Profilbild von dogjack2016

dogjack2016

Lesejury Star
offline

dogjack2016 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit dogjack2016 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.09.2024

Langsamer Fluss der Zeit

Das Geheimnis der Glasmacherin
0

Das Geheimnis der Glasmacherin ein Roman von Tracy Chavalier (Hoffmann und Campe Verlag- Atlantik)

Sie haben den Stein geschickt über die Oberfläche der Lagune geworfen. Ein weiterer Hüpfer, und er landet ...

Das Geheimnis der Glasmacherin ein Roman von Tracy Chavalier (Hoffmann und Campe Verlag- Atlantik)

Sie haben den Stein geschickt über die Oberfläche der Lagune geworfen. Ein weiterer Hüpfer, und er landet im Jahr 1631 – dank der Zeit alla Veneziana. S. 169

Mich spricht die wundervolle, ja zauberhafte Aufmachung dieses Romans an. Ein grandioses Cover und der dazu passende Farbschnitt runden das Ganze perfekt ab.
Leider dämpft das Geschrieben zwischen den beiden Buchdeckeln meine Euphorie. Die Autorin beginnt mit einer gut erzählten Familiengeschichte in Venedig und Murano. Die bildhafte Darstellung der Kulisse und der eindrücklich beschriebene Umgang mit dem Material Glas zeugen von einer hervorragenden Recherche. Ihre Hauptprotagonistin Orsala startet ihre (Zeit-)Reise durch die Jahrhunderte mit allen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Es geht ums Geschäft, den Handel, Macht und Konkurrenz sowie um Freundschaft und den Zusammenhalt der Familie. Dabei meistert sie in einem gemächlichen Tempo samt Alterungsprozess und Zeitsprüngen verschiedene Herausforderungen und trifft auf alte Bekannte. Die Autorin verweist auf den ersten Seiten des Buches auf den langsamen Fluss der Zeit. Doch habe ich diesen Wink nicht ganz ernst genommen und bekomme hier eine teils fantastisch angehauchte Geschichte präsentiert. Ich hatte manchmal meine Schwierigkeiten und doch, wenn man sich auf die Erzählung einlässt, kommt man gut durch die Lesestunden. Etwas holprig und abgeflacht, vielleicht ist es der Übersetzung aus dem Englischen geschuldet? Und doch soll das keine Verunsicherung sein, denn die Geschichte ist durchaus lesenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.04.2023

Tolles Cover, Geschichte o.k.

Die Radfahrerin
0

Die Radfahrerin Annie Londonderry ein Roman von Susanna Leonard

Alonso Peck hielt das Columbia-Fahrrad fest, damit Annie auf den Sattel steigen konnte.
„Wie klein und zierlich sie ist“, sagte Peter Goldberg ...

Die Radfahrerin Annie Londonderry ein Roman von Susanna Leonard

Alonso Peck hielt das Columbia-Fahrrad fest, damit Annie auf den Sattel steigen konnte.
„Wie klein und zierlich sie ist“, sagte Peter Goldberg mit leiser Stimme, in der für John unüberhörbar ein besorgter, fast ein wenig mitleidiger Unterton schwang. S. 167

Die Autorin lässt sich 170 Seiten Zeit, ehe Annie Londonderry, alias Annie Kopchovsky mit ihrem Fahrrad zu dieser unsäglichen Weltreise aufbricht. Geschuldet ist dieses Unterfangen einer Wetter von Männern im Jahr 1894, im Kaminzimmer eines Bostoner Herrenclubs, der mit einem Handschlag besiegelt wird. Dies ergibt sich, da sich das männliche Geschlecht größtenteils erhaben über die Frauen stellt. Zu fast unerfüllbare Wettbedingungen glauben sie nicht an den Mut und die Intelligenz eines weiblichen Wesens. Einzig Professor John Dowe glaubt an das weibliche Geschlecht und geht diese Wette, angesichts des hohen Preisgeldes mit einem mulmigen Gefühl, mit dem Geschäftsmann Samuel Thatcher ein.
Der unterschwellige Spürsinn fürs Geschäft und den Erfolg vor Augen wird durch diese Grundstimmung im Romans begleiten. So flunkert die liebe Annie angesichts winkender Geschäftsmodelle und lügt am Ende bis sich die Balken biegen. Wie es dazu kommt, dass Annie die Frau ist, die zu den angegebenen Wettbedingungen die Welt umrunden will, beschreibt Susanna Leonard auf den ersten 170 Seiten. Der Rest des Romans handelt von der Reise dieser taffen Frau und ihren Unterstützern, wie sie Berühmtheit erlangt und sich ihr Leben durch diese Erlebnisse ändert. Dabei bleibt die Autorin vage, manche Fragen bleiben offen und der Fantasie des Lesers überlassen.

Einige Nebenfiguren waren für mich interessanter und charakterlich besser dargestellt, als die Hauptprotagonistin selbst. Der Schreibstil, gerade zu Anfang, hat mich abgeholt und ich konnte der Geschichte flüssig folgen. Auch Annies Beweggründe erschienen mir dabei logisch. Der Mittelteil konnte mich nicht begeistern, da Annie mit den Unwahrheiten zu Übertreibungen neigte und der Hauptschwerpunkt auf der Reklame und Werbearbeit lag. Somit verlor ich tatsächlich die Leselust darüber. Doch erarbeitete die Autorin das Bild der Protagonistin anhand wahrer Begebenheiten. Daher gab ich der Hauptfigur noch eine Chance und beendete das Buch. Die Reiseberichte traten hier wieder in den Vordergrund nur mit dem offenen Ende bleibt ein Rest an Sehnsucht nach Aufklärung rund um Annie und ihre Familie. Gerade über die Familienmitglieder hätte ich im Laufe der Geschichte und am Ende gern noch mehr erfahren.

Fazit: Eine Frau. Ein Fahrrad. Einmal um die Welt. Ich habe es gelesen. Für mich ist es kein Buch für ein zweites Mal.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 12.03.2022

Juden im Mittelalter

Wenn ich dich je vergesse ...
0

Wenn ich dich je vergesse ein historischer Roman von Anne Bezzel

Baruch ata adonai elohenu mäläch ha`olam schähächäjanu wekjimanu wehigi`anu laseman hasäh. Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der ...

Wenn ich dich je vergesse ein historischer Roman von Anne Bezzel

Baruch ata adonai elohenu mäläch ha`olam schähächäjanu wekjimanu wehigi`anu laseman hasäh. Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns hast Leben und Erhaltung gegeben und hast uns diese Zeit erreichen lassen. S99/100

1348 leben in Erfurt Juden und Christen friedlich zusammen. Doch die Zeichen deuten auf ungewisse Zeiten für die Juden. Nicht nur in Erfurt mehren sich die Hinweise auf Hass und Hetze gegen diese Bevölkerungsschicht. Die Pest ist auf dem Vormarsch und mit ihr die Todesangst der Menschen, die nach Schuldigen suchen. Die Lage spitzt sich zu und erreicht mit einem furchtbarem Pogrom 1349 in Erfurt seinen Hohepunkt.
In genau datierten, gut recherchierten Rückblicken erzählt die Autorin die Geschichte der beiden jüdischen Geschwister Jacob und Naomi sowie dem jungen Merten. Anne Bezzel zeichnet eine bewegende Geschichte und ein eindrückliches Bild des mittelalterlichen Erfurts. Sie zeigt Zusammenhänge auf und erfasst menschliche Hintergründe. Sie gibt tiefe Einblicke in die jüdische Kultur.

Leider ist es mir nicht leicht gefallen, in die Erzählung einzutauchen. Trotz einiger Vorkenntnisse hatte ich Schwierigkeiten mich in der Geschichte zurechtzufinden. Der Schreibstil ist geprägt und durchdrungen von theologischen Elementen wie Psalme, Gebetssprüche und Bibelzitate. Das angehängte Glossar war zwar hilfreich aber unterbrach den Lesefluss des Öfteren. Ich weiß, dass es sich um ein Herzensprojekt der Theologin und Autorin handelt, doch wäre ein Hinweis auf den vermehrten theologischen Bezug hier hilfreich gewesen.
Fazit: Ein wichtiges und emotionales Thema, welches bis in die heutige Zeit an Aktualität nichts verloren hat. Die wundervolle Geschichte berührte mich, traf aber nicht meinen Geschmack. Leider las es sich sehr zäh und ich musste einige Energie aufbringen, den Text zu Ende zu lesen. Die professionelle Aufmachung und erklärenden Zusätze bereichern das Verständnis.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.10.2021

Ruhig, seltsam, mysteriös und anders

Der Uhrmacher in der Filigree Street
0

Der Uhrmacher in der Filigree Street ein Debüt von Natasha Pulley (Verlag: Hobbit Presse/Klett Cotta)

Als er sich die Uhr ans Ohr hielt, konnte er das Uhrwerk arbeiten hören. Es war so leise, dass er ...

Der Uhrmacher in der Filigree Street ein Debüt von Natasha Pulley (Verlag: Hobbit Presse/Klett Cotta)

Als er sich die Uhr ans Ohr hielt, konnte er das Uhrwerk arbeiten hören. Es war so leise, dass er nicht hätte sagen können, ob es erst gerade angesprungen war oder schon die ganze Zeit gearbeitet hatte und nur von anderen Dingen übertönt worden war. Er hielt sich die Uhr ans Hemd, hob sie dann wieder an und versuchte, das Geräusch mit seiner Erinnerung an die gestrige Version der Stille und ihre Schattenfarben zu vergleichen. Schließlich setzte er sich auf und drückte auf den Verschlussknopf. Der Deckel lies sich noch immer nicht öffnen. S. 23/24

Dieser Roman ist wie sein Schreibstil selbst, zeitweise unheimlich spannend und im nächsten Moment so trocken, dass es staubt. Vielleicht liegt es an den verschiedenen Handlungssträngen und Zeitsprüngen, bei denen es schwerfällt, Zusammenhänge zu sehen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Manche Aktionen der Protagonisten sind abrupt und teilweise nicht schlüssig. Die Stimmung der Figuren konnte das ein oder andere Mal nicht stimmig transportiert werden. Punkten konnte die Erzählung von Natasha Pulley, als sich am Ende alle Zahnrädchen ineinander fügten mit tollen Wendungen und einem überzeugendem Abschluss.

