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Veröffentlicht am 01.05.2021

Gelungen psychologische Spannung, tolle Atmosphäre

Die große Kälte
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Dieser spanische Kriminalroman war eine sehr erfreuliche Überraschung! Der Schreibstil hat mich von Anfang an in die Geschichte hineingezogen, als wir die Journalistin Ana im Barcelona der 1950er bei Recherchen ...

Dieser spanische Kriminalroman war eine sehr erfreuliche Überraschung! Der Schreibstil hat mich von Anfang an in die Geschichte hineingezogen, als wir die Journalistin Ana im Barcelona der 1950er bei Recherchen begleiten und gleich einiges zur Zensur im Franco-Regime erfahren. Es wird farbig erzählt, ich sah das ganze Buch hindurch die Orte und Charaktere vor mir und konnte in die geschilderte Welt eintauchen. Ana, deren Bruder vom Regime umgebracht wurde, ist eine sympathische Protagonistin, intelligent und pragmatisch. Obwohl es sich um eine Serie handelt, tritt das Privatleben Anas angenehm in den Hintergrund, die eigentliche Geschichte erhält den Raum, der ihr zusteht. Nachdem ich Krimiserien meistens meide, weil das Privatleben der Ermittler fast immer zu sehr in den Vordergrund geschoben wird, war das sehr erholsam. Auch die anderen Charaktere sind glaubhaft und mit gelungenen kleinen Details beschrieben.

Wir begleiten Ana in ein abgelegenes Dorf, in dem sie über ein Mädchen recherchieren soll, das Stigmata aufweist und zu der Kranke pilgern. Von Anfang an hängt über diesem Dorf etwas Bedrohliches und die beklemmende Atmosphäre wird gut geschildert. Während der örtliche Geistliche ganz wild darauf ist, daß Ana über „die kleine Heilige“ berichtet, rennt sie ansonsten bei den Dorfbewohnern fast überwiegend vor eine Wand. Es gibt einige nahezu skurrile Szenen, die mir gelegentlich etwas zu viel waren, im Nachhinein aber fast alle Sinn ergaben. Als Krimi im eigentlichen Sinne würde ich das Buch nicht bezeichnen, auch wenn am Ende ein enormes Verbrechen aufgedeckt wird. Es ist aber m.E. letztlich ein Roman über religiösen Fanatismus, die besondere Atmosphäre solch abgeschotteter Dorfgemeinschaften und menschliche Abgründe.

Die Handlung schreitet eher gemächlich voran, die Erzählweise ist atmosphärisch, beobachtend. Das fand ich allerdings an keiner Stelle langweilig. Ich habe gebannt gelesen und war gespannt, wie sich die vielen mysteriösen Dinge aufklären, denen Ana begegnet. Die wenigen drastischeren Szenen waren mir da fast zu übertrieben, weil sie so aus diesem Geflecht unterschwelliger Bedrohungen und unbekannter Beziehungen herausstachen.

Vorhersehbar fand ich hier nichts, auch wenn die Hinweise dezent eingeflochten werden. Bei der Auflösung wurde mir vieles klar, das vorher verwirrte. Auch viele Charaktere waren schwer zu entschlüsseln, mancher erste Eindruck wurde gründlich umgekehrt. Ich war sehr angetan davon, wie geschickt hier geschildert wurde. Das Franco-Regime spielt keine große Rolle, klingt aber auch ab und zu durch – vielleicht etwas zu wenig, aber die Geschichte hätte dafür auch keinen wirklichen Anlass gegeben und so war dies stimmig.

Insgesamt also ein Buch, das für mich durch sorgfältige und ausgefeilte Schilderung absolut spannend war und zudem durch den farbigen Schreibstil und gut konzipierte Charaktere überzeugte.

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Veröffentlicht am 20.02.2021

So wird Geschichte lebendig

Verbotene Liebe, verborgene Kinder
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"Verbotene Liebe, verborgene Kinder" berichtet über die zahlenden Patientinnen des Göttinger Geburtshospitals zwischen 1794 und 1857, welche, anders als jene Frauen, die dort kostenlos ihre Kinder zur ...

"Verbotene Liebe, verborgene Kinder" berichtet über die zahlenden Patientinnen des Göttinger Geburtshospitals zwischen 1794 und 1857, welche, anders als jene Frauen, die dort kostenlos ihre Kinder zur Welt bringen konnten, eine Garantie auf Anonymität hatten und deren Fallgeschichten deshalb auch separat - in einem "geheimen Buch" - festgehalten wurden. Jürgen Schlumbohm untersucht diese Fallgeschichten auf denkbar informative Weise und wir erfahren beim Lesen weitaus mehr als nur den Besuch im Geburtshospital. Dies wird dann zudem auch noch so unterhaltsam geschildert, daß die Personen wieder zum Leben erwachen, die Schicksale einem nah gehen.

Schlumbohm berichtet über alle in dem geheimen Buch festgehaltenen Fälle, je nach Faktenlage mal ausführlicher, mal recht knapp. Es ist bemerkenswert, welche Detektivarbeit er vornahm, um hinter die Identitäten der dort aufgeführten Personen zu kommen, die manchmal einen falschen Namen angaben oder deren persönliche Informationen im Nachhinein aus Anonymitätsgründen durchgestrichen wurden. Hier bekam ich auch einen guten Einblick in die Vorgehensweisen von Historikern, was sich ebenso spannend las wie die berichteten Schicksale selbst.

Wo immer möglich schildert der Autor das Leben der Personen auch vor und nach dem Besuch im Geburtshospital, verfolgt auch den Weg der Kinder, die dort geboren und in Pflege gegeben wurden. Das gelingt manchmal auf erstaunlich detaillierte Weise; das Leben des unehelichen Kindes einer im 19. Jahrhundert recht bekannten Sängerin können wir so in groben Zügen von 1845 - 1941 (!) verfolgen. - Ich war beeindruckt, welche Vielfalt an Lebensgeschichten Schlumbohm recherchiert hat. Ob es die adlige Ehefrau mit junger Affaire ist; der Student, der reihenweise junge Frauen schwängert und versucht, sich vor der finanziellen Verantwortung zu drücken; der Pastor, der seine Familie nur mit Müh und Not durchbringt - das Buch ist wie ein Kaleidoskop des Lebens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Neben der lebendigen, hochpersönlichen Betrachtung dieser Menschen erfährt man als Leser zudem zahlreiche interessante historische Informationen über die Zeit, welche ebenfalls unterhaltsam dargebracht werden.

Auf den weniger als 200 Seiten steckt hier also eine ganze Menge - hier werden die Menschen hinter der Weltgeschichte lebendig.

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Veröffentlicht am 07.12.2020

Herrlich gestaltete Informationswundertüte

Atlas der verschwundenen Länder
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Der „Atlas der verschwundenen Länder“ setzt eine ungewöhnliche Idee gelungen um. Der Untertitel sagt es schon: „Weltgeschichte in 50 Briefmarken.“ Björn Berge stellt uns hier 50 Länder vor, die es nicht ...

Der „Atlas der verschwundenen Länder“ setzt eine ungewöhnliche Idee gelungen um. Der Untertitel sagt es schon: „Weltgeschichte in 50 Briefmarken.“ Björn Berge stellt uns hier 50 Länder vor, die es nicht mehr als eigene Länder gibt. Manche haben nur wenige Wochen existiert, manche mehr als ein Jahrhundert. Wir reisen durch die ganze Welt und die Zeit zwischen 1840 und 1975. Das Buch ist wie eine Wundertüte vielfältiger Informationen.

Schon die Gestaltung spricht an, im ungewöhnlichen Querformat, gebunden, innen mit hochwertigem cremefarbenen Papier. Die sechs Zeitabschnitte sind jeweils in anderen Farben gehalten. Der Aufbau jedes Eintrags ist gleich – auf einem farblich unterlegten Feld finden wir Daten wie Bestehenszeitraum,Name, Bevölkerung und Größe des Landes, darunter zwei Karten, die das Land und die Lage zeigen. Nach einem etwa vierseitigen Text folgen Literatur- und Filmhinweise (hinten im Buch ist noch ein umfangreiches Literaturverzeichnis, sehr lobenswert!), jeder Eintrag schließt mit einem Zitat ab, das in der Farbe des Abschnitts gehalten wird. Und natürlich ist auch in jedem Eintrag die von dem Land herausgegebene Briefmarke zu sehen – dies sind Abbildungen der tatsächlichen, dem Autor gehörenden Exemplare, und er erwähnt auch Besonderheiten wie Stempel, Beschädigungen und manchmal sogar den Geschmack des Leims (das ist Enthusiasmus …). Es ist insgesamt eine wirklich erfreuliche Gestaltung, die zum Lesevergnügen beiträgt.

