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Veröffentlicht am 09.03.2021

Interessante Geschichte zur Rolle der Frau in den 1960er Jahren

Das Fräulein mit dem karierten Koffer
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Der Roman zeichnet ein gutes und informatives Bild zur Rolle der Frau in den 1960er Jahren, insbesondere wenn sie wie die Protagonistin Sabine überhaupt nicht dem seinerzeitigen Frauenbild der Männer entspricht, ...

Der Roman zeichnet ein gutes und informatives Bild zur Rolle der Frau in den 1960er Jahren, insbesondere wenn sie wie die Protagonistin Sabine überhaupt nicht dem seinerzeitigen Frauenbild der Männer entspricht, die die Frau am liebsten mit Kindern am heimischen Herd wussten. Sabine wuchs ungeliebt auf, die noch nicht lange zurückliegende Zeit des Nationalsozialismus wurde bei ihr zu Hause wie generell totgeschwiegen. Mit 19 wird sie von ihrer großen Liebe, einem reichen Industriellensohn, schwanger, aber nicht geehelicht. Aus dem Elternhaus rausgeworfen, muss sie sich und dann auch ihr Kind, für dessen Behalten sie sich entscheidet, allein durchbringen. Dabei trifft sie auf vielfältige Schwierigkeiten der damaligen Zeit, in der ledige Mütter stigmatisiert wurden, vor allem Schwierigkeiten bei Arbeits- und Wohnungssuche hatten, der Kontrolle eines Vormunds unterstanden und sogar die Wegnahme ihres Kindes und dessen Unterbringung in ein Kinderheim hinnehmen mussten. Doch Sabine vermag sich durchzusetzen und emanzipiert sich in Beruf und auch ihren Beziehungen zu Männern, was damals sicherlich sehr modern angemutet hat.
Die Geschichte liest sich schnell und flüssig und ist für mich persönlich umso interessanter, weil ich in den 1960er Jahren aufgewachsen bin und einige der geschilderten Aspekte noch in Erinnerung habe. Nach der Lektüre bin ich froh, dass sich in den vergangenen 50 Jahren so viel zu Gunsten der Frauen und auch im Nichtehelichenrecht geändert hat, was gerade auf Vorreiterinnen wie Sabine zurückzuführen ist. Als positiv empfinde ich auch, dass sich das Buch weiterer Randgruppen wie der Homosexuellen annimmt, die damals sogar noch der Strafbarkeit unterlagen. Schließlich wird auch zu Recht der Wandel thematisiert, als die junge Generation die Sprachlosigkeit der Elterngeneration zur speziellen deutschen Vergangenheit nicht mehr hinzunehmen bereit ist.

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Veröffentlicht am 02.03.2021

Ironisch und bissig

Der Graben
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Psychologisch ist dieser Roman äußerst interessant. Alles dreht sich um den so beliebten Amsterdamer Bürgermeister Robert Walter, der zunächst als sehr smart und narzisstisch geschildert wird. Wie er über ...

Psychologisch ist dieser Roman äußerst interessant. Alles dreht sich um den so beliebten Amsterdamer Bürgermeister Robert Walter, der zunächst als sehr smart und narzisstisch geschildert wird. Wie er über sich erzählt, ist einfach amüsant und herrlich zu lesen. Allmählich aber wendet sich das Blatt, als er zu glauben meint, seine Ehefrau betrüge ihn mit seinem ihm unsympathischen Mitarbeiter. Fast manisch sucht er fortan nach Beweisen der Untreue seiner Frau und steigert sich in seinen Wahn hinein. Daneben tun sich noch weitere Gräben auf, wie etwa dass seine betagten Eltern Suizid begehen wollen. Roberts Überforderung nimmt zu.
Für den Leser bleibt letztendlich unklar, was real ist und was nur der Fantasie bzw. der Vorstellung Roberts entspringt. Schade, dass das Geheimnis, aus welchem Land die Ehefrau stammt, nicht gelöst wird, um das Robert ein ziemliches Gewese macht. Die Geschichte ist typisch Koch, ironisch und bissig.
Ein gut unterhaltender Roman.

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Veröffentlicht am 15.02.2021

Mit Ehrgeiz die Ausgrenzung aufgrund der Herkunft überwinden

Streulicht
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Die Autorin lässt die namenlos bleibende Ich-Erzählerin über ihre Kindheit in den 1990er Jahren in einem Frankfurter Vorort erzählen. Wegen ihrer Herkunft trifft sie immer wieder auf Ausgrenzung und Benachteiligung. ...

