in eine Rolle, in der sie der Welt ihr wahres Gesicht und Wesen verweigert. Als Inhaberin eines Hotels kommt sie in vielen Dingen einfach ihrer Pflicht nach. So war es ursprünglich nicht geplant. Denn früher hat sie sich eigentlich ein Leben in der Stadt erträumt und auch bei Dunja haben sich ihre jugendlichen Vorstellungen von der Zukunft nicht erfüllt. Gerne hätte sie die Werkstatt ihres Vaters übernommen, doch durch die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze ist dieser Traum geplatzt.

Durch den Tod ihrer Partner ist plötzlich eine riesige Veränderung für beide da. Es hat immer Phasen gegeben, in denen die Schwestern einander brauchten und genauso haben sie gelernt einander loszulassen und ihren eigenen Weg zu gehen, denn trotz räumlicher Distanz wussten sie immer, dass es jemanden gab, der sie im Hilfsfalle unterstützen würde. Jetzt ist es wieder soweit, Dunja sucht die Nähe von Saphie und zieht vorläufig in deren Hotel. Während Dunja versucht, sich mit Arbeit von ihrem Kummer abzulenken, zieht Saphie sich zunehmend zurück und durchbricht damit ihre tägliche Routine, die viele Erinnerungen an ihren Mann mit sich bringen.

Franziska Hauser beschreibt detailreich die sich über mehrere Monate hinziehenden Veränderungen im Wesen der Zwillinge, was sich auch dadurch ausdrückt, dass zunächst Dunja diejenige ist, die mehr im Fokus steht und sich dieser zum Ende hin eher auf Saphie richtet. Die Schwestern kennen sich genau und jede weiß von der anderen, wie diese in welcher Situation reagieren würde. Beide blicken immer wieder auf ihr Leben an der Seite ihres jeweiligen Partners zurück. Bis zum Schluss bleiben Winne und Gilbhart unvergessen und nehmen weiter einen breiten Platz in den Gedanken der Zwillinge ein. Mir persönlich war das im Rahmen der charakterlichen Änderungen unverständlich, zumal es mir erschien, dass aufgrund diverser Differenzen in beiden Beziehungen schon lange keine oder nur noch wenig Liebe im Raum steht.

„Die Glasschwestern“ von Franziska Hauser ist ein ruhig erzählter Roman, in dessen Mittelpunkt die Zwillinge Dunja und Saphie stehen. Die Autorin beschreibt detailliert und bewegend mit sehr viel Feingefühl wie beide sich aufgrund des plötzlichen Verlusts ihres Ehemanns beziehungsweise früheren Partners charakterlich verändern und sie in kleinen Schritten ihre dadurch gewonnene Chance auf eine von ihnen neu gestaltete Zukunft nutzen. Gerne empfehle ich den Roman an empathische Leser weiter.

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Veröffentlicht am 21.03.2020

Authentische Charaktere, realistische Darstellung und ein schlichter, ergreifender Erzählstil

Die Bagage
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Das Jahr 1914 ist schicksalsträchtig für die Familie der Autorin Monika Helfer, denn damals wurde im September ihr Großvater zum Wehrdienst eingezogen. Aber sie erzählt in ihrem Roman „Die Bagage“ nicht ...

Das Jahr 1914 ist schicksalsträchtig für die Familie der Autorin Monika Helfer, denn damals wurde im September ihr Großvater zum Wehrdienst eingezogen. Aber sie erzählt in ihrem Roman „Die Bagage“ nicht nur die Geschichte ihrer Großeltern und deren Kinder, sondern erinnert sich auch an Episoden aus ihrem eigenen Leben.

