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Veröffentlicht am 11.02.2021

Landleben in der amerikanischen Provinz

Big Sky Country
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In diesem Roman beschreibt Callan Wink den Weg eines amerikanischen Jungen in der ländlichen Provinz vom zwölfjährigen Jungen bis zum Erwachsenwerden. Dabei ist sein Leben als Teenager geprägt von Orientierungslosigkeit ...

In diesem Roman beschreibt Callan Wink den Weg eines amerikanischen Jungen in der ländlichen Provinz vom zwölfjährigen Jungen bis zum Erwachsenwerden. Dabei ist sein Leben als Teenager geprägt von Orientierungslosigkeit und der Unfähigkeit, genaue Entscheidungen für seine Zukunft zu treffen. Während der Pubertät ist diese Wankelmütigkeit sicherlich in gewissem Grade normal, jedoch spielen die amerikanischen Gegebenheiten eine große Rolle, das heißt, nur die Auswahl zwischen Hilfsarbeitertätigkeit oder sehr teurem Studium und die Notwendigkeit eines Autos wegen der sehr schlechten Infrastruktur, besonders auf dem Lande.
Die Sprache ist einfach und oft naturalistisch. Naturbeschreibungen nehmen einen großen Raum ein, um dem Leser die Wirkung der übermächtigen Natur, besonders in Montana, zu vermitteln. Gleich zu Anfang wird detailliert beschrieben, wie August als Kind Katzen erschlägt und vergiftet. Das zeigt uns sein raues, teilweise liebloses Leben, ohne Skrupel.
August wächst auf einer kleinen Farm in der Gegend der großen Seen auf. Schon als Kind hilft er bei vielen landwirtschaftlichen Arbeiten. Das Elternpaar hat nach einigen Jahren kaum noch Berührungspunkte, da die Mutter, aus relativ vermögenden Verhältnissen stammend und studiert, von einem anderen Leben träumt. Der Vater hat wohl als Hilfsarbeiter angefangen, und sein Leben ist von harter Arbeit geprägt. Nachdem der Vater ein Verhältnis mit einer sehr jungen Stallhilfe eingeht, lässt sich die Mutter scheiden und zieht mit August gen Norden. Sie schließt ihr Studium als Bibliothekarin ab und erhält eine gut bezahlte Arbeit in Montana.
Zerrissen zwischen der Hoffnung des Vaters, den elterlichen Hof zu übernehmen und dem Wunsch der Mutter auf ein Hochschulstudium, verdingt August sich als Handlanger in verschiedenen Jobs. Er löst sich so von dem elterlichen Druck, macht Fehler, indem er sich auf einer Ranch ausbeuten lässt und brutale Freunde findet, die ständig saufen. Besonders die frühe sexuelle Verführung durch eine Nachbarin verursacht ein Gefühlschaos. Das Ende schockiert: er verliert durch riskante Farmarbeiten 2 halbe Finger, kommt aber danach zu der Überzeugung, dass er nun doch studieren möchte. Als sein Vater daraufhin den Hof verkauft, bleibt er mit melancholischen Kindheitserinnerungen zurück.
Die Charaktere und die oft spärlichen Dialoge entsprechen dem Bild etwas hinterwäldlerischer Landbewohner, sind aber deswegen nachvollziehbar und stimmig.
Das gezeichnete Bild hat mir gut gefallen. Über die oft zu langen Naturbeschreibungen kann man hinweglesen.

Veröffentlicht am 03.06.2022

Überraschungsparty zum 50. Geburtstag

Schlaflos auf Sylt
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Das Cover gefällt mir sowohl von den dargestellten fröhlichen Frauen her als auch von der typischen Nordseelandschaft sehr gut.
Die Protagonistin Merle wird 50 Jahre alt und möchte diesen Tag in Ruhe mit ...