Die Autorin lässt die namenlos bleibende Ich-Erzählerin über ihre Kindheit in den 1990er Jahren in einem Frankfurter Vorort erzählen. Wegen ihrer Herkunft trifft sie immer wieder auf Ausgrenzung und Benachteiligung. Der deutsche Vater ist Arbeiter in einer Chemiefabrik, Alkoholiker, Messie, gewalttätig gegenüber der aus der Türkei stammenden Ehefrau. Der Haushalt ist bildungsfern. Mit der türkischen Abstammung will die Erzählerin partout nichts zu tun haben, weil sie sich durch sie nur rassistischen Anfeindungen gegenübersieht. Aber ehrgeizig ist sie und will genau wie ihre Freunde aus der Einfamilienhaussiedlung das Abitur machen und studieren. Doch die fehlende Unterstützung durch die Eltern, ihre eigene Schüchternheit und die „aussiebenden“ Lehrer lassen sie im normalen Schulsystem scheitern und erst auf der Abendschule das schaffen, was sie schon immer wollte: Abitur machen und studieren, um sich aus ihrem Milieu zu befreien.
Der Roman stellt gelungen dar, dass es in unserem Gesellschaftssystem nach wie vor an Bildungs- und Chancengleichheit fehlt. Die Autorin stellt hierzu genügend Erlebnisse ihrer Protagonistin zusammen, die an Dramatik gewinnen. Den Leser lassen sie wütend zurück.

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Veröffentlicht am 12.02.2021

Ein Journalist auf der Suche nach einer großen Story

Die Erfindung des Dosenöffners
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Der Autor ist als Comedian aus dem Fernsehen bekannt. So nimmt es nicht Wunder, dass auch sein Debütroman in diese Richtung geht, ohne allerdings – was für mich wichtig ist - auf Teufel komm raus witzig ...

Der Autor ist als Comedian aus dem Fernsehen bekannt. So nimmt es nicht Wunder, dass auch sein Debütroman in diese Richtung geht, ohne allerdings – was für mich wichtig ist - auf Teufel komm raus witzig sein zu wollen. Denn auch eine gehörige Portion Ernsthaftigkeit und Nachdenkenswertes ist enthalten.
Der junge Journalist Timur hadert mit seiner journalistischen Laufbahn, weil er in der Lokalredaktion seiner Kleinstadt festsitzt anstelle eine große Story bei einem bekannten Blatt schreiben zu dürfen. Zufällig macht er die Bekanntschaft der Rentnerin Annette, die ihm ihre vermeintliche Erfindung des Dosenöffners als die Geschichte präsentiert. Im Gegenzug muss er sie im Rollstuhl umherfahren, woraus sich ein Roadmovie entwickelt und sich so manches Geheimnis um die Frau lüftet. Beide werden zu Freunden. Nebenbei erfahren wir als Leser viel Interessantes über einen so banalen Haushaltsartikel wie den Dosenöffner und die hohen Erwartungen, die junge Erwachsene an ihr Fortkommen stellen.
Ein gut unterhaltendes Buch.

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Veröffentlicht am 10.02.2021

Gesellschaftskritischer Roman mit Krimi-Einschlag

Malvita
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Der Roman klingt zunächst nach einer beschaulichen Familiengeschichte, entwickelt sich dann aber durch unvermutete spannende Wendungen zum Krimi mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik.
Die Mutter ...

Der Roman klingt zunächst nach einer beschaulichen Familiengeschichte, entwickelt sich dann aber durch unvermutete spannende Wendungen zum Krimi mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik.
Die Mutter der jungen Österreicherin Christina, die gerade von Freund und bester Freundin betrogen wurde, vermittelt ihr zur Ablenkung eine Reise in die Toskana zu ihr bis dahin unbekannten Verwandten, wo sie die Rolle einer Hochzeitsfotografin übernehmen soll. Von der Ankunft in der pompösen Villa an häufen sich Merkwürdigkeiten – z.B. wurde die ursprünglich beauftragte Fotografin ermordet, ist in der Villa eine ganze Armada an Bediensteten tätig, der jüngste, schon erwachsene Sohn wird allseits verwöhnt und widmet sich ausschließlich seiner Katze, der Onkel ist fast unsichtbar. Die Atmosphäre wird zusehends bedrückender und enger. Christina weiß nicht, dass sie eine Rolle in einer ungewöhnlichen Inszenierung hat.
Der Stil dieses Romans ist so typisch österreichisch, was mir immer wieder gefällt. Er übt eine gehörige Portion Gesellschaftskritik. Rasant ist der Spannungsaufbau mit einer unerwarteten Wendung. Leider bleibt am Ende zu viel offen.

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