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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.05.2020

Sehr berührend, ergreifend und nachhallend

Goodbye, Bukarest
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Eine Frau begibt sich auf Spurensuche. Sie sucht Bruno, den Bruder ihrer Mutter, letztendlich auch, um ihrer Mutter etwas nahe zu sein, die verstarb und zu der sie lange keinen rechten Kontakt mehr hatte. ...

Eine Frau begibt sich auf Spurensuche. Sie sucht Bruno, den Bruder ihrer Mutter, letztendlich auch, um ihrer Mutter etwas nahe zu sein, die verstarb und zu der sie lange keinen rechten Kontakt mehr hatte. Zudem möchte sie Familiengeheimnisse lüften. Es hieß, Bruno sei tot, erst nach dem Tod der Mutter erzählte ihr der Pfarrer, dass dem nicht so sei und warum Bruno mit seiner Familie brach und sich nach dem Krieg nie wieder meldete.
Während des 2.Weltkrieg war Bruno Pilot und geriet in russische Kriegsgefangenschaft. Danach zog er nach Rumänien. Könnte er dort vielleicht sogar noch leben?

Die Frau trifft nun einige Bruno nahe stehende Menschen, die ihr erzählen, wie sie mit Bruno verbunden waren und wie es ihm ergangen ist. Die Zeiten waren schwierig, es ging ums Überleben: stalinistischer Terror, Krieg und russische Kriegsgefangenschaft, Rumänien unter der Diktatur Ceaușescus sowie eine Flucht nach Deutschland, ich erhielt hier sehr anschauliche und bewegende Einblicke. Und immer wieder spielen Freundschaften und Liebe (auch zwischen Männern), Einsamkeit, Hoffnungen und Enttäuschungen, Kunst und Literatur eine große Rolle.

Seeberger erzählt in einer sehr schönen poetischen Sprache, ganz wunderbar in einem leisen, aber eindringlichen Ton. Ich wurde sehr berührt und einige Situationen werde ich wohl nie wieder vergessen. Den Roman las ich in kleinen Happen, um ihn einerseits zu genießen, aber andererseits auch, um ihn angemessen zu verdauen. Manche Geschehnisse gingen sehr an die Nieren, so dachte ich besonders in den rumänischen Zeiten, nun könne es nicht schrecklicher werden, doch es wurde schrecklicher... Traurig und ergreifend, aber auch schön, versöhnlich, fein und voller Zärtlichkeit erzählt, liest sich der Roman nicht zuletzt auch wirklich spannend.

Der Roman ist autobiographisch gefärbt, da es hier ganz konkret um den Onkel der Autorin geht.

Fazit: Ein sehr gut erzählter, wahnsinnig berührender und auch kluger Roman über das Leben in Diktaturen, über Kunst, Freundschaft, Liebe und Familie. Unbedingt lesen!

Veröffentlicht am 28.04.2020

Was braucht mein Kind? Wie gestalte ich die Beziehung?

Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen
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Im Fokus dieses Erziehungsratgebers steht die Beziehung zum Kind und dabei insbesondere der Umgang mit dessen Gefühlen. Die Autorin, eine Psychotherapeutin, sagt, dies sei das Wesentliche innerhalb der ...

Im Fokus dieses Erziehungsratgebers steht die Beziehung zum Kind und dabei insbesondere der Umgang mit dessen Gefühlen. Die Autorin, eine Psychotherapeutin, sagt, dies sei das Wesentliche innerhalb der Elternschaft und Erziehung.

Die Beziehung zum Kind wird durch die Erwachsenen geprägt und gesteuert. Es braucht eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, denn wenn z.B. unser Kind in uns übermäßig aufgeladene, sehr starke Gefühle auslöst, haben diese zumeist ihren eigentlichen Ursprung in unserer eigenen Kindheit, dessen wir bewusst sein sollten. Darüber hinaus sind wir ein starkes Vorbild für das Kind und können z.B. auch die Art unseres inneren Dialogs, insbesondere unseren „inneren Kritiker“ an diese (unbewusst) weiter geben. Je besser wir uns also selbst kennen, desto bewusster und empathischer kann die Beziehung zum Kind sein.
Insofern schaut sich die Autorin auch Paarbeziehungen genauer an, auch im Trennungsfall und erläutert, wie man „richtig“ streitet. Sie nimmt Einstellungen und Erwartungen bezüglich Elternschaft unter die Lupe, guckt auf Schwangerschaft und Geburt. Sie erklärt die erste Bindung sowie (spätere) Bindungstypen. Zugleich weist sie auf die natürliche elterliche Ambiguität oder auch die elterliche Einsamkeit hin, und wie wichtig es ist, diese auszusprechen, um sie letztlich zu entschärfen.
Sie spricht wertfrei relativ tabuisierte Themen an, z.B. Langeweile in der Baby- oder Kleinkinderphase und zeigt Lösungswege auf, wie man die Perspektive ändern oder auch, was man ganz konkret tun kann.

Wie man die Beziehung zum Kind verbessert bzw. gestaltet, zeigt sie an ganz konkreten Beispielen. Hier geht es vorrangig um den Umgang mit Gefühlen. Diese solle man stets wahrnehmen, annehmen und für das (Klein-)Kind einordnen. Immer wieder, immer wieder, bis es sich Jahre später selbst (besser) regulieren kann. Anstatt, wie es im Alltag oft vor kommt, über diese hinweg zu gehen, zu ignorieren, abzulenken oder überzureagieren. Sie zeigt zudem auf, warum uns das manchmal schwer fällt und was uns dabei im Wege steht.
Sie verdeutlicht, warum sich Kleinkinder oft „schwierig“ und nervig“ verhalten und wie wir als Erwachsene damit am besten umgehen können. Hierzu geht sie ganz konkret auf den Umgang mit Wutanfällen ein, das Grenzen setzen bei Kleinkindern und Teenagern sowie auf den Umgang mit Lügen (seitens der Eltern und Teenager).

Die Autorin hat eine sehr fehlerfreundliche Haltung und betont, dass etwaige „Brüche“ durch elterliches Verhalten „repariert“ werden können. Indem man sich z.B. beim Kind entschuldigt und natürlich vor allem, indem man ernsthaft daran arbeitet, das eigene Verhalten zu verändern.
Ihr Ansatz ist bedürfnisorientiert und sie präferiert den kooperativen Stil. Ihr geht es um eine gelingende Beziehung, in der die Kommunikationswege auch in der Pubertät offenstehen, statt um Dominanz und die Herausbildung von Gewinnern und Verlierern.

Die Autorin veranschaulicht ihre Thesen durch alltagsnahe Fallbeispiele und unterfüttert sie mit Studienergebnissen. Es gibt mehrere Übungen, oft Visualisierungsübungen, die der Selbsterkenntnis dienen. Manche fand ich recht anspruchsvoll. Ihre Darlegungen sind insgesamt sehr verständlich und überzeugend. Hin und wieder hätte ich mir nur gern noch etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht. Sehr positiv empfand ich ihre Praxisorientierung, so dass man sich viel mitnehmen kann.

Fazit: Ein überzeugender Erziehungsratgeber, der zeigt, was Kinder brauchen und wie Beziehungen zu ihnen gelingen. Für mich ist dieses Buch sehr wertvoll, obwohl ich auch hier, wie bei allen Erziehungsratgebern es nicht dogmatisch lese. Ich wurde sensibilisiert, noch aufmerksamer und empathischer auf meine Kinder einzugehen. Zudem erhielt ich konkrete Praxistipps und wurde zu Perspektivwechseln angeregt. Insgesamt fühle ich mich sehr bestärkt, ermutigt und vor allem auch besser gerüstet sowohl für die Kleinkind- als auch Pubertätsphase. Mehr kann ich wirklich nicht erwarten..:)

Empfehlenswert für Eltern mit Kindern jeglichen Alters.

Veröffentlicht am 04.04.2020

Sehr unterhaltsam und historisch interessant

Biaoren - Die Klingen der Wächter - Band 2
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Daoma geleitet Zhishilang, der den Kaiser stürzen möchte, zur Hauptstadt Changàn. Auf dem Weg kreuzen sie den Weg des schönen Kämpfers Shu, der in seiner Kutsche von Dämonenanbetern angegriffen wird und ...

Daoma geleitet Zhishilang, der den Kaiser stürzen möchte, zur Hauptstadt Changàn. Auf dem Weg kreuzen sie den Weg des schönen Kämpfers Shu, der in seiner Kutsche von Dämonenanbetern angegriffen wird und eigentlich eine entflohene (Lust-) Sklavin zurück bringen soll.
Gleichzeitig werden die unabhängigen Klans vom Kaiserhof geködert, dass sie sich dem Kaiserreich anschließen sollen. Nur Mo ist dagegen und möchte die Unabhängigkeit, auch aufgrund der schmerzlichen Vergangenheit der Klans, wahren. Doch für die anderen ist das Angebot zu verlockend...

Neben Daoma, über den ein wenig Hintergrundwissen preisgegeben wird, treten gleich mehrere interessante und auch skurrile Figuren auf. Gut gefiel mir insbesondere die Figur Mo, aufgrund seiner Weisheit, seines Rückgrat und seiner Tapferkeit.

Das Comic liest sich wieder sehr actionreich, sehr unterhaltsam und wahnsinnig spannend, ich konnte es kaum aus der Hand legen. Allerdings war ich etwas frustriert darüber, dass der Band mit einem bösen Cliffhanger endet.

Wieder erhält man sehr interessante Einblicke in die Geschichte des alten Chinas. Man lernt die politischen Gegebenheiten sowie auch alte Sitten und Gebräuche kennen. Hin und wieder stößt man auf philosophische Gedanken. Im Fokus stehen zudem Entscheidungsfragen, also wie entscheide ich mich, handle ich moralisch oder auf den eigenen Vorteil bedacht? Das gefiel mir sehr gut.

Fazit: Ein gelungener, spannender und anregender zweiter Teil mit interessanten Figuren.

Veröffentlicht am 31.03.2020

Sehr ausdrucksstark und wirkmächtig

Alfie und der Clownfisch
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Was für ein schönes Kinderbuch!

Alfie ist schüchtern. Vor einigen Dingen hat er Angst, die er dann lieber vermeidet, obwohl er sich dann auch nicht gut damit fühlt. Ob das ein Geburtstagsfest ist oder ...

Was für ein schönes Kinderbuch!

Alfie ist schüchtern. Vor einigen Dingen hat er Angst, die er dann lieber vermeidet, obwohl er sich dann auch nicht gut damit fühlt. Ob das ein Geburtstagsfest ist oder aktuell das Unterwasserkostümfest. Er geht nicht hin. Seine Eltern reagieren warmherzig und unterstützen ihn. So geht die Mutter mit ihm ins Aquarium. Dort entdeckt Alfie Clownfische. Das sind Fische, die sich gern verstecken, so wie er. Seine Mutter sagt: „So sind sie eben.“ Für das nächste Kostümfest nimmt er sich vor, als Clownfisch zu gehen.

Sehr einfühlsam wird Alfie beschrieben, man kann sich gut in ihn hineinversetzen. Ich wurde sehr berührt und an entsprechende selbst erlebte Situationen erinnert. Das Verhalten der Eltern fand ich sehr eindrucksvoll.

Text und Bilder sind auf das Wesentliche reduziert, wodurch sich die Wirksamkeit enorm erhöht. Einerseits ist alles sehr klar dargestellt, andererseits eröffnet sich ein weiter Raum, der zur Fantasie, zur Interpretation und zur Diskussion einlädt. Das Buch erlaubt, über verschiedene Gefühle und den Umgang mit ihnen zu sprechen sowie Vorannahmen zu hinterfragen.
Es geht hier nicht nur vorrangig darum, Mut zu schöpfen, sondern auch, sich selbst zu erkennen und vor allem sich selbst zu akzeptieren sowie das Passende für sich zu finden.

Ein inhaltlich und äußerlich wirklich wunderbar gestaltetes Buch. Aussagekräftig, reichhaltig, berührend – ganz großartig!

Veröffentlicht am 21.02.2020

Bewegend und inspirierend

Nach Mattias
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Dieser Roman hat mich sehr positiv überrascht. Aufgrund des Klappentexts dachte ich, es gehe um die Bewältigung eines Verlusts, aber das trifft - überraschender- und glücklicherweise - nur teilweise zu.

