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Veröffentlicht am 31.07.2020

Ergreifende Familiengeschichte

Nebelkinder
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INHALT
München, 1945:
Zusammen mit ihrer Mutter Käthe ist Ana aus Breslau geflohen. Käthe ist traumatisiert, und so ist es an Ana, für ihre Familie zu sorgen. Als sie ihre eigene Familie gründet, scheint ...

INHALT
München, 1945:
Zusammen mit ihrer Mutter Käthe ist Ana aus Breslau geflohen. Käthe ist traumatisiert, und so ist es an Ana, für ihre Familie zu sorgen. Als sie ihre eigene Familie gründet, scheint der Krieg verwunden, doch ihre Tochter Lilith bleibt ihr seltsam fremd. Viele Jahre später steht Lilith vor einer großen Entscheidung: Ausgerechnet sie, die doch immer unter ihrer distanzierten Mutter gelitten hat, soll den Sohn ihrer besten Freundin bei sich aufnehmen. Da fährt Ana mit ihr nach Breslau und erzählt ihr endlich, was damals wirklich geschehen ist.

(Quelle: Ullstein)

MEINE MEINUNG

Mit ihrem neuen Buch „Nebelkinder“ ist der deutschen Autorin Stefanie Gregg aus Ottobrunn ein sehr eindringlicher historischer Roman und ein bewegender Familienroman gelungen, der von der eigenen Familiengeschichte der Autorin inspiriert wurde und ihr ganz besonders am Herzen liegt. Ihre berührende Geschichte umspannt drei Generationen -beginnend mit der Vorkriegszeit in Breslau, über die Flucht nach Bayern, die Nachkriegszeit in München und bis schließlich in die Gegenwart.
In ihrem Roman beschäftigt sich die Autorin mit dem faszinierenden wie traurigen Themengebiet der „Nebelkinder“, wie die Enkel der Kriegsgeneration in der modernen Psychologie bezeichnet werden. Jene Generation, die gar nicht unmittelbar den Zweiten Weltkrieg und die vielfältigen Traumata miterlebt hat, aber deren Leben dennoch bewusst oder zumeist unbewusst von den grauenvollen Erlebnissen der Kriegsgeneration sowie ihrer Eltern, den Kriegskindern, bis heute beeinflusst wird und die im Nebel des Verdrängten, Verschwiegenen und Nichterzählten gefangen ist. Im Anhang ihres Romans geht die Autorin nochmals detaillierter auf diese Thematik ein.

Sehr anschaulich und nachvollziehbar hat Gregg viele dieser Aspekte in ihre lebendig erzählte Geschichte eingearbeitet und führt uns eindrücklich die vielfältigen Auswirkungen auf die Nebelkinder vor Augen, die sie daran hindern mit ihrem Leben zurechtzukommen. Beim Lesen merkt man deutlich, wie stark die schicksalhaften Lebenswege ihrer drei Frauenfiguren über die Generationen hinweg miteinander verbunden sind, verstrickt in der unheilvollen Vergangenheit und stets umwölkt von unverarbeiteten und weitergegebenen Traumata. Erst allmählich setzt sich aus den vielen Puzzlesteinchen ein Gesamtbild zusammen und man erkennt schließlich das erschütternde Ausmaß, das ihr aller Leben beeinflusst.

Greg erzählt die bewegende Geschichte von drei Frauen, drei Töchtern, einem schrecklichen, folgenreichen Krieg und ihrem gemeinsamen Schicksal – und zugleich eine tragische Familiengeschichte, die sich in der einen oder anderen Form vielfach ereignet hat und noch heute zahlreiche Familien betrifft. Es dauerte nicht lange bis mich die Geschichte, die in mehreren Handlungssträngen und auf verschiedenen Zeitebenen angelegt ist, völlig ihren Bann zog.