Besonders gut hat mir die Atmosphäre im herbstlichen London um 1883 und im alten Japan gefallen. Die Autorin versteht es, das Setting stimmungsvoll zu gestalten und die passenden Bilder zur Geschichte umzusetzen.
Ebenso haben mich die unaufgeregten Personen berührt, die im Blickpunkt dieser Geschichte stehen. Ihre unterschiedlichen Charaktere und ihre Beziehungen zueinander geben dem Inhalt die nötige Würze. Mori, der Uhrmacher mit einer Vorliebe für Mechanik und ein einziges Rätsel selbst; Thaniel, der Künstler, ruhig, unaufgeregt und etwas traurig; Grace, rebellisch, kämpferisch, die ihren eigenen Weg gehen will.
Die Einflechtungen des historischen Hintergrunds unter politischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten fand ich passend und informativ. Genauso die Theorien und Experimente mochte ich gern lesen.

Fazit: Ein tolles Lesevergnügen, wenn man sich darauf einlässt!
Alles in allem ein Geschichte, die man so vielleicht nicht erwartet. Es ist von jedem Genre etwas dabei, ein wenig Krimi, Fantasie und Magie, historische Elemente, Wissenschaft und Gefühl.
Eine außergewöhnliches, anderes und überraschendes Gesamtpaket mit kleinen Schwächen, welches ich gern gelesen habe und weiterempfehle.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.03.2021

Cosy-Crime in Bad Reichenhall

Kurschatten-Affäre
0

Kurschattenaffäre ein Bad-Reichenhall-Krimi von Lisa Graf-Riemann
„Triffst du dich immer noch mit der Schimmel?“, fragte sie jetzt. Sascha zuckte die Schultern. Sascha zuckte mit den Schultern. „Ihr Mann ...

Kurschattenaffäre ein Bad-Reichenhall-Krimi von Lisa Graf-Riemann
„Triffst du dich immer noch mit der Schimmel?“, fragte sie jetzt. Sascha zuckte die Schultern. Sascha zuckte mit den Schultern. „Ihr Mann ist gestern Nachmittag gekommen“, sagte er, auch wenn das keine richtige Antwort war.
“Dann halt dich da raus“, riet Paulina ihm. „Das führt doch zu nichts.“
Sascha fiel auf, dass Paulinas Gesicht voller Runzeln war, dabei sah er sie doch jeden Tag. Um die Augen herum waren sie weniger tief als auf der Stirn, und besonders kräftig war die große Marionettenfalte zwischen Nase und Mundwinkel hinunter zum Kinn. Es war ihm noch nie so stark aufgefallen. S.153/154

Der Schlagabtausch zwischen Alexander, genannt Sascha und seiner Großtante Paulina spitzt sich zu, als er einer bezaubernden Frau begegnet. Eher als guter Zuhörer beansprucht Mira die Dienste des Möchtegern-Physiotherapeuten als zur Behebung körperlicher Gebrechen. Die taffe Tante richtet mahnende Worte an ihren Schützling. Doch zu spät. Sascha ist schon mittendrin im Schlamassel. Als der 20 Jahre ältere Ehemann und angesehene Mediziner seiner Kurschattenaffäre durch eine Kugel zu Tode kommt, fällt der Verdacht auf ihn. Gewitzt und mit eigenen Methoden macht sich Sascha daran, der Spur des Mörders auf die Schliche zu kommen.

Die amüsante Geschichte nimmt nur langsam an Fahrt auf. Spannend steht hier konträr zu unterhaltsam. Denn darauf liegt eindeutig der Schwerpunkt der Geschichte. Das ist in Ordnung und entspricht vollkommen der Sparte Cosy-Crime und unterhält auf charmante Art und Weise.

Die Figuren sind angenehm, wobei Tante Paulina glänzend aus der Erzählung heraussticht.

Ein großer Pluspunkt ist die bezaubernd und wunderbar beschriebene Kulisse des Kurorts Bad Reichenhall, die sich vor den Augen des Lesers entfaltet.

Die Aufmachung des Buches ist ein weiteres Highlight. Mit den goldumfassten Seiten und dem passendem Cover ist das Buch schön anzusehen und liegt gut in der Hand.

Fazit: Dank des ausgezeichneten Lokalkolorits und des charmanten, schlagfertigen Charakters der Tante Paulina, lesenswert! Wenig Krimi, aber gute Unterhaltung. Charmant, mit Potential für eine Fortsetzung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere