Profilbild von dj79

dj79

Lesejury Star
offline

dj79 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit dj79 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.02.2021

Zwischen Leben und Tod

Die Mitternachtsbibliothek
0

Matt Haig hatte mich 2018 mit seinem Roman „Wie man die Zeit anhält“ unendlich begeistert. Seine Betrachtungsweise des Übernatürlichen zog mich magisch an, war sehr faszinierend für mich. Mit einer ähnlichen ...

Matt Haig hatte mich 2018 mit seinem Roman „Wie man die Zeit anhält“ unendlich begeistert. Seine Betrachtungsweise des Übernatürlichen zog mich magisch an, war sehr faszinierend für mich. Mit einer ähnlichen Erwartung startete ich mein Leseerlebnis mit seinem neuen Werk, „Die Mitternachtsbibliothek“.

Nora Seed macht das Leben überhaupt keinen Spaß mehr. Nachdem die sozialen Kontakte ihrer Schulzeit in alle Welt zerstreut sind, verliert sie ihren Job im Plattenladen. Als dann noch ihre Katze stirbt, empfindet sie nur noch Einsamkeit und Verzweiflung. Ihr Leben scheint lediglich eine Aneinanderreihung von verpassten Chancen und falschen Entscheidungen zu sein, die reinste Qual. Nora beschließt, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Statt ins Jenseits hinüber zu driften, landet Nora Seed in der Mitternachtsbibliothek, wo sämtliche alternative Leben als Bücher in den Regalen stehen.

In dieser Ebene zwischen Leben und Tod wartet Matt Haig mit philosophischen Gedanken auf. Was braucht ein Leben, um lebenswert zu sein? Kann es Glück ohne Unglück geben? Welchen Preis sollte man bereit sein zu zahlen, um seine Ziele zu erreichen? Was will man eigentlich wirklich? Tut man das, was man tut, weil es von einem erwartet wird oder weil es tatsächlich dem eigenen Wunsch entspricht? Der Autor verpackt diese Fragen in die potenziellen Leben der Protagonistin. Die Beantwortung überlässt er weitestgehend den Leser*innen. Dennoch gibt er Denkanstöße zur Orientierung in unserem modernen Leben, das uns schier unendliche Möglichkeiten bietet, die aber unmöglich alle nutzbar sind. Man muss sich eben entscheiden, zwischen Alternativen abwägen, Fehler machen.

Was thematisch komplex klingt oder vielleicht ein bisschen nach Selbsthilferatgeber, liest sich trotzdem sehr angenehm, so wie ich es eben von einem Roman erwarte. Die verschiedenen Leben, die Nora Seed durchwandert, knüpfen geschickt an die Informationen, die uns vor ihrem Suizidversuch präsentiert worden sind, an. Der Autor schreibt dicht an der bekannten Realität entlang, wodurch ich auch recht unwahrscheinlichen Alternativen Glaubwürdigkeit zugestehen konnte. Matt Haig bedient sich einer ansprechenden, nicht zu anspruchsvollen Sprache. Dadurch entstand eine Wohlfühlatmosphäre, in der ich mich gern mit seinen Gedanken beschäftigt habe. Besonders mochte ich die Parallelen zum Schachspiel, die vergleichend an einigen Stellen eingeflossen sind, sowie die Einbindung des Gedankenexperiments Schrödingers Katze.

Insgesamt hat mir „Die Mitternachtsbibliothek“, die sich irgendwo zwischen Glaube und Quantenphysik bewegt, sehr gut gefallen. Wieder war das nicht greifbare Übernatürliche, hier die Sphäre zwischen Leben und Tod, überaus interessant für mich. Gern empfehle ich den Roman weiter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.01.2021

Schönes Pferdeabenteuer

Pferdeflüsterer-Mädchen, Band 1 - Rubys Entscheidung
0

Ruby zieht vom turbulenten Berlin in das ruhige Cornwall. Dabei lässt sie nicht nur ihre Freunde zurück, sondern auch ihren Reiterhof mitsamt ihrer strengen Reitlehrerin und ihrem Lieblingspferd. In Berlin ...

Ruby zieht vom turbulenten Berlin in das ruhige Cornwall. Dabei lässt sie nicht nur ihre Freunde zurück, sondern auch ihren Reiterhof mitsamt ihrer strengen Reitlehrerin und ihrem Lieblingspferd. In Berlin wäre Ruby fast ihr erstes Turnier geritten, doch diesen Traum muss sie wohl erstmal aufgeben.

Doch auch in Cornwall ist es aufregend. Das kleine Haus, das ihre Mutter gekauft hat, ist noch eine Baustelle, am ersten Tag in der neuen Schule kommt Ruby zu spät. Obwohl Ruby schon Englisch spricht ist es doch recht anstrengend, dem Unterricht zu folgen. Zwei wichtige Fragen beschäftigen unsere Protagonistin: Wann kann ich endlich wieder reiten? und Wie finde ich schnellstmöglich neue Freunde?

