Jede Wahl, die wir im Leben treffen, führt irgendwann einmal zu einem unwiderruflichen Ende
ClorisDas Buch enthält eigentlich zwei Geschichten, die parallel nebeneinander her laufen und letztendlich nur sehr wenige Berührungspunkte haben.
Da geht es natürlich in erster Linie um Cloris Waldrip. Zusammen ...
Das Buch enthält eigentlich zwei Geschichten, die parallel nebeneinander her laufen und letztendlich nur sehr wenige Berührungspunkte haben.
Da geht es natürlich in erster Linie um Cloris Waldrip. Zusammen mit ihrem Ehemann begibt sich die zweiundsiebzigjährige Texanerin auf einen Rundflug über den Bitterroot National Forest. Sie wollen ein paar schöne Tage dort in der Nähe in einer gemieteten Hütte verbringen. Doch es kommt alles ganz anders, denn die Cessna 340 stürzt mitten in der Wildnis ab, und Cloris ist die einzige Überlebende. Sie steht unter Schock und macht sich mit einem Stiefel, ihrer Bibel und ein paar Karamellbonbons in ihrer Handtasche auf die Suche nach Rettung. Wie durch ein Wunder gelingt es der alten Dame, in der wilden Natur zu überleben und die Tortur, die sie auf ihrem langen Weg ertragen muss, zu überstehen. Auf ihrem Weg zurück zur Zivilisation hat sie aber auch ein paar rettende Begegnungen, die sie langfristig prägen. Sehr detailliert und lebendig beschreibt sie, wie ihr (Über)Leben in der Wildnis der Bitterroots aussieht.
Ihre Sicht der Dinge und wie sie sich durch die Erfahrungen in der Wildnis verändert, wird hier sehr eindrucksvoll und bildhaft dargestellt. Cloris schildert ihre Erlebnisse aus eigener Sicht, allerdings rückblickend, erst ca. zwanzig Jahre später. Das ist wohl auch der Grund, wieso sie teilweise im lockeren Plauderton erzählt, als würde sie über etwas ganz Banales, Alltägliches berichten. Diese Erörterung wirkt in Anbetracht der Situation, wie sie von dem toten Piloten und ihrem Mann spricht, manchmal schon etwas makaber, auch wenn das, was da geschehen ist, doch sehr real ist und durchaus so passieren könnte. Es sind einige brutale, schonungslose Szenen dabei, die einem ziemlich an die Nieren gehen, aber die Situation, in der sich Cloris befindet, ist ja auch wirklich grausam. Allerdings hat sie in der Einsamkeit auch viel Zeit, über sich und ihr bisheriges Leben nachzudenken. Sie zieht über ihre Ehe und ihre Vergangenheit Bilanz, und ihre zum Teil schon philosophisch anmutenden Gedanken haben eine starke Aussagekraft.
Die zweite Geschichte dreht sich um die Rangerin Debra Lewis. Sie ist eine vom Leben und von ihrem Ehemann schwer enttäuschte Frau, die sich mit billigem Wein tröstet und stoisch ihren Dienst versieht. Als ein Notruf eingeht, bei dem man nur abgehackt eine menschliche Stimme hört, die immer zu „Cloris“ ruft und Lewis wenig später von dem vermissten Flugzeug erfährt, das vermutlich abgestürzt ist, stellt sie schnell eine Verbindung zwischen den Fakten her. Sie ist die Einzige, die an Cloris‘ Überleben glaubt und einen Suchtrupp zusammenstellt. Obwohl keiner außer ihr einen Sinn darin sieht, gelingt es ihr, eine groß angelegte Suche in die Wege zu leiten.
Dieser Erzählstrang ist in der dritten Person erzählt und dreht sich weitgehend um Rangerin Lewis, ihren Job und ihr direktes Umfeld. Ihre Geschichte habe ich mit sehr gemischten Gefühlen gelesen. Sie selbst hat eindeutig ein Alkoholproblem. Ständig, schon ab dem frühen Morgen, trinkt sie Merlot aus einer Thermosflasche und hat mit den körperlichen Folgen ihres Alkoholkonsums zu kämpfen. Häufig hat sie Rotweinflecken auf ihrer Uniform, und viel zu oft lutscht sie an ihren vom Wein verfärbten Zähnen. Auch ihr Suchtrupp setzt sich weitgehend aus schrägen Vögeln und Kaputten Typen zusammen. Da wäre zum Beispiel der Leiter der Luftrettung, der bei der Bergstation erscheint. Steven Bloor gibt seltsame Wörter von sich, klackert mit den Zähnen und reibt sich die Hände mit Kreide ein. Dabei hält er sich für unwiderstehlich und scheint Gefallen an Debra zu finden. Seine siebzehnjährige Tochter, die sich den „Friends of the Forest“ anschließt, wirkt dagegen recht normal und benimmt sich auch wie ein Teenager. An ihr fällt eigentlich hauptsächlich das rätselhafte Netz von Narben auf ihrem Gesicht auf. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist schier unglaublich. Debras Kollege Claude mit seinem kranken Hund Charly und sein Freund Pete vervollständigen das Team. Auch sie haben ihre Macken und verhalten sich manchmal ziemlich ungewöhnlich.
Der Autor schreibt kurzweilig und fesselnd. In beiden Erzählsträngen hat er viele unappetitliche, zum Teil grausame Szenen eingebaut und spielt mit äußerst bildhaften, teils abstrusen Vergleichen. In Cloris‘ Geschichte, die ums Überleben kämpft, wirken diese Szenen stimmig, während ich in Lewis‘ Geschichte häufig den Eindruck hatte, der Autor hätte einfach Effekthascherei betrieben. Während mir Cloris im Lauf der Zeit sehr nahe gekommen ist und ich mit ihr fühlen konnte, blieben alle Charaktere der Suchaktion, einschließlich Lewis, durchgehend auf Distanz. Lewis flucht zum Steinerweichen, und ich fand ihren ständig gleichen Fluch, mit dem sie viele ihrer Sätze ausschmückt, einfach nur noch ermüdend. Ich muss gestehen, dass sich mir nicht erschließen konnte, welche Absicht der Autor damit verfolgt hat. Eigentlich hätte er solche „Special Effects“ gar nicht nötig, denn ansonsten fand ich den Roman außergewöhnlich, gut und lesenswert. Er wird mir ganz sicher lange in Erinnerung bleiben.