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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.12.2020

Gescheiterter Rettungsversuch einer Ehe

Unter uns das Meer
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Das Ehepaar Partlow lebt mit den noch recht kleinen Kindern in einer amerikanischen Vorstadt. Während Michael beruflich erfolgreich, aber unzufrieden ist, leidet Juliet unter Depressionen und hat ihre ...

Das Ehepaar Partlow lebt mit den noch recht kleinen Kindern in einer amerikanischen Vorstadt. Während Michael beruflich erfolgreich, aber unzufrieden ist, leidet Juliet unter Depressionen und hat ihre Dissertation immer wieder verschoben. Nicht nur deshalb kriselt es in der Ehe. Als Michael eine gemeinsame einjährige Weltreise auf einem Segelboot vorschlägt, um sich wieder anzunähern, reagiert Juliet zunächst mit Ablehnung. Michaels Segelerfahrungen sind eher rudimentär, Juliet hat überhaupt keinen Bezug zum Segeln. Trotzdem kaufen die beiden ein Boot und lassen sich auf das gewagte Abenteuer ein.

Bereits zu Beginn ist der unglückliche Ausgang dieser Reise bekannt, doch man weiß nicht genau, was eigentlich passiert ist. Die Autorin erzählt abwechselnd aus Juliets und Michaels Blickwinkel. Dabei lässt sie Michael in Form von Logbucheinträgen während der Reise zu Wort kommen. Er nutzt dieses Buch auch als eine Art Tagebuch, in dem er sich sowohl über aktuelle Erlebnisse, Gefühle und Gedanken als auch über die Vergangenheit und Gegenwart mit Juliet auslässt. Juliets Sichtweise wird anfangs nach Ende der Reise in Rückblenden beschrieben. Ergänzt und vertieft wird das Bild durch den Blickwinkel der siebenjährigen Tochter, die die Reise und die neue Verfügbarkeit des Vaters genießt. Der Sohn ist noch zu klein, um als aktiv beschreibende Person das Bild abzurunden.

Diese Art des Erzählens war durchaus faszinierend, wenn auch nicht immer ganz einfach zu lesen. Im Laufe des Romans entstand wie bei einem Puzzle ein vollständiges Bild, das zumindest bei mir nicht unbedingt meinen Erwartungen entsprach. Auch die Charakterzeichnungen waren gelungen. Aus anfänglich eher groben Umrissen entstanden gegen Ende sehr detaillierte und glaubwürdige Persönlichkeiten. Dabei haben sich meine Sympathien nach und nach verschoben. Je mehr ich über Michael und Juliet erfahren habe, desto weniger konnte ich bestimmte Handlungsweisen und Überzeugungen nachvollziehen oder teilen.

Das Ende lässt mich ein bisschen ratlos zurück. Einerseits hat die Autorin durch ihre Erzählweise eine Spannung aufgebaut, die es stellenweise auch mit einem Thriller aufnehmen könnte. Andererseits wird dann soviel in die Geschichte gepackt, dass es einfach zu viel des Guten ist. Hinzu kommt, dass mir als Nicht-Seglerin einige Stellen dann doch zu langatmig waren. Dafür kann die Autorin aber nichts.

Insgesamt kann ich das gut geschriebene Buch deshalb mit leichten Einschränkungen empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
Veröffentlicht am 27.09.2020

Auf den zweiten Blick lohnenswert

HOLIDAY Reisebuch: Wo Deutschland am schönsten ist
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Inmitten all der Neuerscheinungen, die in diesem Jahr Deutschland als Urlaubsland im Fokus hatten, habe ich diesen Titel zunächst als unattraktiv eingeordnet. 1000 Ziele, verhältnismäßig knappe Texte und ...