Letztlich geht alles ganz schnell. In der großen Pause lernt sie sofort ein paar Klassenkameraden kennen. Die verraten ihr, dass es gleich zwei Reiterhöfe in der Nähe gibt, die Ocean Ranch und Hegarty‘s. Welchen Ruby wählt und was sie dort erlebt, ist sehr spannend.

Mit großer Schrift und recht einfacher Sprache führt uns Gina Mayer durch diesen Mädchenroman. Die Handlung ist in ihrer Komplexität angemessen für ein Lesealter von 8 Jahren. Aus meiner Sicht ist dieses Buch perfekt dafür geeignet, Erstleserinnen an das Lesen von umfangreicheren Texten heranzuführen.

Ganz toll finde ich das Miniglossar am Ende des Buches, wo den Pferdebegeisterten etwas über die Körpersprache der Pferde erklärt wird.

Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.01.2021

Jüdische Wurzeln

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
0

Der Titel des Romans „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ mit seinen vielen Kommata hat mich gleichermaßen verwirrt und fasziniert. Mit einem „Was soll das denn sein?“ auf den Lippen ...

Der Titel des Romans „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ mit seinen vielen Kommata hat mich gleichermaßen verwirrt und fasziniert. Mit einem „Was soll das denn sein?“ auf den Lippen las ich den Klappentext und mein Interesse war geweckt.

Es handelt sich um einen Familienroman über vier Generationen, der sich vornehmlich den Damen der Familie widmet und mit viel Feingefühl die scheinbar erbliche Problematik des beschwerlichen Mutterdaseins seiner starken Frauenfiguren beleuchtet. Das Ganze ist eingebettet in eine Hintergrundgeschichte zu verschollener Raubkunst. Den Leser*innen wird die Komplexität und die Herausforderungen im Rahmen von Nachforschungen zu jüdischer Raubkunst transparent gemacht. Dabei wechselt die Autorin beginnend im Jahr 1922 zwischen einem historischen und einem aktuellen Handlungsstrang. Dadurch entsteht ein abwechslungsreiches Leseerlebnis sowie ein schöner Spannungsbogen.

Von den Figuren mochte ich Evelyn am meisten. Sie ist die die Zeiten verbindende Figur. Dabei war mir ihr gealtertes, stures und durchsetzungsstarkes Wesen als Oma noch lieber als das kindliche bzw. jungendliche Evchen. Sie hat ihre Erlebnisse und ihre Denke dazu, möchte alles am liebsten mit ins Grab nehmen. Evelyn trägt aber auch ihr ganzes Leben eine große Last mit sich rum. Trotzdem hat sie konzentriert ihren Wunsch-Lebensweg beschritten wider aller Hindernisse.

Kritisch stehe ich Trude gegenüber, deren Charakter und Entwicklung von der Autorin sehr gut ausgearbeitet wurde. Es erscheint nur logisch, dass sich Trude dem Nationalsozialismus zugewandt hat und darin aufgegangen ist. Das erste Mal wird sie als Person überhaupt wahrgenommen. Achtung erfährt sie nur hier. Trude ist ein gutes Beispiel für unsere Verpflichtung uns zu erinnern, damit die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden.

Obwohl der Teufelskreis aus aufkommenden Nationalsozialismus, Ächtung von allem Jüdischen, Denunziantentum, Enteignung und Deportation sowie der Krieg an sich eine bedrückende Stimmung mit sich bringen, schafft es Alena Schröder mit einem schwungvollen Stil und der Abwechslung zwischen den Zeiten, dass man ihren Roman gern liest, sich regelrecht in ihm verliert. Nur einmal musste ich ihn tatsächlich kurz zur Seite legen, um das beschriebene Unheil zu verdauen.

Insgesamt ist der Roman historisch interessant und gesellschaftspolitisch hoch aktuell. Ich kann ihn nur empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.12.2020

Wenn sich Geschichte reimt

Tschaikowskistraße 40
0

Schon das Cover des Romans lässt ein bestimmtes Setting vermuten. Der einfache zweifarbige Druck auf rauhem Altpapier sowie die Schriftart erinnern mich optisch an alte Bücher aus dem Ostblock. Vom Klappentext ...

Schon das Cover des Romans lässt ein bestimmtes Setting vermuten. Der einfache zweifarbige Druck auf rauhem Altpapier sowie die Schriftart erinnern mich optisch an alte Bücher aus dem Ostblock. Vom Klappentext beeindruckt, hatte sich eine bestimmte Erwartungshaltung manifestiert. Doch wie so oft gingen meine Gedanken in eine andere Richtung. Letztlich wurde ich von Pieter Waterdrinker‘s Roman positiv überrascht.

Der Autor führt uns durch einzelne Abschnitte der sowjetischen bzw. russischen Geschichte. Dabei setzt er zwei Schwerpunkte. Der erste liegt auf der Oktoberrevolution 1917. Der zweite beschäftigt sich mit der Zeit des Zerfalls der Sowjetunion nach dem Mauerfall bis ins heute hinein. In diesen Zweiten tritt der Autor selbst als Protagonist in den Roman ein. Daneben sind seine Hauptakteure Zar Nikolaus II, Lenin und der Satrap. Zusätzlich führt er die Literaten an, die über ihr Werk, als Zeitzeugen erhalten geblieben sind, wie beispielsweise Sinaida Hippius. Mit diesem bunten Blumenstrauß an Charakteren begibt sich Waterdrinker, wenn auch indirekt in den gedanklichen Austausch. Er verknüpft seine eigene Biografie als Handelsreisender und touristischer Eventmanager, sein Leben zwischen den Niederlanden und der zerfallender Sowjetunion, seinen späteren Lebensmittelpunkt in der Tschaikowskistraße 40 von Sankt Petersburg mit der Historie. Ein beeindruckendes Unterfangen, das ich als sehr gelungen empfinde.

In diesem Rahmen thematisiert der Autor die in der glorifizierten Geburtsstunde der Sowjetunion begangenen Gräueltaten, Verbrechen der folgenden Phasen, aber auch die Betrügereien des aufkommende Kapitalismus. Er beschäftigt sich darüber hinaus mit den russischen Klischees und ich frage mich, wieviel davon tatsächlich nur ein Klischee ist. Mitten drin erlebt Waterdrinker eigene Abenteuer. Manche sind eher lustige Anekdoten, andere beängstigend und gefährlich.

Insgesamt hat Pieter Waterdrinker mit „Tschaikowskistraße 40“ eine Atmosphäre geschaffen, die sich der westliche Leser gut vorstellen kann. Durch die Einbindung seiner eigenen Biografie erscheint die Schilderung sehr glaubwürdig. Besonders gefallen hat mir der familiäre Zusammenhalt, die wiederkehrende Hilfe für seinen Schwager, die nicht viele Fragen stellt.

Gern empfehle ich den Roman weiter. Mich hat die Lektüre zu tiefergehender Auseinandersetzung animiert. Demnächst werde ich mich mit den Tagebüchern der Sinaida Hippius beschäftigen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.12.2020

Habemus Virus

Die Krone der Schöpfung
0

Lola Randl nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit, mit ins Frühjahr 2020 als sich ein neuartiger Virus unsere Welt eroberte. Ihr Roman spiegelt die Unsicherheit im Umgang mit dem Unbekannten ...

Lola Randl nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit, mit ins Frühjahr 2020 als sich ein neuartiger Virus unsere Welt eroberte. Ihr Roman spiegelt die Unsicherheit im Umgang mit dem Unbekannten und die damit einhergehende Gefühlslage der Menschen perfekt wider. Verlustängste, Geldsorgen und gehemmte Motivation sind die Folgen. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Moment als sich meine Einstufung der Sachlage von „sehr weit weg“ in Gefahr umwandelte.

Vor diesem Hintergrund platziert Lola Randl ihre Protagonistin mit latent wackligem Arbeitsplatz und überlässt sie im Homeoffice sich selbst und ihren Gedanken. Mehr als einmal kam es mir so vor, als wären Protagonistin und Autorin ein und dieselbe Person. Neben dem Dasein der Protagonistin werden verschiedene Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Medien betrachtet. Dabei werden lediglich Titel genannt, der Name wird verschwiegen. Trotzdem sind die Handelnden vom aufmerksamen Leser sehr leicht zu identifizieren. Dieses Pseudo-Unbekannte hat für mich seinen ganz eigenen Charme.

Es entsteht eine verrückte Geschichte, die man in 30 oder 50 Jahren vielleicht albern findet, der aktuell jedoch ein gewisser Ernst innewohnt. Erklärungsversuche werden gemacht. Vergleiche aus dem ländlichen Garten und der Küche dienen dem Verstehen des Virus, seiner Geduld sowie seiner Kreativität. Gedankenanstöße werden beim Leser provoziert, dessen Selbstreflexion angetriggert.

Die Krone wird dem ganzen Zinnober durch eine trashige Zombie-Geschichte aufgesetzt. Stellvertretend für den „medialen Müll“, den wir aufgrund übermäßiger, unfreiwillig zu nutzender, gleichzeitig unfreier Freizeit konsumieren, ist diese am Ende noch locker mit der echten Handlung auf dem Lande, fernab von allem, verknüpft.

Der Roman liefert kein sprachliches Höchstniveau. Aus meiner Sicht ist dies in dieser witzig rasanten Darstellung auch nicht erforderlich, wäre sogar kontraproduktiv. Da der Mensch schnell verdrängt bzw. vergisst war diese Erinnerungslektüre sehr wertvoll für mich. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere