Profilbild von Dreamworx

Dreamworx

Lesejury Star
offline

Dreamworx ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Dreamworx über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.06.2020

Dühnfort hat den richtigen Riecher

Ich bin dein Tod (Ein Kommissar-Dühnfort-Krimi 9)
0

Kommissar Tino Dühnfort hat sich dafür entschieden, nach der Elternzeit seinen Job bei der Mordkommission gegen eine Stelle in der Operativen Fallanalyse, kurz OFA, einzutauschen, um sich mehr mit den ...

Kommissar Tino Dühnfort hat sich dafür entschieden, nach der Elternzeit seinen Job bei der Mordkommission gegen eine Stelle in der Operativen Fallanalyse, kurz OFA, einzutauschen, um sich mehr mit den Fällen an sich zu beschäftigen. Kaum zum Dienst angetreten, wird er mit dem Profilerteam auch schon zu einem Mordschauplatz gerufen. Während die Profiler den Fall als Einbruchsdelikt einstufen, ist Dühnfort nicht davon überzeugt und findet bei seinen Untersuchungen schon bald andere Mordfälle in Bayern, die alle eines gemeinsam haben: sie sind Morde mit Ansage. Doch Dühnfort stößt innerhalb seiner neuen Abteilung bei seinen Kollegen auf Widerstand. Wird er den Fall trotzdem lösen können?
Inge Löhnig hat mit „Ich bin dein Tod“ ihren Münchener Ermittler Tino Dühnfort zum neunten Mal ins Rennen geschickt, um mehrere Mordfälle aufzuklären. Wer die Serie bereits kennt, weiß, dass die Bücher alle immer in sich abgeschlossen sind. Als treuer Leser ist man allerdings bereits Dühnforts beruflichen und privaten Hintergrund vertraut, der sich auch immer wieder in seiner Handlungsweise wiederspiegelt und ihn wie einen alten Freund wirken lässt, während man ihn durch die Ermittlungen begleitet. Löhnigs flüssiger und spannungsgeladener Erzählstil lässt den Leser sofort in die Geschichte eintauchen und an die Seite von Dühnfort treten, der sich erst einmal in seiner neuen Abteilung und mit den neuen Kollegen arrangieren muss. Nun ist er nicht mehr federführend und tonangebend, sondern muss sich unterordnen. Das ist Neuland für ihn, doch seinem Instinkt kann er immer noch vertrauen, muss allerdings Schwerstarbeit leisten, um die Kollegen von seinem Eindruck zu überzeugen. Allein die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der OFA sind interessant dargestellt und machen einmal mehr deutlich, dass es immer jemanden gibt, der mehr zu sagen haben will als andere und damit so manchen produktiven Gedanken behindert. Der Spannungslevel wird schon zu Beginn gut aufgebaut und schraubt sich innerhalb der Handlung immer weiter in die Höhe. Löhnig weiß, wie sie ihre Leser psychologisch unter Strom setzen kann, diesmal hat sie besonders tief in die Trickkiste gegriffen, denn der Täter weckt beim Leser tatsächlich Verständnis.
Die Charaktere sind durchweg wie aus dem Leben gegriffen und überzeugen glaubwürdig mit ihren menschlichen Ecken und Kanten. Gerade dies macht sie für den Leser interessant, der ihnen gerne folgt und bei ihren Ermittlungen beobachtet. Dühnfort ist ein intelligenter Kopf, der sich eigentlich am Ziel seiner Wünsche sieht, da er schon lange von der üblichen Ermittlungsarbeit weg wollte, um sich mehr in die Fälle und seine Täter zu vertiefen. Doch wie das mit Wünschen so ist, manchmal sollte man sich davor hüten, dass sie in Erfüllung gehen. Dühnfort ist nun nicht mehr der führende Kopf, sondern muss sich unterordnen, was ihm eigentlich nicht schwer fällt, doch die Ignoranz anderer geht ihm gegen den Strich, denn sollte nicht um Kompetenzgerangel gehen, sondern darum, einen Fall aufzuklären. Ein Kollege namens Manfred macht Tino das Leben schwer, denn der ist oftmals einfach unerträglich und man möchte ihn als Leser am Liebsten vierteilen. Gina hat ebenfalls den einen festen Platz in diesem Roman und bietet etwas Auflockerung
„Ich bin dein Tod“ ist wieder einmal ein Krimi mit Pageturnerqualitäten, der einen die Zeit vergessen lässt mit einer gutdurchdachten Handlung und mit einigen schaurigen Bildern im Kopf. Verdiente Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 01.06.2020

"If you're lost you can look and you will find me time after time" (Hyman/Lauper)

Mit dir für alle Zeit
0

5. Dezember 1937 New York. Als der Weichenmechaniker Joe durch die Grand Central Station geht, erblickt er unter der goldenen Uhr eine junge altmodisch gekleidete Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt. ...

5. Dezember 1937 New York. Als der Weichenmechaniker Joe durch die Grand Central Station geht, erblickt er unter der goldenen Uhr eine junge altmodisch gekleidete Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Die beiden verbringen einen wunderschönen Abend miteinander, doch dann ist Nora verschwunden. Was Joe erst bei seiner Suche nach ihr erfährt ist die Tatsache, dass Nora schon vor zwölf Jahren bei einem Zugunglück ums Leben kam. Joe will nicht glauben, dass er einem Streich aufgesessen ist, Nora geistert ständig in seinem Kopf herum, und nach vielem vergeblichen Ausschauhalten trifft er sie genau ein Jahr später wieder unter der goldenen Uhr. Fortan lebt Joe nur noch für das jährliche Treffen und die wenigen Stunden mit der Frau seines Herzens. Es muss doch einen Weg geben, wie sie endlich dauerhaft zusammen sein können, oder doch nicht?
Lisa Grunwald hat mit „Mit dir für alle Zeit“ einen anrührenden und unterhaltsamen Liebesroman vorgelegt, der Mystisches mit viel Romantik verbindet. Der flüssige und gefühlvolle Erzählstil lässt den Leser schnell in die Vergangenheit reisen und in die Handlung eintauchen, um das Schicksal von Joe und Nora kennenzulernen. Dabei liefert die Autorin nicht nur eine unwirkliche und romantische Liebesgeschichte auch einiges an damaliger Zeitgeschichte sowie Einblicke in das New Yorker Leben. Dreh- und Angelpunkt der Handlung aber ist die Grand Central Station, dieser riesige Bahnhof inmitten von Manhattan mit den hohen Fenstern, die das Sonnenlicht in das Gebäude bringen und dem an der Decke aufgemalten Sternenhimmel mit den Tierkreiszeichen. Aber vor allem die goldene Uhr, die heute noch ein beliebter Treffpunkt für Reisende und Liebespaare ist, spielt in diesem Roman eine besondere Rolle. Die Romanze zwischen Joe und Nora erinnert etwas an „Outlander“, wo einer durch die Zeit reist, während der andere in gerade jener verhaftet ist. Während man die unglaubliche Geschichte liest, ertappt man sich als Leser dabei, wie das Malheur der beiden wohl zu lösen ist, damit sie dauerhaft zusammenbleiben können. Die Neugier steigt mit jeder gelesenen Seite, ob der Autorin eine für den Leser und dem Paar zufriedenstellende Lösung einfällt.
Die Charaktere sind sehr liebevoll ausgestaltet und in Szene gesetzt worden. Sie passen wunderbar in die damalige Zeit, besitzen menschliche Eigenschaften, wirken lebendig und glaubwürdig, so dass der Leser sich gern an ihre Fersen heftet und gleich einem Blick durchs Schlüsselloch atemlos verfolgt, wie es ihnen ergeht. Nora ist mit ihren 23 Jahren in der Zeit stehengeblieben, eine ansehnliche Erscheinung in etwas altbackener Kleidung. Sie wirkt immer ein wenig so, als wäre sie auf der Suche oder hätte noch etwas zu erledigen, bevor ihr Geist die Erde verlassen darf. Andererseits lässt sich die immer wiederholende Rückkehr auch damit erklären, dass Nora einfach noch nicht bereit dazu ist, ihren Tod hinzunehmen und die Welt zu verlassen, wobei ihr Radius sowieso nur auf den Bahnhof beschränkt ist. Joe ist ein fleißiger und warmherziger Mann, der alles in seiner Macht stehende tut, um die gerade gefundene Liebe und das damit verbundene Glücksgefühl für immer zu halten. Ihn zeichnen Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen aus, da er sich von Rückschlägen nicht entmutigen lässt und immer neue Einfälle entwickelt, um das Problem zu lösen.
„Mit dir für alle Zeit“ ist eine ungewöhnliche und berührende Liebesgeschichte, die fantastisch und romantisch zugleich ist. Wer was fürs Herz sucht und nichts gegen Zeitreisen hat, wird diese Geschichte mögen. Verdiente Leseempfehlung für gefühlvolle Lesemomente!

Veröffentlicht am 31.05.2020

Annas aufregender Neustart auf Texel

Der Sommer der Inselblumen
0

Nachdem Anna gerade erst gesundheitlich wieder einigermaßen auf die Füße gekommen ist, bricht nun auch noch ihr berufliches und privates Glück zusammen. Erst verliert sie ihren Job als Floristin und muss ...

Nachdem Anna gerade erst gesundheitlich wieder einigermaßen auf die Füße gekommen ist, bricht nun auch noch ihr berufliches und privates Glück zusammen. Erst verliert sie ihren Job als Floristin und muss dann feststellen, dass ihr Freund Simon sich inzwischen mit ihrer Chefin Karin vergnügt. Den einzigen Ausweg sieht sie in der Annahme des großelterlichen Erbes, so reist sie in Begleitung ihres Dackels Prinz Harry von Hamburg auf die holländische Insel Texel, um in den Bujinshof einzuziehen und mit einem eigenen Blumenladen einen Neuanfang zu wagen. In Physiotherapeutin Britt hat Anna schnell eine Freundin gefunden, auch Biobauer Luuk unterstützt sie bei allem. Aber es sind nicht nur die Erinnerungen an die Vergangenheit, die Anna das Leben schwer machen, sondern es gibt anscheinend auch jemanden, der ihr nichts Gutes will und sie aus der Anonymität heraus attackiert. So hat sich Anna ihren Neustart auf Texel nicht vorgestellt. Wird sie die alten Erinnerungen endlich hinter sich lassen und vielleicht auch eine neue Liebe finden?
Mina Gold hat mit „Der Sommer der Inselblumen“ einen richtig dicken Schmöker vorgelegt, der nicht nur einen Neuanfang, sondern auch Spannung, Liebe und mit der holländischen Nordseeinsel Texel ein schönes Inselfeeling verspricht. Der flüssig-leichte, bildhafte und gefühlvolle Schreibstil gestattet dem Leser, sofort in die Seiten einzutauchen und Anna wie ein Schatten in ihr neues Leben zu folgen. Schon das Inselsetting wird farbenfroh beschrieben, so dass dem Leser während der Lektüre sofort das Kopfkino anspringt, der alte Hof vor dem inneren Auge Gestalt annimmt, die Strandspaziergänge am Meer und auch das Blumen-Café greifbar werden. Besonderes Geschick beweist die Autorin aber mit den zwischenmenschlichen Beziehungen ihrer sehr unterschiedlich angelegten Protagonisten. Die Inselgemeinschaft und die Attacken auf Anna stehen in einer seltsamen Symbiose, lassen den Spannungspegel steigen und stacheln die Neugier des Lesers an herauszufinden, was die Ursachen für die Feindseligkeiten sein könnte. Auch Annas alte und etwas verschüttete Erinnerungen werden gekonnt in der Handlung integriert und bieten genügend Raum für Spekulationen. Der bunte Strauß von Bewerbern auf Annas Herz bietet zusätzlich einiges an Unterhaltung und lässt den Leser rätseln, wer am Ende wohl ans Ziel kommt.
Die Charaktere sind vielfältig gestaltet, besitzen glaubwürdige menschliche Züge und strahlen Lebendigkeit aus. Der Leser fühlt sich ihnen schnell verbunden, nimmt Anteil an ihrem Schicksal und fiebert mit ihnen mit. Anna ist durch einige Rückschläge ziemlich gebeutelt und muss erst einmal zur Ruhe kommen. Sie liebt ihren Dackel abgöttisch, aber auch jeglicher Süßkram lässt ihre Augen leuchten. Sie ist eher zurückhaltend, besitzt aber eine innere Stärke, die sie nach vorn blicken lässt. Roos ist eine herzliche und offene Frau, auf die man sich immer verlassen kann. Britt ist eine Freundin zum Pferdestehlen, die pragmatisch die Probleme angeht. Luuk arbeitet als Biolandwirt und steht mit Rat und Tat zur Seite. Sem ist ein alter Freund aus Annas Jugend. Ole ist Britts Bruder und ein offenherziger Frauenheld, dem man nie lange böse sein kann. Dackel Harry ist der heimliche Star der Geschichte, denn er schleicht sich ganz schnell ins Leserherz.
„Der Sommer der Inselblumen“ ist ein 600-seitiger Schmöker, der von Anfang bis Ende spannend unterhält. Gefüllt mit viel Inselflair, Schicksalsschlägen, alten Familiengeschichten, neuen Freunden und einiger Romantik fliegen die Seiten nur so dahin. Die schönen Rezepte im Anhang sind eine Probe wert! Verdiente Leseempfehlung für den nächsten Urlaub!

