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Veröffentlicht am 13.12.2020

unterhaltsam, spannend, etwas langatmig

Der vergessene Strand
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Amelie glaubt, in ihrem Leben angekommen zu sein. Sie ist seit einigen Jahren mit ihrem ehemaligen Dozenten Michael liiert, in den nächsten Monaten soll Hochzeit sein. Das Studium hat sie erfolgreich abgeschlossen. ...

Amelie glaubt, in ihrem Leben angekommen zu sein. Sie ist seit einigen Jahren mit ihrem ehemaligen Dozenten Michael liiert, in den nächsten Monaten soll Hochzeit sein. Das Studium hat sie erfolgreich abgeschlossen. Ein Verlag hat sich für ihre Recherchen über Beatrix Lambton interessiert und möchte ein Buch herausbringen. Ihre Freundin Diana lebt gerade in Neuseeland, aber dank Internet nimmt sie rege an deren Leben teil. Was braucht es noch? Doch dann muss Amelie schmerzlich erfahren, dass Michael mit einer anderen Frau ein Kind bekommt. Sie war davon ausgegangen, dass Michael den Seitensprung vor einigen Monaten tatsächlich nur einmal begangen hat und die Affäre längst beendet ist. Sie hat ihm und ihrer beider Liebe eine zweite Chance gegeben. Die Nachricht von dem werdenden Kind, obwohl doch sie zusammen mit Michael eine Familie gründen wollte, bricht wie ein Novembersturm über sie herein. Sie flüchtet nach Pembroke in Wales, dem Ort, in welchem die Lambton-Schwestern vor über hundert Jahren lebten, über deren Leben sie schreibt. Doch Amelie wird in diesem Ort von den Einwohnern angefeindet, ohne dafür ein Motiv erkennen zu können. Dann deutet sich an, dass sie hier bereits gelebt hatte und für die Einwohner keine Unbekannte ist. Erinnern kann sie sich daran nicht. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt …

Julie Peters hat eine unterhaltsame und spannende Geschichte um die Suche nach dem Ich, die Suche nach den Wurzeln geschrieben. Die Protagonistin Amelie ist ohne Vater aufgewachsen, ihre Mutter hatte und wollte ihr nichts über ihren Vater erzählen. Die Wut um das Fremdgehen ihres Freundes und die Recherchen für ihr Buch treiben die Protagonistin auf den Weg in ihre eigene Vergangenheit. In einer Parallelhandlung wird dabei vom Leben der Lambton-Schwestern vor hundert Jahren erzählt. In nahezu jedem Kapitel aus der Gegenwart gibt es einen großen Absatz aus damaligen Zeit. Kenntlich wird dies durch eine andere Schriftart gemacht. Damit werden scheinbar zwei Geschichten in einem Roman angeboten. Doch schnell stellt sich heraus, dass die Protagonisten von vor hundert Jahren kaum einen Unterschied zu denen aus der Gegenwart aufweisen. Hier wie dort geht es um das Fremdgehen, um die Liebschaften der Männer, denen dies verzeiht wird, hingegen die Frauen gnadenlos dafür bestraft werden. Geht es in der Gegenwart um Schwangerschaft, so geht es auch in der Vergangenheit um Schwangerschaft. Können sich die Frauen in der Gegenwart nicht zu einer Entscheidung durchringen, so können sie es auch im Gestern nicht. Damit stellt sich die Frage, warum überhaupt dieser Griff zu der Parallelhandlung gemacht, zumal sie nach zwei Dritteln des Buches von der Autorin offenbar vergessen wurde? Still und heimlich gibt es plötzlich keine Ausflüge in die Vergangenheit mehr. Schade, war es doch eine angenehme und nette Verbindung in die Vergangenheit, die mit noch so mancher Überraschung aufwarten konnte.

Peters hat mit diesem Roman das Thema der heutigen Girli-Generation aufgegriffen, die nicht in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen. Ständige Zweifel nagen an der Protagonistin, sie ist hin- und hergerissen zwischen ihren Wünschen und dem, was sie für sinnvoll hält, kann jedoch keinen Schlussstrich ziehen oder mit der Faust auf den Tisch hauen, wie man es sich wünschen würde. Doch darin liegt bis zu einem gewissen Grade auch die Spannung dieses Romans. Denn der Leser wartet auf die längst fällige Entscheidung. Da die parallele Handlung eh im Sande verläuft, hätte man mit dem Kürzen des Romans weit mehr gewonnen.

Mein Fazit: unterhaltsam, spannend, etwas langatmig. Aber ohne Frage macht es Spaß, ihn zu lesen.



© Detlef Knut, Düsseldorf 2013

Veröffentlicht am 03.12.2020

Dorothy L. Sayers – eine Grande Dame der britischen Kriminalliteratur

Diskrete Zeugen
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Dorothy L. Sayers entführt den Leser in eine alte Zeit mit einem spannenden Kriminalfall. Die Grande Dame der britischen Literatur entführt uns in die Zeit und das Milieu von Downton Abbey. Ihr Ermittler ...

Dorothy L. Sayers entführt den Leser in eine alte Zeit mit einem spannenden Kriminalfall. Die Grande Dame der britischen Literatur entführt uns in die Zeit und das Milieu von Downton Abbey. Ihr Ermittler ist Lord Peter Wimsey, der von der smarten von dem smarten Polizisten und Freund Charles Parker unterstützt wird. Sie ähneln ein wenig Sherlock Holmes und Doktor Watson. Kein Wunder, schließlich sind sie Fans von denen und spielen oft genug auf die beiden „Kollegen“ in den Bemerkungen an.

Der Krimi beginnt mit einer Gerichtsakte, aus der hervorgeht, dass auf dem Anwesen des Herzogs von Denver ein Toter gefunden wurde. Dabei handelt es sich um den Verlobten der jüngsten Schwester des Herzogs, Lady Mary. Die ersten Hinweise und Aussagen von Zeugen weisen darauf hin, dass der Herzog selbst mitten in der Nacht gegen 3 Uhr den zukünftigen Schwager umgebracht hat. Doch der bestreitet es. Sein Bruder, Lord Peter Wimsey, eilt herbei, um nachzuweisen, dass der Herzog unschuldig ist. Er möchte seinen Bruder aus der Untersuchungshaft herausholen.

Der Stil dieses Romans entspricht in dem eines guten, alten, britischen Kriminalromans. Er bedient sich schon rein optisch verschiedener Techniken, um die Geschichte zu erzählen. Dazu gehören bereits oben genannte Gerichtsprotokolle, zitierte Briefe, zitierte Zeitungsartikel und dergleichen. Das macht den Text ausgesprochen abwechslungsreich.

Obwohl viele Örtlichkeiten in erzählender Form dem Leser vorgestellt werden, findet die Haupthandlung der Ermittlung in Dialogen statt. Der Anteil an wörtlicher Rede ist entsprechend sehr hoch.

Der Krimi ist besonders für Leser vom britischen cozy crime a la Agatha Christie und Arthur Conan Doyle geeignet. Geheimnisvoll, unterhaltsam, britisch!

Bei Wunderlich im Rowohlt Verlag ist diese Reihe von Dorothy L. Sayers in einer neuen Übersetzung von Otto Bayer neu aufgelegt worden. »Diskrete Zeugen« ist der zweite Krimi aus dieser Reihe, dem noch weitere folgen sollen. Schön, das ist diese Romane gibt.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 24.11.2020

Wenn das Eis schmilzt …

Kaltes Gold
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Mit »Kaltes Gold« von Cilla und Ralf Börjlind stellt das schwedische Autorenpaar den mittlerweile sechsten Roman um die Ermittler Rönning und Stilton vor. Ihr fünfter Fall »Wundbrand« war in Deutschland ...

Mit »Kaltes Gold« von Cilla und Ralf Börjlind stellt das schwedische Autorenpaar den mittlerweile sechsten Roman um die Ermittler Rönning und Stilton vor. Ihr fünfter Fall »Wundbrand« war in Deutschland zum Bestseller auf der Spiegel-Liste hochgeschossen.

In diesem Roman geht es in eisige Gefilde. In den Bergen Lapplands wurde eine Leiche gefunden. Tiefgefroren. Olivia Rönning macht sich auf den Weg dorthin. Doch wegen eines Unwetters stürzt ihr Hubschrauber ab. Sie rettet sich zwar in eine einsame Fischerhütte, merkt aber bald, dass sie in höchster Gefahr schwebt. Jemand will verhindern, dass sie die Leiche identifiziert.

Dies war der erste Roman, den ich von diesem Autorenpaar gelesen habe. Er hat mich positiv überrascht, denn das Figurenensemble ist sehr eigenwillig, aber dennoch nicht unsympathisch. Der Vater von Olivia war auch Kommissar, lebt aber nicht mehr. Olivia hat sich als Kind und beim Heranwachsen zwischen den Reihen seiner Freunde und Kollegen bewegt. Sie ist mit denen sehr vertraut, auch wenn sie alle offenbar im Ruhestand sind.

Doch der vorliegende Fall ist der erste für Rönning als Leiterin der Ermittlung, darum holt sie sich die Hilfe ihrer Vertrauten. Selbst den Partner und Freund ihres Vaters, Tom Stilton, holt sie aus Thailand. Die Szenen innerhalb des Figurengeflechts sind sehr angenehm, man wird mitgenommen bzw. hineingezogen in eine große Familie. Man glaubt, man gehört dazu und scheint jeden zu kennen.

Die Spannung kommt kaum zu kurz. Es tun sich mehrere Motive auf, die für den Tod vor zwanzig Jahren infrage kommen könnten. Doch was ist an der Entdeckung der Leiche so gefährlich, dass auch heute noch Menschen dafür mit dem Leben bezahlen? Soll das Verbrechen von damals nicht aufgeklärt werden? Ich finde das klasse!

Schließlich gibt es eine weitere Besonderheit, die den Roman mehr als ein Kriminalroman sein lässt. Leser meiner Rezensionen wissen, dass ich auch gerne Abenteuerromane lese. Deshalb fand ich den Ausflug ins Abenteuergenre in »Kaltes Gold« besonders anregend. Tom Stilton macht sich mit seinem Freund auf die Reise nach Afrika, um einer Spur im aktuellen Fall bis unter dem Meeresspiegel zu folgen. Diese Versuche bleiben nicht unentdeckt und ungefährlich. In Afrika werden beide bei ihren Ermittlungen behindert.

Die gesamte Afrikaszene liest sich wie eine eigenständige Geschichte, hat aber selbstverständlich mit dem Fund der zwanzig Jahre alten Leiche in Lappland zu tun.

Mit diesem Roman richtig in eine kuschelige Ecke verkriechen, den Novemberwind am Fenster vorbeiziehen lassen und mit den Figuren auf spannende Reisen gehen.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 20.11.2020

Eine Krankenschwester und zwei Männer

Mr. Crane
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»Mr. Crane« von Andreas Kollender mag vom Titel her wie eine Biografie klingen, aber das ist dieses Buch mitnichten. Es ist ein Roman um den Schriftsteller Stephen Crane, der seine Tuberkulose im Schwarzwald ...

»Mr. Crane« von Andreas Kollender mag vom Titel her wie eine Biografie klingen, aber das ist dieses Buch mitnichten. Es ist ein Roman um den Schriftsteller Stephen Crane, der seine Tuberkulose im Schwarzwald zu bekämpfen versuchte.

Der Roman erzählt die Geschichte von Elisabeth, ihre Liebe bzw. Verbundenheit zu zwei Männern. Den einen lernt sie 1900 und den anderen 1914 kennen. Während sie 1914 bereits Oberschwester ist, liegt der Kriegsverletzte Bernhard Fischer in demselben Zimmer und demselben Bett, in welchem 14 Jahre zuvor der amerikanische Schriftsteller Stephen Crane gelegen hat. Damals war Elisabeth noch keine Oberschwester. Fischer spricht nicht, dafür zeichnet und malt er. Aber er kennt die Werke von Crane. Wegen dieser Seelenverwandtschaft erzählt Elisabeth ihm von ihrer Zeit, es sind nur wenige Tage, die sie m Mr. Crane verbracht hat. Doch bei Crane ging es über die Seelenverwandtschaft hinaus. Und Elisabeth vergleicht Fischer mit Stephen Crane.

Die Haupthandlung aber sind die acht Tage im Jahr 1900, in dem Crane seine Tuberkulose im Schwarzwald zu heilen versucht. Es ist eine Liebesgeschichte. Elisabeth fühlt sich sehr stark zu dem Amerikaner hingezogen. Schließlich hat er doch ein Roman über sie geschrieben. So scheint es ihr. Im übertragenen Sinn, denn der Roman „The Monster“ handelt von einem Menschen, dessen Gesicht zerstört wurde als er Menschen rettete. Auch Elisabeth hat eine zerstörte Gesichtshälfte infolge eines Brandes.

Während Elisabeth zunächst nur fasziniert von Stephen Crane ist, beginnt sie bald ihn zu lieben.

Kollender schreibt einfühlsam über die Beziehungen der Figuren untereinander. Langsam baut sich das Geflecht auf und schnell kommt man zu dem, wissen zu wollen, wie es bei Elisabeth in beiden Beziehungen weitergeht, sowohl in 1900, als auch in 1914.

Die Kapitel der beiden Handlungsstränge sind zwar klar getrennt, doch anfangs verwirren sie wegen der ähnlichen Themen und der ähnlichen Begebenheiten. Liegt in beiden Strängen ein schwerkranker Mann im Bett und wird von Elisabeth gepflegt. Doch nach wenigen Kapiteln ist man dann im Rhythmus.

Kollender erzählt die Geschichte in einer poesievollen, wunderschönen Sprache. Die Reflexionen von Elisabeth auf das Leben und ihre Umwelt regen zum Nachdenken an und lassen mich diesen Roman empfehlen.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 16.10.2020

Zwei Menschen im Nordatlantik

Caribou
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Kevin Major hat mit »Caribou« einige reale Vorfälle aus dem Zweiten Weltkrieg aufgegriffen und daraus einen Roman gemacht. Es geht um die U-Boot-Schlachten im Nordatlantik vor der kanadischen Küste.

Der ...

Kevin Major hat mit »Caribou« einige reale Vorfälle aus dem Zweiten Weltkrieg aufgegriffen und daraus einen Roman gemacht. Es geht um die U-Boot-Schlachten im Nordatlantik vor der kanadischen Küste.

Der Roman handelt den von zwei Protagonisten der damaligen Zeit. Einer von ihnen ist John Gilbert, den der Leser als Steward auf der Fähre Caribou kennenlernt. 1942 befördert die Caribou auch Soldaten. Der zweite Protagonist ist der deutsche U-Boot Kommandant Ulrich Gräf.

Die Schicksale beider Personen sind untrennbar miteinander verbunden, obwohl sie sich nie begegnet waren. Ihre Leben werden in den beiden Strängen konsequent getrennt und dabei ausführlich geschildert. Es gibt keinen Guten und keinen Bösen im Charakter dieser Protagonisten. Dennoch ist es gesellschaftlich historisch klar, das Gräf sowas wie ein Bösewicht ist. Kevin Major geht aber tiefer und versucht die Denkweise und das Verhalten des U-Boot-Kommandanten zu erklären.

Die beiden Stränge werden stilistisch durch eine andere Erzählperspektive getrennt. Während der Deutsche alles aus seiner eigenen Perspektive schildert, erlebt der Leser das Geschehen um den Kanadier aus der Sicht einer dritten Person.

Der Autor hat hervorragende Recherchearbeit geleistet und bringt überaus viele Informationen ein, die in Dokumenten und Protokollen existieren. Er versucht ein Bild der damaligen Situation zu geben, welches sich nicht einfach in Schwarz und Weiß einordnen lässt. Er zeigt sehrviele Grautöne auf. Doch bei all der Information, die transportiert wird, hat mir eine konkrete Handlung zunächst gefehlt. Besonders im ersten Teil wirkt das Buch wie ein Sachbuch. Spannend und interessant ist es auf jeden Fall, aber es sind kaum Dialoge zwischen all den Figuren enthalten. Diese wirken hier lediglich wie schmückendes Beiwerk. Zwischenmenschliche Beziehungen und Konflikte werden nur angerissen. Obwohl das Verhältnis des Kandiers John zum Texaner Hank viel mehr Potential hätte.

Im zweiten Teil ändert sich dies. Die Leser erfahren viel mehr über die Herkunft der beiden Männer, sie lernen deren Familien kennen. Und auch die Wege zu einer Partnerschaft werden entwickelt, trotz des Krieges. In dieser zweiten Hälfte kommen wesentlich mehr Dialoge zum Einsatz, es menschelt mehr. Als Leser beginnt man, mit dem Protagonisten zu empfinden.

Sehr spannende Elemente sind im gesamten Roman enthalten. Zum Beispiel, wenn es um den Abschuss von Torpedos geht, der nicht nur nüchtern berichtet wird, sondern dramaturgisch fesselnd ist.

Da das Geschehen auf realen Ereignissen basiert, haben mir die Fotos im Anhang sehr gut gefallen. Sowohl von den Schiffen als auch den Personen kann man einen guten Eindruck gewinnen. Und wer sich noch nie mit dem U-Boot-Krieg im Zweiten Weltkrieg beschäftigt hat, bekommt mit diesem Buch einen sehr guten Einstieg, der über das Niveau eines Sachbuchs liegt.

Deshalb empfehle ich diesen Roman, der keineswegs nullachtfünfzehn ist, sondern einen besonderen Blick in das Leben zweier Menschen gewährt.


© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

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