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Veröffentlicht am 21.12.2020

Berlin, Berlin - du bist so wundervoll.

Breakaway
5

Als ich damals in der Programmvorschau des Lyx-Verlags festgestellt habe, dass es nun endlich eine New-Adult-Reihe mit deutschem Setting auf den Buchmarkt schafft, wusste ich sofort, dass ich diesen Auftakt-Roman ...

Als ich damals in der Programmvorschau des Lyx-Verlags festgestellt habe, dass es nun endlich eine New-Adult-Reihe mit deutschem Setting auf den Buchmarkt schafft, wusste ich sofort, dass ich diesen Auftakt-Roman unbedingt lesen muss. Dank der Lesejury durfte ich das jetzt sogar schon vor dem eigentlichen Erscheinungstermin tun.

Inhalt:

Die Studentin Lia verlässt Hals über Kopf ihre kleine Hochschule und flüchtet sich nach Berlin. In den Wochen zuvor ist an ihrem alten Campus nämlich die Hölle über sie hereingebrochen, sodass sie jetzt keinen anderen Ausweg mehr sieht, als alles hinter sich zu lassen und sich in der Anonymität der Großstadt zu verlieren.
Währenddessen bricht Noah Seger überstürzt sein Auslandssemester ab, um seinem Bruder beizustehen. Noahs älterer Bruder Elias hat nämlich auf einer Firmenfeier den Sohn eines Geschäftspartners der Familie Seger verprügelt und wurde in Folge dessen von den Eltern aus der Familie verbannt. Bald findet er jedoch heraus, dass Elias seine Hilfe gar nicht will und sich auch vor ihm immer weiter zurückzieht.
In Berlin treffen Noah und Lia aufeinander. Während Lia durch Zufall Anschluss an Noahs Freundeskreis findet, kommen sie sich immer näher. Doch Lias Geheimnisse lasten schwer auf ihr und stehen zunehmend zwischen ihr und Noah, der durch seine angespannte Familiensituation und seine eigenen Geheimnisse ohnehin emotional extrem beansprucht ist.

Meine Meinung:
Zuerst einmal möchte ich dem Lyx-Verlag für die wunderschöne Gestaltung des Buchumschlags gratulieren. Man kann das Buch eigentlich gar nicht aus der Hand legen. Ich liebe die Gestaltung des Covers und die raue Oberfläche. Man möchte es immer wieder anfassen und auch im Regal sticht es positiv hervor.

Egal, ob man den Plot oder die Grundidee von „Breakaway“ mag, muss man die Autorin schon allein dafür feiern, dass sie den Mut hatte, eine New-Adult-Geschichte in den deutschsprachigen Raum zu versetzen. Das war in meinen Augen so lange überfällig und ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass „Breakaway“ sehr erfolgreich sein wird, damit solche Schauplätze in Zukunft öfter gewählt werden

Aber auch unabhängig vom Setting hatte „Breakway“ des Potenzial, um einer meiner liebsten New-Adult-Romane zu werden. Die erste Hälfte des Buchs konnte mich absolut fesseln. Noah und Lia waren großartige Protagonisten. Unperfekt und gleichzeitig realitätsnah gezeichnet. Menschen, wie sie jeder aus seinem Freundeskreis kennen könnte. Ich konnte ihre Handlungen nachvollziehen und auch verstehen, warum sie Fehler gemacht haben. Die Liebesgeschichte zwischen ihnen hat sich genau im richtigen Tempo entwickelt und wurde atmosphärisch dicht erzählt. Ich konnte den Sommer in Berlin fühlen und mich an die Orte versetzen, die Noah und Lia gemeinsam gesehen haben. Auch ihre Gefühle und Probleme wurden sehr anschaulich vermittelt. Da waren wirklich ganz wunderbare Szenen dabei. Ich habe mehr als einmal gedacht. „Gibt es das wirklich?“, „Wo kann ich mir das ansehen?“ und „Wann kann ich dorthin fahren?“

Anabelle Stehl hat sich in „Breakway“ außerdem ein äußerst wichtiges Thema gesucht, das in der modernen Frauenliteratur öfter aufgegriffen werden sollte, weil es im Alltag von Frauen auch in unserer heutigen Zeit noch so wahnsinnig präsent ist.
Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, weil die Rezension spoilerfrei bleiben soll. Nur ist es mir wichtig zu sagen, dass man wirklich spüren konnte, welche Gedanken sich die Autorin über Lias Situation und die unmittelbaren Folgen gemacht hat. Das wurde über das ganze Buch hinweg sehr deutlich.

Leider konnte ich meine anfangs wirklich unglaublich große Begeisterung für „Breakway“ nicht uneingeschränkt bis zum Ende durchhalten. Das lag ganz einfach daran, dass es im Plot ein paar Ungereimtheiten gab, die mir nicht ganz schlüssig waren. Manche Dinge wurden für mein persönliches Empfinden nicht ausreichend gut erklärt, sodass mich die Auflösung der Geschichte zumindest teilweise ein bisschen ratlos zurückgelassen hat.
Der Schluss war allerdings sehr bedacht gewählt und hat einen schönen Rahmen für die Erzählung geschaffen. Ein wenig habe ich aber damit gehadert, dass am Ende nicht noch ein bestimmtes Zeichen gesetzt wurde, kann aber auch gleichzeitig verstehen, wieso es nicht dazu gekommen ist. Trotzdem glaube ich, dass es dem Überthema der Geschichte gut getan hätte.

Positiv hervorheben möchte ich zum Schluss auch noch die herzerwärmenden Nebencharaktere in „Breakway“, die sehr individuell und humorvoll gestaltet wurden.
Besonders ist außerdem, dass sich im Zentrum von Anabelle Stehls Buchreihe drei Geschwister befinden, die trotz aller Widrigkeiten im Grunde fest zusammenstehen. Das ist habe ich so noch nicht in einem New-Adult-Buch gelesen und hat mir sehr gefallen.

Fazit:
Jeder, der New-Adult-Fan ist, sollte „Breakway“ in sein Regal stellen. Ganz einfach, weil es sich von anderen Büchern abhebt und das Genre in eine neue Richtung lenkt, während es doch gleichzeitig immer noch unverkennbar New Adult ist. Ich würde es aber auch Lesern empfehlen, die New Adult eher skeptisch gegenüber stehen, eben genau aus diesen oben genannten Gründen.
Mit der ein oder anderen Entwicklung in „Breakway“ war ich nicht glücklich. Besonders weil mir die Geschichte zuvor so sehr gefallen hat. Alles in Allem betrachtet, war das Buch also nicht perfekt und da ist definitiv noch Luft nach oben für die Folgebände. Aber dafür war es so viele andere Dinge, die vielleicht sogar besser sind als perfekt: Es war charmant, es war gefühlvoll, berührend und vor allem war es wichtig.





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Veröffentlicht am 09.11.2020

So Americana

Wenn aus Funken Flammen werden
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„Wenn aus Funken Flammen werden“ habe ich während und kurz nach den US-Wahlen gelesen. Das war eine gute, wenn auch unbewusste Entscheidung, denn dieses Buch transportiert ein typisch amerikanisches Lebensgefühl. ...

„Wenn aus Funken Flammen werden“ habe ich während und kurz nach den US-Wahlen gelesen. Das war eine gute, wenn auch unbewusste Entscheidung, denn dieses Buch transportiert ein typisch amerikanisches Lebensgefühl. Die Atmosphäre erinnert mich an Fernsehserien wie „Chicago Fire“ mit All-American-Heroes und vor allem ganz viel Drama. Aber auch mit einem sehr wichtigen Thema, das in der zeitgenössischen Frauenliteratur mehr Beachtung finden sollte.

Inhalt:
Nachdem Feuerwehrmann Josh sich von seiner Freundin getrennt hat, weil diese keine Familie gründen möchte, zieht er nach Kalifornien und nimmt einen Job auf der Wache seines besten Freunds Brandon an. Hier trifft er auch auf Kristen, die beste Freundin von Brandons Verlobter Sloan.
Kristen scheint ihr Leben im Griff zu haben. Sie führt einen erfolgreichen Online-Shop für Zwerghunde-Zubehör. Außerdem wartet sie darauf, dass ihr Freund von der Army nach Hause kommt, damit sie endlich in ein gemeinsames Leben starten können.
Trotzdem knistert es sofort heftig zwischen Josh und ihr.
Doch die alte Beziehung ist nicht einmal das größte Problem, das sich den beiden in den Weg stellt. Kristens leidet nämlich unter Uterusmyomen. Neben einem völlig gestörten Zyklus mit starken Blutungen und schrecklichen Schmerzen bedeutet das auch, dass sie als unfruchtbar gilt. Ihre gesundheitlichen Probleme sind so gravierend, dass der Termin für eine Gebärmutter-Entfernung bereits feststeht. Allerdings möchte Kristen auf keinen Fall, dass ein Mann seinen Wunsch nach Familie für sie aufgibt. Und Josh's Wunsch nach Familie ist groß.

Meine Meinung:
Von der Autorin hatte ich zuvor noch nie gehört. Für „Wenn aus Funken Flammen werden“ habe ich mich entschieden a) weil ich das so wichtige Thema Unfruchtbarkeit würdigen wollte und b) weil ich unter Anderem ein Cover-Käufer bin. Und in diesem Fall hat mich das Cover wirklich sehr angesprochen.
Ich war im Vorfeld nicht darauf gefasst, wie viel in diesem Buch eigentlich geschieht! Kristens Unfruchtbarkeit und die anstehende OPs sind nur ein Thema. Da ist auch noch die Beziehung, in der sie steckt, als sie Josh kennenlernt, das Verhältnis zu ihrer Mutter und natürlich der große und doch sehr überraschende Turning-Point, der das Buch nach etwa Zweidritteln noch einmal in eine völlig neue Richtung lenkt. Es ist so viel Drama, dass es mich zeitweise wirklich an diese typisch amerikanischen Serien erinnert hat, in denen man nie sicher sein kann, welches Hindernis die Drehbuchautoren den Protagonisten als nächstes in den Weg werfen. Aber das meine ich in diesem Fall durchaus positiv. „Wenn aus Funken Flammen werden“ wird wirklich nie langweilig!

Unsere männliche Hauptfigur Josh hätte perfekt in dieses Setting gepasst. Er ist ein starker Feuerwehrmann und Rettungssanitäter, geht gerne auf die Jagd und verweist in brenzligen Situationen auch mal darauf, dass er jetzt lieber seine Waffe dabei hätte. Gleichzeitig kuschelt er aber auch gerne oberkörperfrei mit Kristens Zwerg-Yorkie Stuntman Mike. An diesen Hund habe übrigens auch ich mein Herz verloren. Mit Hunden in Büchern kann man mich einfach immer wieder kriegen!
Kristen ist pragmatisch und sarkastisch. Zu Weilen auch etwas launisch, vor allem, wenn es ums Essen geht. Das hat mich persönlich zeitweise ein bisschen genervt. Genauso wie ihre Dickköpfigkeit. Sie hat sich über eine lange Strecke des Buchs hinweg wirklich keinen Millimeter bewegt. Obwohl ich ihre Einstellungen und Absichten immer sehr ehrenhaft und selbstlos fand. Grundsätzlich ist sie eine realistisch gezeichnete Protagonistin, mit einem starken moralischen Kompass.
Ganz besonders gefallen haben mir die wundervollen Freundschaften, die in diesem Buch gezeigt wurden. Solche Freunde kann man sich wirklich nur wünschen!
Über das Ende der Geschichte musste ich mir erst einmal Gedanken machen. Ich war hin und her gerissen, obwohl ich es rein subjektiv geliebt habe. Im Zusammenhang mit dem Nachwort der Autorin konnte ich jedoch verstehen, wieso sie es gewählt hat. Ob es am Ende jedoch dem Thema gerecht wird, weiß ich immer noch nicht.
Der Schreibstil von „Wenn aus Funken Flammen werden“ war durchweg angenehm zu lesen. Ein kleiner Kritikpunkt ist, dass mir Kristens Aussagen - vor allem im ersten Teil des Buchs - manchmal ein bisschen zu derb waren. Aber ich glaube, das ist Geschmackssache.

Fazit:
„Wenn aus Funken Flammen werden“ ist ein rundum gelungenes Buch, das nie langweilig wird. Ich konnte es kaum aus der Hand legen und werde es bestimmt auch irgendwann noch einmal lesen. Außerdem steht der Folgeband schon fest auf meiner Wunschliste für 2021.
Der fehlende Funke für die fünf Sterne wollte allerdings nicht ganz überspringen.

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Veröffentlicht am 05.04.2026

Katerstimmung

Die Dinner Party
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Für ihren Verlobten Andrew und seine Geschäftspartner soll Franca eine Dinnerparty veranstalten. Das heißt: Vor allem besteht ihre Aufgabe darin, das Dinner für die Party zuzubereiten. Obwohl Andrew mehr ...

Für ihren Verlobten Andrew und seine Geschäftspartner soll Franca eine Dinnerparty veranstalten. Das heißt: Vor allem besteht ihre Aufgabe darin, das Dinner für die Party zuzubereiten. Obwohl Andrew mehr als reich genug ist, um Catering in Anspruch zu nehmen, soll sie den ganzen Abend in der Küche stehen, Hasenfleisch kochen und einen Kuchen backen. Weil das eben besser kommt, wenn Mann mit der eigenen Frau und ihren "Hausfrauenfähigkeiten" angeben kann. Auch wenn eben diese Frau eigentlich gar nicht so hausfraulich ist und zwischen Küche, Esszimmer und Weinflasche langsam den Verstand verliert.

"Die Dinnerparty" ist ein Buch, das mich auf mehreren Ebenen überrascht hat.

Angefangen beim Aufbau des Texts, der als eine Art Briefroman geschrieben ist, aus der Perspektive Francas, viele Monate nach den Geschehnissen auf der Dinnerparty. Es wird nicht nur die Geschichte dieses einen Abends erzählt. Nach und nach entfaltet sich Francas komplette Biographie. Man springt zwischen dem einen, alles verändernden Abend, Francas Studium, Francas Kindheit, die geprägt ist vom frühen Tod des Vaters, und dem Danach. Lange wird offen gelassen, was genau jetzt eigentlich während der Dinnerparty passiert ist.

Außerdem habe ich nicht damit gerechnet, es hier mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun zu bekommen. Schnell wird klar, dass Francas Darstellungen nicht 100% der Realität entsprechen. Dabei baut die Autorin den ein oder anderen literarischen Fallstrick ein, über den ich auch als erfahrene Leserin nichts ahnend gestolpert bin. Generell ist in diesem Buch wenig so wie es scheint.

Am meisten überrascht haben mich jedoch, die vielen schweren Themen, die in dieser Geschichte angesprochen werden. Trauer, Missbrauch, Vernachlässigung, Sucht und andere psychische Erkrankungen. Nebenbei geht es auch noch um gesellschaftliche Diskurse, z.B. die Repräsentation von Minderheiten in der Literatur, oder generelle Klassenunterschiede und die damit einhergehenden Chancenungleichheiten.

Das ist ganz schön viel auf einmal und hat mich beim Lesen sehr herausgefordert.
Im Allgemeinen ist "Die Dinnerparty" ein komplexer, vielschichtiger, klug ausgearbeiteter Text. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich ihn für mich einordenen konnte. Ich will nicht behaupten, dass die Geschichte ihre zahlreichen Themen nicht tragen kann. Im Gegenteil. In gewisser Weise hat es mich fasziniert, wie die Autorin all das in ihrem Text unterbringt. Allerdings hat diese Fülle an Pronlemen auch dafür gesorgt, dass mich das Buch auf die ein oder andere Weise erschlagen hat. Im Laufe der Handlung tun sich ständig neue und immer tiefere Abgründe auf. Insbesondere die Stellen, die vom Tod von Francas Vater und von ihrem Alkoholismus erzählen, sind nicht leicht zu verdauen.
Und noch ein Glas. Und noch ein Glas. Und noch ein Glas.

Der Text beinhaltet einige schöne Stellen, vor allem im Bezug auf die Gespräche zwischen Franca und ihrer Therapeutin, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Er ist intelligent und handwerklich wirklich gut konzipiert. Es fällt mir schwer den Finger darauf zu legen, was nun die Kernaussage gewesen ist. Am Ende überwiegt für mich jedoch das Bauchgefühl, dass dieses Kaleidoskop aus Traumata (obwohl das Buch an sich gut ist) nicht vollends funktioniert.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Kuhwerdung

Melken
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Nach einer schmerzhaften Trennung, setzt sich Ellen ins Auto und verlässt die Stadt. Sie fährt zu dem Bauernhof, auf dem sie geboren und aufgewachsen ist, und der heute längst von einer anderen Familie ...

Nach einer schmerzhaften Trennung, setzt sich Ellen ins Auto und verlässt die Stadt. Sie fährt zu dem Bauernhof, auf dem sie geboren und aufgewachsen ist, und der heute längst von einer anderen Familie bewohnt wird. Die Familie ist verreist. So wird die Protagonistin zu irgendetwas zwischen ungebetenem Gast und Einbrecherin. Sie verbringt heimlich mehrere Tage in einem Leben, das früher einmal ihr eigenes war. Erinnerungen drängen an die Oberfläche. Ellen trifft auf ihren Kindheitsfreund Max und setzt sich mit Vergangenheit und Gegenwart auseinander.

"Melken" ist ein sehr schmaler, dichter, überraschend politischer Roman, der das hyperrealistische Portrait eines milchwirtschaftlichen Betriebs zeichnet. Schon in der Vergangenheit wirkt der Hof wie aus der Zeit gefallen. Und die Zeit ist es auch, die abläuft. Schnell wird klargestellt, diese Form zu leben, ist nicht rentabel.

Die Autorin legt in ihrem Buch einen großen Fokus auf die literarische Aufarbeitung von Missständen in der Landwirtschaft und insbesondere im Bezug auf die Nutztierhaltung von Kühen. Dass das Buch in Schweden spielt, merkt man dabei kaum. Man kann sich das 1 zu 1 in einem deutschen Kontext vorstellen. Thematisch ist der Text ganz weit weg von irgendwelchen Bullerbü-Fantasien. Die Autorin romantisiert nicht, poetisiert aber die hässlichen Seiten des Landlebens. Sie richtet das Scheinwerferlicht auf Blattläuse und Kuhfladen. Sie drückt eklige Dinge so aus, dass es halbwegs schön klingt. Sie lässt ihre Protagonistin ganz nah heranrücken an die Existenz einer Kuh, lässt sie stellenweise trotz der Schamhaftigkeit, die eben diese hässlichen, dreckigen Seiten der Landwirtschaft mit sich bringen, beinahe Eins werden mit der Kuh und der verknüpften Erinnerung an eine scheinbar unbeschwerte Kindheit.

Auf Handlungsebene spielt sich recht wenig ab: Ellen geht zum See, schläft im Kinderbett, klaut Babygläschen aus dem fremden Kühlschrank. Es wird viel verhandelt, ohne dass wirklich etwas passiert. So bleibt am Ende auch recht wenig übrig. Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn mir irgendeine Art von Resolution fehlt.

"Melken" ist oberflächlich ein Bericht über wenige Tage in der Schwebe. Darüber was folgt, wenn es zu einem großen Bruch im Leben kommt. Und im weiteren Sinne ist das Buch eine Auseinandersetzung mit der Realität eines ganzen Wirtschaftszweigs, der vollständig auf Profit ausgerichtet ist, und für einige wenige Existenz und Heimat bedeutet.

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Veröffentlicht am 03.09.2023

Scheideweg

Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe
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Bewertet mit 3,75 Sternen:

First of all: "Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe" verdient eine Nominierung in der Kategorie "Bester Buchtitel des Jahres". Finde ich grandios. Was ...

Bewertet mit 3,75 Sternen:

First of all: "Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe" verdient eine Nominierung in der Kategorie "Bester Buchtitel des Jahres". Finde ich grandios. Was das Buch betrifft, fällt meine Bewertung nicht ganz so überschwänglich, aber abschließend doch positiv aus.

Doris Knecht erzählt von einer Protagonistin in der Mitte ihres Lebens. In ihren Fünfzigern angekommen, steht sie am Scheideweg, als ihre Kinder nach dem Schulabschluss selbstständiger werden und schließlich das mütterliche Nest verlassen. Dieses ist für eine alleinstehende Person nicht mehr ausgelegt und so bleibt es nicht aus, dass auch unsere Protagonistin sich verändern muss. Sie ist gezwungen einen Blick in die Zukunft zu werfen? Was soll jetzt noch kommen? Was will ich eigentlich? Damit einhergehend drängt sich unweigerlich auch eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auf.

Die Autorin nimmt ihr Publikum mit auf eine intime Reise in das Leben und die Gedankenwelt ihrer namenlosen Protagonistin. Die Mittel, die dafür gewählt werden, sind kreativ und unterhaltsam. Ich mag den authentischen Tonfall des Textes. Er zwingt die Lesenden unweigerlich auch zu einer persönlichen Auseinandersetzung - sei es im Bezug auf eigene Eltern oder auf eigene Kinder. Obwohl das Buch bemüht ist, mich nah an sich ranzuholen, bleibt mir die Protagonistin oftmals doch fremd. Sie wird vielschichtig portraitiert, ist mir jedoch nicht immer sympathisch, in ihren Handlungen und Betrachtungen doch auch manchmal widersprüchlich. Sie macht innerhalb der Geschichte eine merkliche Entwicklung durch, mir hat es gefalle mitzuerleben, wie eine Mensch sich durch eine fraglie Lebenssituation wie ihre manövriert. Der Text hat mich zum Nachdenken angeregt, nicht immer ist es mir leicht gefallen ihn zur Hand zu nehmen. Das Buch hat einen gewissen Weltschmerz in mir hervorgerufen. Gerne habe ich es dennoch gelesen.

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