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Veröffentlicht am 26.04.2020

"Wenn bei Capri..." - sommerleichte Rätselei

Mitten im August
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Mitten im August ist der erste Band einer hoffentlich auf viele Bände angelegten Kriminalromanreihe. Das Ermittlerduo, der sympathische Inselpolizist Enrico Rizzi und die burschikose Norditalienerin Antonia ...

Mitten im August ist der erste Band einer hoffentlich auf viele Bände angelegten Kriminalromanreihe. Das Ermittlerduo, der sympathische Inselpolizist Enrico Rizzi und die burschikose Norditalienerin Antonia Cirillo, gibt dabei ein eher ungleiches Paar ab, das die Zusammenarbeit noch etwas üben muss. So laufen auch die gemeinsamen Ermittlungen zum ersten Mordfall nicht ganz rund, können aber schließlich zu einem guten Ende geführt werden.

Der Roman ist ein Sommerurlaub auf Papier und besticht durch seine wunderbaren Italienbeschreibungen, die den Duft, Geschmack und die Wärme Capris perfekt (vielleicht auch manchmal ein wenig klischeehaft) einfangen. So paradox es klingen mag, aber dadurch wird der Krimi ein Roman, bei dem man sich so richtig erholen kann.

Das Ermittlerteam ist recht ungleich, aber sympathisch. Während Rizzi den beliebten Inselsheriff gibt, der mit viel Ortskenntnis und Intuition durch den Fall navigiert, bildet Cirillo den etwas mysteriösen, zeitweise aggressiven und traurigen Gegenpart. Neben der überbordenden Farbenpracht in den Landschaftsbeschreibungen des Romans ist die sehr liebevolle Figurenzeichnung eine weitere Stärke des Krimis. Selbstverständlich sind die Nebenfiguren mehr Typen als komplexe Charaktere, aber ihre Darstellung ist konsequent und auf den Punkt. Jeder Figur schenkt der Autor umfassende Beachtung; das ist großartig und erhöht nicht nur das Lesevergnügen, sondern erlaubt es dem Leser auch, sich die Welt von Rizzi und Cirillo sehr genau vorzustellen.

Der Erzählstil ist leicht, wohltuend und sehr flüssig. An einigen Stellen blitzen kleine ironische Stiche ebenso auf wie fast schon philosophische Denkanstöße. Darüber hinaus gibt es dadurch, dass die Handlung um einige Rückblenden ergänzt wird und mal Rizzi und mal Cirillo bei den Ermittlungen begleitet wird, viel Abwechslung in der Perspektive. So macht das Lesen wirklich Spaß.

Ein weiteres Plus ist das wirklich gelungene Rätselspiel, das den Leser mit einer beachtlichen Anzahl von "red herrings" verwirrt, ihn aber auch beständig Steinchen für Steinchen mit Informationen versorgt - und das alles in einer Art und Weise, die an das goldene Zeitalter des klassischen Kriminalromans erinnert. Thematisch nicht ganz überzeugen konnte mich hingegen der Umwelt-Kontext des Romans. Dieser war zwar sehr gut in die Handlung eingebunden, ist momentan aber auch sehr "in Mode".

Für mich ist Mitten im August eine schöne Auszeit auf Capri, von der ich schweren Herzens Abschied nehme. Deshalb freue ich mich auf eine weitere Reise mit Band 2.

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Veröffentlicht am 22.04.2020

Gelungene Mischung aus historischem Roman und Krimi

Tribut der Sünde
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Im Mittelpunkt von Tribut der Sünde steht der rasante gesellschaftliche Abstieg der jungen Franziska im Stuttgart des Jahres 1513, die durch ein abgekartetes Spiel ihren Vater und Verlobten verliert, und ...

Im Mittelpunkt von Tribut der Sünde steht der rasante gesellschaftliche Abstieg der jungen Franziska im Stuttgart des Jahres 1513, die durch ein abgekartetes Spiel ihren Vater und Verlobten verliert, und sich fortan zunächst allein durchschlagen muss. Ihre Suche nach den Verantwortlichen und ihr Wunsch nach Rache bestimmen ihr Leben und die Handlung im ersten Band dieser neuen Trilogie.

Historische Romane sollten nicht nur unterhalten, sondern dem Leser auch Wissen über die Zeit vermitteln, in der sie spielen. Beides gelingt diesem Roman, der stilistisch gut, flüssig und ansprechend geschrieben ist, sehr gut.

Die Handlung um die sechzehnjährige Franzi ist überaus spannend mit vielen Sequenzen, die den Leser in Atem halten (vor allem, weil Franzi bei ihrer Suche immer wieder in missliche Lagen gerät.) Darüber hinaus gibt es einige Entwicklungen in den Beziehungen zwischen den Figuren, die für den Leser nicht vorhersehbar sind, was das Lesevergnügen sehr aufwertet. Der Unterhaltungsfaktor wird auch dadurch gesteigert, dass der Roman über eine deutliche Krimi-Handlung verfügt, in der Franzi fast schon in eine klassischer Ermittlerrolle schlüpft. Der Leser wird so zum Miträtseln angeregt. Mit Franzi als Figur hatte ich anfangs zwar ein paar Startschwierigkeiten, diese legten sich aber bald. Meine Lieblingsfigur ist von Beginn an Sabina von Bayern; sie ist für mich am interessantesten, da man bei ihr nicht so genau weiß, woran man ist. Richtig gut sind die Fokalisierungswechsel. Dadurch, dass einzelne Kapitel auch aus Sabinas und Jakobs Blickwinkel geschildert werden, ist der Erzählfluss sehr abwechslungsreich.

Lehrreich ist der Roman ebenfalls: man erfährt sehr viele Details über das Leben der Weinhändler und Weingärtner im 16. Jahrhundert, über die Gerichtsbarkeit, die Stadtorganisation und auch die Medizin. Dabei sind diese Aspekte so geschickt in den Roman eingewoben, dass sie hervorragend zum ganzen Bild der Zeit beitragen und einen authentisch ins 16. Jahrhundert eintauchen lassen.


Mich hat er Roman ausgezeichnet unterhalten. Die kurzen Kapitel haben zum Weiterlesen eingeladen, der Erzählstil, die Handlung und die historische Detailkenntnis der Autorin haben eine Zeitreise möglich gemacht. Ich hadere auch nicht zu sehr mit dem Cliffhanger am Ende des Romans, da sich weitere spannende Momente ebenso abzeichnen, wie eine sich anbahnende, zarte Liebe (und Liebesgeschichten mag ich einfach!). Außerdem muss man einfach festhalten, dass das Ende trotz einer vollständigen closure sehr gut gelungen ist – es wird Lust auf mehr gemacht, aber es ist trotzdem ein guter Schlusspunkt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Funktionieren im Schatten der Angst

Der Barmann des Ritz
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Das legendäre Ritz ist der Schauplatz dieses Romans, der sich um das auf wahren Begebenheiten beruhende Schicksal des einst als bester Barmann der Welt geltenden gebürtigen Österreichers Frank Meier rankt, ...

Das legendäre Ritz ist der Schauplatz dieses Romans, der sich um das auf wahren Begebenheiten beruhende Schicksal des einst als bester Barmann der Welt geltenden gebürtigen Österreichers Frank Meier rankt, der auch während des 2. Weltkriegs und der deutschen Besatzung Paris weiter seine Cocktails unter anderem für die Befehlshaber der Nazis mixte und seine jüdische Herkunft geheim halten musste.