Ihre Großeltern Josef und Maria Moosbrugger wohnten ganz am Ende eines kleinen Dorfs in Vorarlberg auf einer Anhöhe. Ihr kleiner Bauernhof stand dort recht einsam, der Boden war karg und die Arbeit darauf mühsam. Später sollte das Paar einmal sieben Kinder haben, zur Zeit der Einberufung waren es vier. Grete, die Mutter von Monika Helfer wurde zu Kriegszeiten geboren. Wer Gretes Vater tatsächlich ist, weiß wohl nur Maria. Wie es zu diesem Mysterium gekommen ist, davon erzählt die Autorin in ihrem Roman. Der Titel des Buchs ergibt sich aus der Nutzung des Begriffs „Bagage“ für diejenigen, die am unteren Ende der gesellschaftlichen Schicht standen. Auch hier bei uns am Niederrhein wird die Bezeichnung abwertend für eine als lästig empfundene Gruppe genutzt.

Monika Helfer schildert das Geschehen in einem eigenwilligen Schreibstil mit meist kurzen Sätzen. Dennoch beschränkt sie sich nicht nur auf das Wesentliche, sondern versucht mögliche Erklärungen für das Verhalten ihrer Verwandtschaft zu finden. Eine wesentliche Quelle für sie, waren die Gespräche mit ihrer Tante Katharina, der ältesten Schwester ihrer Mutter, die damals im Herbst 1914 elf Jahre alt war. Manchmal verlässt die Autorin abrupt die Erzählebene des außenstehenden Betrachters um sie als Ich-Erzähler mit Ereignissen aus ihrer eigenen Erinnerung fortzusetzen.
Maria legt sehr viel Wert auf saubere Kleidung. Ihr ist bewusst, dass sie allgemein als schön gilt und ihr daher Männer gerne Avancen machen. Es ist ein ärmliches Leben, das durch das Fehlen des Vaters zu Kriegszeiten dazu führt, dass kaum mehr genug zu essen da ist. Maria versucht das beste aus der Situation zu machen. Es wird deutlich, dass zu vergangenen Zeiten der Liebe ein anderer Stellenwert zukommt wie heute, denn um eine Ehe zu führen war sie früher nicht entscheidend.

Monika Helfer füllt die fehlenden Informationen mit ihrer Fantasie und versucht auf diese Weise die Beweggründe ihrer Großmutter nachzuvollziehen. Ganz bestimmte Ansichten über einzelne Familienmitglieder stellt sie durch Wiederholungen heraus. Anhand vieler, kleiner Episoden, die sich in der Realität so zugetragen haben, baut sie Szenen weiter aus. Zeitsprünge, auch zu Erlebnissen im Leben der Autorin, machten mir das Lesen nicht immer einfach.

Monika Helfers Roman „Die Bagage“ ist nur teilweise fiktiv. Die meisten Begebenheiten beruhen auf Geschichten aus ihrer eigenen Familie. Sie gab mir als Leser Einblicke in den harten Alltag ihrer Großmutter, deren Handlungen auch die nachfolgenden Generationen geprägt haben. Die Autorin versteht es, die Fakten ansprechend aufzubereiten, so dass es unterhaltsam ist, den Schilderungen zu folgen. Gerne vergebe ich hierzu eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 13.03.2020

Als Deutscher in den Vereinigten Staaten vor und während des Zweiten Weltkriegs

Der Empfänger
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In ihrem Roman „Der Empfänger“ schreibt Ulla Lenze über ihren Großonkel Josef Klein, dessen Leben sie fiktionalisiert hat. Er wanderte im Jahr 1924 in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Durch seine ...

In ihrem Roman „Der Empfänger“ schreibt Ulla Lenze über ihren Großonkel Josef Klein, dessen Leben sie fiktionalisiert hat. Er wanderte im Jahr 1924 in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Durch seine Tätigkeit in einer Druckerei wurde er vor dem Zweiten Weltkrieg mit einer Gruppe bekannt, die Deutschland und seiner damaligen Politik stark verbunden war. Josef, der in Amerika nur noch Joe gerufen wurde, besaß ein Funkgerät, einen Detektorempfänger, damit soll er die Gruppe zu festgelegten Zeiten mit seinen Kenntnissen als Funker im Austausch mit Deutschland unterstützen.