Aus den wechselnden Perspektiven der drei Hauptfiguren Käthe, ihrer Tochter Anastasia und Enkelin Lilith tauchen wir ein in die Geschehnisse aus der Vergangenheit. Schrittweise erfahren im Handlungsstrang der Gegenwart auch viel über die schwierige Beziehung zwischen Ana und ihrer Tochter Lilith und ihren Bemühungen, während ihrer Reise in Anas Heimat Licht in die Vergangenheit zu bringen und endlich die Schatten hinter sich zu lassen.

Die einfühlsame, detailreiche Figurenzeichnung der verschiedenen Figuren bis hin zu den verschiedenen Nebenfiguren ist der Autorin gut gelungen. Sie werden sehr lebensecht mit all ihren Charaktereigenschaften beschrieben und auch ihre Entwicklung angesichts ihrer Erlebnisse wirkt glaubhaft und wirklichkeitsnah. Ob nun die stolze Käthe aus feinem Breslauer Hause, die ihren schönen Ludwig unter großen Opfern heiratet und ihn bald schon an den Krieg verliert, ihre verhängnisvolle strapaziöse Flucht mit ihren zwei Töchtern Ana und Leni vor der russischen Armee in einem der letzten Züge ins Reich, die sie für immer zerbrechen ließ. Oder ihre Tochter Anastasia, die mit knapp 13 Jahren die Rolle der Mutter übernehmen, ihre Emotionen unterdrückt und stets funktionieren muss, so dass sie vor lauter Verantwortungsgefühl ihre eigenen Wünsche und Träume auf der Strecke bleiben. Oder schließlich Anas Tochter Lilith, die unter der Distanziertheit ihrer Mutter gelitten hat und sich stets ungeliebt fühlte – sie alle haben unter den Folgen der im Krieg erlittenen Traumata zu leiden.

Schade finde ich nur, dass zeitweise einige bedeutsame Nebenfiguren vor allem Käthes Schwester Selma aus der Handlung ausgeblendet wurden, so dass man ihr Schicksal und ihren Einfluss auf die Hauptfiguren nicht mitverfolgen konnte. Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass die Autorin eine Fortsetzung ihres Romans plant, in der weitere Figuren in den Mittelpunkt rücken werden.
In einem Nachwort die Autorin schließlich noch eingehender auf ihre Familiengeschichte ein und erläutert, was in ihrem Roman Fakt und Fiktion ist.

FAZIT

Ein bewegender Roman zu einem wichtigen Thema, eine mitreißende Familiengeschichte und ein schockierendes Zeitdokument! Sehr lesenswert!

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Veröffentlicht am 26.07.2020

Interessanter Roman über eine eigenwillige Frau

Die Marschallin
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INHALT

Die Slowenin Zora lernt ihren späteren Ehemann, den Radiologieprofessor Pietro Del Buono, am Ende des Ersten Weltkriegs kennen. Sie folgt ihm nach Bari in Süditalien, wo sie, beide überzeugte Kommunisten, ...

INHALT

Die Slowenin Zora lernt ihren späteren Ehemann, den Radiologieprofessor Pietro Del Buono, am Ende des Ersten Weltkriegs kennen. Sie folgt ihm nach Bari in Süditalien, wo sie, beide überzeugte Kommunisten, ein großbürgerliches und doch politisch engagiertes Leben im Widerstand gegen den Faschismus Mussolinis führen. Zora ist herrisch, eindrucksvoll, temperamentvoll und begabt, eine Bewunderin Josip Broz Titos, dem sie Waffen zu liefern versucht und dem ihr Mann das Leben rettet. Sie will mehr sein, als sie kann, und drückt doch allen in ihrer Umgebung ihren Stempel auf. Ihr Leben und das Leben ihrer Familie, ihrer Kinder und Enkelkinder, vollziehen sich in einer Zeit der Kriege und der Gewalt, erbitterter territorialer und ideologischer Kämpfe, die unsere Welt bis heute prägen. In einem grandiosen Schlussmonolog erzählt die alte Zora Del Buono ihre Geschichte zu Ende, eine Geschichte der Liebe, der Kämpfe, des Hasses und des Verrats.

(Quelle: C.H. Beck)

MEINE MEINUNG

In ihrem fesselnden historischen Roman „Die Marschallin“ hat sich die Schweizer Autorin Zora del Buono der eigenen, äußerst ereignisreichen Familiengeschichte und dem bewegten Leben ihrer Großmutter väterlicherseits Zora del Buono angenommen, von der sie ihren Vornamen geerbt hat. In vielen aneinandergereihten Episoden, die oftmals durch größere Zeitsprünge unterbrochen sind, erzählt die Autorin von den Geschicken der Familie del Buono über drei Generationen hinweg. Eine Menge Personen lernen wir dabei kennen; das dem Roman vorangestellte Personenverzeichnis hilft dabei, nicht den Überblick zu verlieren.

Gekonnt führt uns die Autorin zu unterschiedlichsten Schauplätzen in Slowenien und dem übrigen Jugoslawien, Deutschland und vor allem Italien. Sie lässt uns eintauchen in die wechselvolle Geschichte des vergangenen Jahrhunderts und spannt in ihrer Familiensaga einen weiten Bogen durch die ereignisreichen Zeiten - beginnend im Jahre 1919 nach Ende des verheerenden Ersten Weltkriegs, über den Zweiten Weltkrieg bis hin zum Jahr 1980, dem Todesjahr des großen „Marschalls“ Tito und zugleich dem der Protagonistin „Marschallin“ Zora del Buono, einer glühenden Tito-Verehrerin.

Die Autorin versteht es ein facettenreiches Panorama des bewegten und bewegenden 20. Jahrhunderts zu zeichnen und präsentiert uns einen äußerst faszinierenden zeitgeschichtlichen Hintergrund einer längst vergangenen Epoche.

So lässt uns sie an vielen historisch bedeutsamen Begebenheiten mit sehr aufschlussreichen weltpolitischen Einblicken teilhaben wie dem Aufstieg Mussolinis, den Folgen des Faschismus und dem erbitterten Kampf gegen die Faschisten, der Komintern sowie dem Lebensweg des einstigen Partisanengenerals und kommunistischen Staatschefs Tito, seinem umstrittenen Regime in dem faszinierenden Vielvölkerstaat Jugoslawien und seiner Beziehung zu Stalin.

Im Mittelpunkt ihres Romans steht jedoch «Die Marschallin» Zora del Buono, die Geschichte ihres Lebens und ihrer Familie, die eng mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen verbunden und von diesen geprägt ist. Wir lernen eine faszinierende Frau mit einer eigenwilligen Persönlichkeit, bewundernswerter Stärke aber auch vielen Widersprüchlichkeiten kennen. Vom Aufstieg eines slowenischen Dorfkinds zur italienischen Arztgattin, der Geburt dreier Söhne begleiten wir sie und das Schicksal ihrer Familie und erleben sie an der Seite ihres Ehemanns als engagierte Kommunistin im Kampf gegen den Faschismus und inmitten eines kommunistischen großbürgerlichen Intellektuellenzirkels. Hierbei deckt die Autorin im Laufe der Geschichte schließlich auch ein dunkles und sehr verhängnisvolles Familiengeheimnis auf.

Der Autorin ist zwar ein äußerst schillerndes Portrait dieser faszinierenden Frauenfigur gelungen. Wegen des recht distanzierten Schreibstils blieb die Protagonistin jedoch stets wenig greifbar für mich, so dass ich mich nicht gut in ihren Charakter hineinversetzen und ihre Figur mich leider im Laufe der Geschichte nicht wirklich berühren konnte.

Dennoch werden mir diese unvergessliche Romanheldin und ihr bewegendes Schicksal in Erinnerung bleiben.

FAZIT

Ein interessanter historischer Roman über die wechselvolle Geschichte des vergangenen Jahrhunderts und eine bewegende Familiensaga mit einer faszinierenden, aber auch widersprüchlichen Protagonistin, die leider wenig greifbar für mich blieb!