Mattias ...

Dieser Roman hat mich sehr positiv überrascht. Aufgrund des Klappentexts dachte ich, es gehe um die Bewältigung eines Verlusts, aber das trifft - überraschender- und glücklicherweise - nur teilweise zu.

Mattias ist tot. Der Roman beginnt und endet mit einem Kapitel aus der Sicht von Amber, seiner Freundin. Dazwischen befinden sich weitere 8 Kapitel, die verschiedene Menschen in den Fokus nehmen, die auf irgendeine Art und Weise, direkt oder auch nur ganz indirekt mit Mattias zu tun hatten. Auf Ambers Kapitel folgt Quentin, der beste Freund von Mattias und wird abgelöst von Mattias` Großeltern. Hier begannen erste Irritationen meinerseits, da der Verlust von Mattias gar nicht im Mittelpunkt stand, sondern eher deren Beziehung und persönliche Entwicklung. Es langweilte mich fast ein wenig. Erst beim nochmaligen Lesen nach Beendigung des Romans begriff ich, was hier eigentlich (auch noch) gezeigt wurde. Der folgende Nathan, Alkoholiker, nahm mich hingegen fest gefangen. Allerdings verlor ich nun vollends die Orientierung, da überhaupt kein Bezug zu Mattias bestand. Dennoch vertraute ich irgendwie dem Autor, und ließ mich von ihm führen...:) Es folgte Issam, ein Online Freund von Mattias, Mattias Mutter sowie der blinde Lauf- Buddy von Quentin sowie abschließend Tirra, eine andere Mutter.

Den Roman konnte ich nicht beiseite legen, so spannend fand ich ihn und las daher fast alles in einem Rutsch. Die Sprache gefiel mir sehr gut, hier sitzt fast jeder Satz. Bei einigen Szenen/ Sätzen habe ich richtig gelacht, bei anderen wurde ich zu Tränen gerührt.
Der Roman ist in der gegenwärtigen Zeit angesiedelt und zeichnet so ein recht aktuelles Bild, mit dem man sich identifizieren kann: Themen wie Klimakrise, Computerspiele, Instagram, Afghanistaneinsatz, Laufen, Konzerte, Cafè- Eröffnung, Airbnb, Musik, Migration, Rassismus, Sprachkurse für Geflüchtete und Netflix spielen hier eine Rolle.

Die Figuren sind zumeist sehr interessant angelegt, auf eine Art alltäglich, auf andere Art gar nicht alltäglich. Sie gehören zu verschiedenen Generationen, Milieus und Kulturen. Jeder hat sein eigenes Bild von Mattias, welches (natürlich) nicht in Gänze mit den Bildern der anderen übereinstimmt.
Der Roman zeigt zwar individuelle Figuren, bleibt aber nicht bei dem Einzelnen stehen, sondern zeigt die Einflüsse und Verbindungen untereinander. So hat der Tod einer Person vielfältige Folgen und betrifft sowohl nahestehende als auch ganz unbekannte Personen.
Zudem positioniert sich der Roman, und das finde ich sehr erfrischend, zu humanistischen Werten, was aber nie moralisierend daher kommt. Er erzählt von verlässlicher und ehrlicher Freundschaft. Er ermutigt, freundlich und hilfsbereit zu sein, einander ernsthaft zuzuhören und nahbar zu sein. Insofern ist es auch ein politisches, vor allem auch hoffnunggebendes Buch, was uns alle betrifft.

Man kann sich sicherlich darüber streiten, wie sinnvoll es war, dass der Autor erst am Ende offenbarte, was mit Mattias passierte. Mich nervte das zwischendurch mal, dass ich nichts Genaues über seinen Tod wusste. Hätte er das aber an den Anfang gestellt, wäre es wohl ein gänzlich anderer Roman, mit einer anderen Gewichtung geworden. Es hätte von dem, was der Autor eigentlich zeigen wollte, enorm abgelenkt. Insofern fand ich das folgerichtig und geschickt!

Fazit: Ein berührender und aktueller Roman über den Verlust eines Menschen, über Trauerprozesse und über die Frage, wie wir in unserer (multikulturellen) Gesellschaft leben möchten.