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Veröffentlicht am 16.02.2021

Zwei Mütter, drei Väter, viele Heimatorte

Das achte Kind
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Wäre der Buchtitel "Herkunft" nicht schon vom Gewinner des Deutschen Buchpreises 2019, Saša Stanišić, besetzt - er hätte auch zum Debütroman von Alem Grabovac wunderbar gepasst. Beide Autoren erzählen ...

Wäre der Buchtitel "Herkunft" nicht schon vom Gewinner des Deutschen Buchpreises 2019, Saša Stanišić, besetzt - er hätte auch zum Debütroman von Alem Grabovac wunderbar gepasst. Beide Autoren erzählen autofiktional in der Ich-Form, beide Romane gehen in ihrer Bedeutung weit über das Einzelschicksal hinaus und beschreiben ein Aufwachsen in Deutschland außerhalb der allgemeinen Wahrnehmung. Doch während Saša Stanišić 1992 mit 14 Jahren als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Deutschland kam, wurde Alem Grabovac als Sohn jugoslawischer Gastarbeiter, Mutter Kroatin, Vater Bosnier, 1974 in Würzburg geboren.

Verschiedene Welten
Die Nachricht vom Tod seines leiblichen Vaters Emir Grabovac ist Ausgangspunkt des Romans. 34 Jahre lang hatte die Mutter Alem belogen, um ihm ein „schönes Vaterbild“ zu erhalten, und ihm die erfundene Geschichte vom rechtschaffenen, bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommenen Vater erzählt.

Alems Mutter Smilja lernte ihren Mann 1973 in Deutschland kennen, wo sie ein Leben als Gastarbeiterin gegen ein prekäres, von familiärer Gewalt geprägtes Dasein in ihrem kroatischen Bergdorf eingetauscht hatte. Emir entpuppt sich schnell als arbeitsscheuer, trunksüchtiger Kleinganove, dem sie unmöglich tagsüber den neugeborenen Sohn überlassen kann. Schweren Herzens entscheidet sie sich deshalb für eine Pflegefamilie. Nachdem Emir endgültig untertaucht und Smilja auf der Flucht vor Eintreibern seiner Spielschulden nach Frankfurt zieht, bleibt Alem nun auch an den meisten Wochenende bei Marianne und Robert Behrens, die ihn wie die eigenen sieben Kinder fürsorglich und liebevoll aufziehen. Bewundernd und stolz lauscht er Roberts Kriegsgeschichten und malt Panzer. Die nationalsozialistische Gesinnung und den ausgeprägten Judenhass seines ansonsten „herzensguten“ Pflegevaters, der „immer für mich da war“, begreift er erst als Jugendlicher und distanziert sich:

"Ich blickte auf seine Kriegsverletzung, das riesige Loch in der Schulter, auf das ich als Kind so unglaublich stolz gewesen war. Doch das Loch hatte sich verändert, war schattiger und dunkler geworden, hinter seiner tiefen Ausbuchtung verbarg sich etwas, vor dem ich mich zunehmend fürchtete." (S. 181/182)

Während sich Alem bei seiner Pflegefamilie trotz zahlreicher Umzüge in deren penibel geregeltem Alltag geborgen und zuhause fühlt, fürchtet er die Besuche bei seiner leiblichen Mutter und deren gewalttätigem, unberechenbarem neuen Partner, dem Serben Dušan. In Frankfurt gibt es weder Tischmanieren noch Sandmännchen, Dalli Dalli oder eine geregelte Nachtruhe, dafür Prügel vom häufig betrunkenen Stiefvater für Alem und Smilja.

