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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.08.2020

Liebevoll beschriebene Touren

Rheingau/Taunus. Wanderungen für die Seele
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Das Buch enthält zwanzig Wanderungen in Taunus und Rheingau, deren Orte auf der übersichtlichen Karte vorne im Umschlag gut erkennbar sind. Die farbige, über zwei Umschlagseiten gehende Karte gibt schon ...

Das Buch enthält zwanzig Wanderungen in Taunus und Rheingau, deren Orte auf der übersichtlichen Karte vorne im Umschlag gut erkennbar sind. Die farbige, über zwei Umschlagseiten gehende Karte gibt schon einen Vorgeschmack der ausgezeichneten visuellen Gestaltung des Buches. Es finden sich zahlreiche Farbfotos, die fünf Kategorien der Touren (Auszeit-, Panorama-, Verwöhn-, Entschleunigung- und Erfrischungstouren) haben unterschiedliche farbliche Kennzeichnungen, was nicht nur übersichtlich praktisch, sondern auch ansprechend ist. Hier ist das Preis-Leistungsverhältnis absolut gelungen und ich habe mich an der Gestaltung häufig gefreut, auch das Papier ist hochwertig. Allerdings gibt es bei den Fotos auch einen kleinen, rein subjektiven, Kritikpunkt. Fast auf allen sind Familie und Freunde des Autors (nehme ich jedenfalls an) zu sehen und es gibt ziemlich viele ähnlich aussehende recht große Fotos von Leuten im Restaurant mit einem Teller Essen vor sich. Da hätte ich doch mehr Fotos der Wanderwege und der Natur den fast gleichen Fotos mit Unbekannten beim Essen vorgezogen und auch die Fotos der Gegend wären ohne die Leute im Bild für mich ansprechender gewesen. Es ist ja nun einmal kein privates Familienalbum, sondern ein Buch, in dem man sich über Wanderrouten informieren möchte. Erfreulich ist die gute Qualität der Fotos.
Die Touren sind gut ausgesucht, hier waren viele, die ich in meinen anderen Wanderführern der Gegend nicht stehen habe, so daß es sich wirklich gelohnt hat. Die Beschreibungen sind sehr persönlich, man fühlt sich, als ob man nebenher geht. Manchmal hätte ich mir neben den Wegbeschreibungen auch einige weitere Informationen darüber gewünscht, was man nun sieht, wenn man von Straße X auf Weg Y einbiegt, denn gelegentlich ist der „Wir gehen von x in Richtung y und dann nach z“-Teil doch sehr lang, ohne daß man etwas über das erfährt, wofür sich die Wanderung lohnt. Bei zwei Wanderungen habe ich nachher zwar alles über die Wegführung, aber doch recht wenig darüber erfahren, was mich auf der Strecke erwartet. Dem stehen allerdings auch viele gute Beschreibungen gegenüber. Manche Touren sind so gut beschrieben, daß ich am liebsten gleich losgezogen wäre. Sehr schön sind auch die kleinen Informationskästen neben dem Text, die weitere Informationen zu manchen Sehenswürdigkeiten und anderen Dingen geben. An anderen Stellen werden zwar viele Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke aufgezählt, ohne daß allerdings erwähnt wird, was diese sind. Insofern hätte ich mir beim Lesen doch an mehreren Stellen mehr Information gewünscht, dafür hätte ich häufig darauf verzichten können, zu erfahren, an welcher Bank man sich hingesetzt oder wie vorsichtig man die Straße überquert hat, oder welche Gerichte und Getränke jedes Mal bestellt wurden. Das sind nette Informationen, wenn auf eine Besonderheit hingewiesen wird, aber hier war es oft allgemeiner Teil der Beschreibung, der m.E. besser für die o.g. mir fehlenden Informationen hätte genutzt werden sollen. Insgesamt haben mir die Routenbeschreibungen aber gut gefallen.
Schön fand ich, dass am Anfang jeder Tour eine Übersicht über Gesamtkilometer, Gesamthöhenmeter, Dauer und dem Vermerk, ob es ein Rundweg ist, steht. Am Ende jeder Tour gibt ebenfalls ansprechend und übersichtlich weitere Informationen hinsichtlich Wegarten, Anfahrts- und Einkehrtips u.a., sowie einer Routenkarte, auf der auch die besonderen Wegpunkte eingezeichnet sind. Ich hätte es noch vorgezogen, ein Höhenprofil jeder Wanderung dort zu finden, denn ich finde Gesamthöhenmeter wenig aussagekräftig. Gut gefallen hat mir, daß bei manchen Touren auch Alternativmöglichkeiten für eine längere oder kürzere Strecke genannt wurden.
So ist dieser Wanderführer gut durchdacht, ausgesprochen ansprechend gestaltet, bietet gute abwechslungsreiche Touren, auch wenn man sich in der Gegend schon ein wenig auskennt. Die sehr persönliche Schreibweise hat Vor- und Nachteile, was aber Geschmackssache ist. Empfehlenswert ist dieses Buch in jedem Fall.