Das erste Kapitel des Romans spielt in Costa Rica im Jahr 1953. Josef hilft zu dem Zeitpunkt beim Verzeichnen des Landes. In Rückblicken schaut er auf sein bewegtes Leben zurück. Vier Jahre vorher war er aus dem Internierungslager für feindliche Ausländer auf Ellis Island entlassen und des Landes verwiesen worden. Sein Weg führte ihn direkt in seine Heimat nach Neuss, wo die Familie seines jüngeren Bruders Carl noch immer wohnt. Von der Familie seines Bruders erfährt er ein gewisses Unverständnis für seine aktuelle Lage, auch aufgrund der Unkenntnis seiner vorigen Erlebnisse. Sein Ehrgeiz, wieder von anderen unabhängig leben zu können, veranlasst Josef dazu, seine früheren Kontakte zu nutzen, um einerseits wieder Arbeit zu finden und andererseits vielleicht sogar wieder in die Vereinigten Staaten zurück zu finden.

Durch die ersten Seiten des Romans wusste ich, wohin der Weg von Josef ihn führen wird. Meiner Meinung nach nimmt diese Gestaltung der Geschichte eine möglich gewesene gewisse Spannung, die sich aufgrund der Ungewissheit über Josefs weiteres Leben ergeben hätte. Danach lernte ich Josefs Familie in Neuss kennen. 1949 herrscht immer noch Mangel an vielen Dingen des Alltags. Sein jüngerer Bruder hat sich zum Familienoberhaupt entwickelt, Josef wird zum geduldeten Gast. Er sehnt sich aufgrund seiner früheren Erfahrungen nach Liebe und Aufmerksamkeit und sucht sie vor allem bei seiner Schwägerin, wodurch sich das Verhältnis zu ihr schwierig gestaltet.

Die Autorin wertet nicht über das Leben ihres Großonkels. Zaghaft beschreibt sie Josefs Aktivitäten als Funker und schafft ein realistisches Szenario. Dabei öffnete sie mir als Leser den Zugang zu dem interessanten Thema der geschickten Spionagetätigkeiten der Nationalsozialisten in den Vereinigten Staaten.

Josef ist inzwischen 36 Jahre alt. Eine beschriebene Liebesgeschichte blieb recht blass, denn ich konnte die Empfindungen von Josef nicht nachvollziehen. Vielleicht waren seine Gefühle nervlich zu sehr angespannt aufgrund seiner konträren Ansichten über seine Tätigkeit als Funker. Leider erfuhr ich so gut wie nichts über die ersten Jahre seines Aufenthalts in den USA. Ulla Lenze lässt die damalige brodelnde Atmosphäre in den Straßen New Yorks und das Miteinander der verschiedenen Kulturen durch ihre Beschreibungen wieder Gestalt annehmen.

In ihrem Roman „Der Empfänger“ zeigt Ulla Lenze, dass man auch nach Jahren an einem Ort fernab der Heimat innerlich noch immer nicht angekommen sein kann. Die Suche nach Liebe, Vertrauen und Geborgenheit birgt dabei ungeahnte Risiken, die ihr Großonkel in den Tagen vor und während des Zweiten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten erfahren hat. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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Veröffentlicht am 11.03.2020

Erschütternde Umstände in einer illegalen Siedlung am Rand einer indischen Großstadt

Die Detektive vom Bhoot-Basar
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Der Debütroman der in Südindien geborenen Autorin Deepa Anappara führte mich tief hinein in ein indisches Basti, das ist eine illegale Siedlung am Rand einer großen Stadt. Die Häuser dort sind zwar klein ...

Der Debütroman der in Südindien geborenen Autorin Deepa Anappara führte mich tief hinein in ein indisches Basti, das ist eine illegale Siedlung am Rand einer großen Stadt. Die Häuser dort sind zwar klein und bestehen meist nur aus einem Raum, aber immerhin sind sie aus Stein gemauert. Zur Ausstattung gehört oft ein Fernseher und von den erwachsenen Bewohnern besitzt fast jeder ein Handy. Aber es besteht ständig die Gefahr, dass die Siedlung auf Anordnung der Verwaltung mit Bulldozern niedergewalzt wird. Darum versuchen die Bewohner sich möglichst unauffällig zu verhalten und die örtlichen Polizisten nicht zu verärgern.