Inmitten all der Neuerscheinungen, die in diesem Jahr Deutschland als Urlaubsland im Fokus hatten, habe ich diesen Titel zunächst als unattraktiv eingeordnet. 1000 Ziele, verhältnismäßig knappe Texte und eher unspektakuläre Bilder - da gibt es deutlich ansprechendere Titel. Doch auf den zweiten Blick hat mich dieses Buch überzeugt.
Die Kapitel sind nach Bundesländern unterteilt. Den einzelnen Orten sind eher kleinformatige Bilder zugefügt, dazu gibt es eine Auswahl an Adressen, die - im ebook besonders einfach - per link direkt ausgewählt werden können. Anders als in vielen relativ neuen Büchern waren alle ausprobierten Adressen tatsächlich auch aktuell.
Die mir gut bekannten Regionen und Orte hätte ich wahrscheinlich auch ähnlich zusammengestellt. Natürlich werden die üblicherweise in Reiseführern genannten Adressen gelistet, es gibt aber auch etliche Hinweise auf weniger bekannte, nichtsdestotrotz unbedingt lohnenswerte Orte.
Ein Deutschlandbuch, das vielleicht nicht unbedingt durch seine spektakuläre Aufmachung überzeugt, dafür um so mehr durch wirklich aktuelle Informationen.

Veröffentlicht am 27.09.2020

Ruhige und nachdenklich stimmende Familiengeschichte

Ein Sonntag mit Elena
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Nach dem Tod seiner Frau vor einigen Monaten lebt der 67jährige Vater dreier längst erwachsener Kinder alleine in der Turiner Wohnung. An diesem Sonntag hat er seine älteste Tochter mit ihrer Familie zum ...

Nach dem Tod seiner Frau vor einigen Monaten lebt der 67jährige Vater dreier längst erwachsener Kinder alleine in der Turiner Wohnung. An diesem Sonntag hat er seine älteste Tochter mit ihrer Familie zum Essen eingeladen und kocht deshalb zum ersten Mal in seinem Leben die Rezepte seiner verstorbenen Frau nach. Doch dann klingelt das Telefon, seine Enkelin hatte einen Unfall und die Familie ist in der Klinik. Er kann nichts tun, als auf weitere Informationen zu warten. An seinem Lieblingsplatz im Park trifft er auf Elena, eine alleinerziehende Frau, und ihren Sohn, der dort mit seinem Skateboard Tricks probiert. Sehr zögernd fangen die beiden Erwachsenen ein Gespräch an, an dessen Ende er Elena und ihren Sohn zum Essen einlädt.

Die Geschichte wird aus der Perspektive der jüngeren Tochter erzählt, zu der er zu diesem Zeitpunkt kaum Kontakt hat. Nachdem der Vater beruflich ständig im Ausland war, sehnt er sich als Rentner jetzt nach der Nähe zu seinen Kindern. Doch die leben ihr eigenes Leben, auch räumlich weit entfernt vom Vater. So erfahren sie auch erst viele Jahre später von der für beide Parteien einschneidenden Begegnung an diesem Sonntag.

Fabio Geda hat einen leisen und sehr ruhigen Roman ohne besondere Höhen und Tiefen geschrieben. Das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Lebenswelten, Erwartungen und Hoffnungen in Familien werden in seiner Geschichte sehr berührend veranschaulicht. Seine Erzählung stimmt nachdenklich, manchmal traurig, am Ende aber auch optimistisch und ist dann vielleicht sogar ein kleines bisschen zu süßlich.

Veröffentlicht am 17.08.2020

Spannender Hamburg-Krimi mit kleinen Schwächen

Der Fahrer
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Nach einer unglücklich verlaufenen Überraschungsparty anlässlich seines Geburtstags flüchtet der Kommissar Jens Kerner mit seinem geliebten Auto, genannt Red lady und fährt ziellos durch die Hamburger ...

Nach einer unglücklich verlaufenen Überraschungsparty anlässlich seines Geburtstags flüchtet der Kommissar Jens Kerner mit seinem geliebten Auto, genannt Red lady und fährt ziellos durch die Hamburger Straßen. Doch dann hört er über Funk von einem Einsatz in seiner Nähe. Ein verlassenes Auto, besprüht mit dem #findet mich. Von der Fahrerin keine Spur, bis ein Bild mit einem Ultimatum auf Instagram gepostet wird.

Der dritte Fall für das Team um Jens Kerner und Rebecca Oswald stellt den allzu sorglosen Umgang mit sozialen Medien und durchaus praktischen, erst durch neue Technologien nutzbarer Dienste und die damit verbundenen Gefahren in den Mittelpunkt. Da ist der Fahrdienst My Driver, der bequem per App gerufen und bezahlt wird, wenn man ihn gerade benötigt. Und da sind facebook, Instagram und Co., wo man ebenso bequem und schnell Bilder und Informationen hochladen kann. Schnell zeigt sich, dass die entführte Frau eine sehr aktive Nutzerin war. Und sie wird nicht die einzige bleiben, der das zum Verhängnis werden soll.