Das Cover gefällt mir sowohl von den dargestellten fröhlichen Frauen her als auch von der typischen Nordseelandschaft sehr gut.
Die Protagonistin Merle wird 50 Jahre alt und möchte diesen Tag in Ruhe mit ihren Eltern in der Sansibar auf Sylt verbringen. Jedoch haben ihre Schwestern eine überdimensionale Geburtstagsfeier organisiert, zu der 50 Überraschungsgäste geladen sind, darunter ehemalige Affären, Lebensgefährten, eine Lehrerin, eine alte Chefin, Freunde aus der Kindheit. Also auch etliche Personen an die sie schmerzvolle Erinnerungen hat und die sie sich niemals eingeladen hätte. So kommt es auch zu vielen peinlichen Momenten.
Merle bezeichnet sich selbst als “normal”, ohne exaltierte Hobbys und ohne ehrgeizige Lebens- und Karriereziele. Sie hat sich immer angepasst, wurde trotzdem von ihrem Lebensgefährten verlassen. Es können sich sicherlich viele Frauen mit ihr identifizieren. Ich nicht. Aber es gibt etliche Rückblenden auf ihr früheres Leben, die auch mich zum Nachdenken veranlasst haben.
Das Werk ist ein Glücksroman, und so erörtert sie auch mit etlichen Gästen, was für diese jeweils Glück bedeutet. Dabei kommen sehr unterschiedliche Lebensentwürfe zutage.
Wir haben einen sehr lockeren Schreibstil mit einer Anhäufung urkomischer Situationen und sehr zum Schmunzeln anregenden Wortschöpfungen. Völlig absurde Situationen werden dargestellt, immer mit einem Augenzwinkern der Autorin. Ausgewählte Figuren sind sehr individuell gezeichnet. Es soll ein spaßiges Lesevergnügen sein mit schon Slapstick artigen Einlagen. Das Ganze lässt mich stark an “Renate Bergmann” denken. Wer also ein Durcheinander auf einer Party für Wohlhabende mit vielen nervigen Momenten und Peinlichkeiten schätzt, der findet hier seine perfekte Urlaubslektüre, denn die Action ist abwechslungsreich und humorvoll. Wer allerdings viel Tiefgang erwartet, der kommt kaum auf seine Kosten.
Daher 4 Punkte

Veröffentlicht am 25.11.2021

Zwänge in Adelsfamilien

Wir sind schließlich wer
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Auf dieses Werk bin ich aufmerksam geworden, da ich Anne Gesthuysen und ihren Mann, Frank Plasberg, aus diversen Fernsehsendungen kenne. Ich war einfach neugierig und finde nun einen Familienroman vor, ...

Auf dieses Werk bin ich aufmerksam geworden, da ich Anne Gesthuysen und ihren Mann, Frank Plasberg, aus diversen Fernsehsendungen kenne. Ich war einfach neugierig und finde nun einen Familienroman vor, der sämtliche Vorurteile adligen Familien gegenüber bedient. Das gilt auch für die stereotypisierten Klatschtanten des Ortes, die mich aufgrund ihres Verhaltens oftmals haben schmunzeln lassen.
Das sehr einfach gestaltete Cover stellt die beiden unterschiedlichen adligen Schwestern im Zentrum dar. Anne Ist barfuß mit offenen Haaren, während Maria “ordentlich” frisiert ist und Sportschuhe trägt. Dominant ist der Titel, der auch genau in die Problematik einführt. Somit ist alles stimmig.
Im Zentrum der Handlung steht die Frage, warum die beiden Schwestern so unterschiedliche Lebensmodelle favorisieren.
Maria, die Vorzeigetochter, die einen adligen Banker geheiratet hat und die die von ihren Eltern geplante “Karriere” als stets wohl frisierte und gekleidete, nach außen perfekt funktionierende “Nur- Hausfrau und Vorzeigepuppe nie hinterfragt, sondern willenlos akzeptiert hat.
Anna hingegen hat gegen die Zwänge der Adelsfamilie opponiert, indem sie zum Beispiel einen nicht standesgemäßen Mann geheiratet hat, vom Katholizismus zum Protestantismus konvertiert ist und eine berufliche Karriere als Pastorin vollzogen hat. Aber sie ist kritisch genug, sich selbst zu fragen, ob sie nun das Leben führt, das sie sich erträumt hat oder eines, das möglichst radikal den Idealen ihrer Mutter widerspricht.
Die Art wie Mechthild von Betteray, die Mutter, dargestellt ist, erscheint mir sehr realitätsnah, da sie auch die Gefangene ihrer eigenen Wertvorstellungen ist. Die 92-jährige Großtante Ottilie gefällt mir besonders, aber sie ist stark idealisiert. Das Martinchen, der Postbote, lockert das Ganze auf. Anna, die Protagonistin, ist sehr mutig und erlaubt mir Identifikationsansätze.
Der einfache und angenehme Schreibstil ermöglicht ein rasches Vorankommen in der Lektüre. Durch die Rückblicke erfährt man viel über die Sozialisation der Protagonistinnen und deren jeweilige Probleme.
Erst durch die kriminellen Aktionen von Marias Mann wird ihre "perfekte" Idylle zerstört. Ihr zehnjähriger Sohn verschwindet, und Marias physischer und psychischer Ausnahmezustand wird offenbar.
Im letzten Drittel des Werkes nimmt die Handlung an Fahrt auf und wird spannend. Abgründe werden offenbar, aber diese entsprechen auch den Vorurteilen reichen Adligen gegenüber, denn mit Geld glaubt man, sich alles erkaufen zu können.
Für meinen Geschmack wurde zu viel mit Gegenpolen gearbeitet, daher wirkt Etliches geschraubt, daher nur 4 Punkte

Veröffentlicht am 12.07.2020

Oma an die Macht

Ans Vorzelt kommen Geranien dran (Die Online-Omi 14)
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Die rüstige Rentnerin, Renate Bergmann, ist mit ihren 82 Jahren noch sehr unternehmungslustig und fühlt sich noch nicht zum Alten Eisen gehörig. Somit plant sie einen Campingurlaub in einem Wohnmobil mit ...

Die rüstige Rentnerin, Renate Bergmann, ist mit ihren 82 Jahren noch sehr unternehmungslustig und fühlt sich noch nicht zum Alten Eisen gehörig. Somit plant sie einen Campingurlaub in einem Wohnmobil mit einem ebenfalls betagten, befreundeten Ehepaar.
Der wesentlich jüngere Autor, Thorsten Rohde, verfasst unter dem Pseudonym Renate Bergmann Geschichten die, in einem lockeren, umgangssprachlichen Sprachstil, zum Schmunzeln anregen sollen. Irgendwie hat mich das Ganze an „Frühstück mit Stefanie“ denken lassen.
Wir haben eine Protagonistin, die zwanghaft an den Wertvorstellungen der Wilhelminischen Zeit festhält, obwohl sie sich für modern und aufgeschlossen hält. Diverse englischsprachige Termini hat der Autor für sie verdeutscht, damit sie authentisch wirkt.
In vielerlei Hinsicht erinnert mich Renate auch an ältere Nachbarinnen, die sehr genau aufpassen, was ihre Mitmenschen so tun. Folglich werden in diesem Werk auch alle Mitcamper genau charakterisiert und bewertet. Dabei kommt Frau Hupe, dick, behäbig und faul, sehr schlecht weg.
Ordnung, Sauberkeit und das Urteil der Nachbarn bestimmen die spießbürgerlichen Wertvorstellungen dieser Oma. So muss natürlich ein großer Topf mit in den Urlaub, damit die Bettwäsche einmal pro Woche ausgekocht werden kann.
Ältere Männer werden degradiert und als unfähig beschrieben, sie müssen beschäftigt werden.
Wir haben hier keinen Roman mit Spannungsaufbau, sondern, in direkter Assoziation, erzählt uns Oma Bergmann Anekdoten, die witzig sein sollen. Dabei wird deutlich, dass sich der Autor nicht unbedingt an die junge Generation wendet, denn diese kann gewisse Dinge kaum nachvollziehen. Zwar musste ich auch manchmal grinsen, besonders bei dem WC-Papier Sonderangebot, jedoch habe ich einen gewissen Tiefgang vermisst.
Daher als Bettlektüre gut geeignet.

Veröffentlicht am 03.10.2021

Der Flummi

Der Kolibri
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Das wunderschöne Cover in Grüntönen mit dem Kolibri im Zentrum und der Klappentext haben mich neugierig auf dieses Werk gemacht. Der Kolibri ist immer in Bewegung, und auch der Protagonist Marco Carrera ...

Das wunderschöne Cover in Grüntönen mit dem Kolibri im Zentrum und der Klappentext haben mich neugierig auf dieses Werk gemacht. Der Kolibri ist immer in Bewegung, und auch der Protagonist Marco Carrera ist immer wie ein flatternder Vogel.
Der spannende Einstieg hat mir noch gut gefallen, dann jedoch geht es weiter mit zerstückelter Narration, Vor- und Rückblenden ,in 46 einzelnen Kapiteln, mit großen Zeitsprüngen. Die verschiedenen Einblicke in das Leben von Marco werden durch Briefe an unterschiedliche Personen dargelegt. Er beschreibt das Verhältnis zu seiner Tochter, seinen Eltern, deren Ehe, zu seinen Geschwistern und zu seinem Freund und dessen Probleme. Über allem kreist die Liebe zu seiner Frau. Man muss sich fragen, welche Rolle eigentlich Luisa, die Jugendfreundin des Augenarztes, spielt.
Zwar konnte der Autor dem Anspruch gerecht werden, eine neue Art der Familiensaga zu präsentieren, jedoch haben mich weder die Erzähltechnik noch der Protagonist angesprochen. Leider fehlt dem Werk die Spannung, und ich hatte Mühe, mich bis zum Ende durchzukämpfen. Das wurde auch durch den Sprachstil unterstützt, denn der Autor (beziehungsweise der Übersetzer?) liefert teilweise endlose Bandwurmsätze, deren intendierte Aussage mir auch nach zweimaligem Lesen verborgen blieb.
Oder sollte damit das Chaos, die Sprunghaftigkeit des Protagonisten, noch unterstützt werden?
Somit bin ich von diesem Werk enttäuscht worden. Vielleicht spricht der Autor damit eine italophile Germanistenclique an, jedoch könnte ich es in meinem gebildeten Bekanntenkreis niemandem empfehlen.