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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.03.2021

Von wegen Streulicht - alles Grau in Grau

Streulicht
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Ich bin bei diesem Buch hin- und hergerissen. Die Lebensgeschichte der Protagonistin, die in einer bildungsfernen Arbeiterfamilie aufwächst, in der der Vater Alkoholiker ist und von fortwährender Sammelwut ...

Ich bin bei diesem Buch hin- und hergerissen. Die Lebensgeschichte der Protagonistin, die in einer bildungsfernen Arbeiterfamilie aufwächst, in der der Vater Alkoholiker ist und von fortwährender Sammelwut beherrscht wird, ist grandios beschrieben. Deniz Ohde, von deren eigenen Erfahrungen sicherlich viel in dieses Buch eingeflossen ist, schildert so überzeugend dieses Milieu, dass man kaum glauben kann, dass dies ein fiktiver Roman ist. Der Vater, ‚vom selben Schlag‘ wie der Großvater, der im selben Haus lebt, kennt nur Pflichten – ‚das Wort Wunsch war verboten‘ ebenso wie Gefühle, die zu den Frauen gehörten. Ihre Mutter ist Türkin, ebenso bildungsfern wie der Vater, aber dem Leben, dem Schönen, dem Neuen viel mehr zugetan, doch ohne die Möglichkeit, sich dem zuzuwenden.

Und trotzdem schafft es die Ich-Erzählerin, die unter latenter Diskriminierung und auch dadurch an schon fast krankhaften Minderwertigkeitskomplexen leidet, im 2. Anlauf das Abitur zu bestehen und an einer Universität, fern von daheim, zu studieren. Doch ihre Herkunft, durch die sie ‚doppelt gestraft‘ ist, verfolgt sie weiter.

Wie schon geschrieben: Es ist beeindruckend dargestellt. Aber leider nur grau in grau. In dem ganzen Buch gibt es im Leben der Hauptfigur absolut nirgendwo auch nur irgendwo einen Lichtblick. Menschen sollen an Problemen wachsen, ok, vielleicht nicht an allen, aber doch an manchen. Aber diese junge Frau wächst nicht, sie kämpft sich durch und bleibt so klein wie am Anfang. Je weiter ich mit dem Lesen kam, umso öfter habe ich mich gefragt, was sie überhaupt am Leben hält. Ihre Herkunft ist es sicherlich nicht und ihr neues Leben – na ja.

So ist dieses Buch eine wirklich gut geschriebene Geschichte mit völlig deprimierenden Inhalt. Ein wenig Licht, vielleicht auch nur Streulicht, hätte ihr mehr als gut getan!

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Veröffentlicht am 04.03.2021

Klatsch und Tratsch aus dem 19. Jahrhundert

Der Mann im roten Rock
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Haben Sie schon einmal von Samuel Pozzi gehört, der von 1848 bis 1918 lebte? Er war Arzt, ein Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie. Und auch sonst ein sehr umtriebiger Mensch, der seiner Zeit in Vielem ...

Haben Sie schon einmal von Samuel Pozzi gehört, der von 1848 bis 1918 lebte? Er war Arzt, ein Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie. Und auch sonst ein sehr umtriebiger Mensch, der seiner Zeit in Vielem weit voraus war. Julian Barnes hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns diesen Mann ein wenig näher zu bringen – und nicht nur ihn. Wir lernen seine Freunde, weitere Bekannte und Unbekannte kennen und die Zeit, in der er lebte.

Im Plauderton erzählt Barnes nicht nur von Dr. Pozzi und seinen zahlreichen amourösen Verhältnissen, sondern auch eine Vielzahl von Anekdoten über bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten. Beispielsweise worauf Charles de Gaulles Abneigung gegenüber den Briten zurückzuführen war (Faschoda) oder Näheres zum Entdecker des Tourette-Syndroms. Keine Frage, wer sich für die Belle Époque interessiert, wird hier eine reichhaltige Fundgrube an historischen wichtigen aber auch belanglosen Informationen entdecken. Und nicht nur an Schriftlichem: Der Verlag hat aus dieser Lektüre ein wunderschönes Buch gemacht, gedruckt auf hochwertigem Papier mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißbildern, die viele der damaligen Persönlichkeiten auf Gemälden oder Photos abbilden. Nur die Biographie des Herrn Dr. Pozzi kommt leider etwas zu kurz, wie ich finde.