Überlebensstrategien
Wie übersteht man eine solches Aufwachsen in unterschiedlichen Familien und zwischen schwäbischen Kleinstädten, Frankfurt und den Besuchen bei den Großeltern im kroatischen Maovice? Mit dem Ziel eines Studium als überaus bewundernswertem Weg durch Bildung zur Freiheit und mit Zufluchtsorten:

"Ich versuchte, ruhig zu bleiben, […] und hatte in der Literatur, wie schon zuvor im Fußball und in Kinofilmen, einen neuen Ort gefunden, an den ich mich klammheimlich zurückziehen konnte, wenn das Leben mal wieder zu laut und chaotisch wurde." (S. 215)

Mehr Bericht als Roman
Alem Grabovacs Debütroman ist gerade deshalb eindrucksvoll, weil er nicht Mitleid heischt und Pathos meidet. Allerdings frage ich mich, was diesen eher distanzierten autobiografischen Bericht zum Roman macht, und vermisse ein wenig die Emotionalität und die literarische Originalität eines Saša Stanišić. Als Beitrag zu zwei großen Themen der Nachkriegszeit, dem Schicksal tausender Gastarbeiter und dem Weiterleben der Naziideologie, ist "Das achte Kind" jedoch sehr empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 05.01.2021

Zwei Wochen in Badenweiler

Mr. Crane
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Was äußerlich zunächst einen Künstlerroman oder eine Biografie über den in Deutschland bisher wenig bekannten US-amerikanischen Journalisten, Kriegsberichterstatter und Autor Stephen Crane (1871 – 1900) ...

Was äußerlich zunächst einen Künstlerroman oder eine Biografie über den in Deutschland bisher wenig bekannten US-amerikanischen Journalisten, Kriegsberichterstatter und Autor Stephen Crane (1871 – 1900) vermuten lässt, entpuppt sich bei der Lektüre als virtuos komponierter Roman, in dessen Mittelpunkt eine junge Krankenschwester steht. Trotzdem sind Titel und Foto gut gewählt, denn "Mr. Crane" verändert auf denkbar intensive Weise das Leben von Elisabeth T. Camphausen, zunächst bei seinem achttägigen Aufenthalt als schwerkranker Tuberkulosepatient im Sanatorium „Villa Eberhard“ in Badenweiler im Schwarzwald und 14 Jahre später indirekt erneut, als der junge Leutnant Bernhard Fischer ebenfalls acht Tage dort verbringt.

28. Mai bis 4. Juni 1900
Bei Cranes Ankunft wird die 25-jährige Elisabeth ihm wegen ihrer Englischkenntnisse als Pflegerin zugeteilt. Sie kennt seine Bücher, sein wichtigstes Werk "The Red Badge of Courage", über den Amerikanischen Bürgerkrieg aus der Sicht eines einfachen Soldaten, aber vor allem "The Monster" über einen Mann, dessen Gesicht durch ein Feuer entstellt wurde, genau wie ihres. Weder ihre Eltern, noch ihr Mann oder ihre Kollegen haben ihre vernarbte linke Gesichtshälfte je thematisiert oder berührt. Anders Crane:

"Es gibt viele gesichtslose Menschen, Schwester Elisabeth“ röchelt er. „Aber Sie, ich bitte Sie, Ihre Narben sind doch gar nicht so schlimm. Sie sind schön, Schwester.“ (S. 92)

Crane, von Todesängsten gepeinigt, erzählt Elisabeth im Fieberwahn Bruchstücke seiner Biografie und hört ihr zu. Sofort fühlt sie sich von dem nur wenig älteren, unsteten und weitgereisten Schriftsteller magisch angezogen und verfällt ihm. Für die temperamentvolle, im Herzen rebellische Frau ist er nicht nur „meine erste wirkliche Liebe“ (S. 192), sondern Symbol eines freieren Lebens.

25.September bis 2. Oktober 1914
14 Jahre später belegt der erste Kriegsverwundete, Bernhard Fischer, Cranes ehemaliges Zimmer. Er spricht nicht, hat jedoch ein Buch Cranes im Gepäck. Schlagartig wird Elisabeth ins Jahr 1900 zurückkatapultiert. „Ihren“ Mr. Crane konnte sie damals nicht retten, kann sie nun Fischer vor einer Rückkehr an die Front bewahren? Und ihrem Leben eine neue Richtung geben?