Neben dem eigentlichen Plot steht in diesem Krimi die Person Jens Kerner im Fokus. Ohne ersichtlichen Grund zeigt der Fall immer deutlicher Bezüge zu seiner Person. Er wird als extrem schwieriger Charakter am stärksten herausgearbeitet, der allerdings von seinen Kollegen und insbesondere von Rebecca sehr geschätzt wird. Entsprechend viel Raum wird diesen persönlichen, teilweise viel zu langatmigen Beziehungsbeschreibungen eingeräumt. Dazu gehört auch das besondere Verhältnis Jens Kerners zu seinem Auto. Insbesondere Rebecca, sonst sehr tough, empfand ich in ihren Reaktionen Kerner gegenüber nicht überzeugend dargestellt.

Trotz dieser Kritikpunkte war der Krimi durchaus spannend und wirklich gut zu lesen. Insbesondere Hamburg - Kenner werden viele der beschriebenen Orte beim Lesen vor Augen haben.

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.01.2025

Debüt mit Licht und Schatten

Das Parfüm des Todes
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Yang Ning lebt in Taipeh und arbeitet als Tatortreinigerin. Nach einem dramatischen Ereignis in ihrem Leben hat sie ihren außergewöhnlich ausgeprägten Geruchssinn verloren. Nur der intensive und abstoßende ...

Yang Ning lebt in Taipeh und arbeitet als Tatortreinigerin. Nach einem dramatischen Ereignis in ihrem Leben hat sie ihren außergewöhnlich ausgeprägten Geruchssinn verloren. Nur der intensive und abstoßende Geruch des Todes lässt ihn vorübergehend zurückkehren. Als sie eines Nachts alleine in dem Büro der Agentur ist, nimmt sie ohne Rücksprache einen Auftrag an und führt ihn sofort alleine durch. Nichtsahnend, dass sie Spuren eines gewaltsamen Todes vernichtet und ins Visier der Polizei gerät. Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, um sich zu entlasten.

Das schöne Cover und die Inhaltsbeschreibung versprechen einen spannenden Thriller, der eine Mischung aus Patrick Süskinds „Parfum“ und Thomas Harris' „Das Schweigen der Lämmer“ erwarten lässt. Tatsächlich finden sich etliche Elemente daraus auch in diesem Debütroman. Dazu gehören sehr detaillierte Informationen zu den verschiedenen Komponenten, die einen Duft ausmachen und die Bedeutung des menschlichen Geruchs für die soziale Akzeptanz. Hier sind deutliche Parallelen zu Süskind erkennbar. Auch Hannibal Lecter findet seine Entsprechung in dem älteren Cheng Chunjin, einem begnadigten Serienmörder, der Yang Ning leitet, ohne dabei seine Bedrohlichkeit zu verlieren. Hier findet ein ähnliches Katz- und Mausspiel wie im Schweigen der Lämmer statt.
Trotz des interessanten Schauplatzes, einer sehr speziellen Hauptprotagonistin und einem letzten Endes gut konstruierten Plot konnte mich der Roman nicht restlos überzeugen. Das liegt zum einen an den realistischen, sehr detaillierten Beschreibungen der Tatorte, die mir zu extrem waren. Zudem hatte ich trotz des am Ende des Romans angefügten Personenverzeichnisses anfangs Schwierigkeiten, die Namen richtig zuzuordnen. Auch die Charaktere sind mir lange Zeit fremd geblieben. Erst im letzten Drittel habe ich einen wirklichen Zugang zu dem Roman und vor allem zu dem Schreibstil der Autorin gefunden, der deutlich anspruchsvoller ist als in dem Genre üblich.

Eine Leseempfehlung auszusprechen fällt mir ausgesprochen schwer. Über weite Strecken konnte mich der Roman nicht fesseln, aber ich kann mir aufgrund des Schreibstils im letzten Drittel durchaus vorstellen, ein weiteres Buch der Autorin zu lesen.