Julian Barnes‘ Begeisterung an dieser Epoche und seinen Menschen (zumindest denen aus der gehobenen Schicht) ist überdeutlich zu spüren, was bedauerlicherweise nicht immer zum Vorteil der Lesenden gereicht. Es scheint, als wolle er uns so viel wie möglich an seinem immensen Wissen teilhaben lassen, und so werden viele der erzählten Dinge nur angerissen – zu knapp, wie ich häufig fand. Gerade Dr. Pozzi, dessen Gemälde das Cover des Buches zeigt, kommt meiner Meinung nach leider, wie schon erwähnt, viel zu kurz. Dies mag daran liegen, dass es über und von seiner Person nicht sehr viele Hinterlassenschaften gibt wie beispielsweise Briefe, Tagebücher o.ä. Wenn, dann sind es meist Dokumente aus zweiter oder dritter Hand wie beispielsweise das Tagebuch seiner Tochter oder die Briefe Sarah Bernhardts an Dr. Pozzi. So entsteht zwangsläufig ein ziemlich fragmentarisches Bild des titelgebenden Mannes ‚im roten Rock‘, während sein Freund Robert de Montesquiou-Fezensac wesentlich häufiger Erwähnung findet.

So ist dieses Buch trotz des Titels kein Porträt einer einzelnen Person, sondern vielmehr ein Panorama der Belle Époque mit vielen Informationen aus jener Zeit – Klatsch, Tratsch und Belangloses mit inbegriffen.

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Veröffentlicht am 04.03.2021

Auf der Suche

Noch alle Zeit
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Als Edvard schon über 60 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Sein ganzes Leben hat er bei und mit ihr gelebt, weil die Anderen verschwunden sind: sein Vater und seine große Liebe Elsie. Seine Mutter konnte ...

Als Edvard schon über 60 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter. Sein ganzes Leben hat er bei und mit ihr gelebt, weil die Anderen verschwunden sind: sein Vater und seine große Liebe Elsie. Seine Mutter konnte nicht ohne ihn leben, also ist er geblieben. Nach ihrem Tod entdeckt er ein Sparbuch mit einem kleinen Vermögen, das sein Leben völlig hätte verändern können. Warum verschwieg es ihm die Mutter? Ob es etwas mit dem Verschwinden seines Vaters zu tun? Edvard macht sich auf nach Norwegen, um dort Antworten zu bekommen.

Alva, nicht einmal halb so alt wie Edvard, bricht ebenfalls zu einer Reise nach Norwegen auf, um eine Reportage über magische Orte zu produzieren. Doch vor allem will sie mit sich selbst ins Reine kommen; will sich darüber klar werden, was mit ihr „nicht stimmt“, wie ihre Mutter immer meint. Denn sie möchte ihrer kleinen Tochter Lina eine gute Mutter sein. Auf der Fähre treffen diese beiden völlig verschiedenen Menschen aufeinander und setzen die Reise gemeinsam fort. Denn Jeder wäre ohne den Anderen verloren.

Es ist ein sehr ruhiges, in einem beinahe schon lyrischen Stil geschriebenes Buch, das neben der Norwegenreise die Lebensgeschichten der beiden ungleichen Menschen erzählt sowie ihre Suche nach der Wahrheit. Eine Wahrheit, die es in dieser absoluten Form nicht gibt wie Beide erkennen werden. Obwohl ich mich mit dieser fast durchweg poetischen Schreibweise nicht so richtig anfreunden konnte (manchmal hatte ich das Gefühl, dem Autoren wäre sie wichtiger als der Inhalt), sind die beschriebenen Landschaften faszinierend. Man meint, die Magie Norwegens fühlen zu können ebenso wie das Fließen der Elbe. Auch die Figuren entwickeln so viel Persönlichkeit, dass ich unbedingt wissen wollte, wohin sie ihr Weg führt.

Ein ruhiges, sehr gefühlvolles Buch – ideal für kalte Wintertage

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Veröffentlicht am 04.03.2021

Wenn die Vergangenheit das Leben bestimmt

Serpentinen
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Der Ich-Erzähler des Buches scheint Alles erreicht zu haben: glückliche Ehe und ein gesundes Kind, erfolgreich und anerkannt im Beruf. Doch das Erlebte seiner Kindheit ist nicht vergessen: die Selbstmorde ...

Der Ich-Erzähler des Buches scheint Alles erreicht zu haben: glückliche Ehe und ein gesundes Kind, erfolgreich und anerkannt im Beruf. Doch das Erlebte seiner Kindheit ist nicht vergessen: die Selbstmorde seines Vater, Großvaters und Urgroßvaters, die ihn fürchten lassen, selbst der Nächste zu sein. Die Misshandlungen durch Vater, Mutter und Stiefvater, die sich derart tief eingegraben haben, dass er immer wieder feststellen muss, dass er zu ähnlichen Verhaltensmustern neigt. Seine ärmliche Herkunft aus dem Schwäbischen die ihn glauben lässt, dass er selbst als anerkannter Teil der Hochschule, Professor und Koryphäe seines Fachs, seinen Kolleginnen und Kollegen bürgerlicher Herkunft nicht ebenbürtig sei. Als er mit seinem kleinen Sohn eine Reise in seine schwäbische Heimat unternimmt, brechen all die Erinnerungen, Verletzungen und Demütigungen mit enormer Kraft hervor und es ist klar: Um seinem Sohn ein guter Vater zu sein, muss er seine Vergangenheit hinter sich lassen.

Ein einfaches Lesevergnügen ist dieses Buch wahrlich nicht, denn der Erzählstil ist nicht gerade einladend. Den chronologischen Rahmen bildet die Reise des Ich-Erzählers mit seinem Sohn, währenddessen er immer wieder in kurzen Episoden aus der Vergangenheit schildert, sowohl von seiner Kindheit und Jugend wie auch seiner Zeit als Ehemann und Vater. Die Sätze sind meist kurz und knapp und klingen stakkatohaft, wie getrieben, wohl um den Gefühlszustand des Erzählers wiederzugeben. Namensnennungen gibt es nur für Personen, die ihm nicht (mehr) nahe stehen, während beispielsweise seine Frau M. heißt und der Sohn nur ‚der Junge‘ genannt wird. Hinzu kommt eine recht überschaubare Handlung, sodass alles zusammen genommen kein richtiger Erzählfluss entsteht.

Doch der Autor besitzt die Kunst, Situationen überaus anschaulich zu beschreiben. Beispielsweise über seine Mutter, die als Flüchtling auf die Schwäbische Alb kam, Schwäbisch lernte um anerkannt zu werden und nun dement im Altenheim lebt.

Jetzt, am Ende, verlor sie die so gründlich erarbeitete Zweitsprache wieder. Sie sprach nur noch die Sprache ihrer ersten Jahre.
Ihr Gedächtnis war fast abgetragen, Schicht für Schicht, bis hinunter zum Plusquamperfekt.
Darunter gab es keine Lage mehr, in der noch etwas gespeichert war.
Ihre Sprache war fast abgetragen. Unter dem Kindheitsdialekt lagen keine Sätze mehr, da lag nur noch Lallen, Keckern, Wimmern.


Auch seine Darstellungen der Vergangenheit sind vielleicht gerade wegen ihrer Knappheit prägnant und treffsicher und ich (aus dieser Zeit und Gegend stammend) habe Vieles wiedererkannt – leider. So bleibt am Ende ein zwiespältiges Leseerlebnis: keine herausragende Geschichte, aber eindringliche Bilder eines Lebens, das die Vergangenheit fast zerstört hätte.

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Veröffentlicht am 14.11.2020

Sowjetthriller in der Hochzeit des Kalten Krieges

Black Sun
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1961: In Kürze soll in der Sowjetunion die stärkste Wasserstoffbombe der Welt gezündet werden, um so die Vormachtstellung des Landes zu demonstrieren. Da passt es überhaupt nicht, dass 10 Tage vor diesem ...

1961: In Kürze soll in der Sowjetunion die stärkste Wasserstoffbombe der Welt gezündet werden, um so die Vormachtstellung des Landes zu demonstrieren. Da passt es überhaupt nicht, dass 10 Tage vor diesem Ereignis einer der maßgeblichen Physiker in der Geheimstadt Arsamas-16 tot aufgefunden wird. 'Selbstmord' wird nach Moskau gemeldet, doch der KGB hat seine Zweifel und schickt Major Alexander Wassin in die geheime Stadt, dem schnell klar wird, dass hier Manches nicht stimmt.
Der Hintergrund dieses Thrillers beruht auf tatsächlichen Begebenheiten, die der Autor am Ende auf rund acht Seiten vergleichsweise ausführlich erläutert. Dies ist einer der Hauptgründe, weshalb dieses Buch durchaus lesenswert ist, denn die eigentliche Mordermittlung kommt eher trivial daher. Zwar ist die Todesart (Vergiftung mit Thallium) ungewöhnlich erschreckend beschrieben, aber die Suche nach dem oder der Schuldigen bleibt deutlich dahinter zurück.
Was mich mit der Geschichte größtenteils wieder versöhnte, ist die Darstellung des Umfeldes jener Zeit in Arsamas-16. Sie zeigt auf erschreckende Weise eine Gesellschaft, in der Jeder jederzeit damit rechnen muss, überwacht zu werden. Obwohl Stalin bereits Jahre zuvor verstorben ist, herrscht noch immer reine Willkür und wer das Pech hat in Ungnade gefallen zu sein, landet im besten Fall in einem der berüchtigten Straflager. Doch die Hauptfigur Major Wassin ist ein Idealist und glaubt wider besseren Wissens an die Gerechtigkeit und eine bessere Gesellschaft. Er ermittelt trotz aller Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen, im Auftrag der Wahrheit und Gerechtigkeit.
So richtig überzeugend wirkte insbesondere die Hauptfigur Wassin nicht auf mich. Seine wiederkehrenden Überlegungen, die teils fast philosophisch anmuten, wirken in der Art des Ausdruckes unglaubwürdig, was jedoch an der Übersetzung liegen kann. Denn ich bin auch über einige Stilblüten gestolpert wie beispielsweise "Anscheinend hütete Wassins Frau die Zunge nach wie vor."
Es bleibt also Luft nach oben - mal schauen, wie sich die nächsten beiden Teile entwickeln werden.

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