Aber auch der Inhalt lohnt sich. Die Einträge sind eine Mischung aus historischen Informationen, ungewöhnlichen Menschen, Schilderungen aus Romanen oder Filmen, geographischen Beschreibungen. Es ist bemerkenswert, wie viel sich hier findet. Der Schreibstil ist locker, unterhaltsam, es lässt sich leicht und erfreulich lesen. Durch die Vielfalt machte jeder Eintrag auf’s Neue neugierig. Ein paar vereinzelte Einträge wirkten ein wenig lieblos und gelegentlich fehlte es mir ein wenig an Informationen über die Entwicklungen im Land. Wenn in einem Eintrag erwähnt wird, man habe sich entschlossen, das Experiment der Unabhängigkeit aufzugeben, wird leider mit keinem Wort erklärt, worauf diese Entscheidung beruht. Dann gab es noch einen Datumsfehler und im Artikel über Danzig wird Hermann Rauschning erwähnt, „der später zu einem Kritiker des 1/3 Regimes wurde und ins Exil ging.“ 1/3 Regime? Da hat wohl – sofern mir nicht irgendein völlig unbekannter Begriff für das 3. Reich bislang entging – ein Übersetzer und auch ein Korrektat ziemlich geschlampt. Aber diesen Mängelpunkten steht sonst so viel Positives gegenüber, daß das Buch eine Freude ist. Es gelingt Björn Berge auch gut, Hintergründe zu erklären – man erfährt immer wieder, welche langfristigen verheerenden Folgen die gierige Kolonialpolitik mit sich brachte und insgesamt zeigen diese 50 Einblicke vor allem die Gier und Skrupellosigkeit der Menschheit. Aber auch von Träumen lesen wir ein wenig, von durchaus amüsanten Betrachtungen, die der Autor mit trockenem Humor einflicht. Wie gesagt – eine Wundertüte.

Wer also auf unterhaltsame Weise durch die Welt reisen und eine ganze Menge Neues über Geschichte lernen möchte, dem kann ich dieses Buch sehr ans Herz legen. Ich werde es sicher immer wieder mal lesen, denn es lohnt sich!

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Veröffentlicht am 13.10.2020

Unterhaltsam und fundiert

Sophie Charlotte
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Eine Biographie ist gelungen, wenn sie sich so spannend – nicht reißerisch! - liest, daß man an den Seiten klebt, aber doch auf jeder Seite zeigt, wie sorgfältig recherchiert wurde. Dieses Buch von Christian ...

Eine Biographie ist gelungen, wenn sie sich so spannend – nicht reißerisch! - liest, daß man an den Seiten klebt, aber doch auf jeder Seite zeigt, wie sorgfältig recherchiert wurde. Dieses Buch von Christian Sepp wird beiden Aspekten gerecht. Schon im Vorwort berichtet der Autor auf sympathische Art, wie ein Zufallsfund von Briefen ihm bei seiner Recherche wesentlich half – man merkt beim Lesen, wie sehr ihm dieses Projekt am Herzen liegt und dieses Herzblut findet man auch im ganzen Buch. Diese starke emotionale Beteiligung trägt sicher viel dazu bei, dass uns Sophie (die weitaus mehr war als „Sisis leidenschaftliche Schwester“ – der Untertitel reduziert sie zu sehr) und ihr Umfeld so lebendig werden (lässt dafür vereinzelt ein wenig Objektivität vermissen).

Sophies Leben wird kenntnisreich und unterhaltsam in den historischen Kontext gesetzt, hierbei helfen auch die zahlreichen übersichtlichen Stammbäume hinten im Buch. Hintergründe werden stets informativ eingebunden, dies im genau richtigen Ausmaß. Dadurch, dass naturgemäß auch die Lebenswege ihrer Umgebung behandelt werden, habe ich hier manches über weitere Leute erfahren, mit denen ich mich näher beschäftigen werde.

Die Biographie liest sich oft dramatisch wie ein Roman, alleine schon die gescheiterte Verlobung mit König Ludwig hat Dramatisches. Erschreckend gut wird auch dargestellt, wie einfach es für einen Ehemann war, eine unbequeme Ehefrau in eine Anstalt zu stecken.

Erfreulich ist, dass der Autor auch deutlich macht, wo mangels Quellen wenig Definitives zu sagen ist, anstatt sich in Spekulationen zu ergehen, wie ich es schon in anderen Biographien erlebte. Sepp schreibt ehrlich, kenntnisreich, wesentlich. Nur seine Tendenz, Offensichtliches zu erklären, ist manchmal etwas anstrengend.