Der neunjährige Jai lebt in einem solchen Basti zusammen mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Runu. Sein Vater verdingt sich auf einer Baustelle und seine Mutter ist Dienstmädchen in der angrenzenden Hochhaussiedlung der Reichen. Eines Tages verschwindet ein Klassenkamerad von Jai, schon bald ist es ein zweites Kind und weitere folgen. Jai begibt sich mit seinen gleichaltrigen Freunden Pari und Faiz auf die Suche nach ihnen. Dabei hofft er, dass ihm sein Wissen über das Lösen von Kriminalfällen, das er sich beim Anschauen von Fernsehsendungen erworben hat, zugutekommt.

Die Wege der Freunde führen sie durch die verwinkelten Gassen des Bastis, hin zum quirligen Bhoot-Basar, der seinen Namen von dem indischen Volksglauben an Bhutas d.h. Geister ableitet, und mittels U-Bahn bis hin in die Großstadt. Die drei halten Augen und Ohren offen und kommen der Lösung immer näher, die verbunden ist mit unglaublichen Erkenntnissen über die Realität.

Jai hat in seinem jungen Alter noch eine unverstellte frische Sicht auf sein Umfeld und das ist auch genau das, was den Roman ausmacht. Aus seiner Ich-Erzähler-Perspektive heraus schildert er einfach alles was er wahrnimmt und seine Gedanken dazu. Auf diese Weise vermittelte er mir damit all die Geräusche, Gerüche und Farben seiner Welt, die sich eigentlich auf das Basti beschränken sollten und nun durch seine Ermittlungen um einiges erweitert werden. Bewusst fügt die Autorin indische Bezeichnungen für Personen und Dinge ein, um ein gewisses Feeling für das Milieu zu vermitteln.

Indem die Freunde genau hinhören und hinsehen erfahren sie von den Erwachsenen Tatsachen und Gerüchte, die eigentlich nicht für so junge Kinder gedacht sind, aber zu einem verstörenden Bild für mich als Leserin werden. Denn trotz der wenigen Mittel die Jai zum Spielen zur Verfügung stehen, vermisst er nichts. Er besucht die Schule, trifft sich mit Freunden und spielt fantasievolle Spiele. Der Zusammenhang zwischen guten Noten und seiner späteren beruflichen Perspektive ist ihm noch nicht klar. Der Glaube an Geister verlangt nach gewissen Ritualen und setzt Regeln. Doch die zunehmende Zahl verschwundener Kinder geht auch an ihm nicht spurlos vorbei.

Während Jais Ahnungslosigkeit dem gesamten Roman einen gewissen heiteren Unterton verleiht, erfuhr ich zunehmend mehr über Missstände, die die indische Gesellschaft betreffen. Das Verschwinden der Kinder beruht auf wahren Ereignissen. In Einschüben erzählt die Autorin zu jedem vermissten Kind eine Geschichte bis zu dessen Verschwinden, doch was danach geschieht, bleibt offen und füllte sich für mich mit der Zeit mit Beschreibungen der Basti-Bewohner über Missbrauch, Kriminalität, Korruption, Ausbeutung und der Nachlässigkeit der Polizei. Gegenseitiges Misstrauen, das auch auf Glaubensunterschiede zurückgeführt werden kann, erschweren die Aufklärung. Leider kam es nach etwa der Hälfte des Buchs zu ein paar Längen.

Im Roman „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ nahm Deepa Anappara mich mit in die illegalen Siedlung am Rande einer Großstadt. Aus kindischen Augen des Protagonisten Jai betrachtet, konnte ich am quirligen Leben dort teilnehmen. Ganz nebenher übt die Autorin deutliche soziale Kritik am System und prangert so manchen Missstand an. Ich fand die Geschichte beeindruckend und faszinierend und war erschüttert über die Umstände, die mich erschrocken zurückließen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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