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Veröffentlicht am 07.01.2017

Vom Erinnern und Vergessen

DEAR AMY - Er wird mich töten, wenn Du mich nicht findest
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In Helen Callaghans Erstlingsroman “Dear Amy“ geht es um einen Serientäter, der in Cambridge und Umgebung junge Mädchen entführt und gefangen hält. Der Roman beginnt mit einem Prolog, der die Entführung ...

In Helen Callaghans Erstlingsroman “Dear Amy“ geht es um einen Serientäter, der in Cambridge und Umgebung junge Mädchen entführt und gefangen hält. Der Roman beginnt mit einem Prolog, der die Entführung der 15jährigen Katie Browne aus ihrer Sicht beschreibt. Katie wollte nach einem Streit mit der Mutter und ihrem Partner Brian von zu Hause weglaufen, entscheidet sich dann aber zurückzugehen. In diesem Augenblick wird sie von einem Unbekannten überwältigt und entführt. In den folgenden Wochen glauben weder die Polizei noch die Presse und die meisten von Katies Bekannten an ein Verbrechen. Nur Katies Lehrerin Margot Lewis ist in größter Sorge um ihre Schülerin, zumal sie in ihrer Eigenschaft als Kummerkastentante beim Cambridge Examiner plötzlich Briefe von Bethan Avery, einem vor nahezu zwanzig Jahren entführten Mädchen erhält, die sie in Todesangst bittet, sie zu retten. Margot drängt die Polizei, DNA- und Schriftprobenvergleiche vorzunehmen. Tatsächlich ermittelt die Polizei dann in Katies Fall und untersucht eine Reihe von nie aufgeklärten alten Fällen verschwundener Mädchen. Raffiniert hat es die Autorin so eingerichtet, dass der Leser durch den Prolog einen Informationsvorsprung vor allen Beteiligten hat. Er allein weiß, dass Katie in Lebensgefahr ist.
Überwiegend wird die Geschichte aus Margots Perspektive erzählt. Wir sehen, dass Katies Entführung sie in eine persönliche Krise stürzt, dass Panikattacken und Alpträume ihr Leben zunehmend beeinträchtigen. Häppchenweise bekommt der Leser die Information, dass sie eine Vorgeschichte von psychischen Störungen und Klinikaufenthalten hat. Unterstützung findet Margot bei dem Kriminalpsychologen Dr. Martin Forrester. Er begleitet sie bei ihren verzweifelten Bemühungen, Katie rechtzeitig zu finden. In der zweiten Hälfte wird der Roman durch zahlreiche überraschende Wendungen immer packender bis hin zum großen Finale.
Callaghans Psychothriller liest sich gut und überzeugt vor allem durch den weitgehenden Verzicht auf die detaillierte Darstellung von physischer Gewalt. Stattdessen konzentriert sich die Autorin auf die psychischen Folgen von Verbrechen bei den lebenslang traumatisierten Opfern. Gut informiert beschreibt sie psychische Überlebensstrategien wie Verdrängung und Dissoziation. Ein wirklich vielversprechendes Debüt.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Wo ist der Bahnhof?

Der Trick
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In Emanuel Bergmanns Romanerstling „Der Trick“ geht es um zwei Geschichten auf zwei Zeitebenen, die allmählich zusammengeführt werden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebt in Prag Rabbi Laibl Goldenhirsch ...

In Emanuel Bergmanns Romanerstling „Der Trick“ geht es um zwei Geschichten auf zwei Zeitebenen, die allmählich zusammengeführt werden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebt in Prag Rabbi Laibl Goldenhirsch mit seiner Frau Rifka und dem Sohn Moses genannt Mosche. Nach Rifkas Tod entfernen sich Vater und Sohn voneinander, und der 15jährige Mosche schließt sich einem Zirkus an, nachdem er sich in die Assistentin des „Halbmondmanns“, eines Mentalisten und Illusionisten verliebt hat. Der „Halbmondmann“ wird sein Lehrer, bis es zum Zerwürfnis kommt. Mosche verleugnet seine jüdische Identität und wird zum Großen Zabbatini mit persischer Herkunft. Gern spricht er die Farsi-Worte Daruh Khaneh Kojast (wo ist der Bahnhof, bitte?), um seine Tarnung glaubwürdig zu machen. Auf Dauer hilft ihm das nicht, denn Naziterror und Judenverfolgung bringen ihn in Lebensgefahr. Sein ehemaliger Mentor verrät ihn aus Rache an die Gestapo, und er wird deportiert. Er überlebt und verbringt seine zweite Lebenshälfte in Los Angeles.
In einem zweiten Handlungsstrang geht es im Jahr 2007 um den 10jährigen Max Cohn und seine Familie. Die Eltern von Max wollen sich scheiden lassen. Um dies zu verhindern, suc ht Max den alten Zauberer Zabbatini, der mit seinem Liebeszauber die Ehe der Eltern retten soll. Der alte Mann weigert sich zunächst - er ist ja schließlich auch ein bisschen aus der Übung. Als er sieht, wie unglücklich Max ist, erklärt er sich bereit, am 11. Geburtstag des Jungen eine Vorstellung zu geben, in der er auch den Liebeszauber praktizieren wird. Bei dieser Gelegenheit kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung, in der alle Rätsel gelöst werden.
Bergmann gelingt ein vor allem zum Ende hin sehr emotionaler, berührender Roman, den ich gern gelesen habe, weil er menschliche Schicksale eindrücklich vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund darstellt und der lebensrettende Trick in schweren Zeiten wichtiger ist als alle Zauberkunststücke zur Unterhaltung eines Publikums. Ein schönes Buch.

Veröffentlicht am 16.05.2021

Eine ungewöhnliche Kindheit

Der Junge, der das Universum verschlang
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Die Geschichte um eine Familie in Darra, einem verarmten Arbeiterviertel von Brisbane, setzt etwa 1985 ein. Die Brüder Eli, 12 und August Bell, 13 leben mit ihrer Mutter im Haus des Stiefvaters Lyle unter ...

Die Geschichte um eine Familie in Darra, einem verarmten Arbeiterviertel von Brisbane, setzt etwa 1985 ein. Die Brüder Eli, 12 und August Bell, 13 leben mit ihrer Mutter im Haus des Stiefvaters Lyle unter sehr schwierigen Bedingungen. Lyle Orlik verdient seinen Lebensunterhalt als Heroinhändler, die Mutter ist drogenabhängig und hat den Vater, einen Alkoholiker, Jahre zuvor verlassen, nachdem dieser bei einem Autounfall absichtlich oder im Suff seine kleinen Söhne fast getötet hätte. Der beste Freund der Jungen ist der verurteilte Mörder Arthur „Slim“ Halliday, der durch mehrere Ausbrüche aus dem berüchtigten Boggo Road-Gefängnis berühmt geworden ist. Eines Tages rächt sich der örtliche Drogenboss an Lyle für eigenmächtige geschäftliche Aktivitäten, und die Mutter der Jungen kommt ins Gefängnis. Die Jungen leben deshalb einige Jahre bei ihrem Vater.
In diesem ganz besonderen Coming-Of-Age-Roman gibt es außer den ungewöhnlichen Protagonisten sehr viel Gewalt, auch häusliche Gewalt gegen Frauen, und eine Menge Grausamkeiten in teilweise übertrieben drastischen Szenen. Für den Leser ist es vor allem interessant zu sehen, welche Strategien die Jungen entwickeln, um diesen Sumpf zu überleben und unbeirrt ihre Ziele zu erreichen. Eli schafft den Sprung in eine Karriere als Journalist, indem er als Praktikant bei einer lokalen Zeitung erst anderen in untergeordneter Stellung zuarbeitet, dann den großzügigen Wohltäter der Gemeinde als das enttarnt, was er ist: ein grausames Monster an der Spitze des Drogenkartells. Es gibt aber nicht nur menschliche Abgründe in diesem Roman, sondern auch die erste Liebe Elis zu einer deutlich älteren Journalistin und seine enge Bindung an seinen sehr speziellen Bruder August, der ihn beschützt. Große Teile der Geschichte sind nicht erfunden, sondern entsprechen den Erlebnissen des Autors. Lediglich die etwas gewöhnungsbedürftigen mystischen Elemente um August, seine prophetische Vorausschau und seine kryptischen mit den Fingern in die Luft geschriebenen Botschaften sind nicht einer realistischen Darstellung verpflichtet.
Mir hat das Buch gut gefallen. Wenn man sich eingelesen hat, ist das eine sehr lohnende Geschichte vom anderen Ende der Welt.

Veröffentlicht am 08.03.2026

So etwas vergisst man nie

Schwarzer September
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Im Mittelpunkt von Sandro Veronesis neuem Roman steht Gigio Bellandi. Es geht um den Sommer des Jahres 1972, den die Familie wie immer in Fiumetto an der ligurischen Küste verbringt. Gigio interessiert ...

Im Mittelpunkt von Sandro Veronesis neuem Roman steht Gigio Bellandi. Es geht um den Sommer des Jahres 1972, den die Familie wie immer in Fiumetto an der ligurischen Küste verbringt. Gigio interessiert sich sehr für Sport, verfolgt alle Wettkämpfe und verfolgt auch den Kampf um die Weltmeisterschaft im Schachspiel von Bobby Fischer und Boris Spasski. Der Vater, ein Strafverteidiger, verbringt die Wochenenden mit der Familie. Dann pflegt er sein geliebtes Segelboot Tivatú und bringt seinem Sohn das Segeln bei. In diesem Sommer verliebt sich Gigio in die ein Jahr ältere bildhübsche Astel Raimondi, Tochter einer äthiopischen Mutter. Die Raimondis haben die benachbarte Strandkabine. Auch Astel fühlt sich zu Gigio hingezogen, und sie verbringen viel Zeit miteinander, auch in der prächtigen Villa der Raimondis, wo sie Musik hören und tanzen. Die beiden Jugendlichen übersetzen Songtexte von Cat Stevens und David Bowie. Gigio hilft Astel ihr Englisch zu verbessern. Seine Mutter Betty ist gebürtige Irin.
Veronesi erzählt die Geschichte des letzten glücklichen Sommers der Kindheit. Der Leser weiß die ganze Zeit, dass etwas Schlimmes passieren wird. Es geht nicht nur um die betroffenen Familien, sondern auch um die Olympischen Spiele dieses Jahres in München mit dem Attentat auf die israelische Mannschaft. Fünfzig Jahre später hat der Ich-Erzähler nichts von den Ereignissen vergessen und bringt seine Version der Geschichte zu Papier. Neben dem zeitgeschichtlichen Hintergrund und der Liebesgeschichte der beiden Jugendlichen kommt auch das Thema Rassismus zur Sprache. Gigios Mutter Betty mit ihrer hellen, sommersprossigen und sehr empfindlichen Haut begegnet ebenso Rassismus wie Astel und ihre äthiopische Mutter. Es reicht, anders auszusehen als alle anderen. Die Erzählung ist außerordentlich detailliert, vor allem auch bei der Darstellung von Wettkämpfen aller Art. Das italienische Ambiente ist zwar sehr reizvoll, aber das reicht nicht. Für meinen Geschmack ist der Roman zu handlungsarm, und ich bin etwas enttäuscht.

Veröffentlicht am 22.02.2026

Lebenslange Suche nach der eigenen Identität

Alma
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In “Alma“ erzählt die italienische Autorin Federica Manzon die Geschichte einer Frau, die in Triest aufwächst. Ihre Mutter ist die Tochter eines reichen, gebildeten Paars, das die Traditionen des Habsburgerreichs ...

In “Alma“ erzählt die italienische Autorin Federica Manzon die Geschichte einer Frau, die in Triest aufwächst. Ihre Mutter ist die Tochter eines reichen, gebildeten Paars, das die Traditionen des Habsburgerreichs fortsetzt. Es hat ihnen gar nicht gefallen, dass ihre Tochter einen Slawen von jenseits der Grenze heiratet. Das Ehepaar lebt in einem einfachen, unordentlichen Haus auf dem Karst in der Nähe der Grenze. Die Mutter arbeitet in der offenen Psychiatrie und kümmert sich nicht besonders um ihre Tochter. Dafür hat Alma ein liebevolles Verhältnis zu den Großeltern mütterlicherseits, mit denen sie in ihrer Kindheit glückliche Sommer verbringt. Alma liebt ihren Vater, leidet aber darunter, dass er immer wieder tagelang über die Grenze nach Osten verschwindet, ohne ihr zu erzählen, was er dort macht. Er gibt grundsätzlich wenig über sich preis, ein Verhalten, das Alma für ihr ganzes weiteres Leben übernehmen wird. Die Fragen nach ihren Wurzeln, ihrer Identität werden sie ein Leben lang begleiten, genauso wie das Fehlen jeglichen Zugehörigkeitsgefühls. Als Jugendliche beherrscht sie mehrere Sprachen der Region. Als Alma 11 Jahre alt ist, bringt ihr Vater Vili, den Sohn seines besten Freundes in Belgrad ins Haus. Sie wachsen fortan zusammen auf, weil die Eltern des Jungen als Dissidenten seine Sicherheit nicht gewährleisten können. Anfangs verstehen sich die beiden Kinder nicht besonders, später verlieben sie sich in einander und sind danach für viele Jahre wieder getrennt. Als Almas Vater stirbt, trifft sie Vili in Triest, wo er ihr im Auftrag ihres Vaters ihr Erbe übergibt. Das sind Unterlagen aus seinem und ihrem Leben, darunter Artikel, die sie geschrieben hat, aber auch Dokumente, die belegen, dass sie überwacht und abgehört wurde.
Überhaupt spielt der Roman in bewegten Zeiten, denn es geht um Tito, nach seinem Tod um den Zerfall des Vielvölkerstaats Jugoslawien und schließlich um die Bosnienkriege der 90er Jahre. Dabei erspart die Autorin dem Leser auch nicht die Schilderung von Grausamkeiten und Völkermord, zum Beispiel den Mord an muslimischen Männern und Jungen in Srebrenica. Aus den Unterlagen ihres Vaters erfährt Alma, dass Vili Knezevic als Fotograf im Tross der serbischen Truppen deren Verbrechen dokumentierte und damit Beweismaterial für die Prozesse in Den Haag lieferte.
Manzons Roman ist zweifellos interessant, liest sich aber nicht leicht. Das liegt unter anderem daran, dass die Zeitebene ständig wechselt, dass sowohl präzise geographische Angaben als auch Namen von wichtigen Persönlichkeiten häufig fehlen. Da fällt es dem Leser schwer, sich zu orientieren und Abläufe korrekt zu verstehen. Mich hat der Roman etwas enttäuscht.