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Veröffentlicht am 13.08.2020

Wieder anschaulich erklärt und herausragend illustriert

Chinas Geschichte im Comic - China durch seine Geschichte verstehen - Band 4
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Mit „Der Weg in die Moderne“ liegt jetzt der vierte Band der hervorragenden Reihe „Chinas Geschichte im Comic – China durch seine Geschichte verstehen“ vor und behandelt die Zeit von 1368 – 1912.

Erneut ...

Mit „Der Weg in die Moderne“ liegt jetzt der vierte Band der hervorragenden Reihe „Chinas Geschichte im Comic – China durch seine Geschichte verstehen“ vor und behandelt die Zeit von 1368 – 1912.

Erneut gelingt es Jing Liu, uns durch seine Zeichnungen viel mehr zu vermitteln, als es unzählige Worte könnten. Fast durchweg sind die Zeichnungen treffend, anschaulich, gelungen. Nur im letzten Teil („Revolution“) wirken sie fast unbeteiligt und vermitteln kaum die Gefühle und Dramatik der Situation. Ich war an vielen Stellen im Buch beeindruckt, wie ergreifend die Zeichnungen sind – hier finden sich zahllose kleine Kunstwerke, manchmal sogar mit passend humorvollen Nuancen. Oft wird auch durch klare und gut darstellende Übersichten vieles vermittelt, gerade die Vergleiche sind so bestens gelungen und zeigen Verhältnisse viel besser, als es reine Zahlen könnten.

Zu Beginn ist die Übersetzung holprig und ließ meine Erwartungen an den Text ziemlich sinken, aber das war tatsächlich nur im ersten Abschnitt der Fall. Danach gefielen mir die Texte vom Stil her besser als die in der vorherigen Aufgabe und es scheint auch wesentlich sorgfältiger Korrektur gelesen worden zu sein, denn mir fielen diesmal keine Tippfehler auf. Das ist erfreulich.

Inhaltlich war ich wieder sehr angetan, wie gut auch komplexe Sachverhalte vermittelt wurden. Getreu dem Motto „China durch seine Geschichte verstehen“ wird auch viel Wert darauf gelegt, zu erklären, warum manche Probleme entstanden oder manche Dinge geschahen. Das ist neben den herrlichen Zeichnungen ein weiterer absoluter Pluspunkt dieser Reihe. Wir erfahren nicht nur, daß etwas geschieht, sondern wir bekommen ein tieferes Verständnis dafür und erkennen auch, wie langfristig sich manche Dinge auswirkten. Allerdings fehlten an manchen Stellen durchaus relevante Informationen. Mir ist bewußt, daß es sich um einen Überblick handelt, aber es kam doch häufig vor, daß schon ein paar Worte oder höchstens zwei Sätze ausgereicht hätten, wesentliche Informationen zu geben, die für das allgemeine Verständnis wichtig wären. Das fand ich sehr schade.

In meiner Rezension zum dritten Band habe ich lobend erwähnt: „Der Inhalt ist angenehm ausgewogen zwischen geschichtlichen Ereignissen, kulturellen Entwicklungen und Alltagsleben.“ Leider kann ich das hier nicht schreiben. Über das Alltagsleben erfahren wir kaum etwas, über die kulturellen Entwicklungen viel zu wenig. Der Fokus liegt hier sehr stark auf politischen Ereignissen. Das fand ich bedauerlich und dieser Aspekt hat mir hier sehr gefehlt.

So haben wir mit „Der Weg in die Moderne“ wieder einen wundervoll gezeichneten Band über Chinas Geschichte, aus dem man auf unterhaltsame Weise eine ganze Menge lernen kann und in dem Komplexes gelungen einfach erklärt ist. Allerdings fehlen ein paar der Aspekte, die Band 3 so überragend gemacht haben. In jedem Fall ist es aber ein äußerst empfehlenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 25.06.2020

Bildhafter Blick auf's eigene Gepäck

Der Gepäckträger
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„Der Gepäckträger“ ist ein ungewöhnliches Buch, das eine interessante Thematik originell verpackt. Der Untertitel sagt es schon: „Eine Erzählung über die Kunst, unbeschwert zu leben“. Das Gepäck, um das ...

„Der Gepäckträger“ ist ein ungewöhnliches Buch, das eine interessante Thematik originell verpackt. Der Untertitel sagt es schon: „Eine Erzählung über die Kunst, unbeschwert zu leben“. Das Gepäck, um das es hier geht, ist nur zu Beginn das tatsächliche Reisegepäck der Protagonisten, aber letztlich das Gepäck, das man im Inneren mit sich herumträgt. Die Gestaltung des Buches ist gelungen – das erfreulich reduzierte Titelbild zeigt uns das Wesentliche schon, originell ist der von außen blaue Buchblock. Hier wurde liebevoll gestaltet und so etwas ist immer schön, paßt auch zum Liebevollen der Geschichte.

Der Leser ist gleich mitten in der Geschichte drin, lernt die drei Reisenden Gillian, David und Michael kennen, die mit dem gleichen Flugzeug ankommen und aus Versehen am Gepäckband den falschen Koffer erwischen. Mir haben die Schilderungen dieser drei unterschiedlichen Leute ausgezeichnet gefallen. Ihre Gedanken, ihre Erlebnisse sind ebenso bildhaft wie die geschilderte Umgebung. Man sieht den Flughafen vor sich, das schicke Haus von Gillians Schwester, die kühle Büroumgebung Davids und die Trainingsbahn, von der Michael aus auf seinen eigentlichen Traum blickt. Denn alle drei kommen mit gemischten Gefühlen und Sorgen an ihrem jeweiligen Ziel an, alle haben eben ihr Gepäck dabei. Der Autor hat hier drei Lebenssituationen ausgewählt, die so gängig sind, dass die meisten Leser sich mit einer oder mehreren davon identifizieren oder sie zumindest gut nachempfinden können. Das ist gelungen, erfreulich ist auch, wie gut die unterschiedlichen Welten der drei geschildert werden. Jeder kommt glaubhaft rüber, hat eine eigene Stimme, man kann sich beim Lesen darin versinken lassen. Dieser bildhafte angenehme Schreibstil zieht sich durch das ganze Buch.

Während das erste Drittel des Buches uns diese lebensnahen Situationen ausgezeichnet nahebringt, geht die Geschichte ab dann ziemlich vom Realen weg. Der titelgebende Gepäckträger macht unseren Protagonisten klar, welches Gepäck sie eigentlich mit sich herumschleppen. In diesem Teil muß man sich darauf einlassen, daß nicht alles logisch und real ist. Das ist nicht unbedingt mein Fall, aber es ist gut gemacht, wenn auch manchmal die Botschaft ein wenig flach rüberkommt. Auch hier gelingt es dem Autor, die drei verschiedenen Perspektiven und Reaktionen der Protagonisten anschaulich zu schildern. Sie scheinen ihm alle auf ihre Art wirklich am Herzen zu liegen. Es gibt keine großen Überraschungen, was wohl auch nicht beabsichtigt ist. Die Entwicklung der drei Stränge in sich ist absolut stimmig und nachvollziehbar. Der Weg zur Erkenntnis war mir manchmal ein wenig zu flach, in einem Fall fehlte auch etwas Würze, es ging doch alles sehr glatt, die Botschaft war ziemlich einfach. Im zweiten Fall verpaßt das Ende m.E. eine gute Möglichkeit, ist zu zuckerwattig, zu märchenhaft. Mit diesem letzten Drittel des Buches war ich also nicht uneingeschränkt glücklich.

Insgesamt aber hat David Rawlings eine charmante Methode gewählt, seine Botschaft zu vermitteln. Leicht, locker und bildhaft, vielleicht an manchen Stellen ein wenig oberflächlich, aber doch insgesamt mit Substanz und einigen Anregungen, über das innere Gepäck nachzudenken. Das Ganze in einem absolut angenehmen Schreibstil, der das Lesen zur Freude macht.

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Veröffentlicht am 12.04.2020

Düstere, eindrückliche Geschichte

Tess
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Mit Tess führt Thomas Hardy uns ganz tief in die Düsternis. Wir begleiten Tess, ein hübsches, zu Beginn argloses Mädchen, das im England des ausgehenden Jahrhunderts durch die Eitelkeiten ihrer Umwelt ...

Mit Tess führt Thomas Hardy uns ganz tief in die Düsternis. Wir begleiten Tess, ein hübsches, zu Beginn argloses Mädchen, das im England des ausgehenden Jahrhunderts durch die Eitelkeiten ihrer Umwelt und rigiden Regeln ihrer Zeit ins tiefste Unglück gestürzt wird.

Das beginnt noch recht harmlos, wir bekommen von Hardy das Landleben liebevoll und detailreich beschrieben. Im Laufe des Buches finden sich viele solche Beschreibungen, die das Alltagsleben informativ schildern - teils ist das herrlich malerisch, oft merkt man aber, welche Härten die einfache Landbevölkerung erfahren mußte. Die landwirtschaftlichen Tätigkeiten und Kreisläufe sind sehr interessant, geben dem Leser vielerlei Einblicke. Auch die landschaftlichen Beschreibungen und die sich ändernden Jahreszeiten erstehen von den Seiten farbig auf. Manchmal verlieren sich diese Beschreibungen ein wenig zu sehr im Detail und gerade in der Mitte des Buches schleicht sich stellenweile eine gewisse Langatmigkeit ein, dies aber nur vorübergehend. Im Gesamten ist der Schreibstil sehr erfreulich und fast durchweg ist man gespannt, was als nächstes geschehen wird. Hardy versteht sich darauf, den Spannungsbogen aufrechtzuhalten und neue Wendungen einzubauen.

Der Stil ist zudem erfreulich zugänglich, wesentlich eingängiger als bei so manchem anderen Klassiker. Oft fließt auch in Nebensätzen und Beobachtungen herrlicher Humor ein. Man merkt überhaupt - Hardy kannte die Menschen, sah kenntnisreich und kritisch hinter die Fassaden. Seine Charaktere sind sorgfältig gezeichnet, facettenreich. Gerade bei den beiden Männern in Tess' Leben war ich beim Lesen immer wieder hin- und hergerissen, und auch sonst ist kein Charakter schablonenhaft, keiner leicht einzusortieren. Die Charakterzeichnung ist eine absolute Stärke des Buches.

Tess selbst wird im Laufe des Buches ab und an ein wenig anstrengend. Sie erlebt von Anfang an Unrecht durch andere, wird immer wieder enttäuscht, verraten, ausgenutzt. Während sie einerseits viel Würde und Stolz zeigt, nie den leichten Ausweg sucht, hat sie auch die Tendenz, sich selbst tief in den Staub zu treten und negativ zu sehen. Das nahm manchmal doch übertriebene Ausmaße an. Andererseits beschreibt Hardy ihre innere Entwicklung durchaus meistens glaubhaft und wir merken aus, wie sie durch all das, was ihr widerfährt, geformt wird. Sie läßt den Leser nicht kalt, man fühlt mit ihr, nimmt Anteil.

Das auf sie hereinprasselnde Unheil nimmt ebenfalls ab und an etwas zu starke Ausmaße an, meistens aber ist es nachvollziehbar, erklärt sich aus der Zeit und dem Umfeld, in dem sie lebt. Eine große Schwäche war für mich aber, daß Hardy die bei den viktorianischen Schriftstellern so beliebten unglaublichen Zufälle sehr überbenutzt. Das war an manchen Stellen so unwahrscheinlich, daß es unglaubwürdig wurde und ich es nicht ganz ernst nehmen konnte. Diese gelegentlichen Schwächen werden dann aber durch einen mitreißenden atmosphärischen letzten Teil wieder wettgemacht, der uns in intensiven Bildern dem dramatischen Ende entgegenführt, welches dann mit eindrücklicher Symbolik erzählt wird.

So bietet Hardy uns eine tragische Geschichte, die zwar ein paar Schwächen hat, aber gerade durch ihre psychologisch ausgefeilte Betrachtung der Menschen und die gekonnten Beschreibungen einen tiefen Eindruck hinterläßt.

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Veröffentlicht am 30.03.2020

Gelungene, etwas geruhsame Ruhrpottgeschichte

Ein Traum vom Glück
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Das Ruhrgebiet als Handlungsort für einen Roman – das hat mich gleich angesprochen und deshalb wollte ich diesen ersten Band der „Ruhrpott-Saga“ auch unbedingt lesen. Das Buch spielt im Jahre 1951 und ...

Das Ruhrgebiet als Handlungsort für einen Roman – das hat mich gleich angesprochen und deshalb wollte ich diesen ersten Band der „Ruhrpott-Saga“ auch unbedingt lesen. Das Buch spielt im Jahre 1951 und die Nachkriegszeit finde ich als Thema ebenfalls interessant, also war „Ein Traum vom Glück“ eine gute Kombination.

Das Ruhrpottflair wird ganz hervorragend eingefangen. Man merkt, Eva Völler kennt den Pott, die Lebensart, die Denkweisen, die Leute. Einige Charaktere läßt sie im Ruhrpottdialekt sprechen und das ist nicht nur ausgezeichnet geschrieben (ich konnte es direkt hören), sondern trägt wesentlich zum lokalen Flair bei. Ein Glossar erklärt Dialekt und Bergbaubegriffe.

Die Geschichte beginnt ansprechend, wir sind nämlich gleich mitten drin in der Atmosphäre und dem Geschehen. In wenigen Sätzen merken wir – ja, das sind die 1950er, ja, das ist der Pott. Auch das Erzähltempo ist hier gut, denn wir erfahren nicht nur die Situation der Hauptperson Katharina, sondern lernen auch gleich den zweiten Hauptcharakter Johannes kennen, der aus der russischen Gefangenschaft heimkehrt und vielversprechende Themen mit sich bringt. Wir haben gleich zu Beginn zwei typische Themen der Nachkriegszeit: Katharina schlägt sich mit dem Schneidern durch, hat genug Ausbildung und Talent, um weitergehende Pläne zu verfolgen – ein Modeatelier. Das paßt zum Aufbruchsgeist dieser Zeit. Johannes ist aus gutem Hause, von der Schulbank weg noch am Ende in den Krieg gezerrt worden und hat in russischer Gefangenschaft Furchtbares hinter sich. Die Thematik der Heimkehrer ist noch nicht so oft literarisch behandelt worden und so war ich auf beide Themen gespannt.

Dann wird es allerdings wesentlich geruhsamer. Die Autorin zeichnet sehr liebevoll und sehr detailreich die Atmosphäre, versteht sich darauf auch gut. Man erhält ein wirklich umfassendes Bild jener Region in jener Zeit. Nur geht diese Detailfreude häufiger zu Lasten des Erzähltempos, gerade weil auch einige Dinge öfter wiederholt werden. Die Kochvorgänge von Katharinas Schwiegermutter Mine werden uns mehrfach über Seiten hinweg geschildert und die Kinderspiele und –streiche von Katharinas kleiner Tochter Bärbel nehmen ebenfalls zu viel Raum ein – diese habe ich irgendwann nur noch überflogen, weil sie nur selten für die Geschichte relevant waren. Alltägliche Unternehmungen sind ebenfalls sehr detailreich. Dagegen kommt das (unerwartete) Ende dann sehr rasch, knapp und abrupt. Da hätte ich mir mehr Raum gewünscht, so wirkte es – gerade im Vergleich zum restlichen Buch – überhastet.