Veröffentlicht am 30.05.2020

Wer ist meine Mutter?

Die Sommertochter
0

Nach dem Tod ihrer Mutter, der ehemaligen Schauspielerin Jillian Croft, machen sich die Schwestern Eve, Olivia und Rosalind gemeinsam daran, das familieneigene Ferienhaus in Maine auszuräumen, wo sie in ...

Nach dem Tod ihrer Mutter, der ehemaligen Schauspielerin Jillian Croft, machen sich die Schwestern Eve, Olivia und Rosalind gemeinsam daran, das familieneigene Ferienhaus in Maine auszuräumen, wo sie in ihrer Kindheit viel Zeit miteinander verbracht haben. Bei der Räumaktion fallen ihnen alte Arztunterlagen in die Hände, die ihnen einen Schock versetzen, denn diese Berichte besagen, dass ihre verstorbene Mutter wahrscheinlich gar nicht ihre leibliche Mutter war. Während Eve und Olivia das für unmöglich halten, lässt Rosalind diese Entdeckung keine Ruhe, denn sie hat sich innerhalb der Familie immer wie eine Außenseiterin gefühlt. Sie will der Sache unbedingt auf den Grund gehen und die Wahrheit herausfinden. Als sie in den Unterlagen ihres Vaters sucht, stößt sie auf Informationen, denen sie nachgehen will…
Muna Shehadi hat mit „Die Sommertochter“ einen unterhaltsamen und gefühlvollen Roman vorgelegt, der erst nach und nach seine Geheimnisse preisgibt. Der flüssige und emotionale Schreibstil packt den Leser von Beginn an und lädt ihn ein, gemeinsam mit Rosalind und ihren Schwestern auf die Suche nach der Wahrheit zu gehen. Schon die Entdeckung der Tatsache, dass die eigene Mutter vielleicht gar nicht die Leibliche ist, kann einen aus dem Gleichgewicht bringen. Dass zwei der drei Schwestern diese Tatsache von vornherein verleugnen, ist zum einen verständlich, andererseits aber auch merkwürdig, denn wer will nicht die Wahrheit über seine Wurzeln wissen und bei Ungereimtheiten den Dingen auf den Grund gehen. So kommt der Leser in den Genuss, Rosalind bei den Nachforschungen über die Schulter zu schauen, denn sie lässt die Dinge nicht auf sich beruhen, vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie sich schon immer wie das fünfte Rad am Wagen innerhalb der Familie gefühlt hat. Tagebucheinträge ihrer Mutter zu Beginn eines jeden Kapitels sowie die Geschichte aus Rosalinds Sicht erlauben den wechselseitigen Blick zwischen Vergangenheit und Gegenwart und klären Stück für Stück die Geschichte auf, während Rosalind dabei eine große Entwicklung durchlebt. Die Autorin geht mit dem doch recht schwierigen Thema glaubhaft und empathisch um.
Die Charaktere sind sehr unterschiedlich ausgestaltet und wirken mit ihren individuellen Eigenschaften lebendig und realitätsnah. Der Leser folgt ihnen gern und kann mit ihnen hoffen, bangen und fühlen. Rosalind ist eine Frau, die immer im Schatten ihrer Schwestern stand. Erst eher zurückhaltend und unscheinbar, entwickelt sich während ihrer Suche nach und nach zu einer selbstbewussten Frau, die ihre Ziele erreichen will. Das Verhältnis zu ihren Schwestern ist eher unterkühlt und wenig herzlich. Eve und Olivia wirken oftmals gleichgültig, unnahbar und vom Leben verwöhnt. Ihnen fehlt es an Herz und Seele, um mit ihnen warm werden zu können. Aber auch Jillian spielt eine gewichtige Rolle, trägt sie doch mit ihren Tagebucheinträgen maßgeblich zur Aufklärung des Rätsels bei.
„Die Sommertochter“ ist ein unterhaltsamer und anrührender Roman über die Suche nach der eigenen Identität und den damit verbundenen Schwierigkeiten, aber auch über Familienbande und alte Geheimnisse. Packend erzählt und mit verdienter Leseempfehlung ausgestattet!

Veröffentlicht am 30.05.2020

Vom Suchen und Finden

Weinbergsommer
0

Eigentlich mag Altenpflegerin Annika ihren Job im Seniorenheim, allerdings fehlte ihr etwas Abwechslung im täglichen Allerlei, an denen auch die Pokerrunden mit ihrem Pflegeschützling Herrmann, einem etwas ...

Eigentlich mag Altenpflegerin Annika ihren Job im Seniorenheim, allerdings fehlte ihr etwas Abwechslung im täglichen Allerlei, an denen auch die Pokerrunden mit ihrem Pflegeschützling Herrmann, einem etwas mürrischen Senior, nichts ändern können. Als Hermann erfährt, dass sein Leben aufgrund einer schweren Krankheit bald zuende gehen wird, möchte er noch einmal seine Tochter sehen, zu der er seit Jahrzehnten keinen Kontakt hat. Da er diese in Paris vermutet, ist Annikas Unterstützung gefragt, denn sie soll ihn begleiten und bei der Suche unterstützen. So entfernen sie sich unbemerkt und unerlaubt aus dem Seniorenheim und reisen Richtung Frankreich. Im elsässischen Ribeauville stranden sie in der von Olivier geführten Pension und versacken dort, freunden sich mit den Einheimischen an und genießen die französische Lebensart inmitten der Weinberge und vergessen fast den Grund ihrer eigentlichen Reise…
Johnna Frost hat mit „Weinbergsommer“ einen unterhaltsamen und gefühlvollen Roman vorgelegt, der zwar etwas realitätsfern ist, aber mit humorigen Einlagen und anrührenden Szenen überzeugen kann. Der Erzählstil ist flüssig-leicht, bildhaft und mit einigem Witz gespickt, so dass sich der Leser alsbald mit Annika und Hermann auf Reisen begibt, um mit ihnen einige Abenteuer zu erleben. Empathisch offenbart die Autorin dem Leser sowohl Annikas als auch Hermanns Sicht über das Leben im Seniorenheim. Die Situation ist für Pflegekräfte nicht einfach, allen Bewohnern die gleiche Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen. Aber auch die Bewohner fühlen sich manchmal vernachlässigt oder behandelt wie kleine Kinder, die aufgrund ihres Alters eines vernünftigen Gedankens nicht mehr fähig sind. Die Reise nach Frankreich wird bildreich geschildert und lässt mit ihren ansässigen Köstlichkeiten dem Leser schon bald das Wasser im Mund zusammenlaufen, während er vor dem inneren Auge die Weinberge im Blick hat. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sowie das Zusammentreffen mit Zufallsbekanntschaften werden menschlich und überzeugend dargestellt. Die Autorin räumt in ihrer Handlung einer Vielzahl an Themen Raum ein, allerdings werden diese oftmals nur gestreift und nicht weiter ausgeführt, was der eigentlichen Geschichte aber nicht schadet.
Die Charaktere sind sympathisch und lebensecht gestrickt, wirken glaubwürdig und der Realität entsprungen, so dass der Leser sich gut mit ihnen identifizieren kann und sie gern begleitet. Annika ist eine junge Frau, die ihren eigenen Platz im Leben noch nicht gefunden hat. Sie stellt vieles in Frage, wünscht sich Veränderung, doch wie genau diese aussehen soll, davon hat sie noch keine genaue Vorstellung. Für sie ist Offenheit und Ehrlichkeit wichtig, Oberflächlichkeit ist ihr ein Gräuel. Sie ist spontan, hilfsbereit und verantwortungsbewusst. Hermann befindet sich in seinem Lebensabend, was allerdings nicht heißen soll, dass er nicht mehr selbständig denken kann. Er möchte noch einmal etwas erleben, möchte versuchen, Vergangenes zu bereinigen. Er wirkt recht kauzig und nörglerisch, doch eigentlich hat er das Herz am rechten Fleck. Aber auch Protagonisten wie Olivier spielen glaubwürdige Rollen in dieser Geschichte und geben ihr das gewisse Etwas.
„Weinbergsommer“ beschreibt eine ungewöhnliche Reise zweier völlig verschiedener Charaktere, die beide auf der Suche sind, nach sich selbst, nach einer vermissten Person, nach etwas Aufregung in ihrem Leben, um sich selbst wieder zu fühlen. Auch die Liebe kommt dabei nicht zu kurz. Rundum kurzweilig und gelungen. Verdiente Leseempfehlung!