Zahlreiche Fotografien und eine ansprechende Gestaltung runden dieses gelungene Buch auch optisch ab. Sehr lesenswert!

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Veröffentlicht am 11.04.2020

Gut geschrieben, mit vielfältigen Themen, ansprechend gestaltet

Kämpfen. Leiden. Lieben. Leben im Schwarzwald von den Kelten bis ins 20. Jahrhundert. Heimatgeschichte packend erzählt: die Lebenswirklichkeit der einfachen Schwarzwälderinnen und Schwarzwälder.
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In „Kämpfen. Leiden. Lieben“ gibt Thomas Binder uns einen historischen Überblick über das Leben der ganz normalen Schwarzwälder. Keine gekrönten Häupter, keine Berühmtheiten, sondern alltägliche Menschen ...

In „Kämpfen. Leiden. Lieben“ gibt Thomas Binder uns einen historischen Überblick über das Leben der ganz normalen Schwarzwälder. Keine gekrönten Häupter, keine Berühmtheiten, sondern alltägliche Menschen in ihrem alltäglichen Leben. Das an sich fand ich schon sehr erfreulich und zudem wurde diese gute Idee auch noch ausgezeichnet umgesetzt.

Schon die Gestaltung des Buches ist hochwertig. Es ist gebunden und weist zahlreiche Abbildungen auf, davon viele in Farbe. Diese sind von hervorragender Qualität, abgesehen von einem Nachtfoto des Freiburger Münsters, auf dem man so gut wie gar nichts erkennen kann. Die Abbildungen sind gut gewählt und vielfältig. Auch sonst steht die innere Gestaltung dem ansprechenden Einband nicht nach – hier gibt es Liebe zum Detail und ich habe mich beim Lesen oft daran gefreut. Nur eine Karte habe ich schmerzlich vermißt.

In 16 Kapiteln lernen wir das Leben im Schwarzwald unter jeweils einem Aspekt kennen, so z.B. unter der Überschrift „leiden“ die Krankheiten, unter „zaubern“ der Glaube an die Magie oder unter „hoffen“ etwas über Armut und Not. Die Themen sind breit gefächert und ich war beeindruckt, wie viele Informationen wir hier auf unter 200 Seiten erhalten.

Zu Beginn jedes Kapitels stellt Thomas Binder uns eine konkrete Person und ihr zum jeweiligen Thema passendes Anliegen vor. Dieser Ansatz gefällt mir, stellt er doch gleich einen persönlichen Bezug her. Menschen aus lange vergangenen Jahrhunderten werden uns mit ihren Sorgen, Freuden und Nöten ganz nah gebracht. Dazu trägt auch der angenehme Schreibstil bei, der es schafft, aus den schriftlichen Quellen, aus bloßen Namen die Persönlichkeiten farbig von den Seiten treten zu lassen. Bei manchen Schicksalen habe ich mitgefiebert wie bei einem Roman. Von diesem persönlichen Schicksal aus geht es dann zu den allgemeineren Informationen über. Wie bereits erwähnt, gibt es hier sehr viele Informationen, der Schreibstil schafft es, sich auf’s Wesentliche zu beschränken und doch viele Details zu präsentieren. Das hat mir ausgezeichnet gefallen. Nur beim Thema Krieg wurde nach einem Schicksal aus dem 30jährigen Krieg der Rest etwas summarisch abgehandelt – über den Schwarzwald im Zweiten Weltkrieg hätte ich doch gerne mehr gelesen. Aber das war eine Ausnahme, insgesamt war ich sehr angetan von den präsentierten Informationen. Ich habe mich nie gelangweilt, stets interessiert gelesen und richtig viel gelernt, das auf unterhaltsame Weise.

Der Autor nennt uns stets die verwandten Quellen – spezifisch per Fußnote und dann noch durch ein erfreulich umfangreiches Quellenverzeichnis. Man sieht hier, wie viel Sorgfalt und Arbeit in die Recherche gesteckt wurden und ich werde nach manchem angegebenen Buch des Quellenverzeichnisses Ausschau halten. Hervorragend auch, daß jedem Kapitel einige Tips für Sehenswürdigkeiten oder gelegentlich einem Roman nachgestellt sind, die zum jeweiligen Thema passen.

So haben wir mit „Kämpfen. Leiden. Lieben.“ ein erfreulich informationsreiches Buch über das Leben im Schwarzwald durch viele Jahrhunderte, mit gut ausgewählten Themen, sorgfältiger Recherche und einem Text, dessen Lektüre Spaß macht. Gelungener geht es eigentlich nicht!

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