Auch thematisch war die Gewichtung nicht vollständig mein Geschmack. Die oben erwähnten beiden Themen finden viel weniger Raum als erwartet, gerade Katharinas berufliche Pläne treten erzählerisch rasch zurück, was ich sehr schade fand. Johannes‘ Thematik bekommt ein wenig mehr Raum, ist kenntnisreich und anschaulich geschildert, geht aber für meinen Geschmack nicht genug ins Detail. Ich hatte immer gehofft, daß dazu noch was kommt, irgendetwas aufbricht, weil es alles so glatt lief. Ein damit zusammenhängender Handlungsstrang beginnt vielversprechend, findet dann aber ein etwas seltsames und zu praktisches Ende. Die Möglichkeit, dieses wichtige Thema zu behandeln, wurde für meinen Geschmack doch eher verschenkt. Hauptfokus ist eine Liebesgeschichte, bzw. eine große und mehrere kleinere Liebesgeschichten. Die sind gut erzählt, erfreulich (fast) frei von Kitsch und werfen mehrere interessante und zu der damaligen Situation passende Aspekte auf. Eva Völler gelingt es ohnehin gut, mit den Haupthandlungssträngen viele kleinere Handlungsstränge und Themen zu verknüpfen und eine Vielzahl von Themen zu behandeln. Lediglich die Gewichtung entsprach nicht meinem persönlichen Geschmack.

Vom Schreibstil her liest sich das Buch durchweg ansprechend, schön ist auch der ab und zu durchblitzende Humor. Ein wenig gestört hat mich, daß uns zu viel erklärt wird – der Leser bekommt die Schlußfolgerungen häufig auf dem Silbertablett serviert, anstatt sie selbst ziehen zu können. Ich ziehe „Zeigen, nicht erzählen“ vor. Hier hatten wir häufig Zeigen + Erzählen, und dies auch bei manchen Dingen wiederholt. Gerade die Tatsache, daß Katharina eine ausgesprochen schöne Frau ist, wird unnötig häufig erwähnt. Schön fand ich dagegen, wie uns die Charaktere nahegebracht werden. So erleben wir Katharinas „Schneiderwissen“ auch richtig, da sie gewohnheitsmäßig mit raschen Blicken Schnitt und Material der Kleidung anderer abschätzt und Fachkenntnis beweist. Ihre ältere Tochter Inge dürstet nach Bildung und es zieht sich angenehm durch das Buch, daß sie eine Schwäche für Fremdwörter oder „kluge“ Wörter hat. Überhaupt sind die Charaktere gut gezeichnet. Johannes, mein absoluter Lieblingscharakter, ist herrlich facettenreich und eine Person, mit der ich als Leser absolut mitfieberte, der mir am Herzen lag. Katharina war mir zu berechnend, zu kühl. Katharinas Schwiegermutter Mine, ein Pott-Urgestein, kommt zwar eher am Rande vor, wird aber herrlich echt und lebendig geschildert. Genau so sollte eine Nebenfigur sein – sie übernimmt nicht, aber man freut sich immer, wenn sie erscheint und die wenigen Sätze, die sie sagt, haben Hand und Fuß und zeigen ihr Wesen herrlich. Auch sonst gibt es vielfältige Charaktere, die anschaulich und echt wirken.

So ist „Ein Traum vom Glück“ ein gut lesbarer Roman mit herausragendem Lokalkolorit und gelungen gezeichneten Charakteren, der viele Themen anspricht. Wer mehr das Geschichtliche in historischen Romanen sucht, wird mit der Gewichtung nicht ganz so glücklich sein. Wer Liebesgeschichten mag und gegen ein geruhsames Erzähltempo mit vielen Alltagsdetails nichts einzuwenden hat, sollte definitiv zugreifen.

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