Philippe Collin erzählt eine sehr besondere und faszinierende Geschichte. Sein Protagonist funktioniert mehr oder weniger nach außen hin einwandfrei, die Fassade sitzt, die Rolle des Barkeepers ist seine Berufung, auch wenn die Angst vor Entdeckung und den Konsequenzen sein ständiger Begleiter ist - es ist überaus nachvollziehbar, wie sehr Meier unter den "was wäre wenn"-Gedanken gelitten haben muss, wie stark ihn die Szenarien möglicher Konsequenzen belasteten. Dabei treibt ihn nicht nur die Angst um, als Jude entlarvt zu werden, auch das moralische Dilemma zwischen Passivität und Aktion zu entscheiden, nimmt ihn mit. So wird er als Dreh- und Angelpunkt an diesem Ort der Alltagsflucht zum Stellvertreter der universalen Frage in jener Zeit: bleibe ich unter dem Radar, um zu überleben oder begehre ich auf und setze mich der Lebensgefahr aus, um etwas zu verändern.

Neben Franks eingängiger Darstellung, die durch das Spannungsverhältnis zwischen Außenwahrnehmung und Introspektion bereichert wird, überzeugt dieser sehr fundierte und ausgezeichnet recherchierte historische Roman besonders auch durch seine authentische Atmosphäre, die durch die vielen Barbesucher abwechslungsreiche und kurzweilige Handlung und die elegant eingefügten Lerneffekte für den Leser - so macht Horizonterweiterung sehr viel Freude, denn die Lektüre ist gleichermaßen spannend und bedrohlich, aber eben auch einfach gut zu lesen. Es lohnt sich.

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Veröffentlicht am 06.11.2025

Die heilende Kraft der Natur

Wilder Honig
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„Wilder Honig“ ist ein sehr entschleunigender, beruhigender Roman, der es trotz seiner ernsten und traurigen Ausgangslage schafft, dem Leser ein tröstliches und optimistisches Grundgefühl zu vermitteln. ...

„Wilder Honig“ ist ein sehr entschleunigender, beruhigender Roman, der es trotz seiner ernsten und traurigen Ausgangslage schafft, dem Leser ein tröstliches und optimistisches Grundgefühl zu vermitteln. Drei Frauen – jede mit ihrer eigenen Art von Gepäck der Vergangenheit – durchleben in einem Haus inmitten eines Obstgartens den Lauf der Jahreszeiten, erfahren die Hoffnung, die der Natur innewohnt und finden so durch den Einfluss ihrer Umgebung zu einer Heilung alter Wunden und Verletzungen und dies alles ohne dass die drei sehr viel miteinander sprechen. Es ist eher ein allmähliches Zusammenwachsen, das wesentlich durch das parallele Nebeneinanderleben erzeugt wird. Natur, Heilung, Jahreszeiten – das alles mag jetzt allzu idyllisch und womöglich auch esoterisch klingen, doch auch wenn die Beschreibungen der umgebenden Landschaft wirklich sehr schön und gelungen sind und der Roman sich einfach wunderbar liest, so ist er doch weit von Kitsch und Spiritualität entfernt, sondern erlangt durch seine Nutzung des Gartens und der Natur als Metapher und Handlungsspiegel eine elegante literarische Tiefe.

Neben dem eigentlichen Handlungsverlauf greift der Roman auf insgesamt elf Briefe zurück, verfasst von John, dem verstorbenen Ehemann einer der drei Frauen, Hannah. Da Johns und Hannahs Ehe zentral für die Geschichte ist, geht man als Leser mit einer gewissen Erwartungshaltung an Johns Ausführungen heran. Während die Briefe durch den Perspektivwechsel sehr viel Abwechslung in den Roman bringen und mit ihren Erläuterungen zum Leben der Bienen interessante Informationen bieten und so auch als erweiterter Kommentar zur Handlung interpretiert werden können, erfüllen sie doch das, was der Leser sich gewünscht hätte, letztlich nicht. Zu vage umschiffen sie die eigentliche Kernfrage, sodass ihre Lektüre letztlich doch etwas unbefriedigend bleibt – auch wenn man selbstverständlich auch im wahren Leben nicht auf alle Fragen eine Antwort bekommt.

Insgesamt ist „Wilder Honig“ trotz dieses ungelösten Rätsels und eines zu vorhersehbaren Handlungsteils eine schöne und empfehlenswerte Leseerfahrung – gerade im Winter, wenn die Natur zur Ruhe kommt und man vielleicht nach einer ruhigen und wohltuenden Lesefreude sucht, die daran erinnert, dass es auch wieder einen neuen Frühling geben wird.

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Veröffentlicht am 09.05.2025

Vor und nach der Unschuld

Before we were innocent
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Ella Bermans Roman, dessen Titel bezeichnenderweise im Original gelassen wurde, da die Doppeldeutigkeit wohl kaum ins Deutsche hätte übertragen werden können, ist das Porträt einer schwierigen, belasteten ...

Ella Bermans Roman, dessen Titel bezeichnenderweise im Original gelassen wurde, da die Doppeldeutigkeit wohl kaum ins Deutsche hätte übertragen werden können, ist das Porträt einer schwierigen, belasteten Freundschaft zwischen drei, später dann zwei Frauen. Als Teenager reisen Evangeline, Joni und Bess gemeinsam auf die Kykladen. Der unbeschwerte Sommertrip im Jahr 2008 zwischen Schulabschluss und College endet in einer Tragödie und hat erdrückende Konsequenzen. Zehn Jahre später treffen Joni und Bess wieder aufeinander, da Joni dringend die Hilfe ihrer Jugendfreundin benötigt. Zwischen Verpflichtung, Schuldgefühlen und Manipulation gefangen, lotet Bess bei dieser neuerlichen Zusammenkunft die Abgründe und Sicherheiten ihrer damaligen und heutigen Beziehung zu Joni aus und taucht tief in den Schlund der Vergangenheit hinab.

Ella Berman, die bereits in „Das Comeback“ eindrucksvoll bewiesen hat, dass sie es versteht, widersprüchliche und undurchsichtige Figuren zu konzipieren, bleibt sich auch in diesem Roman treu. Während die Erzählerin Bess für den Leser recht transparent zu sein scheint, treten in Bezug auf Evangeline und vor allem Joni starke Ambivalenzen zutage und man fragt sich gemeinsam mit Bess zunehmend, wie stark die eigene Perspektive von Wunschvorstellungen, persönlicher Wahrnehmung und fehlgeleiteter Erinnerung beeinflusst wird.

Der Roman ist trotz seiner wie ein Kriminalfall anmutenden Handlung eher ein beklemmender Blick auf Jugendsünden, unreifes Verhalten, Schuld, Teenagerzickerei, schädliche Bindungen und Eifersüchteleien unter Frauen. Wie unter einem Mikroskop deckt Berman Schicht für Schicht die ungesunden Aspekte von zwischenmenschlichen Beziehungen auf und wirft sie gleichzeitig in den gnadenlosen Kosmos von Sensationsjournalismus, Internetforen und sozialen Medien. So beinhaltet der Text neben der Analyse einer fehlgeleiteten Freundschaft auch einen ernüchternden und schonungslosen Kommentar auf das Nachrichtenklima unserer modernen Welt, das zumindest in Bess Fall einen ausgeprägten psychologischen Rückzug zur Folge hat.

„Before we were innocent“ spielt mit dem Gedanken von Unschuld, macht aber deutlich, dass in menschlicher Kommunikation und Interaktion wohl niemand wirklich fehlerfrei durchs Leben gehen kann. Ella Berman ist ein fesselnder Coming-of-Age-Roman gelungen, der unbequem und nachdrücklich das Fundament und die Dauer von Vertrautheit und Verbindung diskutiert. Wer gern in die Untiefen von Frauenfreundschaften abtaucht und sich an Figuren erfreuen kann, die einen über Motivation, Aufrichtigkeit und Manipulation rätseln lassen, wird mit dieser Lektüre bestens versorgt.

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