"Als Mr. Crane verschwand, war der Zeitpunkt gekommen, an dem auch sie hätte gehen müssen. Aber Elisabeth rettete sich in die Villa. In die Ehe zu einem Mann, der kein Wort über ihre Narben sagte und sehr, sehr freundlich war. Sie suchte Zuflucht in der Enge des Kaiserreiches und ihrer Privilegiertheit als Arzttochter und der gleichzeitigen Chancenlosigkeit als Frau." (S. 97)

Äußerst geschickt vernetzte Geschichten
Andreas Kollender verknüpft in seinem Roman zwei abwechselnd erzählte, fiktive Geschehnisse meisterhaft mit unscharfen biografischen Mosaiksteinen Cranes. Die Figuren sind lebendig, vieldimensional und voller Widersprüche, so dass ich beständig zwischen Sympathie und Abstoßung, Mitleid und Unverständnis schwankte und immer wieder überrascht wurde. Die Details der obsessiven Beziehung zwischen Elisabeth und Crane sind sicher Geschmacksache und sprachen mich wenig an. Auch über die körperlichen Höhenflüge Cranes und die Sorglosigkeit einer Krankenschwester angesichts eines infektiösen Patienten war ich verwundert, aber dies alles zeigt doch den überbordenden Lebenshunger der Protagonisten.

Die sehr anregende Lektüre lohnte in jedem Fall: als erste Begegnung mit dem mir bislang unbekannten amerikanischen Schriftsteller, Porträt einer unangepassten jungen Frau, Plädoyer gegen Kriegsgräuel und Ansporn zum Widerstand vermeintlich Machtloser. Nun bin ich gespannt auf die Neuübersetzung von Stephen Cranes erfolgreichstem Roman "Die rote Tapferkeitsmedaille" in ebenso hochwertiger Aufmachung und gleichfalls aus dem Pendragon Verlag, der zur Lektüre bereitliegt.

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Veröffentlicht am 14.12.2020

Melancholischer Künstlerroman und Abbild einer vergangenen Epoche

Der letzte Prinz
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Künstlerroman und Abbild einer vergangenen Epoche

Biografische Romane lassen den Verfasserinnen und Verfassern Spielräume beim Umgang mit bekannten Lebensdaten und beim Ergänzen fehlender Details. Selbstverständlich ...

Künstlerroman und Abbild einer vergangenen Epoche

Biografische Romane lassen den Verfasserinnen und Verfassern Spielräume beim Umgang mit bekannten Lebensdaten und beim Ergänzen fehlender Details. Selbstverständlich erwarte ich auch hier, dass die große Linie der äußeren Lebensdaten berücksichtigt wird, ich toleriere darüber hinaus aber kleinere Abweichungen und fantasievolle Ausschmückungen. Entscheidend ist, ein stimmiges Gefühl für die Person, ihre Zeit und ihr Umfeld entsteht. Genau dies ist für mich bei "Der letzte Prinz", einem Künstlerroman über den sizilianischen Autor Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896 – 1957) des kanadischen Lyrikers, Autors und Literaturdozenten Steven Price, gegeben. Bestärkt hat mich in dieser Auffassung, dass Gioacchino Lanza Tomasi, der Adoptivsohn, mit der Beschreibung seines Adoptivvaters im Roman einverstanden war.

Ein Mann der Vergangenheit
Fürst Giuseppe Tomasi di Lampedusa entstammte einer der mächtigsten und reichsten Adels- und Großgrundbesitzerfamilien Siziliens. Als letzter Spross seines Geschlechts erlebte er den unaufhaltsamen Niedergang nicht nur seiner Familie, sondern seiner ganzen Welt.

Auf eine als „golden“ empfundene Kindheit folgten traumatische Erfahrungen Tomasis als Soldat im Ersten Weltkrieg und in einem ungarischen Gefangenenlager, wohin ihm die dominante, weltfremde Mutter Pakete schickte:

"Im März kam das erste Paket seiner Mutter aus Palermo. Es enthielt zwei Bücher von Stendhal und absurderweise einen Tennisschläger, einen Abendanzug und ein Paar feine Lederschuhe." (S. 193)

Nach seiner Heimkehr reiste er unruhig durch Europa. Die Liaison und schließlich Heirat mit einer deutsch-baltischen Baronesse und Psychoanalytikerin bedeutete das Ende seiner überaus engen Mutter-Sohn-Beziehung. Von Geldsorgen geplagt, bewohnte der Literaturenthusiast mit seiner Frau Alexandra von Wolff-Stomersee einen heruntergekommenen Palazzo in Palermo, nachdem beide 1943 ihre prächtigen Familienwohnsitze verloren hatten, sie durch die Russen in Lettland, er durch amerikanische Bomber in Palermo.

Aristokrat durch und durch
Beim Einsetzen des Romans 1955 ist Tomasi ein 59-jähriger, schwerfällig am Stock gehender, vorzeitig gealterter, korpulenter Kettenraucher, der einer vergangenen Zeit nachhängt:

"Giuseppe […] war es gewohnt, dass man stutzte und ihn anders ansah, wenn man von seiner Stellung im Leben erfuhr. Die hatte er viele Jahre lang als natürlich und richtig empfunden, und wenngleich er ihr seit den Nachkriegsjahren und dem Tod seiner Mutter misstraute, sah er sie tief in einem sehr alten Winkel seines Herzens doch als ihm gebührend an." (S. 102)

Die Diagnose eines Emphysems konfrontiert Tomasi mit der Einsicht, dass er nichts hinterlassen wird. Charakterlich zu schwach und passiv, um die ärztlichen Ratschläge nach Rauchverzicht und Diät zu befolgen, nimmt er doch in den letzten Lebensjahren zwei Mammutaufgaben in Angriff: Er adoptiert einen jungen Adeligen und schreibt mit "Il Gattopardo" seinen einzigen Roman. Zwar findet sich zu seinen Lebzeiten kein Verleger, doch ist "Der Leopard" bis heute der meistverkaufte italienische Roman des 20. Jahrhunderts.

Ein Roman in Episoden
In acht, jeweils mit Zeitangaben versehenen, nicht chronologisch geordneten Kapiteln wirft Price Schlaglichter auf Lampedusas Leben und die Entstehungsgeschichte seines Romans. Das neunte Kapitel von 2003 beinhaltet ein Interview mit dem Adoptivsohn.

Dass sich das Lebensgefühl dieses emotionslos treibenden Mannes so gut überträgt, ist der bewusst altertümlichen Sprache des Romans zu verdanken. Man muss "Der Leopard" nicht gelesen haben, um den Roman zu mögen, ich vermute allerdings einen größeren Lesegewinn für die, die ihn kennen und nicht nur – wie ich – vor vielen Jahren die Verfilmung von Luchino Visconti aus dem Jahr 1963 gesehen haben.

Veröffentlicht am 30.09.2020

Segeltörn ins Ungewisse

Unter uns das Meer
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"Ich habe mein ganzes Leben lang mit einem Festlandkopf gelebt. Habe Festlandgedanken gedacht. Aber jetzt will ich Meeresgedanken haben. Einen Meereskopf will ich haben." (Michael Partlow, S. 349)


"Unter ...

"Ich habe mein ganzes Leben lang mit einem Festlandkopf gelebt. Habe Festlandgedanken gedacht. Aber jetzt will ich Meeresgedanken haben. Einen Meereskopf will ich haben." (Michael Partlow, S. 349)


"Unter uns das Meer" von Amity Gaige ist bereits die zweite Neuerscheinung des Literaturherbstes 2020 aus dem Eichborn Verlag mit dem Meer in zentraler Rolle. Doch während sich ihm hier ein Paar während eines Segeltörns in der Karibik bewusst aussetzt, müssen die verwaisten Geschwister in Michael Crummeys "Die Unschuldigen" den Umgang mit dem Meer für ihr tägliches Überleben schmerzvoll erlernen.

Ein ungleiches Paar
Juliet und Michael Partlow sind um die 40, ihre Kinder Sybil und George sieben und zweieinhalb Jahre alt, als das Ehe-Aus droht. Juliet leidet seit den Geburten unter Depressionen, die sie auf ein Kindheitstrauma zurückführt. Ihre Lyrik-Dissertation hat die einstige Musterstudentin abgebrochen. Michael arbeitet nach einem BWL-Studium bei einer Versicherung. Weder in der Organisation des Familienalltags noch in ihrer politischen Einstellung gibt es Überseinstimmungen. Obwohl sie seit dem Studium ein Paar sind, scheinen sie sich wenig zu kennen. Nachdem ein Ortswechsel nach Connecticut ins eigene Haus mit Garten vor sechs Jahren nicht den gewünschten Erfolg brachte, drängt Michael nun auf eine einjährige gemeinsame Auszeit auf einem Segelboot. Juliet, wie immer skeptisch, willigt nur zögernd ein.

Eine ungewöhnliche Erzählstruktur
Typografisch voneinander abgesetzt, erzählt Juliet ihren Teil der Geschichte rückblickend und sprachlich ausgefeilt, meist aus dem Schrank heraus, in den sie sich den größten Teil des Tages zurückzieht. Michaels Part erfahren wir aus seinem tagebuchartigen Logbuch, das er an Bord der Yacht führte. Einen weiteren, wesentlich geringeren Anteil bilden die Gespräche Sybils mit ihrer Kinderpsychologin in der zweiten Hälfte des Buches. Diese rasch aufeinanderfolgenden, gekonnt montierten Perspektiv- und Zeitwechsel waren zunächst eine Herausforderung, machten jedoch bald den besonderen Reiz des Romans aus.

Viele offene Fragen
Es mag erstaunen, dass der Roman spannend über 350 Seiten bleibt, obwohl der ungute Ausgang der ehrgeizigen Segelexpedition von Beginn an klar ist. Was ist mit Michael geschehen? Welches Kindheitstrauma lässt Juliet nicht los? Was hält das ungleiche Paar eigentlich zusammen? Und welche Auswirkungen hat das Zusammenleben auf einem 14-Meter-Boot auf die Familienstruktur?


Winsch, Mastnut und Reffleine
Den Roman "Herz auf Eis" der Weltumseglerin Isabelle Autissier aus dem mareverlag, in dem sich ein junges Paar zu einer Weltumseglung aufmacht, hätte ich 2017 fast nicht gelesen. Ich traute mir damals ein Buch über das Segeln, von dem ich so gar keine Ahnung habe, zunächst nicht zu und hätte beinahe ein Lieblingsbuch verpasst. Bei "Unter uns das Meer", einem Roman mit doppeldeutigem Titel, wären diese Zweifel angebrachter gewesen, denn nautisches Vokabular und Wissen wären hier tatsächlich von Vorteil. Gefremdelt habe ich auch mit den Protagonisten: Michael, der aus Freiheitsliebe Trump wählt und sich als traditioneller Familienversorger versteht, Juliet, die sich vergräbt, anstatt anzugehen, was sie krank macht. Ganz anders die Tochter Sybil, die mehr versteht als ihre Eltern und großartig reagiert.

Dass die Katastrophe in Gestalt einer Verkettung unglücklicher Ereignisse ausgerechnet eintritt, als die vier Abenteurer ihre Reise zu genießen beginnen, macht die Tragik ihrer Geschichte aus. Ob ein anderer Ausgang die Eheprobleme gelöst hätte, ist allerdings höchst fraglich.

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Veröffentlicht am 19.09.2020

Der Sheriff aus dem hohen Norden

Kalmann
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"Denn es war noch nie richtig vorwärtsgegangen mit mir. Man vermutete, dass die Räder in meinem Kopf rückwärtslaufen. Kam vor. Oder dass ich auf der Stufe eines Erstklässlers stehengeblieben sei. […] "Run, ...

"Denn es war noch nie richtig vorwärtsgegangen mit mir. Man vermutete, dass die Räder in meinem Kopf rückwärtslaufen. Kam vor. Oder dass ich auf der Stufe eines Erstklässlers stehengeblieben sei. […] "Run, Forrest, run!", riefen sie früher im Sportunterricht und lachten sich krumm." (S. 11)

Kalmann Óðinnsson ist anders. „Ärztepfusch“ sagt die Mutter, aber dank ihrer und vor allem des Großvaters rührender Fürsorge kann Kalmann heute fast selbständig leben:

"Großvater übernahm das Denken für mich – wenigstens, als er noch hier in Raufarhöfn [sprich: Reuwarhöbb] lebte. Er passte auf mich auf." (S. 13)

Ein ungewöhnlicher Protagonist
Nun lebt der demente Großvater im Pflegeheim und der 33-jährige Kalmann bewohnt das  Holzhäuschen im äußersten Nordosten Islands alleine. Er ist Jäger, letzter Haifischfänger und stellt den typisch isländischen Gammelhai nach dem Rezept des Großvaters her. Auf Unterbrechungen seiner gewohnten Routine reagiert er mit Unsicherheit, Wut und Aggression. Doch selten gibt es dazu Anlass, denn alle in seinem kleinen Heimatort kennen ihn, akzeptieren sein Anderssein, seine Direktheit, bisweilen Taktlosigkeit, und sein Sheriff-Outfit mit Cowboyhut, Stern und Mauser, Geschenke seines amerikanischen Vaters bei ihrer einzigen Begegnung. Alle wissen um seine Gutmütigkeit, aber auch um seine Lenkbarkeit und seine Art, alles wörtlich zu nehmen. Man schenkt ihm Geborgenheit, passt auf ihn auf und nur eine Freundin fehlt zu seinem Glück.

Doch die Ruhe endet schlagartig, als Kalmann bei der Verfolgung einer Polarfuchsspur eine Blutlache entdeckt. Zur gleichen Zeit verschwindet der „Quotenkönig“ und Hotelbesitzer Róbert McKenzie spurlos und im Dorf wimmelt es plötzlich von Suchtrupps, Polizei und Journalisten. Kalmann steht im Mittelpunkt des Geschehens und vermisst seinen Großvater mehr denn je:

"Ich wünschte, Großvater wäre bei mir gewesen. Er wusste immer, was zu tun war. Ich stolperte über die endlose Ebene Melrakkaslétta, hungrig, erschöpft, blutverschmiert, und fragte mich, was Großvater getan hätte." (S. 9)

Krimi oder Roman?
Der Diogenes Verlag bezeichnet Kalmann als Roman, obwohl die Krimihandlung sich von der ersten bis fast zur allerletzten Seite zieht. Allerdings steht der Protagonist mit seiner unnachahmlichen Erzählweise so eindeutig im Vordergrund, dass die Entscheidung nachvollziehbar ist. Kalmann ist ein doppelt unzuverlässiger Berichterstatter, der einerseits nicht alles erzählt, was er weiß, andererseits ganz anders denkt, als wir es normalerweise erwarten. Mit kindlicher Naivität geht er manch überraschend philosophischer Überlegung nach und bastelt sich erstaunliche Erklärungen. Hat tatsächlich ein Eisbär den Verschwundenen auf dem Gewissen? In Kalmanns Worten erfahren wir aber auch von der Überfischung der Meere, den Auswirkungen von Fangquoten auf das Dorf, dem Klimawandel, dem verzweifelten Bemühen um Touristen, der Antipathie gegen Zuwanderer und der litauischen Drogenmafia, alles Themen, die der Großvater Kalmann erklärt hat, oder über die er mit erfrischend unverstelltem Blick nachsinnt.

Obwohl der Kriminalfalls nicht im Mittelpunkt steht und der seit 13 Jahren in Island lebende Schweizer Joachim B. Schmidt auf die polizeilichen Ermittlungen weniger Sorgfalt legt, empfand ich den Roman als spannend und sehr gut lesbar. Besonders gut gefallen haben mir die Szenen mit Komik à la Loriot, die wundervollen Landschaftsschilderungen, die Informationen über Island und die spürbare Zuneigung des Autors für seinen Antihelden. Nur die Auflösung hat mir zugesetzt und ich werde sie vermutlich nicht so schnell verdauen.