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Veröffentlicht am 06.07.2020

Spannender Hallig-Krimi mit tollem Nordseeflair

Halligmord (Ein Minke-van-Hoorn-Krimi 1)
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INHALT
Ein mysteriöser Mord vor der idyllischen Nordseeküste und eine Hallig voller Geheimnisse - willkommen in der Welt von Ermittlerin Minke van Hoorn!

Ein herbstlicher Sturm an der friesischen Küste ...

INHALT
Ein mysteriöser Mord vor der idyllischen Nordseeküste und eine Hallig voller Geheimnisse - willkommen in der Welt von Ermittlerin Minke van Hoorn!

Ein herbstlicher Sturm an der friesischen Küste fördert ein düsteres Geheimnis zutage: Auf der kleinen Hallig Nekpen hat die See menschliche Knochen freigespült, die schon seit Jahrzehnten im friesischen Marschboden gelegen haben müssen. Wer war der Tote? Minke van Hoorn, ehemalige Meeresbiologin und erst seit kurzem als Kommissarin zurück in ihrer friesischen Heimat, hat bei ihrem ersten Fall eine harte Nuss zu knacken. Denn die beiden alteingesessenen Familien auf Nekpen wollen von dem Skelett unter der grünen Halligwiese nichts gewusst haben. Jeder kennt jeden, einige benehmen sich merkwürdig, friesisches Schweigen liegt über dem Fall. Dann verschwindet der Sohn des alten Deichgrafen, und längst vergangene Ereignisse scheinen plötzlich ihre Finger bis in die Gegenwart auszustrecken. Minke muss sich beeilen, denn der nächste Herbststurm kündigt sich an...
(Quelle: Ullstein)
MEINE MEINUNG
Mit dem Krimi „Halligmord“ hat Greta Henning, einer unter Pseudonym schreibenden deutschen Autorin, einen interessanten und fesselnden Auftakt zu ihrer neuen Krimi-Reihe vorgelegt, die an der idyllischen Nordseeküste im Küstenstädtchen Jüstering und auf den vorgelagerten, kleinen Halligen spielt. Im Mittelpunkt steht die junge, sympathische Ermittlerin Minke van Hoorn, die als frisch gebackene Kommissarin in ihre nordfriesische Heimat zurückkehrt und den Dienst am ehemaligen Arbeitsplatz ihres verstorbenen Vaters antritt.
Die kleinen Marschinseln inmitten der sturmumtosten Nordsee, ein beschauliches Küstenstädtchen und das faszinierende Wattenmeer stellen ein tolles, einzigartiges Setting für einen Krimi mit viel Lokalkolorit dar, das mich sofort angesprochen hat. Greta Henning schafft es mit Leichtigkeit die besondere Atmosphäre der fiktiven Schauplätze und die Eigenheiten der Einheimischen sehr lebendig und stimmungsvoll einzufangen. Durch sehr anschauliche Schilderungen der Schauplätze sowie die Erwähnung einiger typisch nordfriesischer Traditionen wie das Klootschießen oder Biikefeuer unterstreicht Greta Henning gekonnt das tolle Nordseeflair.
Die Autorin hat einen sehr eingängigen und anschaulichen Schreibstil, so dass die Leser rasch mitten hinein in die Handlung gezogen werden. Noch bevor Minke ihren ersten Arbeitstag in der neuen Polizeiwache antreten kann, wird sie sie direkt zu ihrem ersten Fall gerufen. Ein vom Sturm freigespültes Skelett auf der Hallig Nekpen gibt Rätsel auf, zumal bald feststeht, dass es sich hierbei nicht um einen alten Wikinger handelt, sondern um einen vor Jahrzehnten bei einem tragischen Unfall verschollenen Halligbewohner. Tatkräftig stürzt sich Minke in die Ermittlungen zu diesem kniffligen Cold Case, befragt die alteingesessenen Familien auf Nekpen und beginnt immer tiefer in deren Vergangenheit zu graben.
Mit einem häufigen Wechsel der sehr kurz gehaltenen Erzählstränge gelingt es der Autorin, rasch Tempo und Spannung in die Handlung zu bringen. In Einschüben erhalten wir zudem aufschlussreiche Rückblicke auf vergangene Ereignisse aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten und interessante Einblicke in jenen schicksalsträchtigen Abend auf Nekpen. Aber nicht nur die geschickt platzierten Szenenwechsel und die Verwendung von Cliffhanger bringen Bewegung in das Geschehen, sondern auch die eingestreuten Passagen mit den Schilderungen des verschwundenen Sohns des Deichgrafen Jasper sowie Einblicken in die Gedankenwelt des anonym bleibenden Täters heizen die Spannung zusätzlich an. Durch geschickt gelegte falsche Fährten und so manche unerwartete Wendung ist der Krimi ideal zum Mitermitteln. Auch wenn es Minke nicht leicht hat, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, lässt sie sich nicht abschrecken und bohrt hartnäckig weiter. So merkt sie schon bald, dass fast ein jeder ihr nicht die Wahrheit erzählt und versucht, ein dunkles Geheimnis zu verbergen. Zudem ist Minke bei ihren schwierigen Ermittlungen fast völlig auf sich allein gestellt, denn ihr phlegmatischer Assistent Klaus sieht seiner Pensionierung in wenigen Tagen entgegen und ist vorrangig damit beschäftig, seine Abschiedsparty in der Dienststelle zu organisieren – was natürlich für eine äußerst unterhaltsame Episoden sorgt.
Ihre verschiedenen Charaktere hat die Autorin vielschichtig und lebensnah angelegt. Auch ihre Handlungsweisen sind gut nachzuvollziehen. Die Nebenfiguren sind durchweg gut gelungen und werden abhängig von ihrer Rolle glaubhaft und interessant ausgearbeitet. Das Privatleben der sympathischen Hauptfigur Minke und einigen Details zu ihrer Vergangenheit werden nur kurz angerissen, sind interessant und runden ihre Charakterzeichnung insgesamt ab.
Mit dem aufkommenden Sturm verdichtet sich die eher ruhige Geschichte zum Ende hin immer mehr und gipfelt schließlich in einem stürmischen Finale. Die erschreckende Auflösung von Minkes erstem Fall und die Aufklärung der Geschehnisse in Vergangenheit und Gegenwart sind insgesamt in sich schlüssig und glaubhaft.
Ich bin schon sehr gespannt auf den zweiten Band und einen neuen Kriminalfall für die sympathische Ermittlerin, denn die neue Besetzung von Klaus Assistentenstelle ist sehr vielversprechend und lässt auf eine unterhaltsame Zusammenarbeit hoffen.
FAZIT
Insgesamt ein spannender, eher ruhiger aber sehr unterhaltsamer Krimi-Auftakt - mit einem mysteriösen Cold Case, viel Lokalkolorit und tollem Nordsee-Flair. Ein toller Regionalkrimi!

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Veröffentlicht am 06.07.2020

Leon Ritters packender sechster Fall

Dunkles Lavandou (Ein-Leon-Ritter-Krimi 6)
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INHALT
Strahlender Sonnenschein und jede Menge Touristen versprechen den Beginn einer perfekten Sommersaison. Die Stimmung in Le Lavandou könnte nicht besser sein, doch eines Morgens wird unter einer Brücke ...

INHALT
Strahlender Sonnenschein und jede Menge Touristen versprechen den Beginn einer perfekten Sommersaison. Die Stimmung in Le Lavandou könnte nicht besser sein, doch eines Morgens wird unter einer Brücke die Leiche einer Frau gefunden. Leon Ritter findet durch die Obduktion heraus, dass sie nicht freiwillig in den Tod gesprungen ist. Vieles deutet auf eine rituelle Tötung hin. Während Leon und seine Lebensgefährtin Isabelle verschiedenen Verdächtigen nachspüren, scheint die Polizei den Fall schleifen zu lassen – bis eines Tages die Tochter des französischen Kultusministers samt einer Freundin verschwindet. Sie wurden zuletzt in Le Lavandou gesehen …
(Quelle: Ullstein)

MEINE MEINUNG
Mit seinem Krimi „Dunkles Lavandou“ hat der deutsche Autor Remy Eyssen bereits den sechsten Fall seiner Leon-Ritter-Krimi-Reihe vorgelegt, die vor dem wundervollen Setting der südfranzösischen Provence angesiedelt ist, und in deren Mittelpunkt der sympathische, aus Deutschland stammende Rechtsmediziner Leon Ritter und seine Lebensgefährtin Capitaine Isabelle Morell stehen. Es ist aber nicht notwendig die vorherigen Bände dieser Krimi-Reihe gelesen zu haben, denn der Autor hat zum Verständnis wichtige Vorkenntnisse geschickt in die Handlung eingebunden.
Eyssen versteht es erneut hervorragend, das stimmungsvoll eingefangene provenzalische Lokalkolorit und obligatorische südfranzösische 'Savoir-vivre' mit einer spannenden Handlung zu verbinden. Gekonnt entführt uns der Autor mit seinen lebendigen, anschaulichen Schilderungen in den kleinen, idyllischen Fischerort Le Lavandou an der Mittelmeerküste während der Vorsaison und weckt in uns Lesern Reiselust. Mühelos tauchen wir ein in das quirlige Treiben in den Gassen des beliebten Touristenorts an der Côte d’Azur, genießen das wunderschöne Urlaubsflair und die malerische Landschaft zwischen dem blauen Meer und den dicht bewaldeten Hügeln des Massif des Maures. Man merkt an den detaillierten Beschreibungen der Schauplätze und der authentischen Atmosphäre deutlich, dass der Autor diese Gegend gut kennt und er Land und Leute sehr mag. Insbesondere der Kontrast zwischen der Beschaulichkeit und Idylle des Touristenorts und den dunklen, unheilvollen Geheimnissen, die in der Einsamkeit des wilden Hinterlands lauern, konnte mich sehr fesseln.
Die Handlung ist sehr wendungs- und abwechslungsreich angelegt, so dass sich die Spannung trotz des recht ruhigen Erzähltempos bis zum rasanten Finale zunehmend steigert. Insbesondere die ominösen Hinweise auf einen religiös-rituellen Hintergrund und die eingestreuten Kapitel aus Sicht der Opfer, die über ihr qualvolles Martyrium berichten, sorgen für zusätzlichen Nervenkitzel. Die Ermittlungsarbeit zum verzwickten Fall gestaltet sich äußerst schwierig und liefert viele widersprüchliche Spuren und zahlreiche Verdächtige. Somit eignet sich der Krimi ideal zum Mitermitteln und vielfältigen Kombinieren. Zudem versteht es der Autor hervorragend, uns auf so manche falsche Fährte zu locken.
Auch das Privatleben der beiden Hauptfiguren kommt zwischendrin nicht zu kurz und lockert die Handlung immer wieder auf. Die verschiedenen Charaktere sind glaubhaft und lebensnah angelegt und haben mir gut gefallen. Sehr gelungen ist vor allem die sehr sympathische Hauptfigur Leon Ritter, der auch dieses Mal an allen Fronten zu kämpfen hat und mit seinen Theorien über den Täter kaum Unterstützung findet. Faszinierend fand ich es, ihn bei seiner gewissenhaften Arbeit und seiner einfühlsamen Vorgehensweise mitzuerleben; wie es ihm gelingt, den Toten die Wahrheit über ihre letzten qualvollen Stunden zu entlocken und mögliche H. Selbst ungewöhnliche Spuren und winzigste Details entgehen seinem besonders scharfen Blick nicht. Auch die Nebenfiguren wurden abhängig von ihrer Rolle mit ausreichend Tiefgang ausgearbeitet.
Zum Ende hin überschlagen sich die Ereignisse und halten so manche Überraschung für uns bereit. Die Auflösung des Falls und die Aufklärung der Hintergründe sind in sich schlüssig und glaubhaft. Schade nur, dass auf einige Details und Zusammenhänge nicht mehr eingegangen wurde und auch das Motiv des Täters sehr nebulös bleibt.

FAZIT
Ein fesselnder, recht düsterer Krimi mitten in einer der schönsten Urlaubsregionen Frankreichs - mit viel provenzalischem Lokalkolorit, einem verzwickten brutalen Fall und dem sehr sympathischen Rechtsmediziner Leon Ritter.

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Veröffentlicht am 02.06.2020

Aufwühlendes Porträt von Virginia Woolfes letzten Tagen

Ach, Virginia
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MEINE MEINUNG
In seinem jüngsten Roman "Ach, Virginia" nimmt sich der deutsche Autor Michael Kumpfmüller mit Virginia Woolf (1882-1941) einer der bedeutendsten britischen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts ...

MEINE MEINUNG
In seinem jüngsten Roman "Ach, Virginia" nimmt sich der deutsche Autor Michael Kumpfmüller mit Virginia Woolf (1882-1941) einer der bedeutendsten britischen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts und Ikone der feministischen Literatur an, deren Werke zur Weltliteratur zählen. Äußerst einfühlsam und kenntnisreich erzählt Kumpfmüller in einer interessanten Mischung aus Außen- und Innenansicht über die letzten zehn, recht ereignisarmen Tage im Leben von Virginia Woolf, an deren Ende der Freitod dieser so großartigen, talentierten und erfolgreichen Frau steht. Gekonnt lässt er ihr Leben nochmals vorbei ziehen, beleuchtet dabei ihr Wirken, die für sie wichtigen Beziehungen und Freundschaften und ihre große Liebe, lässt sie Resümee ziehen. Es ist ein faszinierender, tiefgründiger und wundervoll poetisch geschriebener Roman, der in seiner Tragik und Düsternis aber keine leichte Kost darstellt.
Mit viel Feingefühl versucht sich der Autor in die wirre, oftmals erschreckend düstere Gedankenwelt der außergewöhnlich sensiblen Schriftstellerin hineinzuversetzen und uns ihr angeschlagenes Innenleben und innersten Beweggründe anschaulich zu vermitteln. In sorgfältig ausgewählten Episoden, einem Tagebuch gleich, erleben wir sehr unmittelbar mit, wie Woolf immer tiefer in ihre schon länger bestehende, schwere Depression abgleitet, wie sie mit ihrem Leben ringt, leidet und von inneren Zweifeln zerrissen ist. Ihr liebevoller Ehemann Leonard bemüht sich vergeblich, seiner Frau Lebensmut und -freude zu vermitteln. Sehr aufwühlend dokumentiert der Autor Woolfs Kampf gegen sich selbst und ihre inneren Dämonen und beleuchtet zugleich die bitteren Erfahrungen der Vergangenheit und qualvollen Erinnerungen an die Schatten ihrer Familiengeschichte, die sie einfach nicht losließen. So begleiten wir sie schließlich bei ihrem tragischen Entschluss, die erhoffte Erlösung für ihre ausweglos erscheinende Lage im Fluss nahe ihres Hauses zu finden.
Ein überaus schwieriges und anspruchsvolles Unterfangen diesem so vielschichtigen Menschen gerecht zu werden, basiert das Geschilderte letztlich auf reinen Spekulationen, denn in ihren hinterlassenen Tagebücher vermied Woolf es, über ihre körperlichen und psychischen Zusammenbrüche zu schreiben. Dennoch ist dem Autor meiner Ansicht nach dieser Balanceakt recht gut gelungen und doch bleibt nach der Lektüre ein gewisses Unbehagen zurück. Schade, dass er auf die Angabe seiner Quellen verzichtet hat und somit auch der Wahrheitsgehalt seiner geschilderten Ereignisse etwas spekulativ bleibt.
FAZIT
Ein faszinierender und aufwühlender Roman! Feinfühlig und facettenreich versucht sich Kumpfmüller an einem Portrait der berühmten Schriftstellerin Virginia Woolf in den letzten Tagen vor ihrem tragischen Freitod.

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