Profilbild von cosmea

cosmea

Lesejury Star
offline

cosmea ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit cosmea über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.02.2021

Ein Schimpanse mit Familienanschluss

Sprich mit mir
0

In „Sprich mit mir“, T.C. Boyles neuem Roman, leitet der junge Wissenschaftler Guy Schermerhorn ein Forschungsprojekt, in dem festgestellt werden soll, über welche Fähigkeiten zur Interaktion mit Menschen ...

In „Sprich mit mir“, T.C. Boyles neuem Roman, leitet der junge Wissenschaftler Guy Schermerhorn ein Forschungsprojekt, in dem festgestellt werden soll, über welche Fähigkeiten zur Interaktion mit Menschen Schimpansen verfügen. Immerhin ist ihr Erbgut fast identisch mit dem des Menschen. Wie weit gehen die Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Tier tatsächlich? Zur Klärung dieser Frage hat ihm sein Chef Prof. Moncrief einen jungen Schimpansen zur Verfügung gestellt, den Schemerhorn mit einem Team aufzieht, zu dem anfangs auch seine Ehefrau gehört, bis die Ehe zerbricht, weil das Projekt für Guy wichtiger ist als alles andere. Er hat den Schimpansen namens Sam in einer vielbeachteten Fernsehsendung vorgestellt. Auf seine Anzeige hin bewirbt sich die junge Aimee, die Sam unbedingt kennenlernen will. Aimee und Sam mögen sich auf Anhieb, und das ist der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit, wobei die Zuneigung zwischen den Beiden ständig wächst. Sam hat die Gebärdensprache gelernt, kann auf Fragen antworten und Wünsche äußern. Das Prinzip der Fremdpflege funktioniert so gut, dass der Schimpanse gar nicht weiß, dass er ein Tier ist.
Doch dann werden eines Tages die Fördermittel für das Projekt gestrichen, und Moncrief verlangt Sam zurück. Das ist der Anfang vom Ende. Moncrief sperrt Sam auf seiner Schimpansenfarm in einen stinkenden kleinen Käfig. Sam wird immer wieder mit dem Stachel und mit Elektroschocks misshandelt, weil er ungehorsam ist. Das Leid des von seinen geliebten Menschen getrennten Tiers ist für den Leser schwer zu ertragen.
In mancher Hinsicht erinnert mich Boyles Roman an „Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke“, in dem ebenfalls die ethischen Implikationen eine Rolle spielen. Hat der Mensch das Recht, Tiere zu Forschungszwecken zu missbrauchen und sie - wenn sie entbehrlich oder nicht mehr profitabel sind - an die biomedizinische Forschung zu verkaufen, wo an ihnen grausame Experimente vorgenommen, sie sogar getötet werden? Auch Boyle ist ein berührender Roman gelungen, der den Leser nachdenklich macht. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Veröffentlicht am 24.01.2021

Auf eine bösartige Weise ist alles gut geworden

Vati
0

Mit „Vati“ setzt Monika Helfer ihre autofiktionale Familiengeschichte fort. Während in „Die Bagage“ der Schwerpunkt auf der Generation der Großeltern mit der schönen Maria und dem gut aussehenden Josef ...

Mit „Vati“ setzt Monika Helfer ihre autofiktionale Familiengeschichte fort. Während in „Die Bagage“ der Schwerpunkt auf der Generation der Großeltern mit der schönen Maria und dem gut aussehenden Josef und ihren zahlreichen Kindern liegt, erzählt die Autorin in ihrem neuen Roman vor allem aus dem Leben ihrer Eltern Grete und Josef und dem Leben von Monika und ihren Geschwistern. Die Familie ist noch immer bettelarm und lebt in einfachen Verhältnissen, in der Zeit, als Josef Verwalter des Kriegsopfererholungsheims auf der Tschengla hoch oben auf dem Berg war, wenigstens nicht auf engstem Raum. Monika und ihre Geschwister Gretel, Renate und Richard verlieren früh die Mutter und werden von den Tanten Kathe und Irma aufgezogen. Zahlreiche Schicksalsschläge treffen die Familie auch in dieser Generation, die zuvor schon als die Bagage von den Dörflern ausgegrenzt und verachtet wurde. Angesichts der schwierigen Verhältnisse ist es bemerkenswert, dass zumindest Monika Helfer ihren Lebenstraum verwirklicht hat, ihren Namen auf Buchrücken zu sehen.
Auch Helfers neuer Roman ist hochinteressant und berührend, weil sie sich auf diese Weise dem geliebten Vater, mit dem sie die Liebe zu Büchern teilt, annähert. Ihr Vater hat nie viel von sich preisgegeben. Sie versucht, seinem Wesen und seinen Geheimnissen mit Hilfe ihrer Erinnerungen und durch Gespräche mit ihren Verwandten auf die Spur zu kommen. Genau wie „Die Bagage“ ist auch „Vati“ ein sehr lohnender Roman, der durch die Einbeziehung des österreichischen Dialekts besonders authentisch wirkt. Ich empfehle das Buch ohne Einschränkung.

Veröffentlicht am 06.09.2020

X-Haxen sind schiach

Gipskind
0

In Gabriele Kögls Roman “Gipskind“ geht es um ein Mädchen, das in den 60er Jahren in Österreich in einem ärmlichen bäuerlichen Milieu aufwächst. Das lange „die Kleine“ genannte Mädchen hat von Geburt an ...

In Gabriele Kögls Roman “Gipskind“ geht es um ein Mädchen, das in den 60er Jahren in Österreich in einem ärmlichen bäuerlichen Milieu aufwächst. Das lange „die Kleine“ genannte Mädchen hat von Geburt an Probleme mit den Beinen, die eingegipst werden, um sie zu korrigieren. Sie wird nie tanzen oder Sport treiben können und ist für die lieblosen Eltern von Anfang an eine Enttäuschung, vor allem für die Mutter, für die Kinder schon frühzeitig Arbeitskräfte sind und die keinen Sinn in Bildung und Kultur sieht. Kein Kind darf den Eltern unnötig lange auf der Tasche liegen. Die Mutter will ihre Tochter Andrea zwingen, mit 14 die Schule zu verlassen und Geld zu verdienen. Andrea weigert sich, macht Abitur und will in Wien studieren. Bis dahin ist es ein langer Weg und ein schwerer Kampf, aber Andrea hat nur ein Ziel: die Enge des bäuerlichen Milieus zu verlassen. Ihr Widerstand bringt ihr viele „Watschen“, Prügel und sogar Fußtritte ein. Sie hat keine Angst vor körperlicher Züchtigung, denn nur so gewinnt sie die Freiheit zu tun, was sie will. Die einzige Person, die sie versteht und liebt, ist ihre Großmutter väterlicherseits. Mit dem Großvater hat sie die gleichen Gewalterfahrungen gemacht wie Andrea mit ihrem jähzornigen Vater. Hinzukommt, dass das Mädchen mit 13 erwachsen aussieht und die Mutter sofort ihre weiblichen Reize gewinnbringend einsetzen will – sei es zur Erlangung eines Kredits oder zur Vorbereitung einer Ehe mit dem Sohn eines reichen Bauern, was auch den Eltern eine ganz andere gesellschaftliche Stellung verschaffen würde.
Diese Geschichte wäre für den Leser unerträglich trist, wenn die Autorin nicht das eindrucksvolle Porträt einer starken Persönlichkeit zeichnen würde, die ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben verwirklicht. Erzählt wird der Roman in ausgeprägtem österreichischem Dialekt, was ihm besondere Authentizität verleiht. Herkunft und Sprache sind hier untrennbar miteinander verbunden. Nennenswerte Verständnisprobleme gibt es für den Leser dennoch nicht. Authentisch in ihrer Grausamkeit wirken auch Beschreibungen von Schlachtszenen, der Kastration von jungen Ferkeln durch den Saustecher oder der Kaiserschnitt bei einer Kuh, bei dem die Kleine mithilft.
Mich hat das Buch sehr beeindruckt und ich empfehle es gern.

Veröffentlicht am 23.08.2020

Man muss einander und sich selbst verzeihen

Was uns verbindet
0

In Shilpi Somaya Gowkas neuem Roman “Was uns verbindet“ geht es um eine Familie, die alle Voraussetzungen zu erfüllen scheint, um dauerhaft glücklich zu sein. Die Diplomatentochter Jaya mit indischen Wurzeln ...

In Shilpi Somaya Gowkas neuem Roman “Was uns verbindet“ geht es um eine Familie, die alle Voraussetzungen zu erfüllen scheint, um dauerhaft glücklich zu sein. Die Diplomatentochter Jaya mit indischen Wurzeln trifft in London den amerikanischen Banker Keith Olander. Sie sind seit 20 Jahren ein glückliches Paar ohne finanzielle Sorgen in einem kalifornischen Vorort, haben zwei Kinder Karina, 13 und Prem, 8. Dann passiert ein tragischer Unglücksfall, und nichts ist mehr, wie es war. Die Familie zerbricht, jeder versucht auf seine Weise, mit Trauer und Schuld umzugehen. Dabei entwickeln sie sich sehr weit auseinander. Die Eltern lassen sich scheiden. Jaya flüchtet in eine tiefe Spiritualität und folgt einem Guru. Keith arbeitet noch mehr als zuvor, hat zahlreiche Affairen und trifft als erfolgreicher Investmentbanker eine ethisch problematische Entscheidung, die ihn in große Schwierigkeiten bringen wird. Die Eltern merken nicht, dass Karina unter Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet und sich immer wieder selbst verletzt. Am College macht sie Erfahrungen, die sie weiter traumatisieren. Sie kann sich niemand anvertrauen und flüchtet schließlich auf eine Oase genannte Farm, wo eine sektenähnliche Gruppe unter dem charismatischen, aber sehr dominanten Führer Micah eine alternative Lebensform ausprobiert. Karina verliebt sich in Micah und entdeckt erst allmählich, wie gefährlich dieser Mann ist, der sie alle belügt und benutzt. Nach einem weiteren furchtbaren Erlebnis ist Karina wieder bei den Eltern und bekommt endlich ihre Unterstützung und die professionelle Hilfe, die sie so dringend benötigt.
Auch der Leser nimmt einige Erkenntnisse aus diesem weisen Buch mit: den richtigen Umgang mit Trauer und Schuld und die Notwendigkeit, irgendwann damit abzuschließen und sein Leben in den Griff zu bekommen. Die Geschichte hat mich sehr berührt, zeigt sie doch, was Familie auch in existentiellen Krisen leisten kann, wenn sie funktioniert. Erzählt wird aus den vier verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder, wobei der Schwerpunkt auf Karinas Sicht und Erfahrungen liegt. Ein sehr schönes Buch, das ich uneingeschränkt empfehle.

Veröffentlicht am 03.05.2020

Wenn Politik und Ökonomie mehr zählen als der Mensch

Ich bleibe hier
0

Vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte Südtirols, das erst den Faschismus und gleich danach die Naziherrschaft erlebte, erzählt Marco Balzano in seinem Roman „Ich bleibe hier“ von einer Familie ...

Vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte Südtirols, das erst den Faschismus und gleich danach die Naziherrschaft erlebte, erzählt Marco Balzano in seinem Roman „Ich bleibe hier“ von einer Familie aus dem Bergdorf Graun im Vinschgau in Südtirol. Trina und Erich leben dort auf ihrem Hof mit ihren Tieren. Trina hatte ursprünglich gehofft, als Lehrerin arbeiten zu können, aber dann siedelt Mussolini eine große Zahl von Italienern in die deutschsprachige, von Italien annektierte Region um, und Deutsch wird zu einer verbotenen Sprache. Trina kann nur noch heimlich in Katakombenschulen unterrichten - ein gefährliches Unterfangen. Dann schließen Hitler und Mussolini den „Große Option“ genannten Vertrag, nach dem die deutschsprachigen Südtiroler entweder ins Deutsche Reich auswandern oder Diskriminierung und Repressalien durch die Faschisten in Kauf nehmen müssen. Auch Trinas und Erichs Familie wird durch die politischen Verhältnisse auseinandergerissen. Trina und Erich bleiben und organisieren in der Folge auch den Widerstand gegen den geplanten Bau eines Staudamms in ihrem Tal. Nur wenige sind bereit zu kämpfen, zumal das Staudammprojekt über einen langen Zeitraum immer wieder ins Gespräch gebracht, aber nie verwirklicht wurde. Ein Energiekonzern, der den Bau mit Schweizer Millionen um jeden Preis durchsetzen will, informiert die Bevölkerung schlecht oder gar nicht und setzt sich durch. Die Bauern verlieren ihre Heimat und Existenzgrundlage und werden mit einem lächerlichen Betrag abgespeist. 163 Häuser werden dem Erdboden gleich gemacht, und 523 Hektar fruchtbares Ackerland für immer vernichtet.
Der Autor hat eine bewegende, gut recherchierte Geschichte über zum Teil wenig bekannte Ereignisse geschrieben, die den Leser angesichts der Zerstörung der Natur und der Unterordnung des Menschen unter politisch-ökonomische Interessen traurig macht. Es ist nicht angemessen, begeistert den aus dem See ragenden Kirchturm von Graun zu fotografieren und den Machtmissbrauch und die Brutalität gegenüber den Menschen - nicht zu vergessen die zahlreichen Opfer der Baumaßnahme selbst - zu ignorieren. Der Roman hat mich sehr beeindruckt.