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Veröffentlicht am 15.02.2021

Petra Johann - Die Frau vom Strand

Die Frau vom Strand
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Nach einer Fehlgeburt wollten Rebecca und Lucy sich zurückziehen und sind vom turbulenten Hamburg in der Ostseedorf Rerik gezogen. Offenbar tat die Seeluft gut, denn Rebecca wird sogleich wieder schwanger. ...

Nach einer Fehlgeburt wollten Rebecca und Lucy sich zurückziehen und sind vom turbulenten Hamburg in der Ostseedorf Rerik gezogen. Offenbar tat die Seeluft gut, denn Rebecca wird sogleich wieder schwanger. Jedoch auch Monate nach der Geburt von Töchterchen Greta möchte sie nicht wieder zurück, sehr zum Leidwesen von Lucy, die zwischen ihrer Agentur und dem gemeinsamen Heim pendelt. Obwohl es nur wenige junge Menschen im Ort gibt, fühlt sich Lucy nicht einsam; als sie die gleichaltrige Julia kennenlernt, freut sie sich aber dennoch endlich eine Freundin gefunden zu haben, die beiden Frauen liegen sofort auf einer Wellenlänge. Aber dann verschwindet Julia plötzlich und es scheint, als wäre sie nie dagewesen, sie hat keinerlei Spuren hinterlassen. Unerwartet findet Rebecca allerdings eine Verbindung, die ihr Leben durcheinanderwirbelt und Lucy das Leben kostet.

Mit gleich zwei Mysterien wird man als Leser in Petra Johanns Thriller konfrontiert: wer ist die sympathische Frau, die aus dem Nichts auftaucht und ebenso schnell wieder verschwindet? Und natürlich: wer hätte ein Interesse am Mord von Lucy gehabt? Die allseits beliebte und immer auf Ausgleich bedachte Frau hatte scheinbar keinerlei Feinde und der Tod einer jungen Mutter erscheint völlig unsinnig. Das Ermittlungsteam sieht sich zahlreichen Fragezeichen gegenüber, die sich nur langsam auflösen.

Der Roman lebt vor allem von den Figuren, die wenig durchschaubar sind. Viele lernt man zunächst auch nur durch andere vermittelt kennen, Lucys Tod schon zu Beginn lässt sie nur noch in der Erinnerung ihrer Kollegen und Freunde aufleben – ein Bild das notwendigerweise Lücken aufweist. Auch Rebecca ist zunächst verschwunden, was an sich schon seltsam erscheint und sie verdächtig macht – dies passt wiederum so gar nicht zu dem Eindruck der liebenden Mutter, die sich in dem kleinen Ort und weitgehend isoliert dennoch wohlfühlt. Zuletzt natürlich die unbekannte Frau, die sich als Julia vorstellt, zu der aber außer Rebecca kaum jemand etwas berichten kann. Wo sie herkam, wer sie eigentlich ist und weshalb sie scheinbar gezielt zu Rebecca Kontakt gesucht hat – Fragen über Fragen.

Für mich kein nervenzerreißender Thriller, aber durchaus ein spannender Krimi, der den Leser lange auf die Folter spannt.

Veröffentlicht am 05.02.2021

Tina Frennstedt – Cold Case – Das gezeichnete Opfer

Cold Case - Das gezeichnete Opfer
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Obwohl sie die erfolgreichste Abteilung der Polizei in Südschweden sind, soll das Cold Case Team um Tess Hjalmarsson aufgelöst werden. Die Bandenkriminalität in Malmö nimmt überhand und die Kollegen kommen ...

Obwohl sie die erfolgreichste Abteilung der Polizei in Südschweden sind, soll das Cold Case Team um Tess Hjalmarsson aufgelöst werden. Die Bandenkriminalität in Malmö nimmt überhand und die Kollegen kommen mit der Arbeit nicht mehr hinterher. Als das größte Werk einer Künstlerin zerstört und sie tot aufgefunden wird, kann eine Verbindung zu dem ungelösten Altfall um den Studenten Max hergestellt werden. 15 Jahre zuvor war er nachts auf dem Weg nach Hause brutal durch unzählige Messerstiche ermordet worden. An seiner Leiche entdeckte man eine ungewöhnliche Sorte Lehm, deren Herkunft bislang ungeklärt blieb, jetzt aber auch bei der Frauenleiche identifiziert werden konnte. Tinas geschrumpftes Team beginnt mit den Nachforschungen, auch wenn sich nach mehr als einem Jahrzehnt viele Zeugen nur noch bruchstückhaft erinnern können. Auch wenn die Umstände widrig sind, es bleiben Tina nur drei Wochen, um den Fall zu lösen und ihre Abteilung zu retten.

Im letzten Jahr hat mich Tina Frennstedt mit dem Auftakt zu ihrer Cold Case Reihe, „Das verschwundene Mädchen“, bereits überzeugen können, dabei ist aktuell die Konkurrenz unter den skandinavischen Krimiautor:innen groß wie nie. Als Kriminalreporterin ist sie mit der Polizeiarbeit vertraut und kennt auch die Abgründe der menschlichen Seele wie auch die Tragödien, die hinter so mancher Tat stecken. „Das gezeichnete Opfer“, der zweite Fall der Reihe, besticht nicht nur durch akribische und beharrliche Polizeiarbeit, sondern auch dadurch, dass es bei den Ermittlungen grobe Fehler gab, die womöglich eine Aufklärung verhindert haben und die Schuldigen nach wie vor im Dienst sind.

Die Drohung der Auflösung ihres Teams und das enge Zeitfenster für die Tätersuche setzen von Beginn an ein hohes Tempo für die Handlung. Das Team – eigentlich sind nur noch Tina, die gerade beschlossen hat auch ohne Partner das Wagnis einer Schwangerschaft einzugehen, und Marie, die nach der Trennung von einem erfolglosen Date zum nächsten hastet, übriggeblieben, doch die beiden Frauen haben mehr als genug Erfahrung und auch schon genug gesehen, um sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Das Privatleben der Figuren wird nicht ausgeblendet, aber so wohl dosiert, dass der Kriminalfall stets im Zentrum steht, selbiges gilt für die Chefin, die kurze Momente der Schwäche zeigt und dadurch ebenfalls an Profil gewinnt. Die Autorin erspart uns gängige Klischees, derer sich viele nur allzu gerne zu bedienen und zeichnet authentische Charaktere, die auch ihre schwachen Seiten haben ohne gleich in Depression und Alkoholismus verfallen zu müssen.

Der Fall ist vertrackt, aber nach und nach fügen sich die Puzzleteilchen zu einem Bild und bringen Licht ins Dunkel. Ein überzeugender Krimi, der handwerklich solide gemacht ist und gut unterhält.

Veröffentlicht am 23.01.2021

T. C. Boyle - Sprich mit mir

Sprich mit mir
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Als Aimee Sam zum ersten Mal sieht, ist sie sogleich fasziniert. In einer Rate Show tritt Professor Guy Schemerhorn auf und präsentiert einen Schimpansen, der mittels Gebärdensprache mit Menschen kommunizieren ...

Als Aimee Sam zum ersten Mal sieht, ist sie sogleich fasziniert. In einer Rate Show tritt Professor Guy Schemerhorn auf und präsentiert einen Schimpansen, der mittels Gebärdensprache mit Menschen kommunizieren kann. Wie ein Kind wächst er auf und verhält sich ebenso trotzig bis liebenswert. Bei ihrer ersten Begegnung springt sofort der Funke über, Sam entscheidet darüber, wem er vertraut und Aimee ist eine der Auserwählten. Sie zieht auf die Farm und kümmert sich fortan um das Tier, das für sie immer mehr von seiner animalischen Seite verliert. Auch wenn sie es immer wusste, ist sie doch vor den Kopf gestoßen, als Guys Projektleiter das Tier zurückfordert und schließlich abtransportiert. Die Verbindung zwischen Sam und Aimee ist jedoch bereits so eng, dass die Studentin alles daransetzt, wieder bei ihm zu sein und sogar bereit ist, noch weiter zu gehen.

T.C. Boyle reißt in seinem neuen Roman gleich mehrere spannende Fragen auf: wie weit darf Forschung gehen und wie gehen wir mit Tieren für wissenschaftliche Erkenntnis um? Was unterscheidet Mensch und Tier bzw. wie ähnlich sind die beiden Spezies? Und natürlich wie im Falle Aimees: wann geht die Liebe zu einem Tier über unsere gesellschaftlich akzeptierte Grenze hinaus? Sam wird sehr vermenschlicht in der Geschichte, hin und wieder jedoch lässt Boyle das wilde Tier, das in ihm steckt raus und zeigt, welche Kraft und Gefährlichkeit er auch entwickeln kann, wenn er nur noch Instinkt-geleitet agiert.

Auch wenn Sam fraglos der Star der Handlung ist, sind es doch die menschlichen Figuren, die die Brüche und Spannungsfelder aufzeigen, innerhalb derer sich die Geschichte abspielt. Die schüchterne Aimee, der es leichter fällt Zuneigung zu einem Schimpansen zu entwickeln als zu ihren Mitmenschen, die über die notwendige Sensibilität verfügt, die feinen Schwingungen Sams zu empfangen und ihm gleichermaßen Vertrauen zu vermitteln. Ihre nicht alltägliche Liebe lässt sie zur Kämpferin werden, die die Grenze zwischen Mensch und Tier infrage stellt. Guy Schemerhorn hingegen erscheint zunächst ganz der Forschung verschrieben, doch bald schon zeigt sich, dass er sich selbst näher ist als der Erkenntnis oder den Wesen, die im Zentrum seiner Wissenschaft stehen. Der notwendig nächste Schritt auf der Skala wird von dem rücksichtslosen Professor Moncrief personifiziert. Forschung, um an Reichtum und Ansehen zu kommen, als Gelegenheit zum Profit unter Ignoranz aller ethisch-moralischen ebenso wie erkenntnisorientierten Fragen.

Mal unterhaltsam, mal spannend bietet der Roman auch auf emotionaler Ebene viele Facetten und lädt vor allem zum Nachdenken und Diskutieren ein. Da sich die menschlichen Figuren bisweilen mindestens ebenso primitiv Instinkt-geleitet verhalten wie der Schimpanse, muss am Ende die Frage offen bleiben, wer hier das zivilisierte und wer das wilde Wesen ist.

Veröffentlicht am 09.01.2021

Alena Schröder - Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Hannah hat nur noch ihre Oma Evelyn, die mit 95 Jahren ihre letzten Tage im Seniorenheim erlebt. Als sie dort eines Tages einen Brief findet, ist sie mehr als erstaunt: eine Kanzlei will sich um die Restitution ...

Hannah hat nur noch ihre Oma Evelyn, die mit 95 Jahren ihre letzten Tage im Seniorenheim erlebt. Als sie dort eines Tages einen Brief findet, ist sie mehr als erstaunt: eine Kanzlei will sich um die Restitution des in der Nazi-Zeit gestohlenen Kunstschatzes der Familie kümmern. Hannah wusste gar nicht, dass sie jüdische Vorfahren hatte. Hatte sie auch nicht, Evelyns Mutter hatte ihre Tochter einst bei der Schwägerin zurückgelassen, um in Berlin ein neues Leben zu beginnen und dort in die jüdische Kunsthändler-Familie Goldmann eingeheiratet. Zwischen Mutter und Tochter war der Riss nie mehr zu kitten und Evelyn wollte für immer alle Bände zerschnitten wissen, weshalb Hannah sich nun alleine auf die Suche nach der unbekannten Familiengeschichte macht.

Alena Schröder hat lange Zeit als Journalistin gearbeitet und nebenbei bereits eine Reihe von Sachbüchern und die Reihe der „Benni-Mama“ veröffentlicht. In ihrem Roman mit dem sperrigen Titel „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ greift sie ein bekanntes Sujet auf, das auch recht klassisch erzählt wird: die unbekannte Familiengeschichte aus der Nazi-Zeit, die im Wechsel mit der Gegenwartshandlung und der Enkelgeneration geschildert wird, wo man sich dem Mysterium der eigenen Vergangenheit annähert. Die Autorin setzt dies sehr ansprechend und routiniert um, ein Roman, den man gerne liest und der auch durchaus spannende Momente zu bieten hat.

Die Frauen der Familie sind ohne Frage alle auf ihre Weise eigenwillig. Zunächst Senta, die von dem schillernden Leben in Berlin träumt, dafür Sicherheit und Tochter aufgibt, aber in den schwersten Stunden pragmatisch und beherzt handelt. Leider ist es ihr nie gelungen, sich der Tochter zu vermitteln, nicht nur, weil Evelyn quasi keine Erinnerung an sie hat, viel mehr noch weil das schwere Zepter der bösartigen Tante sie zu sehr geprägt hat als dass sie als erwachsene Frau großzügig vergeben könnte. Die Erfahrungen als Kind haben sie hart gegen sich und andere werden lassen. Dass dies keine guten Voraussetzungen sind, um selbst eine zugewandte, liebende Mutter zu werden, war absehbar und so bleibt auch die Beziehung zwischen ihr und Silvia immer etwas unterkühlt, wenn sie auch zur Stelle ist, wenn sie gebraucht wird. Hannah hat ihre Mutter früh verloren, zu der Großmutter jedoch eine enge Verbindung, wenn diese auch an ihrem Lebensabend störrisch und unkooperativ bleibt. Der jungen Frau fehlt jedoch noch das Ziel im Leben, die Promotion plätschert vor sich hin, die Affäre mit ihrem Doktorvater ist auch eher einseitig und wenig zukunftsträchtig.

Der Handlungsstrang um die jüdische Familie Goldmann erzählt die Geschichte, wie es sie hundertfach gab. Zunehmende Restriktionen unter den Nazis, Publikationsverbot für Senta und ihren Mann in ihrem Verlag und letztlich die Enteignung und Deportation. Ein leider recht typisches Schicksal, das die nachfolgenden Generationen, sofern es sie denn gibt, mühsam aufarbeiten müssen.

Ein Roman über die unergründlichen Wege, die das Leben manchmal nimmt und die Gabelungen, die zu Entscheidungen mit ungewissem Ausgang zwingen.

Veröffentlicht am 09.12.2020

Gina Mayer - Die Schwimmerin

Die Schwimmerin
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Nachdem die Bomben im zweiten Weltkrieg ihr Haus zerstört haben, werden Elisabeth und ihre Mutter aus Düsseldorf in die schwäbische Provinz nach Weilerbach evakuiert. Zunehmend zieht sich die Mutter in ...

Nachdem die Bomben im zweiten Weltkrieg ihr Haus zerstört haben, werden Elisabeth und ihre Mutter aus Düsseldorf in die schwäbische Provinz nach Weilerbach evakuiert. Zunehmend zieht sich die Mutter in das kleine Zimmerchen zurück, nach Anfangsschwierigkeiten findet Elisabeth jedoch Freunde und bald schon fällt auf, dass das Mädchen in der Dorfschule fehl am Platz ist. Der Pfarrer ermöglicht ihr den Besuch eines Gymnasiums zusammen mit seiner Tochter. Nach Zeiten der Ruhe jedoch erreicht das Grauen auch die kleinen Ortschaften und die Leben der Menschen werden aus den bekannten Bahnen geworfen. Anfang der 1960er Jahre ist Betty, wie sie sich nun nennt, mit einem wohlhabenden Mann verheiratet und erwartet bald das erste Kind. Doch dann holen sie die turbulenten Jahre, die sie am liebsten vergessen hätte, plötzlich wieder ein.

Gina Mayers Roman spielt auf zwei Zeitebenen, was unweigerlich Fragen aufreißt, die sich im Laufe der Handlung jedoch nach und nach beantworten. Sie hat eine interessante Protagonistin geschaffen, die im Leben vor einige herausfordernde Aufgaben gestellt wird, die sie immer wieder auch zu erdrücken drohen, aus denen sie letztlich jedoch stärker erwächst. Konstant bleibt immer nur das Schwimmen, das ihr den Ausbruch aus dem Alltag erlaubt und wo sie nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne abtauchen kann.

Auch wenn ein Großteil der Handlung während der Kriegszeit nur an der historischen Oberfläche kratzt, werden doch die Gefühle deutlich, mit dem die Menschen leben mussten. Die Vertreibung, das Ankommen in der Fremde, die Nazis und Judenverfolgung, die Frage, wer auf welcher Seite steht und wem man vertrauen kann – vieles wird nebenbei erzählt, die junge Elisabeth kann zwar noch nicht alles begreifen, aber doch zumindest erahnen, was gerade geschieht. Das Mädchen war für mich immer deutlich greifbarer auch authentischer als die erwachsene Frau.

Betty ist nicht nur gegenüber ihrem Mann und den Nachbarn reserviert, auch mir als Leserin erschien sie unnahbar. Sie schämt sich der Dinge, die sie erlebt hat, versteckt diese, was sicherlich eine Erklärung dafür ist, dass die Figur nicht so zugänglich ist wie ihr jüngeres Ich. Es bleibt auch immer ein fader Beigeschmack, dass sie nicht wirklich aus Liebe, sondern aus Versorgungsgründen geheiratet hat. Man sollte es ihr wohl aber nicht zum Vorwurf machen, die Erlebnisse rechtfertigen den Wunsch nach Sicherheit für emotionaler Erfüllung.

Ein ansprechender Roman, der seine Zeit überzeugend widerspiegelt und ein Schicksal wie viele heraushebt.